Die Salomonen: Abseits der Barfußroute Die Salomonen: Abseits der Barfußroute

Montag 10. August 2026

Während meiner Nachtschicht regnet es in Strömen. In eine Regenjacke eingepackt, kauere ich mich unter die Sprayhood. Doch selbst die beste Regenjacke hilft bei den Wassermengen, die vom Himmel kommen, nicht viel – es dauert nicht lange und ich bin bis auf die Unterwäsche durchnässt. Minute um Minute zähle ich die Zeit herunter, bis endlich das Licht in Mikes Nasszelle angeht und baldige Erlösung verspricht. Just in dem Moment hört der Regen natürlich auf! Unter Deck beginne ich damit, mich trockenzulegen, doch als ich nach meinen frischen Klamotten greife, muss ich feststellen, dass auch diese nass sind. Der Mast war noch immer undicht und das Wasser lief von dort an der Decke entlang, tropfte über alle meine Sachen und schließlich in mein nun ebenfalls klitschnasses Bett. Erleichtert rette ich eine Thermounterhose und ein T-Shirt, die bisher nur klamm sind, und ziehe dann in eines der Betten im Heck des Bootes um, in dem wir normalerweise unser Bier lagern. Für die nächsten 10 Tage war kein einziger Sonnenstrahl angekündigt, die Hoffnung, meine Sachen zeitnah trocken zu bekommen, ging gegen null. Auch während meiner Nachmittagsschicht regnet es wieder, diesmal immerhin mit kleinen Pausen dazwischen. Ein wenig Abwechslung bringt ein Fisch, der am späten Nachmittag an der Leine hängt. Dem Widerstand nach zu urteilen, muss es sich um ein großes Exemplar handeln. Gespannt hole ich die Leine ein und hieve schließlich einen gewaltigen Mahi-Mahi ins Boot. Fisch hätten wir nun erstmal genug! Gegen Abend zeichnen sich in der grauen Suppe am Horizont immer deutlicher die Umrisse einer Insel ab: Guadalcanal! Morgen früh dürften wir in Honiara ankommen!

Dienstag 11. August 2026

Um fünf Uhr in der Frühe, laufen wir in den Hafen von Honiara, der Hauptstadt der Salomonen, ein. Besonders gut geeignet, um hier im Dunklen anzukommen, ist der Hafen nicht: Der einzige vor dem Wellengang geschützte Ankerplatz befindet sich direkt hinter einer Mole. Wir müssen gegen den Wind ankern und anschließend noch eine zusätzliche Leine an der Mole befestigen. Es dauert fast anderthalb nervenaufreibende Stunden bis wir sicher vertäut im Schutz des Betonwalls liegen. Nachdem die Sonne aufgegangen ist, haben wir strahlend blauen Himmel – eine überraschende Abwechslung vom Regenwetter der letzten Woche. Wir breiten sofort alle unsere Klamotten, meine Matratze und unsere Handtücher auf dem Deck zum Trockenen aus. Das Einklarieren klappt überraschend einfach: Der Beamte ist freundlich und die exorbitanten Gebühren, von denen wir gehört hatten, erwähnt auch niemand. Mit gestempelten Pässen machen wir uns anschließend auf den Rückweg zum Yachtclub. Dort bekommen wir eine Betelnuss in die Finger. Betelnuss ist in den Salomonen, Papua-Neuguinea und vielen weiteren Inselstaaten im Pazifik die Volksdroge Nummer eins – fast 80% der Bevölkerung sollen die Nuss hier regelmäßig kauen. Man verspricht sich eine gesteigerte Aufmerksamkeit, eine höhere Leistungsfähigkeit und ein Euphoriegefühl. Regelmäßige Konsumenten lassen sich leicht an ihren verstümmelten und rot verfärbten Zähnen erkennen. Unser Selbsttest überzeugt uns nicht: Igitt, schmeckt das scheußlich! Sicher nur eine Gewöhnungssache. Als wir nach dem Mittagessen zum Boot zurückkehren, ist nahezu Niedrigwasser. Von dem großzügigen Abstand zwischen der Mole und unserem Rumpf waren nur noch wenige Zentimeter übrig, mit jeder Welle drohte unser Ruder gegen die Steine zu schlagen. Schnell lichten wir den Anker und verlassen den Ankerplatz, einen besseren gibt es hier jedoch nicht. Wir ankern schließlich einige Dutzend Meter weiter, außerhalb der Mole in ziemlichen Wellengang. Honiara hatte bisher einen ganz guten Eindruck auf uns gemacht – doch ohne vernünftigen Ankerplatz könnten wir hier nicht lange bleiben und so entscheiden wir uns morgen früh weiterzusegeln. Um bis dahin alles zu schaffen, teilen wir uns am Nachmittag auf. Ich fahre mit dem Dinghy allein in die Stadt und kaufe ein, während Tony die undichte Stelle am Mast erneut mit Silikon abdichtet.

Mittwoch 12. August 2026

Früh am Morgen lassen wir Honiara hinter uns und setzen die Segel für die Russell Islands, eine abgelegene Inselgruppe 50 Meilen nördlich von Guadacanal. Laut der Wettervorhersage sollen wir keinerlei Wind haben, doch nachdem wir aus dem Windschatten von Guadacanal raus sind, bläst es mit stabilen 16 Knoten auf unsere Backbordseite und wir können tatsächlich ein wenig segeln. Am Abend laufen wir in einer kleinen Bucht ein. Um uns herum ist Dschungel, ein winziges Dorf lässt sich am Ufer erkennen. Bald nach unserer Ankunft kommen einige interessierte Kinder in einem Einbaum zu unserem Boot. Den Abend über folgen noch einige weitere der traditionellen Kanus.

Donnerstag 13. August 2026

Der Wetterbericht sagt für den ganzen Tag strömenden Dauerregen hervor und so bereiten wir uns am Morgen auf einen Hobbit-Serienmarathon vor. Ausgestattet mit Popcorn liegen wir in unseren Betten und starten den ersten Film der Trilogie, doch weit kommen wir nicht. Immer wieder müssen wir den Film pausieren, weil Locals in Einbäumen zu unserem Boot kommen. Die meisten der Besucher sind wortkarg, kommen ohne etwas zu sagen neben das Boot und starren uns an, ohne auf unsere Kommunikationsversuche zu reagieren. Sicherlich nur schüchternes Interesse – trotzdem gewöhnungsbedürftig! Irgendwann beschließen wir die stummen Starrer zu ignorieren und unter Deck mit unserem Film fortzufahren. Das geht so lange gut, bis sich ein junger Local auf unser Boot traut – hier müssen wir eine Grenze ziehen! Als der Regen am späten Vormittag nachlässt, lassen Tony und ich das Dinghy zu Wasser und paddeln damit – umzingelt von Einbäumen mit Kindern darin – in das kleine Dorf am Ufer. Wir spielen Fußball miteinander und die Teenager des Dorfes führen uns zu den im Dschungel versteckten Überresten eines Militärflugplatzes, den die Amerikaner hier im Zweiten Weltkrieg errichtet hatten. Anschließend gehen wir gemeinsam schwimmen und lassen uns die Möglichkeit nicht nehmen eine Runde in den hölzernen Kanus mitzufahren. Als wir zurück zum Boot kommen, ist dieses von bestimmt einem Dutzend Einbäumen voller Kinder umzingelt, die Mike, der fleißig unseren Süßigkeiten-Vorrat verteilt, mit neugierigen Fragen durchlöchern. Als wir am Nachmittag langsam müde von dem konstanten Turbel werden, verabschieden wir die Kinder und sind erleichtert, als diese dann auch tatsächlich wegpaddeln. Was ein Erlebnis!

Freitag 14. August 2026

Noch bevor die ersten Kanus am Morgen unser Boot erreichen, lichten wir den Anker und segeln durch ein Labyrinth aus Riffen hindurch zu einem Ankerplatz auf der anderen Seite der Inselgruppe. Auch hier befindet sich ein kleines Dorf am Ufer und es kommen einige Einbäume vorbei. Insgesamt ist man hier aber deutlich weniger aufdringlich und so nutzen wir die Ruhe, um einige Arbeiten am Boot erledigen zu können.

Samstag 15. August 2026

Nachdem wir am Morgen das Cockpit geschrubbt haben, paddeln wir – bewaffnet mit einem Fußball – mit dem Dinghy ins Dorf. Schnell findet sich eine Traube Kinder um uns ein und wir spielen in Teams auf dem unebenen Dorfplatz gegeneinander. Während wir unter der sengenden Mittagssonne hin und her kicken, merke ich schnell, dass meine Kondition im Laufe der letzten sieben Monate, die ich auf dem Pazifik verbracht hatte, deutlich nachgelassen hatte. Erschöpft lasse ich mich im Schatten eines Baumes zu Boden fallen und ein am Rand stehendes Kind übernimmt meine Position auf dem Platz. In der Halbzeitpause gibt es Kokosnüsse für alle, dann wird noch einmal gespielt, bis auch wirklich der letzte k.o. ist. Auf Nachfrage erzählen die Kinder uns, dass sie hier regelmäßig Krokodile jagen. Nachts. Mit einem Speer. Erst will ich ihnen nicht ganz glauben, doch als sie ihre Behauptungen, mit einer Krokodilhaut, die am anderen Ende des Dorfes auf einem Holzscheit liegt, untermauern, besteht kein Zweifel mehr. Der eigentliche Grund, warum wir zu diesem Ankerplatz gekommen waren, ist ein berühmter Tauchplatz, vier Seemeilen von hier entfernt. Ein schmaler Spalt gefüllt mit glasklarem Wasser, und breit genug, um darin zu tauchen, soll dort vom Ufer aus mehrere hundert Meter in den Dschungel führen. Die Bilder, die es online gibt, sehen spektakulär aus! Doch die Logistik stellt sich als schwierig heraus. Um mit unserem Dinghy dort hinzufahren ist der Tauchplatz zu weit entfernt, eine nähere Möglichkeit zu ankern gibt es jedoch nicht. Wir fragen im Dorf herum, ob jemand ein geeignetes Boot besitzt, um dort hinzufahren, doch von den drei Booten im Dorf braucht eines einen Ölwechsel, für das zweite gibt es kein Diesel und das einzige funktionierende ist gerade unterwegs. Aus dem Tauchgang am „Leru Cut“ wird also nichts! Anstatt zu tauchen, verbringen wir den Nachmittag also auf dem Boot und ich schreibe an meinem Blog.

Sonntag 16. August 2026

Früh am Morgen verlassen wir das schützende Riff und segeln weiter. Unser nächstes Ziel ist knapp 70 Seemeilen entfernt – zu weit, um es innerhalb des Tages zu schaffen und so planen wir für heute Nacht einen Zwischenstopp an einem Ankerplatz ein. Der Wind ist recht stark, die ersten Stunden rasen wir mit um die acht Knoten übers Wasser. So würden wir vielleicht doch die ganze Strecke schaffen! Doch der Wind lässt bald ein wenig nach und wir werden langsamer. Eine Stunde vor Sonnenuntergang laufen wir schließlich in eine Lagune ein und suchen dort Schutz für die Nacht.

3 Kommentare
  1. Karen
    Karen sagte:

    Hallo Felix,
    das ist ja spannend mit den Einheimischen. Gemeinsame Weltsprache scheint Fussball zu sein. Wie konntet ihr euch sonst verständigen? Englisch?
    Und was für ein schöner Fisch. Liebe Grüsse Karen

    Antworten
    • Felix Abel
      Felix Abel sagte:

      Englisch ist auf den Solomonen tatsächlich Amtssprache und wurde von den meisten Einheimischen auch gesprochen. Aber Fußball ist natürlich Weltsprache Nr. 1 😉
      LG und bis bald!

      Antworten

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