Montag 04.08.2025
Mein Rucksack hatte Ich gestern Abend schon gepackt, so bin Ich schnell abfahrtsbereit. Doch bevor Ich Buenos Aires verlasse, laufe Ich noch ein letztes Mal ins Stadtzentrum, um mir einen Schlafsack zu kaufen. Noch immer sollten die Temperaturen in Patagonien am zweistelligen Minusbereich kratzen – das bereitete mir Sorgen, denn mein die auf meinen Schlafsack angegebene „Limit“-Temperatur betrug lediglich -2° C. Online hatte Ich ein Angebot eines Outdoor-Geschäftes gesehen, das einen einfachen Schlafsack für lediglich zwanzig Euro anbot – wenn Ich den mit meinem Schlafsack kombinierte, könnte das funktionieren! Leider hat das Geschäft, dessen Angebot Ich gesehen hatte, geschlossen. Ich klappere ein paar andere Läden ab, doch nirgends finde Ich einen ähnlich preiswerten Deal – dann muss Ich also doch ohne zweiten Schlafsack auskommen. Mein Rucksack war sowieso schon schwer genug – 25 Kilogramm wiegt der laut einer Wage am Ausgang des Hostels, auf die Ich ihn vorm verlassen stelle. Mit einem Bus fahre Ich zu einer Autobahnauffahrt und bekomme dort schnell meinen ersten Lift. Zwar nimmt das Auto mich nur 10 Kilometer mit, doch für die brauchen wir in dem chaotischen Stadtverkehr der Metropole bereits 25 Minuten – das geht ja gut los! Beim Aussteigen drückt der Fahrer mir noch 40.000 Pesos in die Hand und wünscht mir dann eine gute Reise. Autobahnkreuz um Autobahnkreuz kämpfe Ich mich weiter aus dem dichten urbanen Raum heraus. Mit drei weiteren Mitfahrgelegenheiten und einer Stunde Fußmarsch, schaffe Ich es um 16 Uhr nach Cañuelas. Ab hier dürfe es einfacher werden, denn hier beginnt die „Ruta Nacional 3“ welche auf etwa 3000 Kilometern Länge bis an den südlichsten Zipfel des Kontinents führt – eine Woche plante Ich für die Strecke ein. Ich stelle mich neben der der Ruine einer alten Zuckerrohfabrik an die Fernstraße und strecke meinen Daumen aus. Nach einigem Warten hält ein weißer Mercedes-Truck mit langer Schnauze auf dem Bankett. Ein freundlicher älterer LKW-Fahrer öffnet mir die Beifahrertür und bietet mir an mich etwa 230 Kilometer mitzunehmen. Belustigt schaue Ich dabei zu, wie mein Fahrer sich während der Fahrt einhändig auf einem leicht dafür modifizierten Gaskocher heißes Wasser für seinen Mate macht. Als Ich wieder aus dem Lastwagen aussteige, ist es bereits dunkel. Ich kaufe mir zum Abendessen ein paar Empanadas und baue dann mein Zelt auf einer Grünfläche hinter der kleinen Shell-Tankstelle auf.
Dienstag 05.08.2025
Die Nacht ist kalt. Noch schlimmer als die Nacht ist allerdings der Moment, in dem Ich am Morgen aus dem einigermaßen warmen Schlafsack krabbeln muss und mir dann die Hände beim Einpacken des Zeltes abfriere – Ich bin so durchgefroren, dass Ich zwischendurch Ich die Tankstelle flüchte und mir einen heißen Kaffee bestelle. Als Ich wenig später zu dem neben der Tankstelle gelegenen Kreisel lauf, steht dort bereits ein Local, der sich am Trampen versucht. Weder Er noch Ich haben Erfolg und so beschließe Ich nach zwanzig Minuten m ich an einer andere, mehr frequentierte Ausfahrt des Kreisverkehrs zu stellen, die zwar einen kleinen Umweg bedeutet, aber auch in meine Richtung führt. Und siehe da: Ich werde prompt mitgenommen – wenn auch nur für ein kleines Stück. Ein weiterer Fahrer bringt mich zu einem nächsten Kreisel, an dem Ich eine knappe Dreiviertelstunde im eiskalten Wind stehe, bevor mich ein junger LKW-Fahrer einsammelt. Die Sprachbarriere macht die Kommunikation schwierig und doch verstehen wir uns irgendwie und schrubben einen Kilometer nach dem anderen. Zum Mittag lädt der Fahrer mich auf einen Hamburger an einem Imbisswagen ein, dann geht es zurück auf die Straße. Eine knappe Stunde vor Sonnenuntergang bringt mein Fahrer den Lastwagen am Rande einer großen Kreuzung zum Stehen. Ich bin ein bisschen verwirrt – mein Fahrer hatte die ganze Zeit dem Ort Rio Colorado geredet, dorthin sind es noch 140km, doch wie es scheint meinte er damit nicht seinen Zielort, sondern Ort, wo Ich als nächstes hinmüsste. Der Verkehr an der Kreuzung schießt mit einem Affenzahn an mir vorbei. Umso glücklicher bin Ich als irgendwann ein weißer Fiat stark auf die Bremse tritt und sein Fenster runterfährt „Rio Colorado?“ frage Ich, während Ich meinen Rucksack auf die Rückbank lege. Im Laufe der Fahrt stellt sich heraus, dass mein Fahrer nicht nur nach Rio Colorado fährt, sondern heute Abend noch fast 400 Kilometer zurücklegen will – Jackpot! Stundenlang fahren wir durch eine öde sich bis an den Horizont erstreckende Tundra-Landschaft erschaffen – die berühmte „Pampa“! Die Fahrt auf der endlos schnurstracks geradeaus durch die weite baumlose Strauchlandschaft führenden Straße erinnert mich stark an Namibia. Als die Straße bei Sonnenuntergang dann durch eine Salzpfanne – wie die im Etosha Nationalpark – führt, frage Ich mich schlussendlich, ob Ich im falschen Film bin – zumal der Himmel wolkenlos blau ist und man im Auto nichts von den eisigen Außentemperaturen merkt. Es fehlt nur noch, dass ein paar Giraffen oder Zebras am Straßenrand stehen – doch Ich keine! Mein Fahrer und Ich verstehen und blendend; die Sprachbarriere scheint auf einmal verschwunden. Um halb neun erreichen wir nach 3,5 Stunden, in denen wir kaum einem anderen Auto begegnet waren, den Ort Las Grutas. Hinter der Tankstelle, an der Ich rausgelassen werde, befindet sich ein richtiger kleiner Campingplatz mit Grills und Mülleimern. Umso mehr verwundert es mich, dass hier gleich mehrere „No Acampar!“-Schilder hängen. Das schreckt mich allerdings nicht davor ab, dort mein Nachlager aufzuschlagen.
Mittwoch 06.08.2025
Es dauert heute Morgen eine gefühlte Ewigkeit, bis Ich endlich eingesammelt werde. Ein alter in dicke Winterklamotten eingepackter Mann in einem ebenso alten Auto verspricht mir mich knapp 30 Kilometer mitzunehmen. Kaum sitze Ich im Auto fordert er mich dazu auf irgendein spanisches Glaubensbekenntnis mit ihm zu sprechen. Zwar scheint es sich dabei ein christliches Glaubensbekenntnis zu handeln, doch Ich möchte nichts wiederholen, was Ich nicht verstehe. Als mein Fahrer dennoch nicht lockerlässt, steige Ich mitten in der Pampa aus – gegen Mission habe Ich nichts, aber das ist eine Nummer zu offensiv! Infolgedessen stehe Ich eine knappe Stunde am Straßenrand im Nirgendwo. Ich glaub schon nicht mehr dran hier wegzukommen, als ein alter 40 Tonner anhält. Der Fahrer, ein schweigsamer Mann mit Vollbart und Baskenmütze in einem blauen Overall, nimmt mich knappe 100 Kilometer mit und schmeißt mich dann plötzlich am Eingang einer Ortschaft raus, weil er dort einen Polizeicheckpoint befürchtet. Zu Fuß stapfe Ich auf die andere Seite der Stadt. Ich bin kurz davor den Ortsausgang zu erreichen, da hält ein vollständig mit braunem Matsch bespritzter Toyota Hilux neben mir – in ihm sitzt ein Tierarzt mit muskulöser Statue, kurzgeschorenen Haaren und Sonnenbrille; im Radio läuft ein Rocksong der Band „Linkin Park“. Nach 150 weiteren Kilometern auf denen Ich nichts anderes als endlose Pampa-Landschaft und ein paar Guanakos – eine wild lebende Art des Lamas – sehe, erreichen wir Puerto Madryn. Zwar ist es erst Mittag, doch Puerto Madryn ist bekannt für die unzähligen Wale, die in der Bucht vor der Stadt beheimatet sind – hier wollte Ich den restlichen Tag verbringen. Am Strand koche Ich mir auf einem Campingkocher eine Portion Nudeln und beobachte dabei, wie im Sekundentakt Wale aus dem Wasser auftauchen und Fontänen in die Luft pusten. Ein einzig artiges Schauspiel, dass sich mit meinem Handy leider nicht einfangen lässt – auf den Fotos und Videos sieht man ausschließlich winzige schwarze Punkte. Im Laufe des Nachmittags spaziere Ich die Promenade entlang, bis Ich irgendwann einen außerhalb der Stadt gelegenen Strand mit Dünen erreiche. Hier schlage Ich mein Zelt für die Nacht auf – endlich mal wieder ein richtig schöner Schlafplatz! Um kurz nach sechs geht die Sonne unter und Ich genieße einen traumhaften Sonnenuntergang über dem Meer. Doch mit der fehlenden Sonne kommt schon bald auch die nächtliche Kälte. Zwar ist es in meinem Schlafsack kuschelig warm, nur kann Ich, wenn Ich in dem liege, nichts mehr tun – mir ist langweilig. Klar, schlafen könnte Ich … aber die Nacht geht fast 15 Stunden – so viel Schlaf braucht kein Mensch! Wildcampen inmitten der Natur ist wundervoll – bei den momentan langen Nächten präferierte Ich allerdings einen Schlafplatz neben einer Tankstelle, wo Ich bis in den späten Abend im Warmen an meinem Laptop sitzen konnte und erst, wenn Ich wirklich schlafen wollte, in meinen Schlafsack krabbeln musste.
Donnerstag 07.08.2025
Zügig habe Ich am Morgen mein Zelt abgebaut und stehe dann auf einmal vor einem Problem: Ich hatte am äußersten Rand der Stadt geschlafen – von hier, bis zu dem Kreisverkehr, von dem Ich weitertrampen könnte, sind es zu Fuß mehr als drei Stunden. Uber gibt es in Puerto Madryn nicht und Informationen zu den Buslinien finde Ich auch keine. Verzweifelt versuche Ich, nachdem Ich ein Stück in die Stadt gelaufen bin, den dortigen Verkehr anzuhalten – die Erfolgschancen gehen gleich null und doch hält irgendwann jemand an. In brüchigem Spanisch erkläre Ich dem jungen Fahrer, wo Ich hinwill, und steige ein. Aufgrund von Kommunikationsproblemen fahren wir erst eine halbe Stunde kreuz und quer durch die Stadt, bis man mich tatsächlich zu einem geeigneten Trampspot bringt – Inzwischen ist es schon fast Mittag. Immerhin muss Ich nicht lange warten, bis Ich dort einen nächsten Lift bekomme, mit dem Ich in die Nachbarstadt Trelew gelange. Dort sammelt mich eine liebevolle ältere Dame ein, die ihren Sohn im fünf Stunden entfernten Comodoro Rivadavia besuchen will. Wirklich wo anders hinfahren, kann sie auch nicht, denn zwischen Trelew und Comodoro Rivadavia kommt 380 Kilometer lang nicht als die weiten Tundra-Landschaften der Pampa. Stunde für Stunde fahren wir durchs Nirgendwo. Wieder fühle Ich mich an das südliche Afrika erinnert, bis auf einmal Schnee am Straßenrand auftaucht – der passt hier irgendwie nicht hin! So deplatziert und surreal der weiße Schnee dieser trockenen kargen Landschaft aussieht, so sehr freue Ich mich auch über ihn. Auf etwa halber Strecke steht mitten in der Pampa eine kleine Tankstelle. Unser Tank reicht nicht mehr für die restlichen 200 Kilometer und so wollen wir dort tanken. Doch als wir an der Reihe sind, bricht auf einmal Chaos aus – der Kraftstofftank der Tankstelle ist leer. Eine dreiviertel Stunde warten wir hilflos ausgeliefert, bis endlich ein Tanklaster ankommt und die Tankstelle wieder auffüllt. Gegen 16 Uhr erreichen wir Comodoro Rivadavia. Unglücklicherweise werde Ich an einer Kreuzung noch einige Kilometer vor der Stadt herausgelassen – von hier einen Lift durch den städtischen Verkehr hindurch auf die andere Seite zu finden ist nahezu unmöglich. Deprimiert laufe Ich zur nächsten Tankstelle, schlage dort mein Zelt auf, dusche heiss und schreibe den Abend über noch ein wenig an meinem Blog.
Freitag 08.08.2025
Um zu einem geeigneten Trampspot auf der anderen Seite der Stadt zu gelangen, bestelle Ich mir einen Uber. An einem Kreisel stehe Ich mir eine Stunde lang die Beine in den Bauch, bevor endlich jemand anhält und sich erdreistet mich in die nächste Stadt mitzunehmen. Dort lässt man mich leider wieder direkt am Ortseingang raus. Schonwieder einen Uber nehmen wollte Ich nicht und so mache Ich mich zu Fuß auf den Weg durch die Stadt und strecke beim Laufen hin und wieder einigen Autos genervt meinen Daumen entgegen. Tatsächlich kurbelt irgendwann ein junger Mann sein Fenster runter und zeigt sich bereitwillig mich zum Ortsausgang zu fahren. Der Verkehr dort ist überschaubar – auf den nächsten 400 Kilometern gab es nicht viel außer Pampa und ein paar kleinen Dörfern. Nach einigem Warten hält ein Polo, und nicht mich mit in das nächstgelegene dieser. Neben ein paar alten amerikanischen Autos, die auf einer Wiese stehen, stelle Ich mich an die Straße. Die meisten LKW-Fahrer, die an mir vorbeifahren, kennen mich bereits – seit Tage lieferten wir uns ein Katz und Maus Spiel. Stand Ich an der Straße fuhren sie an mir vorbei, sobald Ich einen Lift bekam, war meist Ich in dem schnelleren Fahrzeug und überholte sie wieder. Ein Toyota Pick-Up nimmt mich 200 Kilometer mit durch die Tundra in ein weiteres winziges Dorf. Es ist bereits später Nachmittag – mit jeder Minute, die vergeht befürchte Ich mehr und mehr heute hier zu stranden, als plötzlich ein großer weißer Lastwagen auf die Bremse tritt. Nicht nur nimmt er mich, er fährt heute sogar noch bis nach Rio Gallegos, der letzten größeren Stadt vor Feuerland. Fünf Stunde sitzen wir gemeinsam im LKW, bevor Ich am späten Abend an einer Kreuzung aussteige. „In einem Kilometer kommt dort eine Tankstelle“ hatte mein Fahrer mir gesagt, doch als Ich auf die Karte gucke, stelle Ich fest, dass die Tankstelle fünf und nicht einen Kilometer entfernt ist. Müde schreite Ich durch die Dunkelheit der kalten Nacht. Ich habe gerade den ersten Kilometer geschafft da hält ein Wagen mit beschlagenen Scheiben neben mir – so zwielichtig das Auto aussieht, steige Ich ein und lasse mich bis zu der Tankstelle mitnehmen. Kaum bin Ich aus dem Auto gestiegen, klärt mich schon ein Mitarbeiter der Tankstelle auf, dass Ich hier nicht campen dürfe. „Vielleicht kannst du beim Supermarkt über den Zaun klettern. Die haben zwar Kameras … aber dann bist du zumindest nicht auf unserem Gelände“ schlägt der Mitarbeiter mir vor – sehr witzig! Ich entscheide mich dagegen beim Supermarkt einzubrechen und schlage mein Zelt stattdessen 200 Meter neben der Tankstelle auf einem brachliegenden Grundstück auf. Nicht der beste Schlafplatz – aber für eine kurze Nacht sollte es reichen!
Samstag 09.08.2025
Eine Schicht im Licht meiner Stirnlampe glitzernder Eiskristalle liegt auf der Plane meines Zeltes, als um fünf Uhr mein Wecker klingelt. Der Lastwagenfahrer, der mich gestern bis hierhin mitgenommen hatte, hatte mir versprochen, dass er heute Morgen um sechs an der Tankstelle vorbeikäme. Wenn Ich dann an der Straße stünde, könne er mich bis ins 380 Kilometer entfernte Rio Grande mitnehmen. Erwartungsvoll stehe Ich also mit deutscher Pünktlichkeit bei eisigen Temperaturen an dem nächtlichen Kreisel neben der Tankstelle – doch es herrscht kaum Verkehr. Als auch vierzig Minuten nach der verabredeten Zeit jede Spur des Lastwagens fehlt, setzte Ich mich bis zum Sonnenaufgang in die warme Tankstelle. Um halb neun geht die Sonne auf – wobei man davon unter der dichten Wolkendecke nicht viel mitbekommt. Da sich auch jetzt der Verkehr noch in Grenzen hält, laufe Ich sieben Kilometer an eine besser geeignete Kreuzung – anderthalb Stunden stehe Ich dort und friere mir den Arsch ab. 380 Kilometer nach Rio Grande klingen nicht nach sonderlich viel, doch die Strecke führt einmal durch Chile hindurch – man muss also zweimal eine Landesgrenze überqueren – und Rio Grande liegt auf Feuerland – man müsste also auch noch mit einer Fähre die Magellanstraße kreuzen. Entsprechend verstehe Ich ein wenig, dass niemand so wirklich motiviert ist mich mitzunehmen. Irgendwann sammelt mich ein junger Chilene ein und nimmt mich zumindest mit an die erste Grenze. Der Grenzübertritt verläuft – abgesehen von einer ewig langen Warteschlange und den komplizierten Zolldeklarationsregeln Chiles – problemlos. Hinter dem Grenzposten stehe Ich dann wieder vor demselben Problem – niemand nimmt mich mit. Hoffnungslos strecke Ich einem Lastwagen, der einen markanten pinken Container geladen hat, meinen Daumen entgegen – der LKW war in den letzten Tagen ein halbes dutzend Mal ein mir vorbeigefahren. Doch zu meiner Überraschung hält der Fahrer nun und öffnet mir die Tür des kuschelig war beheizten Führerhauses. Nach einer Stunde erreichen wir die kleine Fähre, die im Pendelrhythmus die Magellanstraße überquert. Schon nach kurzem Warten sind wir an der Reihe und setzten vom südamerikanischen Festland nach Feuerland über. Drei weitere Stunden sind es von da an bis Rio Grande. Während der Fahrt höre Ich mir die beeindruckende und zum Nachdenken anregende Lebensgeschichte meines Fahrers an und erzähle ihm – soweit mein Spanisch das zulässt – die meinige. Der erneute Grenzübertritt – diesmal von Chile zurück nach Argentinien – und ein kleiner Motorschaden ziehen unsere Fahrt noch ein wenig in die Länge, sodass wir erst kurz nach Sonnenuntergang Rio Grande erreichen. An einer Tankstelle, neben der nach Ushuaia führenden Abfahrt – dorthin sind es nun nur noch 200 Kilometer – steige Ich aus, gönne mir einem Burger und schlage dann mein Zelt hinter dem Gebäude auf.
Sonntag 10.08.2025
In meinem Schlafsack war es die Nacht über angenehm warm und so bin Ich ein wenig überrascht, dass mein Zelt schonwieder eingefroren war. Diesmal ist die Eisschicht sogar so dick, dass Ich die Heringe aus dem Boden ziehen kann und das Zelt dennoch nicht in sich zusammenfällt – nur das zusammenpacken ist so ein wenig schwierig. Einige Stunden sitze Ich noch im Café der Tankstelle und schreibe an meinem Blog, mit dem Ich nach der ereignisreichen Woche mal wieder reichlich hinterherhing. Irgendwann setzen sich die Hummeln im Hintern dann aber doch durch – die Sonne scheint, Ushuaia wartet, Blog schreiben kannst du auch morgen noch! Nach etwa 30 Minuten hält der graue Ford-Pickup einer Frau mittleren Alters neben mir – man kann mich bis nach Ushuaia mitnehmen. Bald lassen wir die Pampa-Landschaft hinter uns und fahren auf einer schmalen Passstraße durch die Berge. Weiße Gipfel ragen am Horizont in die Höhe und auch am Straßenrand liegt Schnee – Ich drücke mir die Nase am Fenster platt. Nach zwei Stunden Autofahrt erreichen wir dann Ushuaia, man setzt mich Stadtzentrum aus. Zu Fuß laufe Ich noch einige Schritte, bevor Ich meinen Rucksack strahlend vor dem „Fin del Mundo“-Schild zu Boden fallen lass. Ich war dort – Am Ende der Welt; in der am südlichsten gelegenen Stadt unserer Erde! Noch dazu hatte Ich das unglaubliche Glück an diesem abgelegenen Ort, eine Couchsurferin gefunden zu haben, die mich hostete. Die Zeit, bis sie am Abend nach Hause käme und mich in Empfang nehmen könne, nutze Ich, um mir ein wenig die Stadt anzugucken. Wer sich bei der südlichsten Stadt der Welt eine kleine Hüttensiedlung vorstellt, liegt falsch – Ushuaia hat annährend 100.000 Einwohner. Ihr Titel macht die Stadt zum Touristenmagneten, zumal sie der Ausgangspunkt für Antarktis-Kreuzfahrten ist. Entsprechend wirkt die Stadt auch: Es gibt ein Hard-Rock-Café, Stores aller großen Outdoormarken und unzählige Souvenirlädchen – dabei trägt jedes Geschäft wahlweise den Titel „The southernmost …“ oder „… at the end of the world“. Gegen 17:00 Uhr treffe Ich meine Gastgeberin. Sie lebt direkt im Zentrum in einem kleinen Apartment im sechsten Stock und hat einen spektakulären Ausblick über die Stadt. Anastasia stammt ursprünglich aus Russland, 2013 war sie zu einer Südamerika-Reise aufgebrochen – nur mit einem Rucksack. Während der Corona-Pandemie blieb sie auf Feuerland hängen und bekam durch Zufälle einen Job im Hafen, vertretungsweise half sie auf einem der Antarktis-Expeditionsschiffe aus und arbeitet seitdem als Guide auf dem weißen Kontinent. Beeindruckend!
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