Montag 13. April 2026
Nach zwei Tagen an dem Ankerplatz am westlichen Ende des Atolls, machen wir uns am frühen Morgen auf den Weg zurück in das am Pass gelegene Dorf. In einem kleinen Shop stocken wir unsere Vorräte wieder einmal auf. Obwohl wir gar nicht so viel kaufen – der Einkauf hält uns vermutlich nur ein paar Tage – summieren sich die hier auf den Atollen extrem hohen Preise der Lebensmittel schnell: Fast 750$ zahlt Mike am Ende. Tony und ich gucken uns kopfschüttelnd an und mir wird noch einmal bewusst was für ein Privileg es ist, mir in einer solch teuren Region keine Sorgen um meine Reisekasse machen zu müssen. Pünktlich zum Niedrigwasser fahren wir am Nachmittag durch den Pass. Eigentlich hatten wir den restlichen Tag vor dem äußeren Riff ankern, dort noch einen Tauchgang machen und dann erst am Abend zum nächsten Atoll aufbrechen wollen. Doch Ankern stellt sich als schwierig heraus: Der ganze Grund ist mit Korallen bewachsen, wir finden dazwischen keine Sandfläche, die groß genug für unseren Anker ist. In den Korallen ankern geht nicht: Mal abgesehen davon, dass wir diese nicht zerstören wollen, würde sich unsere Ankerkette in ihnen verheddern und wir bekämen den Anker anschließend nicht mehr hoch. Mike trifft also die Entscheidung direkt loszusegeln. Ein wenig wehmütig gucke ich in das so vielversprechende Wasser unter uns – obwohl es hier knapp 20 Meter tief ist, kann man das Riff so klar sehen wie durch Glas. Doch es hilft nichts – auf uns würden noch genug andere Tauchspots warten …
Dienstag 14. April 2026
Die Passage verläuft ruhig. Da kaum Wind ist machen wir uns gar nicht erst die Mühe die Segel zu setzten, sondern nutzen für das 70 Seemeilen (130 km) lange Stück unseren Motor. Mit der Morgendämmerung werden schließlich die Umrisse des nächsten Atolls sichtbar: Makemo! Der in die Lagune führende Pass ist breit und links und rechts mit einer Reihe großer Navigationstonnen markiert. Viel herausfordernder ist das anschließende Stück zu unserem Ankerplatz: Überall ragen Korallenköpfe vom Grund der Lagune bis kurz unter die Wasseroberfläche. Kartiert sind diese nicht und vom Boot aus nur schwerstens zu erkennen. Um einen etwas besser Überblick zu bekommen, klettert Tony auf den Spreader, den Querträger auf halber Höhe des Mastes. Doch selbst von dort lassen sich die tückischen Hindernisse oft erst erkennen, als wir unmittelbar vor ihnen sind. Mehr als einmal verfehlen wir einen der Bommies nur knapp und erreichen nach einer gefühlten Ewigkeit unseren Ankerplatz mit blankliegenden Nerven. Doch der Weg hat sich gelohnt: Unser Ankerplatz gleicht einem Postkartenmotiv, das Wasser leuchtet so strahlend türkis, dass man meinen könnte, jemand hätte einen Eimer Farbe dort reingekippt. Nachdem wir uns ein wenig ausgeruht haben, steigen Tony und ich sogleich ins Dinghy, um das Atoll ein wenig auszukundschaften. Als wir das Gummiboot an einem der Strände festbinden, kommt uns ein Local entgegen. Er betreibt auf dem schmalen Sandstreifen eine Korpa-Farm. Kopra nennt man das in der Sonne getrocknete Fruchtfleisch von Kokosnüssen – eines der Hauptexportgüter Französisch-Polynesiens und Grundlage für die Produktion von Kokusöl. Während wir mit dem Farmbesitzer am Strand sitzen, lernen wir noch einiges mehr: Wir bekommen gezeigt, wie man nur mit bloßen Händen kinderleicht eine Kokosnuss knackt, probieren zum ersten Mal Kokosapfel, eine schwammartige süße Delikatesse, die sich im Inneren von Kokosnüssen bildet, wenn diese zu keimen beginnen, und bekommen eine kleine Cannabisplantage gezeigt, die zwischen den Palmen versteckt liegt. Nachdem wir uns verabschieden, setze ich Tony an einem anderen Strand ab, er wollte noch weiter erkunden, ich war müde und machte mich auf den Rückweg zum Boot.
Mittwoch 15. April 2026
Bei dem klaren Wasser in der Lagune fällt einem nochmal viel mehr auf wie dreckig unsere Wasserlinie schon wieder ist und so verbringen wir den Vormittag damit unser Boot schrubben, während ein paar Meter unter uns einige Weißspitzen-Riffhaie ihre Runden ziehen. Ein weiteres Thema, dem wir uns heute widmen ist die Routenplanung: Ursprünglich hatten wir über Australien nach Indoniesen segeln und dort Ende September ankommen wollen. Doch Mike wollte mehr Zeit in Indonesien selbst verbringen und mehr zeitliche Flexibilität für danach folgenden indischen Ozean haben. So fliegt Australien aus unserem Itinerary raus und wir planen bereits Mitte August in Indonesien zu sein. Wirklich zufrieden bin ich damit nicht: Nicht nur würde sich so meine Zeit an Bord um zwei Monate verkürzen, auch würden wir einige erstklassige Ziele gegen eine langweilige und lange Blauwasserpassage eintauschen. Den restlichen Tag versuchen wir uns mit einer Harpune und einer Angel bewaffnet daran Fische zum Abendessen zu fangen. Dafür schmeißen wir kleine Thunfisch-Stücke ins Wasser bis sich die Fische darum tummeln. Neben den kleinen Rifffischen, die wir haben wollen, locken wir aber damit auch Haie an. Schon bald kreisen acht bis zehn an die 1,50 Meter große Riffhaie um unser Boot und hoffen auf den nächsten Happen. Tony hängt mit der Harpune in der Hand an der Leiter und zielt auf die kleinen Kaninchenfische, die es zum Abendessen geben soll. Doch mit jedem Köder mehr der im Wasser landet werden auch die Haie ein bisschen mutiger, so dass wir uns irgendwann nicht mehr ganz wohl dabei fühlen, zwischen ihnen zu harpunieren und für den letzten Fisch wieder auf die Angel umsteigen. Als es gegen Abend an die Zubereitung der Fische geht, finden wir heraus, dass die Tuamotus eine Hochrisikoregion für Ciguatera sind. Ist man mit Ciguatoxinen belastete Rifffische, so kann das zu erheblichen und langanhaltenden Nervenirritationen führen. Nur kann man das Gift leider weder riechen noch schmecken, noch kann man es durch entsprechende Zubereitung zerstören. Wie stark ein Fisch belastet ist, hängt von seiner Größe und dem exakten Bereich des Riffs ab, in dem dieser gelebt hat. Etwas lustlos stochere ich beim Abendessen in meinem Fisch herum, der Hunger auf Fisch ist mir vergangen, doch nachdem Tony sich den halben Tag abgemüht hatte, die drei Fische zu fangen, wäre es unhöflich nichts zu essen – und schmecken tut der Fisch ja auch!
Donnerstag 16. April 2026
Nachdem die Sonne hoch genug steht, um unsere Sicht nicht mehr zu sehr zu beeinträchtigen, wagen wir uns an den Rückweg zum Pass. Dadurch, dass wir strikt unserem Track vom Hinweg folgen können, ist das Finden eines Weges zwischen den Korallen-Bommies hindurch diesmal deutlich einfacher. Wir ankern schließlich vor einem kleinen Dorf, dass unmittelbar neben dem Pass liegt. In einem Supermarkt – das Dorf ist das bisher am besten ausgestattete in den Tuamotus – kaufen wir kurz ein, dann bereiten Tony und ich uns aufs Tauchen gehen vor: Wir wollten einen Drifttauchgang durch den Pass machen. Logistisch stellt sich das als schwierig heraus, denn wo genau uns die Strömung dabei hintreiben würde wissen wir nicht. Das Dinghy an Land lassen geht also schlecht, Mike scheint nicht motiviert uns zu fahren und so fällt uns nur noch eine Möglichkeit ein: Wir ziehen das Dinghy hinter uns her. Auf diese Weise hätten wir zudem, selbst wenn wir stark abdriften sollten, das Dinghy immer bei uns. Zuversichtlich fahren wir raus und steigen an einer flachen Stelle des Passes ins Wasser. Schon bald nachdem unsere Köpfe unter der Wasseroberfläche sind, kristallisiert sich aber heraus, dass wir die Strömung deutlich unterschätzt hatten – in keinem meiner Tauchgänge habe ich eine solche Strömung erlebt! Dazu kommt das das Dinghy eher uns zieht als andersherum. Einige Zeit driften wir so über einen ausgedehnten Korallengarten. Das Wasser ist traumhaft klar, die Sichtweite bei über 30 Metern. Nach 20 Minuten wird es jedoch immer tiefer, die Strömung noch stärker und wir entscheiden den Tauchgang abzubrechen. Innerhalb der kurzen Zeit waren wir durch den gesamten Pass hindurch und von dort ein ganzes Stück in die Lagune getrieben. Zurück am Boot beschließen wir mit unserer Restluft ein kleines Wrack zu erkunden, welches sich unmittelbar unter unserem Ankerplatz befindet. Am Abend lassen wir uns im Dorf von der Idee eines Pizzarestaurants verführen – eine ganz nette Abwechslung zu Burgern und Thunfisch …
Freitag 17. April 2026
Den Vormittag über verbringen wir mit einigen Erledigungen, lassen unsere Wäsche waschen, füllen alle unsere Wasserflaschen wieder auf – unser Watermaker war ja weiterhin defekt – und kaufen das Nötigste ein. Gegen Mittag gehen wir, diesmal wieder zu dritt, an einem der Korallen-Bommies in der Bucht tauchen. Wie schon bei unserem letzten Tauchgang an einem Bommie gleicht die Unterwasserwelt einem Skulpturenpark, wenn auch die Korallen diesmal sehr blass und wenig farbenfroh sind. Den ganzen Tauchgang über folgt uns ein neugieriger Weißspitzen-Riffhai. Nach einer kleinen Mittagspause springen Tony und ich mit unserer Restluft noch einmal unterm Boot ins Wasser und machen einen zweiten Tauchgang an dem Wrack. Unmittelbar daneben begegnen wir einem skurrilen 17-armigen, mit Stacheln überzogenen Wesen. Eine Recherche nach dem Tauchgang ergibt, dass es sich dabei um eine invasive Seesternart handelt. Am Abend gucken wir im Cockpit gemeinsam einen Film, das machten wir in letzter Zeit ab und zu – meistens war ich allerdings so müde, dass ich vor dem Ende des Films einschlief.
Samstag 18. April 2026
Wir hatten genug von Makemo und sehnten uns langsam immer mehr nach Zivilisation und so beschließen wir uns auf direktem Wege nach Fakarava, dem zweitgrößten Atoll der Inselgruppe zu machen. Nicht nur dürfte es dort richtige Supermärkte und eine (Boots-)Tankstelle geben, der Hauptgrund warum wir dieses Atoll auf keinen Fall auslassen dürften, befand sich Unterwasser in einem seiner Pässe: Die „Wall of Sharks“. Bis zu 700 Grauhaie bilden in dem Pass eine regelrechte Wand aus Haien und machen ihn so zu einer der Top-Tauchspots weltweit. Mit dem Mittags-Hochwasser verlassen wir Makemo, setzten unseren Gennaker und genießen vor da an stabilen Wind aus einer für uns nahezu optimalen Richtung. Was will man mehr?!
Sonntag 19. April 2026
Meine Nachtschicht ist fast zu Ende, Fakarava dürfte jede Minute in Sicht kommen, als sich auf einmal eine große dunkle Wolke nähert. Innerhalb von Sekunden schießt der Wind von um die zehn auf fast 30 Knoten. Unser Boot gerät immer mehr in Schräglage. Mike, der sich gerade eine Tasse Kaffee gekocht hatte, kommt an Deck, brüllt irgendetwas und übernimmt dann das Steuer, welches ich inzwischen mit ganzer Kraft zu halten versuchte. Unser Gennaker war nicht für diese Windgeschwindigkeiten gemacht, das Boot neigte sich immer weiter, unter Deck hörte man Gepolter von umherfliegenden Dingen. Das Segel musste weg! Doch unter dem Druck, der gerade auf dieses wirkte, ließ es sich nicht normal einholen. Schließlich weist Mike an die Genankerschot, die Leine, die eine der unteren beiden Ecken des Segels fixiert, zu lösen. Mit lautem Krach gibt die Schot dem Druck des Windes nach und das Segel beginnt zu flattern. Unmittelbar beginnen Tony, der gerade in Unterhose an Deck gestürmt kommt, und ich damit das Segel einzuholen, doch die Halyard ist blockiert. Nachdem wir uns mit all unserer Kraft daran gehängt haben und sich dennoch nichts bewegt, bindenden wir das Segel vorerst einfach am Mast fest – das könne warten, bis wir angekommen sind! So schnell wie der Squall gekommen war, ist er dann auch wieder verschwunden und die See wieder ruhig. Zwei Stunden später navigieren wir schließlich durch den Südpass von Fakarava und ankern in der Lagune. Ohne viel Zeit zu vergeuden, widmen wir uns dort den Reparaturen nach dem morgendlichen Squall, wofür wir Mike am Mast hochziehen. Die Umlenkrolle die er anschließend mit nach unten bringt, erklärt warum sich die Halyard nicht mehr bewegt hatte: Das Metall ist verbogen, ein Teil der Plastikrolle fehlt ganz. Eine neue Umlenkrolle haben wir im Ersatzteilrepertoire und so ist der Schaden schnell behoben, das Segel selbst ist glücklicherweise unbeschädigt. Am Nachmittag erkunden wir ein wenig das Dorf und versacken schließlich in einer kleinen Bar, die einen ziemlich starken selbstgemachten Rumpunsch ausschenkt. Außerdem widmen wir uns ein erneutes Mal der Routenplanung. Mike hatte sich entschieden anstatt wie ursprünglich geplant um Afrika herum durch das rote Meer und den Suez-Kanal zu segeln. Das gab uns wieder mehr Zeit in Südostasien. Nach Australien geht es dennoch nicht, stattdessen werden wir nun um den Norden von Papua-Neuguinea herumsegeln – eine aufregende und weniger befahrene Route. Die Zeit, die ich auf dem Boot verbringen würde, lag damit wieder bei sechs Monaten – oder vielleicht sogar noch mehr: Denn man plante nun anschließend Richtung Phuket weiter zu segeln – das wäre genau meine Richtung!
Eine detallierte Version des neuen Itinerary ist unter sailingsong.com/itinerary zu finden!























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