Montag 10.02.2025 – Bootsalltag
Sobald um halb sechs der Marina-Manager des Yachtclubs eintrifft, betanken wir unser Boot mit 760 Litern feinstem Diesel, bevor wir dem Yachtclub dem Rücken kehren und wieder zurück zu unserem eigentlichen Liegeplatz in der V&A Waterfront schippern. Dort wartet bereits ein Mitarbeiter der Firma „North Sails“ auf uns, der unser Boot vermisst und dann unseren „asymmetrischen Spinnaker“ mitnimmt, um ihn zu kürzen – Donnerstag hätten wir das Segel wieder, verspricht er. Nach dem Mittag begleite ich Ilya zu einem Angel-Fachgeschäft, bei welchem Er sich eine weitere Angel für das Boot kauft. Als wir zurück sind, warten dann drei Nachhilfestunden – unterbrochen vom Abendessen – auf mich. Am Abend bekomme ich noch spontanen Besuch von Harald und Lizz, dem Pastorenehepaar der Stadtmission, die gekommen waren, um sich zu verabschieden und das Boot zu begutachten, auf dem ich nun lebte.
Dienstag 11.02.2025 – wackelnder Fußabtreter
Den ganzen Tag gehen allerlei Handwerker auf unserem Boot ein und aus – der Saloon-Tisch wird lasiert, der defekte Abfluss eines unserer Waschbecken repariert, einer der Kühlschränke wird noch einmal ausgetauscht und im Außenbereich werden zwei Angel-Halterungen unter der Decke angebracht. Lauter Kleinigkeiten, die zwar nicht von essenzieller Bedeutung sind, aber dennoch gerne erledigt werden sollen. Eine weitere solche Kleinigkeit und den Weg ihrer Reparatur möchte Ich dir keinesfalls vorenthalten: Vor der Tür in den Saloon des Katamarans befindet sich ein Fußabtreter. Nun ist es so, dass dieser wackelt man, wenn auf ihn tritt. Da das dadurch entstehende Geräusch durchaus störend sein kann, hatte Ilya einen der Arbeiter gebeten das Problem zu beheben. Infolgedessen schliff dieser den Glasfaserboden unterhalb der Metallplatte ab, in der Hoffnung diesen an die krumme Stahlplatte anzupassen – ohne Erfolg (abgesehen davon, dass damit nun auch der Lack ab war, und der Boden somit erneut lackiert werden musste). Als nächstes probierte man mit einem Füllmaterial die Krümmung der Platte auszugleichen. Das reduzierte das Kippeln tatsächlich – aber auch nur so lange, bis der Arbeiter die frisch aufgebrachte Füllmasse in Vorbereitung auf das Lackieren wieder vollständig abschliff. Er wiederholte den Prozess also noch einmal. Nach einigen Stunden hatte der Arbeiter den Boden tatsächlich weitestgehend an die Platte – die kippelte leider immer noch – angepasst. Da ging ihm ein Licht auf: In der Firma lägen noch weitere Platten, die nicht verzogen waren, erzählt er Ilya und mir, die könne er aber nicht nutzen, da er den Boden nun ja mit einer Krümmung versehen hatte, stellt er im Anschluss fest. Innerlich schlage ich mir in diesem Moment mit der Hand gegen den Kopf, während ich nicht weiß, ob ich lachen oder weinen soll. Aber, alles gut! Noch lässt sich das Ganze schließlich mit „This is Africa!“ entschuldigen – ich bin mal gespannt, ob das in Südamerika ebenfalls so ist und welche Entschuldigung dort angebracht wird. Jener Fußabtreter zumindest, wackelt auch heute noch.
Mittwoch 12.02.2025 – Bürokratie
Am Morgen mache ich mich mit einem Uber auf den Weg zum Hafen, erledige dort einige Besorgungen für Ilya, und fahre dann ein letztes Mal – dachte ich zumindest – zum Royal Cape Yacht Club. Hier will ich ein Schreiben abholen, welches wir zum Ausklarieren benötigen würden, doch damit man mir das Schreiben ausstellen kann, braucht man die Reisepässe aller Crewmitglieder – und die habe ich nicht dabei. Dennoch war mein Besuch nicht ganz umsonst: Von der Rezeptionistin erfahre ich, dass die „Immigration“ des Hafens – entgegen unseren bisherigen Informationen – auch sonntags geöffnet sei. Nur der Zoll sei am Sonntag nicht da, doch dem könnten wir unsere Papiere unkompliziert per Mail zuschicken – wir könnten also doch schon diesen Sonntag die Segel setzen und müssten nicht bis Montag warten. „Willst du die gute Nachricht oder die schlechte Nachricht zuerst?“ frage ich Ilya am Telefon und informiere ihn über den Stand der Dinge, bevor ich mich zurück auf den Weg in die Waterfront mache. Auf dem Katamaran herrscht derweil Mittagsruhe. Keine Arbeiter, Ilya döst vor sich hin – Siesta auf der SeaEsta – und auch ich reihe mich in das Nichtstun ein und fläze mich auf das Ecksofa. Nachdem ich mich nun nichtmehr um die Atlantiküberquerung sorgen musste, kreisen meine Gedanken um das letzte Stück dieser Etappe: Unsere gemeinsame Überfahrt würde auf Grenada enden, doch wie würde ich von dort auf das südamerikanische Festland gelangen? Fähren gab es keine. Die nächstgelegene Küste, jene von Venezuela, war aufgrund der fragilen Sicherheitslage in dem Land bei Seglern nicht gerade beliebt. Ob es genug Boote gäbe? Schon irgendwie beeindruckend, wie es der Mensch schafft sich um jede noch so kleine Eventualität zu sorgen.
Donnerstag 13.02.2025 – Russisch
Gegen Mittag wird das gekürzte Spinnanker-Segel geliefert und wird direkt einmal testweise gesetzt – nun passt es. Und auch die Handwerker schaffen es – entgegen allen Wetten – heute tatsächlich alle noch offenen Punkte abzuarbeiten – der Katamaran ist bereit für die große Fahrt. Am späten Nachmittag kommt Pavel, unser drittes Crewmitglied in der Waterfront an. Der frisch aus Moskau eingeflogene Russe in seinen späten Dreißigern, ist mir sofort sympathisch. Was mir weniger sympathisch ist, ist die Sprache, die von nun an an Board gesprochen wird: Russisch. Bisher hatte ich mich mit Ilya auf Englisch unterhalten, nun sprach er nur noch Englisch, wenn er direkt mit mir oder über für mich relevante Dinge spricht. Mal sehen wie viel Russisch ich in den kommenden Wochen lerne. Eine Sache meine ich aus der russischen Unterhaltung zwischen Ilya und Pavel direkt schon herauszuhören – ich dürfe meine Kabine wohl behalten. Ursprünglich hatte man mir mal angekündigt, dass – da wir vier Leute waren und es nur drei Kabinen gab – ich auf der Couch im Saloon schlafen müsse. Doch da sich Ilya und sein Sohn eine Kabine teilen würden, war das nun nicht der Fall.
Freitag 14.02.2025 – Großeinkauf
Das Frühstuck sieht heute anders aus als die vergangenen Tage: Hatten Ilya und Ich uns bisher morgens einfach gesondert einen Teller Müsli genommen oder ein Ei in die Pfanne gehauen, decken wir heute den Tisch richtig ein und sitzen dann gemeinsam bei Avocado-Lachs-Toasts draußen am Tisch – was so ein neues Crewmitglied alles bewirken kann. Im Anschluss an das Frühstück, beschäftigen wir uns dann mit der Einkaufsliste für die Atlantikpassage. Was kauft man für fünf Wochen ein? Wieviel passt in unsere Kühlschränke? Wir gehen tageweise die Woche durch. Montag gibt es zum Frühstück Avocado Toasts, zum Mittag zum Spaghetti Bolognese und zum Abendessen Gulasch. Dienstag gibt es zum Frühstück Müsli, zum Mittag Suppe und zum Abendessen Teriyaki-Hänchen mit Reis. Die Gesamt-Lebensmittelmenge, die wir auf diese Weise für eine Woche erhalten, nehmen wir dann einfach mal fünf und schon haben wir unsere Einkaufsliste. Dreimal gehen wir allein heute einkaufen und füllen unseren blauen Falt-Bollerwagen dabei jedes Mal so voll, dass sich dessen Achsen biegen. Läuft man durch die Regale des Supermarkts fällt einem einfach noch so viel mehr ein, was man braucht – oder zu brauchen glaubt – und so landen bei jedem Gang durch den Discounter auch unzählige Dinge im Wagen, die nicht auf der Liste standen. Ilya sieht mir an, dass ich mich um meine Reisekasse sorge, als Er und Pavel gerade literweise Wein aus den Regalen räumen – die Kosten für den Alkohol würde ich nicht mittragen müssen. Als unser Gefrierschrank – gefüllt mit 40 Kilogramm Fleisch und weiteren zehn Kilogramm Fisch – an die Grenzen seiner Kapazitäten kommt, hören wir vorerst mit dem Einkaufen auf.
Samstag 15.02.2025 – Ruhe vor dem Sturm
Die meisten Einkäufe sind erledigt, alle arbeiten am Boot abgeschlossen – nun warten wir nur noch darauf, dass morgen Boris, unser viertes und letztes Crewmitglied, ankäme, damit wir die Segel setzen könnten. Ich nutze die freie Zeit, um den Blog-Beitrag über die vorletzte Woche noch fertig zu schreiben und noch einmal mit meinen Eltern und meinen Großeltern zu telefonieren, bevor es morgen auf große Fahrt ginge. Am Vormittag heißt es zudem noch einmal „Deck schrubben!“, damit dieses für die Überfahrt so richtig schön glänzt. Und auch einkaufen gehen wir dann doch nochmal – irgendetwas fällt einem immer noch ein – die nächsten sechs Wochen wären Supermärkte schließlich rar gesät.
Sonntag 16.02.2025 – Holpriger Start
Ein letztes Mal räumen wir am Vormittag den Supermarkt leer und füllen unseren Bollerwagen bis zum Rand mit Obst- und Gemüse. Gegen Mittag vervollständigt dann Boris, Ilyas 23-jähriger Sohn, unsere Crew und wir machen uns direkt auf den Weg zur „Immigration“. Wir sind die Einzigen in der kleinen Grenzstation am Hafen und genießen die ungeteilte Aufmerksamkeit der gelangweilten Beamten. Angespannt – mein Visum war ja vor 17 Tagen abgelaufen – fülle ich alle notwenigen Formulare für uns aus. Ein Stein fällt mir vom Herzen, als die Beamtin hinter der Glasscheibe das Formular mit den Ablaufdaten der Visa einfach, ohne es eines Blickes zu würdigen, hinter die anderen Papiere heftet. Doch dann kommt der Endgegner – die elektronische Passkontrolle. Ein älterer Beamter mit Glatze nimmt unsere Pässe und zieht sie nacheinander durch das Lesegerät. Spätestens jetzt müsste mein überzogenes Visum doch auffallen?! Doch der Beamte bittet mich einfach nur meine verschwitzten Finger auf den Fingerabdruckscanner zu legen, macht ein Foto von mir, drückt meinen Ausreisestempel auf eine freie Seite und gibt mir mit einem freundlichen Lächeln meinen Pass zurück. „That‘s it. Have a good journey!“ – Ich kann mein Glück kaum fassen! Eine Stunde später machen wir dann die Leinen los und schippern durch die Klappbrücken hindurch aus der Waterfront-Marina hinaus in die Tafelbucht. Toni und Monika, von denen ich mich heute Mittag noch verabschiedet hatte, stehen mit Deutschlandfahne in der Hand auf der Kaimauer und winken. Nun ginge es los – auf zu neuen Ufern! Die ersten Minuten verlaufen ohne Probleme, wir ziehen erst unser Hauptsegel hoch und dann auch direkt den Spinnaker – der Wind bringt uns mit zügigen zehn Knoten vorwärts. Mit einem Glas Sekt in der Hand stoßen wir auf die Reise an, während Kapstadt hinter uns immer kleiner wird. Doch sobald wir den Windschatten des Tafelbergs verlassen, bekommen wir zu spüren, was die Windvorhersage schon prophezeit hatte: Mit über dreißig Knoten (56km/h) peitscht der Wind übers Wasser, der Katamaran gerät ordentlich ins Wanken. Noch bevor Ilya den Befehl dazu geben kann, unseren Spinnaker – welcher nicht für diese Windgeschwindigkeiten gemacht ist – einzuholen verfängt dieser sich in unserem Jib (ein anderes Vorsegel) und wickelt sich um dieses herum. Vier Stunden, in denen viel geflucht, geschimpft, geschrien wird, vergehen bis wir es irgendwie mit vereinten Kräften schaffen das Segel einzuholen. Der Spinnaker gibt dabei mit einem lauten „rttsch“ den Kräften des Windes nach, die an ihm befestigte Leine landet im Wasser und verfängt sich in unserer Schiffsschraube. Nachdem das Segel unten ist, kehrt Ruhe an Board ein. Pavel, dessen Gesicht auch nach zweimaligen Fische Füttern noch immer grasgrün ist, verschwindet in seiner Kabine und auch Boris, der nach dem 16 Stunden Flug aus den USA unter einem Jetlag leidet, sehe ich von da an nicht mehr. Ich stehe also mit Ilya allein im Cockpit, während langsam die Nacht hereinbricht. Auch ich bin müde und habe von dem ganzen Herumgeschaukel ein flaues Gefühl im Magen, meine Kleidung ist von den gelegentlich über die Bordwand peitschenden Wellen durchnässt – doch Ilya allein dastehen lassen, möchte ich auch nicht. In den folgenden Stunden reißt die Leine unseres zweiten Reefs (mithilfe der insgesamt drei Reefs lässt sich das große Hauptsegel stückweise einholen) und ich erleichtere mich einmal um meinen Mageninhalt über die Reling. Danach geht es mir wieder erstklassig und ich verspüre sogar – im Gegensatz zu allen anderen – etwas Hunger – abgesehen von einigen Pfannkuchen am Morgen, hatten wir heute noch nichts gegessen. Inzwischen war es spät geworden. In meiner nassen Kleidung döse ich mit angelegter Rettungsweste und Sicherungsleine auf der Sitzbank etwas vor mich hin – dazu Nachtschichten einzuteilen waren wir noch nicht gekommen. Gegen Mitternacht werden meine Augenlider dann so schwer, dass ich nicht mehr kann – Ilya wird das schon geregelt bekommen. Das Fazit des ersten Tags. Ein gerissenes Segel, eine blockiere Schiffsschraube, eine gerissene Leine und eine vollkommen erschöpfte, teils seekranke, Crew – das fängt ja gut an!
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