Montag 14.07.2025
Eigentlich hatte Ich heute gemeinsam mit Joe heute auf einen Markt gehen wollen, doch Joe schläft auch am späten Morgen noch. Die Südkoreanerin, erzählt mir, dass er gestern Abend starke Schmerzen gehabt habe und mitten in der Nacht ins Krankenhaus gegangen sei. Ich mich also allein auf den Weg in den vierten Distrikt der Stadt, um mich ein weiteres Mal auf die Suche nach neuen Schuhen zu machen – denn meine Sneaker bestanden inzwischen mehr aus Loch als aus Schuh und in Uruguay sowie Argentinien würden neue Schuhe wesentlich mehr kosten. Zu meiner Überraschung hat gleich der erste Marktstand, bei dem Ich gucke Schuhe in meiner Größe. Ein paar schwarze Sneaker die vollständig aus Plastik bestehen – nicht besonders atmungsaktiv, aber mit Sicherheit wasserfest. Angefixt von dem Gedanken vielleicht doch noch irgendwo etwas Wander- und Wintertauglicheres zu finden, gucke Ich weiter. Die meisten Händler schütteln mit dem Kopf: Stiefel? In der Größe haben wir nur Sneaker! Doch dann – einige Stände weiter – kramt eine Händlerin ein Paar Kunstleder-Arbeitsstiefel aus ihrem Lagerraum. Und sie passen! Es sind nicht meine Traumschuhe, doch Ich glaube hier nichts Besseres finden zu können – und was soll man bei 17 Euro für ein Schuhpaar schon falsch machen. Aus dem Hostel hole Ich mir noch schnell Socken – da Ich in Sandalen unterwegs war, hatte Ich keine dabei – probiere die Stiefel noch einmal an und kaufe sie dann. Den restlichen Tag über sitze auf der Terrasse des Hostels und unterhalte mich mit den anderen Reisenden. Das Hostel hatte mir unglaublich gut gefallen, die Menschen waren nett und nicht zuletzt hatte Ich hier viele Dinge von meiner ToDo-Liste abhaken können. Die Idee morgen abzureisen, gefällt mir noch nicht so wirklich – doch nach einer ganzen Woche in Asuncion war es an der Zeit dafür.
Dienstag 15.07.2025
Schweren Herzens packe Ich am Morgen meine letzten Sachen ein und verlasse das Hostel. Vom Stadtzentrum aus fahre Ich eineinhalb Stunden mit einem Bus zur argentinischen Grenze. Der Grenztritt klappt problemlos, wieder bekomme Ich keinen Einreisestempel, aber das kenn Ich nun ja. Auf der Seite der Grenze dauert es eine halbe Ewigkeit, bis mich endlich jemand einsammelt – und mich fünf Kilometer weiter an einer Tankstelle absetzt. Nachdem Ich dort keinen Erfolg habe, laufe Ich in Richtung eines Polizei-Checkpoints am Ortsausgang. Den letzten Kilometer dorthin nimmt mich ein Moped mit. Die Beamten an der Straßenkontrolle beäugen mich kritisch, durchsuchen einmal meinen gesamten Rucksack, dann darf Ich hundert Meter hinter dem Checkpoint mein Glück versuchen. Zwei weitere Stunden vergehen bis endlich ein alter Kombi mit zwei Männern darin anhält und mich mitnimmt. Um 16 Uhr erreichen wir die Stadt Formosa an deren Ortseingang Ich aussteige. Ein kurzer Blick auf meine Karte verrät mir, dass es hier einen kostenlosen Campingplatz an einer schönen Lagune gäbe – mit dem Haken, dass man dort vom Ortseingang satte zwei Stunden hinläuft. Dennoch entscheide Ich mich dafür und beginne dort hinzulaufen. Ich bin vielleicht einen Kilometer weit gekommen, da hält neben mir ein Auto. Der junge Fahrer fragt mich, wo Ich hinwill, und bietet mir dann an mich zu der Lagune zu bringen – wenig motiviert akzeptiere Ich das Angebot. So stehe Ich schon 15 Minuten später an der kleinen Lagune und bin überrascht als der Mann, der mich auf der Fahrt mit interessierten Fragen durchlöchert hatte, mich, nicht einmal Geld für den Fahrservice haben will. Mit guter Aussicht schlage Ich mein Zelt auf und koche mir eine Portion Nudeln mit Tomatensauce. So verlockend das Wasser der idyllischen Lagune aussieht: Schwimmen gehen sollte man hier nicht – unter der trügerischen Wasseroberfläche tummeln sich hungrige Piranhas. Nach dem Sonnenuntergang verkrieche Ich mich in mein Zelt und entschließe mich einen Film zu gucken. Joe, hatte mir vergangene Woche den Film Into The Wild empfohlen, Ich hatte ihn mir daraufhin heruntergeladen und konnte ihn nun offline auf meinem Tablet schauen. Inspiriert von der auf wahren Gegebenheiten basierenden Geschichte schlafe Ich ein.
Mittwoch 16.07.2025
Der Lärm einiger Arbeiter, die schon um halb acht direkt neben meinem Zelt einige Holzpfosten austauschen, weckt mich. Doch die Anwesenheit der Arbeiter hat auch Ihre Vorteile: Sie können mich, nachdem Ich mein Zelt abgebaut habe, die ersten Kilometer von der menschenleeren Lagune mit in die Stadt nehmen. So sind es dann „nur noch“ anderthalb Stunden Fußweg, bis Ich einen geeigneten Platz zum Trampen nahe eines Polizeicheckpoints erreiche. Es dauert noch einmal eine knappe Stunde bis endlich ein moderner SUV anhält und mich einsammelt. In ihm sitzen zwei Paraguayer, die auf dem Weg zu einem Angel-Ausflug sind – fast 200 Kilometer können sie mich auf ihrem Weg mitnehmen. In der Stadt Corrientes trennen sich unsere Wege, innerhalb weniger Minuten finde Ich dort einen nächsten Lift, der mich noch einmal einige dutzend Kilometer weiterbringt. Bei starkem Wind und Nieselregen steige Ich am Nachmittag an einer kleinen Kreuzung mit zwei Tankstellen und diversen Obstständen aus dem Auto. An der Straße stehen macht bei diesem Wetter keinen Spaß und so setze Ich mich in einer der Tankstellen und schreibe ein wenig an meinem Blog. Im Laufe des Abends lässt der Regen langsam, aber sicher nach. Mehrfach versuche Ich mein Zelt aufzuschlagen, doch zum einen ist der Boden steinhart, so dass Ich meine Zeltheringe dort nicht reinbekomme – die brauche Ich in Anbetracht des Windes – zum anderen setzt immer, wenn Ich mein Zelt aus dem Rucksack hole, der nächste Regenschauer ein. Ein alternativer Platz bei der gegenüberliegenden Tankstelle hat zwar weicheren Boden, doch ist voll dem Wind exponiert. Als das Zelt halb steht, beschließe Ich es wieder abzubrechen, bevor der Wind es mitreißt oder beschädigt. Schlussendlich schlafe Ich auf dem vor Wind- und Wetter geschützten Mitarbeiterparkplatz und hoffe inständig, dass sich niemand daran stört – gefragt hatte Ich lieber nicht, denn eine Alternative für den Fall eines Neins hatte Ich nicht.
Donnerstag 17.07.2025
Der erste Lift des Tages kommt von einem Local, in einem bereits etwas klapprigen Auto. Wie die meisten Autofahrer, die mich in Argentinien mitgenommen hatten, trinkt er durchgehend „Mate“. Für die Zubereitung des traditionellen Getränks werden getrocknete Blätter in einen ausgehöhlten Kürbis, dem Kaleb, gegeben. Darauf gießt man dann immer wieder heißes Wasser, welches mittels eines Trinkröhrchens, dem Bombilla, vom Boden des Gefäßes weggetrunken wird. Mir schmeckt das bittere Getränk nicht so wirklich! Nach 80 Kilometern lässt mein Fahrer mich an einer Kreuzung raus, an welcher Ich wenig später von zwei jungen Männern in einem Hilux eingesammelt werde. Am späten Vormittag werde Ich an einer kleinen Raststätte abgesetzt. Eine Stunde stehe Ich hier, doch kein Auto. Ich bestelle mir zum Mittag ein Milanesa-Sandwich, bevor Ich mir weiter die Beine in den Bauch stehe. Zu meiner Enttäuschung klappte das Trampen in Argentinien nicht sonderlich gut – ständig stand Ich ein, zwei oder mehr Stunden an der Straße. Zudem viel mir auf mich hier noch nicht ein einziger Lastwagen mitgenommen hatte. Die Situation macht mir ein wenig Sorgen, denn im nächsten Monat wollte Ich noch etwa 4000 Kilometer quer durch ganz Argentinien trampen. Kurz bevor sich meine Wartezeit von drei auf vier Stunden erhöht, kommt ein LKW langsam auf mich zugerollt, der seit einer halben Stunde am Straßenrand Mittagspause gemacht hatte. Ich darf mitkommen – unter der Bedingung, dass mein Rucksack zu einer großen Straßenwalze auf die Ladefläche des Tiefladers kommt. Der ältere Lastwagenfahrer schiebt sich ein paar Kokablätter und etwas Backpulver in die Backe, während Ich in den Lastwagen klettere. Das Backpulver setzt den Wirkstoff der Pflanze, das Kokain, frei, der wiederum soll nicht nur gegen die Höhenkrankheit helfen, sondern wirkt generell aufmunternd und leistungssteigernd – dann doch lieber Mate! Nach drei Stunden gemeinsamer Fahrt steige Ich am späten Nachmittag an einem Kreisel aus. Es nieselt wieder und so eile Ich im Laufschritt zu einer nahegelegenen Tankstelle, schreibe dort den Abend über meinen Blog fertig und schlage dann mein Zelt hinter dem Gebäude auf.
Freitag 18.07.2025
Es ist eiskalt, als Ich am Morgen aus meinem Schlafsack gekrochen komme. Wie kalt genau weiß Ich nicht – doch anhand einigen Raufreifs der sich über Nacht auf der Plane meines Zeltes gebildet hatte, schlussfolgere Ich, dass es gefroren haben muss. Am Kreisel angekommen dauert es eine Viertelstunde, bis mich ein junger Mann einsammelt. Auf seinem Beifahrersitz sitzt bereits ein Polizist, dem er einen Lift gibt, und wenig später sammeln wir auch noch eine ältere Dame ein, die mit einem Koffer am Straßenrand steht. Allen seinen Mitfahrern bietet der Fahrer freundlich einen heißen Kaffee – obwohl Ich kein Kaffeetrinker bin, nehme Ich den nach dem kalten Morgen gern – und Snacks an. Nach anderthalb Stunden fahrt steige Ich an der zur uruguayischen Grenze führenden Abfahrt aus und muss dort noch eine ganze Zeit warten, bis Ich einen Lift zum Grenzübergang bekomme. Zügig bekomme Ich meinen Einreisestempel – Land Nr. 30 auf meiner Weltreise! Da Ich die Grenze nicht zu Fuß verlassen darf organisiert mir der Grenzbeamte gleich einen Lift nach Salto, meinem nur wenige Kilometer hinter der Grenze gelegenen Zielort. In der kleinen Stadt angekommen steuere Ich zielstrebig eine Schule an – an jenen gibt es in ganz Uruguay immer kostenloses WLAN –, informiere von dort meinen Couchsurfer, dass Ich angekommen sei und stelle, während Ich auf eine Antwort warte, noch schnell einen Blog-Beitrag online. Wenig später heißt mich Ignacio in seinem Apartment willkommen – innerhalb von Minuten hatte er mir geantwortet, als Ich ihn Vorgestern angefragt hatte. Gemeinsam Essen wir zum Mittag. Den Nachmittag über ist Igancio unterwegs, Ich gucke mir derweil das überschaubare Stadtzentrum von Salto an. Am späten Abend nimmt Igancio mich mit zu einem Grillabend mit Freunden mit. „Asado“ heißt die ursprünglich argentinische Barbecue-Kultur, bei der verschiedene Fleischsorten in Gemeinschaft über dem Feuer gegrillt werden, dazu gibt es alkoholische Getränke – unter anderem den hierzulande beliebten Kräuterlikör „Fernet“. Gegen ein Uhr beschließt die Freundesgruppe in eine Bar weiterzuziehen – Ich hingegen mache mich, noch ein wenig müde von den letzten Tagen, auf dem Heimweg.
Samstag 19.07.2025
Ich schlafe lange aus und liege dann noch einige Zeit im Bett. Da Ich gestern ist Iganacio nichts mehr abgesprochen hatte, warte Ich, bis er wach ist. Was Ich nicht weiß, ist, dass er erst gegen fünf Uhr aus der Bar nach Hause gekommen war – entsprechend lange schlief er nun. Gegen Mittag verlasse Ich gemeinsam mit Ignacio das Haus und fahre mit einem Stadtbus in den Nachbarort „Termas del Daymán“. Die Region um Salto ist bekannt für ihre Thermalquellen – mindestens fünf verschiedene Thermalbäder gibt es über die Stadt und ihre Nachbarorte verteilt, dazu noch eine Handvoll privater Spa-Clubs mit jeweils eigenen Thermalbecken. In Termas del Daymán befindet sich die größte Therme – in elf verschiedenen Becken kann man hier in dem bis zu 45° C warmen Wasser baden. Zudem gibt es Liegeflächen, auf welchen man von oben mit heißem Wasser bestrahlt wird. Das Wetter ist sonnig, die Außentemperatur dennoch niedrig – perfektes Wetter. Abwechselnd lege Ich mich in das warme Wasser und dann wieder ein Buch lesend in den kühlen Schatten auf einer der Liegewiesen. Am späten Nachmittag mache Ich mich auf den Rückweg. Ignacio ist den restlichen Tag über unterwegs, Ich bleibe in dem Apartment und erhole mich weiter.
Sonntag 20.07.2025
Ignacio lädt mich, während wir uns zum Frühstück Avocado-Toasts machen, ein ihn zu einem Mittagessen bei seinen Eltern zu begleiten, bevor Ich mich auf meinen weiteren Weg mache. Bis dorthin packe Ich meinen Rucksack und erstelle an meinem Laptop eine Liste aller sich darin befindender Sachen mit ihren Gewichtsangaben. Hatte mich das hohe Gewicht meines Rucksacks zu Beginn meiner Reise noch nicht allzu sehr gestört, wünschte Ich mir nun immer öfter einen kleineren und vor allem leichteren Rucksack zu haben. Um optimieren zu können, muss man allerdings erstmal wissen, wo die ganze Last eigentlich herkommt. Gegen Mittag fahren wir dann wie geplant zu Ignacios Eltern, die in einem kleinen Haus am Rande der Stadt leben und zu meiner Überraschung beide etwas Englisch sprechen. Ignacios Mutter tischt ein ganzes unglaublich leckeres drei Gänge Menü auf – eine Suppe als Vorspeise, einen Braten als Hauptgang und Crêpes mit Dulce de Leche als Dessert. Nach dem Essen bringt Ignacio mich zu einem Kreisel am Ortsausgang, von wo Ich nach einigem warten einen direkten Lift in das zwei Stunden entfernte Paysandú bekomme. In der kleinen Stadt gibt es einen kostenlosen Campingplatz direkt am Ufer des Río Uruguay. Zwar hängt an der Einfahrt des Geländes ein „No Camping!“-Schild, doch das Tor steht speerangelweit offen. Ich schlage mein Zelt auf und beginne mir etwas zu essen zu machen. Kaum hat das Wasser für meine Nudeln zu kochen begonnen, ist mein Gas alle – an neue Kartuschen würde Ich erst in Buenos Aires wieder gelangen. Ich überlege gerade noch einmal zum Supermarkt zu laufen, als auf einmal eine Frau vor mir steht. „Wir essen das nicht mehr. Willst du das haben?“ fragt sie mich und reicht mir eine Tüte mit einigen Backwaren darin. Überrascht und zugleich dankbar nehme Ich die Tüte entgegen. Am späteren Abend fährt ein Polizeiauto auf dem Campingplatz Streife. Der Wagen hält direkt neben meinem Zelt – vielleicht hätte Ich das „No Camping!“-Schild doch nicht ignorieren sollen?! Zu meiner Erleichterung sind die Beamten freundlich und erlauben mir, nachdem Ich erklärt habe wer Ich bin und warum Ich hier campe, die Nacht über zu bleiben.
Lieber Felix,
wieder mal staune ich wieviel hilfsbereite und nette Menschen du triffst und wie selten andere. So schön das du uns teilhaben lässt. Liebe Grüsse Karen