Montag 23. März 2026
Kein Wecker alarmiert mich um 02:50 Uhr zur Nachtschicht – stattdessen klingelt mein Wecker erst zweieinhalb Stunden später zur ersten Nachhilfestunde des Tages. Am frühen Vormittag steigen wir schließlich ins Dinghy und machen uns auf den Weg zu unserem ersten offiziellen Landgang. Unkompliziert werden wir in der Polizeiwache von einer jungen Beamtin ins Land eingestempelt. Französisch-Polynesien gehört zu Frankreich, allerdings nicht zur EU und damit auch nicht zum Schengenraum. Nachdem der Behördengang erledigt ist, geht es Geld abheben – bezahlt wir hier mit dem fest an den Euro gekoppelten „Franc des Colonies françaises du Pacifique„, kurz CFP-Franc. Nachdem wir ein paar Scheine in der Tasche haben, kann es dann weiter in den Supermarkt gehen, wo wir all das kaufen, was uns in den letzten Wochen ausgegangen war: Frisches Obst, Eier und Brot. Ich hatte mich auf das schlimmste eingestellt und bin so fast positiv von den Preisen überrascht. Ja, alles war verdammt teuer, aber eine Packung Nudeln, Tomatensauce und eine Dose Sardinen bekam man zusammen für etwa vier Euro – verhungern würde ich also nicht! Nachdem wir in einem kleinen lokalen Restaurant zu Mittag gegessen haben, fahren wir gemeinsam zurück aufs Boot. Obwohl wir unser vereinbartes Ziel nun erreicht hatten und Paulo und Dilma sich sicherlich nach Privatsphäre sehnten, schmissen sie Alvaro und mich nicht direkt vom Boot. Es wäre okay, wenn wir noch ein paar Tage an Bord bleiben würden, bis wir einen Schlafplatz an Land oder sogar ein nächstes Boot gefunden hatten. Den Nachmittag verbringen wir im Wasser und schrubben den Rumpf des Katamarans – die lange Zeit auf dem Meer hatte in Form von Grünspan, Algenbewuchs und Seepocken ihre Spuren hinterlassen. Im Anschluss an das Abendessen widme ich mich dann den ersten Schritten zur Suche nach einem neuen Boot. Ich wollte von hier erst einmal weiter nach Tahiti, der größten Insel Französisch-Polynesiens – und damit vermutlich dem besten Ort, um wiederum ein Boot zu finden, das mich weiter in Richtung Eurasisches Festland mitnahm. „Jetzt brauch ich mal die Meinung eines Käpt’n“ schiebe ich Paulo meinen frisch aktualisierten „Crew available“-Flyer vor die Nase. Paulo überfliegt den Text „Ist gut so. Mich hat das schonmal überzeugt!“ „Stimmt, sonst wäre ich nicht hier!“ lache ich und schicke den Flyer positiv gestimmt in zahlreiche lokale Segel-WhatsApp-Gruppen.
Dienstag 24. März 2026
Während ich am frühen Morgen eine Nachhilfestunde gebe, poppt eine Nachricht auf meinem Laptop auf: Jemand hatte auf meine Crewanzeige reagiert – man wolle sich mit mir treffen! Zum Frühstück mache ich Pfannkuchen (oder Crêpes – wie man’s nimmt😉) dann fährt Paulo Alvaro zum Dinghy-Dock – er wollte dort Segler ansprechen – und mich etwas später zu dem Boot, welches mir heute Morgen geschrieben hatte. Die Besatzung der marineblauen Yawl, ein Zweimaster, besteht aus einem 72-jährigen amerikanischen Skipper, einem 25-jährigen Texaner und einem weiteren Crewmitglied, das hier von Bord ging und für welches ich der potenzielle Ersatz war. Was man mir bietet, klingt wie ein Traum: Man könne mich bis nach Indonesien mitnehmen – dort wollte man im September ankommen. Das Boot – Baujahr 1973 – war vor einem Jahr komplett generalüberholt worden – inklusive neuem Motor, Segeln, Starlink und dem modernsten Chartplotter. Man hat drei vollständige Tauchausrüstungen sowie einen Atemluftkompressor an Bord, alle Ausgaben – bei Landgängen sowie auf dem Boot selbst – würde man vollständig übernehmen und mir obendrein noch eine monatliche „Aufwandsentschädigung“ von 1000 US-Dollar zahlen. Ich bin sprachlos! Zurück auf der Lazysail berichte ich Paulo und Dilma von dem genialen Angebot und noch während ich vor mich hin schwärme, ploppt auf meinem Sperrbildschirm auch schon die Nachricht „Hi Felix. The position is yours!“ auf – ich mache Freudensprünge! Den restlichen Vormittag über helfe ich Paulo weiter beim Rumpf schrubben und befreie mit Dilma unsere Vorräte von den Wanzen, die sich in einigen davon eingenistet hatten. Am Nachmittag fahren wir an Land, erkunden den Ort weiter und gucken uns die charmvolle, kleine Kirche von Taiohae an. Mit dem Sonnenuntergang machen sich Paulo, Dilma und Alvaro auf den Rückweg zum Boot. Mich hatte eine deutsche Bootssuchende angeschrieben, die sich mit mir treffen wollte. Bei einer Pommes in dem kleinen Imbiss neben dem Dinghy-Dock tauschen wir unsere Reisegeschichten aus.
Mittwoch 25. März 2026
Am Morgen schalte ich mich noch zur zuhause stattfindenden „Männerzeit“ dazu, anschließend beginne ich damit meine Sachen zu packen – schon heute Nachmittag würde ich auf mein neues Boot umziehen! Ein Großteil meiner Ausrüstung, die ich unter dem Bett verstaut hatte, ist mit weißen Schimmelflecken übersät. Glückerweise hat Dilma direkt die richtigen Reinigungsmittel zur Hand. Am späten Vormittag telefoniere ich mit meiner Familie. „Wo ist denn der Haken?“ fragen meine Eltern skeptisch, nachdem ich ihnen von meinem zukünftigen Boot erzählt habe. Doch es schien keinen Haken zu geben. Und selbst wenn es einen gäbe: Ich ging kein Risiko ein! Im Worst-Case könnte ich das Boot jederzeit auf der nächsten Insel verlassen. Lange Passagen auf dem offenen Meer standen auf dem weiteren Weg nämlich kaum noch bevor. Nach dem Mittag gibt es zum Abschied noch einmal Mousse Chocolat als Dessert – Dilmas Kochkünste würde ich zweifellos vermissen! Anschließend vollenden wir noch unser Werk am Rumpf. Bei einem Katamaran ist das ein gutes Stück mehr Arbeit als bei einem klassischen Segelboot, denn der hat ja statt einem gleich zwei Rümpfe. Um 16 Uhr ist es dann so weit: Ich verabschiede mich und werde dann von Paulo zu meinem neuen Boot gebracht. Ich freute mich auf das, was vor mir lag – gleichzeitig war aber auch Wehmut darüber in der Luft die Lazysail nun zu verlassen. Auf meinem neuen Boot bekomme ich unmittelbar eine Dose Bier in die Hand gedrückt und anschließend eine ausführliche Roomtour durch mein neues Zuhause. Roomtour ist vielleicht ein bisschen übertrieben – im Wesentlichen besteht das Bootinnere aus drei Räumen: Einer kleinen Abstellkammer im Bug, der Kabine meines neuen Käpt’n, Mike, im Heck und einem Salon in dem sich die Küche, der Kartentisch und an den Seiten je ein Bett für Tony, das andere Crewmitglied, und mich befinden. Gegen Abend fahren wir mit dem Dinghy an Land, und dann mit einem Mietwagen zu einer über der Bucht gelegenen Hilltop-Bar – Amerikaner … die 500 Meter hätte man auch laufen können! Nachdem wir bei traumhafter Aussicht je zwei Gläser Tahiti Drink, ein hier beliebter im TetraPak verkaufter Cocktail, geleert haben, fahren wir weiter in ein Restaurant und essen dort zu Abend. Leicht angetrunken von Cocktail und Bier – ich hatte seit über einem Monat keinen Alkohol mehr getrunken – machen wir uns auf den Rückweg aufs Boot.
Donnerstag 26. März 2026
Der Tag beginnt früh. Während Mike einen Ölwechsel am Motor vornimmt, fahren Tony und ich an Land und transportieren kanisterweise Trinkwasser aufs Boot, um die Wassertanks aufzufüllen. Das Wasserentsalzungssytem des Boots war defekt. Ein entsprechendes Ersatzteil müsste aus den USA geliefert werden. Da das mehrere Wochen dauert, wären wir bis Tahiti auf Flaschenwasser angewiesen. Gegen Mittag brechen wir zu unserem ersten gemeinsamen Segeltrip auf – zwei Seemeilen in die Nachbarbucht. Mit Besan- und Vorsegel bekommen wir genug Schub, um tatsächlich ein wenig segeln zu können. Nach einer Stunde erreichen wir dann die Bucht von Hakaui. Steile, nahezu senkrechte Felswände ragen aus dem Wasser in die Höhe, ihr oberes Ende in der grauen Wolkendecke versteckt. Tony und ich brechen sogleich zu einer kleinen Erkundungstour auf, ziehen das Dinghy auf den Strand und wandern von dort einen Trampelpfad entlang in die kleine Siedlung. Morgen wollten wir von dort aus zu einem Wasserfall wandern. Als wir am späten Nachmittag zurück aufs Boot kommen, zischen dann die ersten Bierdosen und wir lasen den Tag langsam ausklingen. Das Essen wird auf unserem Männer-WG-Boot simpler gehandhabt als auf der Lazysail: Den Tag über bedient sich jeder einfach am Kühlschrank, nur zum Abendessen kochen wir gemeinsam. Heute auf dem Menüplan: Gegrilltes Hähnchen.
Freitag 27. März 2026
Regen prasselt in Strömen auf das Deck, als ich am Morgen aufwache. Unser Plan am frühen Vormittag zu einem Wasserfall zu wandern, fällt damit erst einmal ins Wasser. Nach einigen Stunden lässt der Regen nach, Tony und ich machen uns auf den Weg. Aus der Siedlung heraus führt der Pfad gut erkennbar ins Hinterland, am Wegesrand stehen Mango- und Sternfruchtbäume. Wir kreuzen den einen oder anderen Fluss, hin und wieder entdecken wir moosbewucherte Ruinen alter polynesischer Zivilisationen im Dickicht. Nach einer Stunde erreichen wir schließlich einen Aussichtspunkt, von dem wir zum ersten Mal unser Ziel sehen können: Den 350 Meter hohen Vaipō Wasserfall – erkennbar als schmalen weißen Streifen an der Seite einer dschungelbewachsenen Felsklippe. Vom Aussichtpunkt an wird der Trail schlechter, ein Schild warnt vor fallenden Steinen. Nach einer erneuten Durchquerung eines hüfttiefen Flusses verschwindet der Pfad gänzlich, trotzdem waten wir immer weiter durch das Wasser in die schmale Schlucht herein. Am Ende der Schlucht angekommen finden wir schließlich einen Wasserfall, allerdings fällt der wesentlich kleiner aus als gedacht: Der große Wasserfall landet anscheinend in einem unzugänglichen Becken, welches wiederum die vielleicht 20 Meter hohe Kaskade speist, vor der wir nun standen. Während wir in dem Pool schwimmen gehen, fallen immer wieder faustgroße Felsbrocken nur knapp neben uns ins Wasser – Zeit sich auf den Rückweg zu machen. Zurück an Bord wartet Mike schon auf uns. Er will auf den Besanmast steigen, um dort die AIS-Antenne zu reparieren. Nachdem das erledigt ist, werden dann die Bierdosen aus dem Kühlschrank geholt …
Samstag 28. März 2026
Dichte graue Wolken kennzeichnen unsere Ankerbucht, während wir das Boot auf die nächste Fahrt vorbereiten. Kaum sind wir aus der Bucht raus und haben die Segel gesetzt, brechen dann auch die Wolken und es beginnt zu schütten. Innerhalb von Minuten sind wir alle bis auf die Unterwäsche durchnässt. Nach einem kurzen Törn ankern wir dann klitschnass wieder in der Bucht von Taiohae – dort wollen wir noch einmal unsere Vorräte aufstocken, bevor wir in die nächste Bucht weitersegeln. In kürzester Zeit ist der Einkaufswagen gefüllt: Ein paar TetraPaks Tahiti Drink, einige Kisten Bier, Burgerpattys, tütenweise Cheetos – amerikanische Ernährung! Am Nachmittag segeln wir weitere zwei Meilen in die nächste Bucht und geraten dabei wieder genau in einen Regenschauer – genug geduscht für heute!
Sonntag 29. März 2026
Der Regen hatte über Nacht nachgelassen, ein paar Sonnenstrahlen brechen durch den morgendlichen Dunst, der über dem Taipivai Valley liegt. Mit dem Dinghy fahren wir einer kleinen Lagune folgend an Land und erkunden das von saftigem Grün geprägtem Tal, das mit seiner Pflanzenvielfalt eher an einen tropischen Obstgarten erinnert, zu Fuß. Die kleine in der Bucht befindliche Siedlung liegt am Sonntagvormittag verschlafen vor uns. Wie spazieren eine ganze Weile einem Fluss folgend durch das Tal und genießen die Natur, bevor wir uns auf den Rückweg machen. Am Nachmittag suchen Tony und ich mit dem Dinghy nach geeigneten Tauch- und Snorchelspots, doch an den meisten Stellen in der Bucht betragen die Sichtweiten nur wenige Meter, das Wasser ist grünlich und etwas Spannendes zu sehen gibt es unter der Oberfläche auch nicht.













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