Montag 27. April 2026
Wir hatten für Mittwochmorgen einen Termin, um das Boot in Tahiti kielzuholen. Damit wir weder wesentlich früher noch zu spät ankämen, würden wir heute Abend aufbrechen. Der Tag verläuft ruhig. Die meiste Zeit sitzen wir, jeder in ein Buch vertieft, im Cockpit und warten darauf, dass wir lossegeln würden. Am späten Nachmittag gibt es dann einen Eintopf als frühes Abendessen und wir lichten anschließend den Anker. Laut Tidentabelle sollte nun Hochwasser sein und damit perfekte Zeit, den Pass, der von der Lagune ins offene Meer führt, zu durchqueren. Doch die Bedingungen im Pass sind alles andere als optimal: In dem gesamten Pass haben sich an die fünf Meter hohe, stehende Wellen gebildet. Unser Boot wird von diesen hin- und hergeschaukelt wie eine Nussschale. Obwohl der Pass keinen Kilometer breit ist, können wir das Ufer nicht mehr sehen, wenn wir in eines der Täler zwischen den Wellen absinken, so hoch sind die Wasserwände um uns herum. Immer wieder brechen die Wellen mit lautem Getöse über unserem Bug und überspülen das ganze Deck mit Wasser. Aus dem Kabineninneren hört man Gepolter und Geklirre von umherfliegenden Gegenständen. Erst nach einer gefühlten Ewigkeit – wahrscheinlich waren es nur eine Handvoll Minuten – gleiten wir endlich die letzte Welle hinab und sind im offenen Meer. Das war furchteinflößend! Nachdem wir den Windschatten des Atolls verlassen haben, kommen wir in einen konstanten Wind, der uns in Richtung Tahiti pustet.
Dienstag 28. April 2026
Der Wind kommt stabil von hinten. Wir hatten die Genoa in die eine Richtung und das Hauptsegel in die andere Richtung zu einer „Wing on Wing“-Konstellation aufgespannt und die Genoa zusätzlich mit dem Spinnakerbaum, einem langen Stab, der das Segel nach außen drückt, stabilisiert. Auf diese Weise erreichen wir auch mit nahezu direktem Rückenwind zufriedenstellende Geschwindigkeiten von um die sechs Knoten. So können wir uns den Tag über den Planungen für Tahiti widmen. Tahiti ist die größte Insel in Französisch-Polynesien, die darauf gelegene Hauptstadt Papeete zählt zwar nur 26.000 Einwohner – etwas weniger als meine Heimatstadt Rendsburg – ist aber dennoch die größte Stadt in einem Umkreis von über 2000 Kilometern und damit ein zentraler Knotenpunkt für alle Pazifiksegler. Die Liste an Dingen, die es zu erledigen und zu besorgen gab, war lang, unmittelbar nach unserer Ankunft würde zudem das Boot kielgeholt werden, um einige undichte Through-Hulls, Durchlässe im Rumpf, auszutauschen. Wir buchen ein Airbnb, organisieren einen Mietwagen, versuchen einen Slip in der lokalen Marina zu bekommen und kontaktieren zahlreiche Marine-Shops, um einmal angekommen möglichst schnell mit den Arbeiten beginnen zu können. Gegen Abend flacht der Wind ab und so müssen wir mit dem Motor nachhelfen, um sicherzustellen, dass wir pünktlich ankommen.
Mittwoch 29. April 2026
Im Morgengrauen werden die Umrisse von Tahiti sichtbar. Gegen halb zehn navigieren wir schließlich durch eine schmale Passage in den Industriehafen von Papeete. Dort gilt es dann unser Boot in ein enges Betondock zu manövrieren, aus welchem uns der Travellift an Land heben sollte – eine schwierige Aufgabe, zumal der Wind nun wieder bläst. Doch kaum liegen wir sicher in dem Dock, wird unser Boot auch schon angehoben und auf Stelzen an seinem Platz auf dem Boatyard verfrachtet. Während Mike noch die letzten Details mit der Werft klärt, hole ich schon mal unseren Mietwagen – einen dicken Jeep Wrangler – ab, sodass wir uns im Anschluss gleich den defekten Watermaker zur Reparatur bringen und die ersten Marine-Shops abklappern können. Am Nachmittag suchen wir dann das Airbnb auf, welches Mike gemietet hatte: Klimaanlagen, ein riesiger Fernseher, eine heiße Dusche – ich hatte, seitdem ich auf dem Boot war, nicht mehr richtig geduscht –, eine eigene Waschmaschine, Nespresso auf Knopfdruck und Eiswürfel im Gefrierfach – im Vergleich zu unserem Boot fühlt sich das kleine Apartment nach purem Luxus an. Während wir auf der Terrasse sitzen, überkommt uns eine gewisse Leichtigkeit. Die Abwechslung tat unglaublich gut! Und Papeete erfüllte bisher all die hohen Erwartungen, die wir an die Stadt hatten – schon heute hatten wir unzählige Dinge von unserer ToDo-Liste streichen können und auch für die meisten noch offenen sah es vielversprechend aus. Am Abend ziehen wir auf der Suche nach dem Nachtleben durch die Straßen der Stadt und versacken schließlich bei Cocktails in einer trendigen Rooftop-Bar an der Promenade.
Donnerstag 30. April 2026
Nach einem gemütlichen Frühstück in der Unterkunft machen wir uns am späten Morgen auf den Weg zum Boot. Mike und ich tauschen die Opferanoden am nun leicht zugänglichen Bootsrumpf aus. Diese dienen dem Korrosionsschutz. Da sie aus unedlem Aluminium bestehen, rosten sie zuerst und verhindern so, dass die wirklich wichtigen Bauteile, wie die Schiffsschraube, zu korrodieren beginnen. Während wir rumwerkeln, fährt Tony die verschiedenen Marine-Shops ab und sucht nach einem neuen Through-Hull. Tatsächlich verbrachten wir meist mehr Zeit damit, die Geschäfte nach den richtigen Teilen zu durchforsten, als uns die eigentlichen Reparaturen kosteten. Gegen Mittag gehen wir in dem Restaurant der Marina de Papeete essen und statten anschließend dem Büro der Marina noch einen kurzen Besuch ab, wo wir die erfreuliche Nachricht erhalten, dass man Platz für uns hätte, sobald das Boot Anfang kommender Woche zurück ins Wasser kam. Mike hatte vorher bereits versucht online einen Platz zu reservieren, doch hatte statt einer Bestätigung lediglich eine unfreundliche Antwort bekommen. Am Nachmittag kehren wir noch einmal zum Boot zurück, um unsere Ankerkette in einem großen, mit Rostlösemitteln gefüllten Becken einzuweichen. Den weiteren Nachmittag verbringen wir schließlich im Airbnb, ruhen uns aus und nutzen den Fernseher, um YouTube-Videos zu gucken, bevor wir am Abend ein weiteres Mal durch die Bars ziehen.
Freitag 01. Mai 2026
Die Ankerkette war über Nacht eingeweicht und auch wenn sie zweifellos nicht so schick glänzte, wie es die Werbebilder auf dem Rostlöser versprachen, ließ das brackig-braune Wasser doch darauf schließen, dass zumindest ein Teil des Rosts verschwunden war. Nun wird die Kette neu markiert – die Abstandsmarkierungen waren kaum mehr sichtbar gewesen. Nachdem das abgeschlossen ist, widmen wir uns dem Rumpf und schrubben diesen – das ist so viel einfacher, als wenn man das schwimmend und tauchend macht. Nächster Punkt auf der ToDo-Liste: Unsere Deckwash-Pumpe. Diese fördert Salzwasser aus dem Meer zu einem Wasseranschluss an Deck, um – wie der Name schon sagt – das Deck zu waschen. Auf dem letzten Atoll hatte sie jedoch plötzlich ihren Geist aufgegeben und so hatten wir eine neue Pumpe besorgt. Da es sich um dasselbe Modell handelt, ist das Austauschen recht simpel, doch auch nachdem ich die neue Pumpe verkabelt hatte, rührt sich nichts. Es stellt sich heraus, dass an den Kabeln keine Spannung anlag – das Problem wäre komplexer. Da es inzwischen später Nachmittag ist, vertagen wir die Suche danach auf Morgen, holen uns bei McDonalds etwas zum Mittagessen und kehren dann ins Airbnb zurück. Mike ist komplett fertig und will sich ein wenig ausruhen, Tony und mich hingegen reizt die Idee, die Insel ein wenig zu erkunden. Und so fahren wir erst die Küstenstraße, die mit zahlreichen kleinen Buchten und erstklassigen Surfstränden gesäumt ist, entlang und folgen dann einer schmalen Schotterpiste ins bergige Inselinnere – wenn man schon einen Jeep hat, dann kann man schließlich nicht nur auf geteerten Straßen fahren 😊
Samstag 02. Mai 2026
Auch heute Morgen machen wir uns auf den Weg zum Boatyard und machen da weiter, wo wir gestern aufgehört hatten: Mike lötet eine neue Verbindung für die AIS-Antenne, Tony nimmt unsere Toilette auseinander und ich begleiche meine noch offene Rechnung mit der Deckwash-Pumpe. Wie schon vermutet war die Pumpe gar nicht das Problem – das Kabel, welches vom Sicherungskasten zu dieser führt, war schlichtweg durchgerostet. Nachdem die Pumpe läuft, beginne ich damit, das in den letzten Tagen auf dem Boot entstandene Chaos ein wenig aufzuräumen. Der Großteil der Arbeiten war inzwischen fertig, lediglich die Through-Hulls müssten noch mit Epoxidharz versiegelt werden, doch darum sollten sich Arbeiter der Werft kümmern. Morgen würden wir frei machen und Montagmorgen käme das Boot dann – wenn alles klappt – zurück ins Wasser. Zum Mittag gehen wir wieder in dem Marina-Restaurant essen. Mike und ich verbringen anschließend einen ruhigen Nachmittag im Airbnb, Tony fährt noch einmal zum Boot – er war mit seiner Toilette nicht fertig geworden, da er den größten Teil des Vormittags die Stadt nach dem richtigen Ersatzteil abgegrast hatte. Am späten Nachmittag schreiben und schneiden wir bei einem Bier den nächsten Post für Mikes Blog, bevor wir am Abend in der Rooftop-Bar essen gehen.
Sonntag 03. Mai 2026
Am Morgen telefoniere ich mit meinen Eltern. Seit gestern stand – nach mehrfachem Umplanen in den vergangenen Wochen – das neue Segel-Itinerary endgültig fest, so konnten wir uns nun auf einen Ort festlegen, an dem mich meine Familie in Herbstferien besuchen würde: Lombok, Indonesien. Im Anschluss an den Videocall steigen Mike, Tony und ich in unseren Mietwagen. Wir hatten für heute einen 114 Kilometer langen Roadtrip einmal um die gesamte Insel geplant. Das modulare Dach des Jeeps im Kofferraum verstaut, machen wir uns, der Küstenstraße folgend, auf den Weg. Nach etwas über einer Stunde Fahrt sind wir schließlich auf der entgegengesetzten Seite der Insel, die hier mit einer weiteren Insel, Tahiti Iti, verschmilzt. Dort gehen wir in einem unglaublich guten Restaurant direkt am Strand essen, und trinken einen Piña Colada. Nur einige Kilometer weiter befindet sich der kleine Ort Teahupo’o und mit ihm einer der vielleicht bekanntesten Surfspots der Welt. Vielleicht erinnerst du dich an das Foto von dem scheinbar in der Luft stehenden Surfer, das während der Olympischen Spiele 2024 um die Welt ging. Der Surfspot befindet sich nicht im Dorf selbst, sondern an einem Riff ein kleines Stück vor der Küste. Um uns das Spektakel anzugucken, engagieren wir ein Taxi-Boot und lassen uns zu dem Surfspot rausfahren. Was wir dort sehen, ist absolut beeindruckend: Bis zu 15 Meter hohe Wellen brechen an dem Riff, wobei im Inneren der Welle ein Tunnel entsteht – und genau den surfen die Surfer entlang. Im Hintergrund erheben sich die steilen grünen Berge Tahitis, Taxi-Boote mit „Olympia Paris 2024“-Schriftzügen bringen die Surfer zum Line-Up. Nachdem wir eine knappe Stunde mit offenen Mündern zugeschaut haben, fahren wir zurück an Land und machen uns weiter der Küstenstraße folgend auf den Rückweg. Am Abend sind wir alle recht fertig und so bestellen wir uns Pizza und gucken einen Film.















Hey Felix,
fantastische Bilder und tolle Geschichten, was für eine Reise! Ich freue mich immer über den nächsten Blog-Eintrag und habe noch keine Zeile verpasst. Danke dafür und pass auf dich auf,
Patrick
Hallo Patrick,
schön zu hören, dass du meine Reise verfolgst.
Ganz liebe Grüße
Felix