Montag 17.08.2026
Wir sind noch am Frühstücken, als ein Local in seinem kleinen Motorboot vorbeikommt. Mit dabei hat er eine Hand voll Holzschnitzereien, die er uns präsentiert und zum Verkauf anbietet. Mit Mike und Tony findet er zwei gute Kunden. Während wir uns mit dem älteren Mann unterhalten, erwähnt er ganz nebenbei, dass sich nur wenige Minuten von hier ein japanisches Schiffswrack aus dem Zweiten Weltkrieg befinden soll. Liveaboards kämen hier regelmäßig vorbei, um dort tauchen zu gehen. Wir fragen, ob es hier keine Krokodile gäbe. Der ältere Mann nuschelt etwas vor sich hin und deutet auf die andere Seite der Lagune. Auch auf unsere Frage, wie tief das Wrack liegt, hat er keine eindeutige Antwort: 28 Meter? Vielleicht 30? Tony und ich gucken uns an … es gäbe nur einen Weg herauszufinden, was dort unten wirklich ist! Keine Viertelstunde später haben wir das Dinghy im Wasser, unsere Tauchausrüstung darin und sind auf dem Weg zu der kleinen Boje, die der Bildhauer uns gezeigt hatte. Schni, Schna, Schnappi summe ich vor mich hin, während ich meine Flossen anziehe und noch einmal darüber nachdenke, ob Tauchen hier wirklich so eine gute Idee ist – doch es gibt kein Zurück mehr! Rückwärts lassen wir uns ins Wasser fallen und folgen der Leine an der Boje in die Tiefe. Wir jubeln in unsere Atemregler, als sich bereits in 18 Metern Tiefe die Konturen eines Wracks in dem grünlichen Wasser unter uns abzeichnen. Eine halbe Stunde lang erkunden wir das überraschend große Frachtschiff an dessen Backbord-Seite man die Spuren einer Explosion erkennen kann. Wieder zurück an der Oberfläche lichten wir den Anker um die fehlenden 20 Seemeilen zu unserem Ziel – eigentlich hatten wir hier ja nur für die Nacht Unterschlupf gesucht – hinter uns zu bringen. Da die Strecke innerhalb des schützenden Riffes verläuft, sparen wir uns den Aufwand, das Dinghy wieder an Deck zu hieven und ziehen dieses einfach hinter uns her – eine wie sich herausstellt blöde Idee. Obwohl wir uns innerhalb des Riffs befinden, ist der Wellengang extrem und wir haben zweitweise Böen mit über 30 Knoten Wind. Unser Dinghy wird hin und her geschleudert, wie eine Nussschale und lernt nach einer besonders großen Welle für einige Sekunden sogar zu fliegen. Als ob wir mit Dinghy, Wellen und Gegenwind nicht schon genug zu tun hatten, hängt in dem Moment dann auch noch ein Wahoo an unserer Angelleine. Am Nachmittag erreichen wir eine geschützte Ankerbucht und atmen dort erstmal ein wenig durch. Tony und ich machen uns am späten Nachmittag mit Dinghy nochmal auf Erkundungstour und folgen einem Fluss bis tief in den Dschungel der Insel hinein.
Dienstag 18.08.2026
Der Grund, warum wir diesen Ort aufgesucht hatten, war wieder mal ein Tauchspot. Die Taiyo, ein 90 Meter langes Fischerboot soll hier in einem perfekten rechten Winkel vertikal am Außenriff der Lagune lehnen. Weltweit gibt es nur zwei Wracks, die in dieser unwirklich wirkenden Position gesunken sind. Das zweite Wrack, die HMS Victoria, befindet sich im Libanon, ist aufgrund seiner Tiefe von 70-140 Metern aber für Sporttaucher nicht erreichbar. Früh am Morgen machen wir uns mit dem Dinghy auf den Weg. Wieder ist der Tauchplatz ein ganzes Stück von unserem Ankerplatz entfernt. Eine dreiviertel Stunde dauert es bis wir an der entsprechenden Stelle – aber noch auf der Innenseite des Riffs – ankommen. Es ist Niedrigwasser, mit dem Dinghy über das Riff zu fahren ging zu dieser Tageszeit also nicht. Stattdessen fahren wir ein wenig weiter Richtung Süden, dort soll sich ein Pass befinden. Doch zu unserer Enttäuschung brechen auch dort riesige Wellen – keine Chance mit unserem Dinghy dort durchzukommen! Unser letzter Versuch besteht darin, auf einer kleinen Insel anzulanden, um dann von Land aus ins Wasser zu gehen. Aber auch die Insel ist von Riff umgeben – bei unserem Landungsversuch bricht eine Welle über uns und füllt unser kleines Schlauchboot mit Unmengen von Wasser. Und so geben wir schließlich auf und kehren zähneknirschend um. Nach zwei Stunden sind wir zurück am Boot, zwei Stunden für nichts und wieder nichts! Es ist bereits der zweite Top-Tauchgang innerhalb von einer Woche, der an der Logistik scheitert. Am späten Vormittag lichten wir den Anker und setzten erneut die Segel. Selbst von unserem großen Boot, sehen die Wellen in dem Pass nahe dem Wrack undurchdringlich aus und wir müssen einen ordentlichen Umweg zu einem südlicher gelegenen Pass in Kauf nehmen, um die Lagune zu verlassen. Einmal außerhalb des Riffs bekommen wir schließlich stabilen Wind und schrubben den weiteren Tag Meilen. Es ist bereits dunkel, als wir in eine kleine geschützte Bucht, nicht mehr weit von unserem nächsten Ziel entfernt, einlaufen und dort Schutz für die Nacht suchen.
Mittwoch 19.08.2026
Im Sonnenaufgang verlassen wir die kleine Bucht wieder. Einige Schulkinder paddeln gerade in ihren Einbäumen zur Schule, eine Regenwolke verhüllt an dem sonst blauen Himmel den über der Insel thronenden Berg; darunter bildet sich ein kleiner Regenbogen. Drei Stunden später laufen wir in die von Riffen umgebene Bucht von Munda ein. Delfine begleiten uns zu unserem Ankerplatz, die Sonne scheint. Schnell sind wir uns einig, dass wir ein paar Tage hierbleiben wollen. Unser inzwischen immer enger werdender Zeitplan sieht jedoch vor, dass vor wir noch vor dem Wochenende ausklarieren – also schreiben wir der Immigrations- und Zollbehörde, ob wir nicht auch hier ausklarieren könnten. Die Beamten sind kooperativ und bieten an aus der Nachbarstadt zu uns zu kommen, anstatt dass wir zu ihnen kämen. Am späten Vormittag machen Tony und ich uns auf den Weg ins Dorf. Munda ist klein: Der eigentliche Ortskern besteht aus wenigen Straßenzügen, es gibt ein paar – ausnahmslos von Asiaten betriebene – Gemischtwarenläden, ein Hotel mit Restaurant, einen kleinen Marktplatz und einen internationalen Flughafen, von welchem ein wöchentlicher Flug nach Brisbane, Australien geht. Am Nachmittag wollen wir an einem amerikanischen Hellcat-Flugzeugwrack tauchen gehen, das der Karte nach nur wenige hundert Meter hinter unserem Boot in acht Metern Tiefe liegt. Nach einigen Anläufen finden wir an übereinstimmender Position eine Unterwasser-Mooring-Boje und sind uns sicher, dass an der anderen Leine das Flugzeugwrack hängen muss. Im Wasser merken wir schnell, dass die Sicht katastrophal ist – man sieht kaum die eigne Hand vor Augen! Trotzdem lassen wir uns nicht davon abhalten und tauchen ab, doch die Sicht wird nicht besser. Am Grund angekommen, können wir eindeutig das Gerippe eines Flügels erkennen – allerdings nur, nachdem unsere Nase wenige Zentimeter davor ist. Nach wenigen Minuten brechen wir den Tauchgang ab und klettern außergewöhnlich schnell zurück ins Dinghy. Einer Studie von 2017 zufolge bildet Munda den Hotspot für Krokodilattacken in den Salomonen … und in dieser trüben Suppe könnte man die Schnappmäuler nicht einmal sehen, bevor sie sich einen einverleibten!
Donnerstag 20.08.2026
Am Morgen fahren wir in den Ort, geben unsere schmutzige Kleidung in die Wäsche und erledigen Einkäufe. Die Auswahl in Munda ist sehr beschränkt, es gibt keinen richtigen Supermarkt, lediglich Gemischtwarenläden im Tante-Emma-Style, die das Nötigste an Lebensmitteln – und ziemlich viel unnötigen Krimskrams – anbieten. Die Hälfte der Positionen auf unserer Einkaufsliste bleibt offen, doch zum Überleben sollte es reichen. Den weiteren Vormittag verbringen wir wieder einmal damit Diesel hin und her zu karren. Unser Boot schluckt eine ganze Menge! In zwei Runden bringen wir mit dem Dinghy über 300 Liter Diesel aufs Boot. Im Anschluss laden uns die Besitzer der kleinen Tankstelle noch auf einen frisch gemachten Saft ein. Nachdem wir uns ein wenig ausgeruht haben, machen Tony und ich uns am Nachmittag nochmal auf den Weg in den Ort. Tony hatte von einem Weltkriegsmuseum gelesen, das sich irgendwo hier befinden soll. Wir laufen einen aus dem Ort führenden Schotterweg entlang, in dessen Richtung ein Schild gedeutet hatte, als uns zwei junge Männer, die am Straßenrand abhängen ansprechen. Einer der beiden stellt sich tatsächlich als Besitzer des Museums heraus und begleitet uns. Museum ist vielleicht etwas viel gesagt: Es handelt sich um eine kleine, offene Hütte im Garten des Mannes. Doch so provisorisch das Museum von außen aussieht, die Sammlung, die der junge Mann uns präsentiert, lässt die meisten westlichen Museen wahrscheinlich in Neid erblassen. Auf engstem Raum stapeln sich kistenweise Weltkriegs-Relikte, die der Mann eigenhändig in einem nahegelegenen Waldstück ausgegraben hatte: Waffen, Handgranaten, Helme, Messer, Feuerzeuge, Flaschen und Erkennungsmarken – Tonys Geschichtsnerd-Herz blüht auf! Die Krönung bildet ein mit menschlichen Knochen gefüllter Jutesack, den der Museumsbesitzer unterm Tisch hervorzieht und lässig mit den Worten „Das ist das Skelett eines japanischen Soldaten“ kommentiert.
Freitag 21.08.2026
Schon um kurz nach acht fährt Tony mit dem Dinghy an Land, um die Zollbeamten einzusammeln, die ihm geschrieben hatten, dass sie unterwegs seien. Es regnet in Strömen. Mike und ich bauen – zum ersten Mal, seit ich auf dem Boot bin – den Klapptisch im Salon auf, um den Beamten Platz bieten zu können. Es dauert bis zehn Uhr, bis das Dinghy – nun mit drei Personen darin – zurückkommt. „Habe ich das nicht schon einmal ausgefüllt?“ frage ich mich, als der Zollbeamte mir ein Formular zum Ausfüllen über den Tisch schiebt. Das Formular sah genauso aus, wie das welches ich beim Einklarieren ausgefüllt hatte. Der Beamte lächelt verlegen. Ich nehme mir das alte Formular und schreibe Zeile für Zeile die Werte ab – in doppelter Ausführung selbstverständlich, einen Kopierer gibt es schließlich nicht. Nachdem der Papierkram erledigt ist und wir die Beamten zurück an Land gebracht haben, verbringen wir den restlichen Vormittag damit, das Boot zu schrubben. Mit einem Poliertuch ausgestattet, widme ich mich den zahlreichen verchromten Elementen an Deck. Polieren ist eine zutiefst befriedigende Arbeit – zumindest, solange man ausblendet, dass man nächste Woche von vorne beginnen könnte. Am frühen Nachmittag gehen wir in dem Restaurant des Hotels, dessen Dinghy Dock wir benutzen – dem einzigen Restaurant in Munda – essen und holen bei der Gelegenheit auch gleich unsere Wäsche ab, die nun endlich fertig war.
Samstag 22.08.2026
Den Vormittag über regnet es wieder in Strömen. Wir fahren ein letztes Mal an Land, um ein paar letzte Dinge zu kaufen, und verstauen anschließend unser Dinghy an Deck. Am Nachmittag setzen wir schließlich die Segel. Papua-Neuguinea wir kommen!
Sonntag 23.08.2026
Grauer Himmel und permanente Regenschauer machen die Passage nicht unbedingt angenehm! Immerhin der Wind ist gut – wir kommen äußert zügig voran. Den Großteil des Vormittags verbringe ich unter Deck und tippe fleißig an meinen Blog, bevor am Nachmittag dann meine Schicht ansteht. Am Mast entlang tropft es nach wie vor rein – glücklicherweise regnet es allerdings nicht stark genug, damit das Wasser wieder in mein Bett läuft. Nach meiner Schicht telefoniere ich noch mit meinen Eltern, bevor ich dann ins Bett gehe.









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