Auf der Zielgraden nach Lombok Auf der Zielgraden nach Lombok

Montag 28. September 2026

Als uns am Vormittag der Wasserpegel im Pass der Lagune richtig erscheint, lichten wir den Anker und lassen Raja Ampat hinter uns. Unser nächstes Ziel ist der Wakatobi Nationalpark, in welchem wir für ein paar Tage stoppen wollen, bevor wir dann nach Lombok weitersegeln. Der Wind ist nicht allzu stark und kommt wieder einmal direkt von vorne, der Motor tuckert vor sich hin. Seit wir die Atolle Papua-Neuguineas verlassen hatten, waren wir nicht mehr richtig gesegelt. Immerzu lief der Motor. Für die einzige Abwechslung sorgen FADs (Fish Aggregating Devices), die uns seit wir in indonesischen Gewässern sind konstant begegnen. Bei FADs handelt es sich im Prinzip einfach um im Wasser schwimmend an einer Leine befestigte Objekte. Das können Fässer, kleine Plattformen oder manchmal riesige Konstrukte mit ganzen Hütten drauf sein. Unter diesen Objekten sammeln sich die Fische, die dort Schutz und Abkühlung suchen. Fischt man direkt neben so einem FAD erhöht das die Fangquote entsprechend massiv. Das Heimtückische an den FADs in Indonesien ist, dass diese weder kartiert noch beleuchtet sind, kein AIS haben und in der Regel zu klein sind, um auf unserem Radar aufzutauchen. Tagsüber muss man konstant nach ihnen Ausschau halten, nachts hilft lediglich hoffen und beten. Als wir am Nachmittag ein Gebiet mit besonders vielen FADs durchqueren, stellen wir einen neuen Rekord auf: Innerhalb von einer Stunde haben wir fünf Fische an der Leine! Zwei sind Barracudas, einer entwischt uns wieder und die anderen beiden, zwei Mahi-Mahis in optimaler Größe, landen in unserem Kühlschrank.

Dienstag 29. September 2026

Auch heute bleibt der Wind aus. Den ganzen Tag über läuft der Motor. Mein Kopf schmerzt durch den konstanten Lärm und die – ohne Wind – stickige Luft unter Deck. Gelangweilt tippe ich mit Noise-Cancelling-Kopfhörern in den Ohren an meinem Blog und bekomme bis zum Beginn meiner Nachmittagsschicht tatsächlich einen kompletten Beitrag fertig geschrieben.

Mittwoch 30. September 2026

Ein intensiver Schokoladengeruch, der in meine Nase zieht, weckt mich auf. Tony steht vor dem Backofen und zieht aus diesem ein Blech mit Brownies heraus, die er zum Frühstück gemacht hatte. Noch besser als das Frühstück ist allerdings der Fakt, dass kein Motor läuft – wir segeln! Als wir am Nachmittag wieder dicht an einem FAD vorbeikommen, hören wir plötzlich das Surren der Angel. Doch noch bevor wir etwas machen können, hat sich die gesamte Leine abgewickelt, die Angel biegt sich an ihr Maximum und die Leine reißt mit einem lauten Knall. Was auch immer da dran hing, muss groß gewesen sein – die Leine war für bis zu 200lbs (ca. 90kg) ausgelegt!

Donnerstag 01. Oktober 2026

Es ist kurz vor vier. Tony war gerade ins Cockpit gekommen, weil er nicht schlafen konnte. Plötzlich zieht ein FAD unmittelbar neben unserem Boot vorbei – maximal drei Meter entfernt. Ich war kurz für ein paar Sekunden durch das Gespräch mit Tony abgelenkt gewesen, zudem saß ich mit dem Rücken zur Steuerbordseite. Uns beiden wird in diesem Moment noch einmal klar, was für eine unkontrollierbare Gefahr die FADs in der Nacht darstellen. Selbst wenn ich in dem Moment als der FAD auftauchte, Ausschau gehalten hätte: Ich bezweifle, dass ich die schwarze, in den dunklen Wellen treibende, Tonne in dieser mondlosen Nacht auch nur einen Moment früher gesehen hatte. Überhaupt: Wie viele FADs hatten wir schon um Haaresbreite verfehlt, ohne dass jemand es mitbekommen hatte?! Wäre Tony nicht gerade in dem Moment im Cockpit gewesen und hätte in die entsprechende Richtung geguckt, wäre die Fast-Kollision wahrscheinlich unbemerkt geblieben. Weiteren FADs begegne ich während meiner Nachtschicht nicht – oder sehe sie nicht. Gegen Mittag kommt Land in Sicht. Wir segeln noch einmal um die Insel rum und ankern dann in dem geschützten Hafen des kleinen Ortes Wangi Wangi. Am Abend gehen wir in einem kleinen lokalen Restaurant essen. Tony würde gerne noch nach einer Karaokebar suchen, doch Mike will zurück aufs Boot. „Wir haben auf dem Boot gar kein Bier mehr. Wenn du das Mike erzählst, dann kommt er sicher noch mit in die nächste Bar“ flüstere ich Tony zu … und das Argument zieht: Wir suchen die nächstbeste Bar auf und kaufen deren gesamten Biervorrat – 12 Flaschen – leer. Wie der Zufall es so will, hat die Bar auch Karaoke-Räume. Wir mieten also einen. Nachdem wir in dem Raum stehen, geht uns dann jedoch plötzlich auf, dass der Spaß-Faktor vom Karaoke singen in einem privaten Raum mit nur uns dreien darin, sich in überschaubaren Grenzen hält – zumal Mike und ich nicht die größten Karaoke-Fans sind. So endet unsere Karaoke-Session dann doch recht schnell wieder.

Freitag 02. Oktober 2026

Dem mangelnden Wind sei Dank, müssen wir – wie in bisher jedem Hafen in Indonesien – auch in Wangi Wangi unsere Dieselvorräte auffüllen. Früh am Morgen fahren Tony und ich dafür in die Stadt und lassen uns von einem Fahrer abholen, dessen Kontakt wir im Internet gefunden hatte. Der Fahrer wiederum hat einen Freund, der an der Tankstelle arbeitet und uns dort die letzten auf der Insel verfügbaren Liter Dexlite in unsere Kanister abfüllt. Die Kraftstoffsituation in Indonesien ist komplex. Es gibt Diesel in verschiedenen Qualitätsstufen, die niedrigeren werden stark mit Palmöl gestreckt. Einige Diesel-Sorten werden zudem vom Staat subventioniert. Die sind dadurch zwar extrem günstig (0,35€/l), sorgen aber für lange Schlagen an allen Tankstellen und regelmäßige Treibstoff-Krisen. Nachdem wir die erste Ladung Kanister in die Tanks des Boots entleert haben, machen wir noch eine zweite Runde. Bevor wir zur Tankstelle fahren, bitten wir unseren Fahrer an einem Streetfood-Stand zu halten. Dieser versteht jedoch nicht „Streetfood“ sondern „Seafood“ und fährt uns zu einem schicken Seafood-Restaurant am Rande der Stadt. Auf Kissen an einem Koibecken sitzend, essen wir also erst eine Portion frittierten Tintenfisch, bevor wir ein weiteres Mal die Tankstelle plündern und anschließend noch Einkaufen gehen. Nachdem alles erledigt ist, verlassen wir Wangi Wangi wieder und brechen zur Nachbarinsel auf. Wind und Strömung sind mal wieder gegen uns und wir kommen selbst mit Motor nur im Schneckentempo voran. Als wir ein Viertel der Strecke geschafft haben, entscheiden wir uns in einer unkartierten, ein wenig Schutz vor den Wellen versprechenden Lagune zu ankern, die wir sehen. Den Nachmittag über liege ich mit hochgelegtem Fuß in meinem Bett. Auf den Abszess an meinem Fuß, den ich in Biak hatte, waren in den letzten Wochen immer wieder kleinere Abszesse gefolgt, seit gestern schwoll die Stelle, an der sich der erste Abszess befunden hatte, nun wieder; an meiner Fußsohle prangte eine prall gefüllte, ziemlich schmerzhafte Eiterblase von 2,5cm Durchmesser.

Samstag 03. Oktober 2026

Ich hatte mich entschieden, in Betracht der Situation meines Fußes einen Arzt aufzusuchen. In diesem Zustand wollte ich keine mehrtägige Passage machen. Nicht nur, dass ich, wenn ich nicht auftreten konnte, an Bord ziemlich nutzlos war, auch wollte ich das Risiko von Komplikationen, während wir irgendwo abseits jeglicher medizinischen Versorgung waren, nicht eingehen. Nachdem ich Tony und Mike überzeugt habe, tuckern wir am Morgen also zurück nach Wangi Wangi und ich suche dort das lokale Krankenhaus auf. Das Krankenhaus ist eine Erfahrung für sich. Es herrscht absolutes Chaos, Betten stehen offen auf den Gängen, jeder kann kommen und gehen, wie er will. Nachdem ich in dem Gewusel jemanden finde, der sich meiner annimmt, bringt man mich zu einer liege und schaut sich meinen Fuß kurz an. In dem Zimmer liegt Müll auf dem Boden, die Flecken auf der liege lassen keinen Zweifel daran, dass man von Sterilisation hier scheinbar nicht viel hält. Nachdem man einen Arzt um Rat gefragt hat, erklärt man mir, dass man den Abszess nicht öffnen wolle, alles, was man tun könne, sei mir eine antibiotische Salbe und Schmerztabletten zu verschreiben. So enttäuscht ich bin, dass ich den Weg scheinbar umsonst gekommen war, ich bin zugegeben auch ein wenig froh, dass man unter diesen Bedingungen nicht an meinem Fuß rumschnibbelt. Nachdem die Schmerztabletten wirken, begleite ich Tony am Nachmittag zu einigen Schwimm-Höhlen in der Stadt – humpelnd und in Socken, denn mit der Eiterblase passt mein Fuß nicht in meine Schuhe. Wir besuchen die Höhlen und probieren uns – nachdem das gestern nicht geklappt hatte – durch die Vielfalt von grandiosem Street-Food. Am Abend gehen Mike und Tony mit der Crew einer Segelyacht aus, der wir zuletzt in Papeete und Fidschi begegnet waren und hier wiedergetroffen hatten. Ich bleibe auf dem Boot und schone meinen Fuß ein wenig. Der Abszess öffnet sich am Abend spontan, der Schmerz ist damit erstmal weg. Jetzt galt es die Wunde strikt sauber und trocken zu halten – gar nicht so einfach auf einem Segelboot.

Sonntag 04. Oktober 2026

Am Morgen brechen wir nach Lombok auf – noch einmal knappe 500 Seemeilen. Der Wind kommt auf unsere Backbord-Seite, mit Genoa und Großsegel kommen wir auf gemächliche, aber stabile an die sechs Knoten. Endlich den Kurs in Richtung Lombok zu setzten, fühlt sich gut an! In den letzten Wochen und Monaten hatten wir uns extrem zügig fortbewegt. Kurze Stopps, viele Passagen – die meisten davon unter miserablen Segelbedingungen. Auf Lombok würden wir für fast drei Wochen in die Marina gehen, ich würde zwei Wochen von Bord gehen und meine Familie zu Besuch empfangen. Darauf freute ich mich schon sehr! Als ich vor sechs Monaten an Bord dieses Bootes kam, war Lombok der Ort bis zu dem ich mich „verpflichtete“ – auch wenn ich nun noch bis Singapur mitsegeln würde, fühlte Lombok sich daher – auch wenn wir seit Biak schon offiziell in Asien waren – wie das finale Ziel auf der anderen Seite des Pazifiks an. Am Nachmittag kehrt Ruhe an Bord ein. Mike ist in ein Buch vertieft, Tony liegt in seinem Bett. Gelangweilt ziehen meine Gedanken ihre Kreise, bis ich langsam, aber sicher ein komisches Gefühl bekomme. Meine Hände sind zittrig, meine Haut bleich und ich habe plötzlich das Gefühl eine Blutvergiftung zu bekommen – eine Gefahr, die bei Abszessen besteht. Mir ist klar, dass ich wahrscheinlich nur zu viel Zeit in meinen eigenen Gedanken verbracht, in den letzten Tagen meine Beschwerden zu oft gegooglet habe (KI-Chatbots und Google sollte man bei medizinischen Fragen unbedingt vermeiden), trotzdem legt sich das mulmige Gefühl erst, als ich mit der Einnahme von Breitband-Antibiotika, die ich in meinem Medi-Kit dabeihabe, beginne.

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