Saint Helena: Zu Besuch bei Napoleon Saint Helena: Zu Besuch bei Napoleon

Montag 24.02.2025 – Routenplanung

Die Flaute der letzten Tage schien endlich ein Ende zu finden – stetiger Wind, gute 12 Knoten, bringt uns Vormittag konstant voran. Meine Eltern hatten mir bei unserem gestrigen FaceTime-Telefonat berichtet, dass sie Flugtickets gebucht hatten – allerdings nicht wie ursprünglich überlegt nach Grenada, sondern in den Nachbarstaat „Trinidad & Tobago“. Auf der einen Seite kam mir das gelegen: Anderenfalls hätte ich zwischen der Ankunft unseres Bootes und der Ankunft meiner Familie knappe zweieinhalb Wochen auf Grenada warten müssen – und auf der kleinen Insel gibt es nicht all zu viel zu tun. Zugleich war ich etwas besorgt: Nun müsste ich nach meiner Ankunft in Grenada innerhalb von zweieinhalb Wochen, ein Boot finden, welches mich mit aufs etwa 50 Seemeilen entfernte Tobago nimmt – sollte mir das nicht gelingen, stand mein Plan ohne Flugzeug zu reisen so kurz vor dem südamerikanischen Festland doch noch auf dem Spiel. Mit der Endscheidung für Trinidad & Tobago hatte sich noch anderes manifestiert: Der Inselstaat lag direkt vor der Küste Venezuelas, welches somit wohl das erste Land auf meiner Südamerika-Etappe werden würde. Für die Nacht hatten wir die Segel runtergenommen und waren auf den Motor umgestiegen.  Meine Nachtschicht verläuft dementsprechend ruhig und ich beschäftige mich damit die weitere Route für die kommende Etappe grob abzustecken (siehe Bild).

Dienstag 25.02.2025 – Segelkünste

Noch immer bringt uns ein konstanter Wind stetig vorwärts und bläst dabei aus der richtigen Richtung, damit wir mit unserem „asymmetrischen Spinnaker“ direkten Kurs auf St. Helena halten können – so ist das Segeln angenehm. Der Spinnaker hält sich dabei überraschend konstant. Bisher hatten wir ihn alle paar Minuten justieren (und damit dauerhaft beobachten) müssen damit dieser nicht zusammenfiel – nun hielt er sich von selbst. Im Laufe der letzten Woche hatte ich einen deutlichen Sprung gemacht, was mein Segelkünste angeht. Stand ich vor wenigen Wochen noch überfordert daneben, als wir in der Waterfront, testweise ein Segel setzten, so verstand ich nun das meiste, von dem, was hier an Bord passiert. Ich wusste, was ich bei den verschiedenen Manövern tun musste, wie ich die Segel feinjustierte und hatte sogar etwas „Routine“ entwickelt. Am Abend entscheiden sich Ilya und Pavel dazu für eine weitere Nacht die Segel zu reffen und auf unseren Motor zu setzen – dann wäre die Nachtschicht ruhiger und man würde mehr Schlaf bekommen. Mir gefällt die Entscheidung aus gleich zwei Gründen nicht: Zum einen lag meine Kabine direkt neben dem Motorraum und entsprechend hoch war dort der Lärmpegel bei laufendem Motor – ich würde also eher weniger Schlaf bekommen. Zum anderen Fraß der Motor mit jeder Minute, die er lief, Diesel – Diesel welches wir auf St. Helena nachtanken müssten, Diesel welches auf St. Helena alles andere als billig sein würde. Doch meine Meinung, hat wenig Einfluss – der Motor tuckert also eine weitere Nacht durch …

Mittwoch 26.02.2025 – Insel-Erkundungspläne

Inzwischen verblieben nur noch knappe zweihundert Seemeilen bis St. Helena – das Ende des ersten „Legs“ stand unmittelbarer bevor. Seit Tagen machte ich mir Gedanken, was ich auf der als Verbannungsort von Napoleon Bonaparte bekannten Insel tun wollen würde. Neben den obligatorischen Sehenswürdigkeiten wie Napoleons Grab, hatte ich gelesen, dass man von St. Helena aus Walhai-Schnorchel-Touren machen konnte – die Insel gilt als ein Hotspot für die gepunkteten Unterwasserwesen. Ilya scheint sich eher wenig für die Insel, die ja nur ein großer Felsen sei, zu interessieren. Im Vordergrund seiner Pläne steht der Crewaustausch, das Einkaufen von frischem Obst und Gemüse und das Tanken des Bootes – im besten Fall könnten wir schon nach einer Nacht vor Anker weitersegeln. Jegliche Versuche meinen Kapitän davon zu überzeugen, länger auf der Insel zu bleiben, um diese etwas erkunden zu können, waren im Sande verlaufen. Am Nachmittag warten gleich drei Nachhilfestunden auf mich, die ich über Ilyas iPad. Langsam, aber sicher begann die vor typische Vor-Osterferien-Klausurenphase – meiner Reisekasse tat das gut, denn die Atlantiküberquerung deutete an kostspieliger zu werden, als zuerst erhofft. Die Hoffnung, dass ich das Ganze vielleicht sogar mit meinem „0€-Startkapital-Budget“ stemmen könnte, hatte ich inzwischen fast aufgegeben.

Donnerstag 27.02.2025 – Land in Sicht

Heute dürfte es so weit sein! Als ich am Morgen aus meiner Koje gekrochen komme, zeigt unser Kartenplotter an, dass es nur noch etwas mehr als siebzig nautische Meilen wären, bis wir St. Helena erreichen würden – acht verbleidende Stunden prognostizierte das System. Den ganzen Tag warte ich also sehnsüchtig auf den Moment, an dem nach elf Tagen die wir nichts als blauem Meer – und ab und zu einem Containerschiff – gesehen hatten, Land am Horizont auftauchen würde. Das unser Navigationssystem nicht mit einberechnet hatte, war der Wind – der verschwindet kurz vor dem Mittag nämlich vollständig und so tuckern wir mit unseren zwei 45 PS starken Motoren und gemächlichen 6,5 Knoten in Richtung St. Helena. Die angezeigte Ankunftszeit verschiebt sich immer weiter nach hinten und langsam, aber sicher wird jedem von klar, dass wir die Insel doch nicht mehr heute erreichen würden – und mein „Land in Sicht“-Moment würde inmitten der Nacht wohl auch ausfallen. Die Sonne geht gerade unter, als ich beim Decken des Abendbrots-Tisches noch einmal meinen Blick über den Horizont schweifen lasse – Waren das Wolken? Oder sah ich da etwa die Silhouette eines Berges? Ja, da noch einer … LAAAAANND! Glücklich lege ich mich nach dem Abendessen ins Bett. Um 22:00 Uhr weckt mich dann Pavel. Verdutzt schaue ich auf mein Handy – meine Nachtschicht beginnt doch erst in zwei Stunden?! Mit dem Erreichen von St. Helena hatten wir auch eine neue Zeitzone erreicht – ab jetzt galt die Londoner-Zeit (GMT). Schade! Ich hätte gerne noch etwas länger geschlafen. Im Laufe meiner Nachtschicht schippern wir einmal um die Insel herum – die Stadt Jamestown und unser Ankerspot lagen nämlich auf der uns abgewandten des 122 Quadratkilometer großen Eilands. Gegen drei Uhr in der Frühe erreichen wir den uns zugewiesenen Ankerspot. „Bist du bereit den Anker runterzulassen?“ ruft Ilya mir aus dem Cockpit zu. „Ähmm, wenn du mir sagst, was ich tun muss … ich hab noch nie ein Boot geankert“ antworte Ich überfordert. Mit Schritt-für-Schritt-Anleitung meister ich mein erstes Mal Ankern ganz gut und unser Boot liegt sicher zwischen einigen anderen Yachten. Nun erstmal ab ins Bett!

Freitag 28.02.2025 – Saint Helena

Nachdem wir uns per Funk angekündigt haben, holt uns ein kleines Motorboot ab und bringt uns an Land – für unser eigenes Dinghy ist zu viel Wellengang. Es ist ein schönes Gefühl nach 1839 Seemeilen und elf Tagen wieder einmal auf festem Boden zu stehen. Am Ausgang des Hafens wartet bereits Artsiom, ein drahtiger Russe – unser neues Crewmitglied – auf uns. Gemeinsam geht es dann erstmal zur Immigration, um den Papierkram zu erledigen. Als wir das gelbe Gebäude mit gestempelten Pässen verlassen, erfahre ich zu meiner Überraschung das wir – oder besser gesagt Pavel – einen Mietwagen hatten. Ich war bisher davon ausgegangen, dass ich der Einzige war, der sich Gedanken über den Aufenthalt gemacht hatte und mehr von der Insel sehen wollte – doch dem war zu meiner Freude nicht so. Man hatte die Pläne einfach nur auf Russisch in unserer Chatgruppe diskutiert und ganz vergessen mich einzuweihen. Zu fünft quetschen wir uns in dem kleinen Renault und machen uns durch die bergige – davon abgesehen, aber ziemlich öde – Landschaft auf den Weg nach Longwood. Dort steht das Haus, in welchem Napoleon Bonaparte – jener französische General, der ganz Europa auf den Kopf stellte – in der Zeit seiner Verbannung auf der Insel gelebt hatte. Nach einem interessanten Rundgang durch das heute als Museum dienende Gebäude fahren wir noch zu Napoleons Grabstätte die idyllisch inmitten eines bewaldeten Tals liegt. Gegen Mittag kehren wir zum Hafen zurück. Auf dem zurück zu unserem Boot laufen wir an einem Schild vorbei das die hier startenden Walhai-Schnorchel-Touren bewirbt. „Guck mal!“ weise ich Ilya ein weiteres Mal daraufhin, dass es durchaus Dinge gäbe, die es rechtfertigen würden, mehr als einen Tag hier auf St. Helena zu verbringen – doch mein Kapitän zeigt sich davon wenig beeindruckt. Kaum sind wir zurück auf dem Boot kommt auch schon das georderte Tankschiff und wir beginnen damit unsere Dieselvorräte zu füllen. Lustlos halte ich den Füllstutzen in den Tank, als auf einmal ein dunkler Schatten unter unserem Boot hindurchzieht. Was war das? Als ich den Schatten näher identifizieren konnte, beginne ich zu brüllen „Boris?! Ilya?!“ Sofort drücke ich meinem heraneilenden Kapitän den Tankstutzen in die Hand, renne in meine Kabine, schlüpfe in meine Badehose und springe ins Wasser. Woww! Keine zwei Meter unter mir zog ein Walhai majestätisch seine Kreise um unser Boot. Eine ganze Weile schwimme ich mit diesem wundervollen Wesen durch das tiefblaue Wasser. Boris hatte mir noch die Insta360 gereicht – Ich fühlte mich wie im siebten Himmel! Ein Walhai, in freier Natur, direkt unter unserem Katamaran, ich direkt daneben … und das vollkommen unterwartet – wie krass war das bitte?! Fünf Minuten nachdem das Tankschiff in den Hafen zurückgekehrt war, düst ein Zodiac mit einer Gruppe Tauchern heran – die Nachricht von dem Walhai unter unserem Boot hatte sich herumgesprochen. Irgendwann verschwindet das Tier dann wieder im Blau des Ozeans und wir fahren wieder zurück auf die Insel. Dort essen wir noch einmal gemeinsam, bevor wir uns im Anschluss von Pavel verabschieden und wieder die Segel setzen würden. Geht man auf St. Helena essen, so muss man sich darauf einstellen, dass nicht alles, was auf der Speisekarte steht, verfügbar ist – alles, was auf die Insel kommt, muss schließlich auf langem Seeweg importiert werden. Wir haben allerdings noch Glück – es mangelt nur an Orangensaft und Tonic Water. Von anderen Seglern habe ich gehört das aktuell Biernotstand auf der Insel herrschen soll. An späten Nachmittag lichten wir den Anker und lassen das britische Übersee-Territorium hinter uns. Gerne wäre ich noch länger geblieben und doch verlasse ich die Insel mit einem breiten Grinsen. Am Abend stelle ich enttäuscht fest, dass die 360-Grad-Kamera, die Boris mir beim Schwimmen mit dem Walhai gegeben hatte, nichts aufgenommen hatte. Mist! Zum Glück meldet sich keine fünf Minuten später ein Schweizer-Unterwasserfotograf bei mir, der auf dem Zodiac mit den Tauchern gewesen war und ein spektakuläres Foto von mir und dem Walhai gemacht hatte – da ist der Frust über die fehlenden Insta360-Aufnahmen glatt vergessen.

Samstag 01.03.2025 – neue Nachschichten, neuer Laptop, neue Crew

Zur Abwechslung mal wirklich ausgeschlafen, komme ich am Morgen aus Kabine. Infolge des Crewaustauschs und der Zeitumstellung hatten wir auch die Nachtschichten getauscht. Ich war nun von 20 Uhr bis Mitternacht dran – eine wesentlich angenehmere Zeit, die mir die Möglichkeit bot, meinen nächtlichen Schlaf nun wieder in einem Stück zu absolvieren. Nach dem Frühstück mache ich mich direkt daran die Festplatte aus meinem defekten Laptop ausbauen – mit Artsiom, war gestern nämlich auch mein neuer Laptop angekommen. Den hatte ich natürlich sofort eingerichtet und nun erhoffte ich mir auch noch meine Daten wiederherstellen zu können. Mit einem Dremel – mir fehlte der passende Schraubendreher – operiere ich die Festplatte aus dem alten Laptop heraus, in dessen Inneren alle Komponenten von einer dicken Salzkruste überzogen sind. Ein Lächeln zaubert sich auf mein Gesicht, als – sobald ich die kleine SSD mit meinem neuen Laptop verbunden habe – alle meine Daten wieder vollzählig aufflackern. Glück gehabt! Artsiom, unser neues Crewmitglied, war nicht nur unglaublich symphytisch, sondern entpuppte sich auch als echter Fachmann, wenn es um die Theorie des Segels ging. Er hatte in Vorbereitung auf den Trip zwei Segelkurse besucht, kannte für jede Sache und jedes Manöver den Fachbegriff und war voll ausgestattet mit nigelnagelneuer Segelkleidung – was ihm noch fehlte war Praxiserfahrung. Damit war er das perfekte Gegenstück zu mir – ich kannte unseren Katamaran und alle Vorgänge darauf inzwischen ziemlich gut, hatte aber von der Theorie absolut keine Ahnung. Am späten Nachmittag kämpfen wir allerdings erstmal mit einem nicht seglerischen Problem – unsere Waschmaschine verweigert ihren Dienst und zeigt eine Fehlermeldung an, die darauf hindeutet, dass der Filter auf der Rückseite des Geräts verstopft sei. Blöd nur, dass sich die Rückseite der in einer Schrankwand eingebauten Maschine auf dem engen Raum den ein Segelboot bietet, so schlecht erreichen lässt.

Sonntag 02.03.2025 – Déjà-vu

Der Sonntag startet wieder mit einem luxuriösen Frühstück und einem Stapel von Pancakes. Den Vormittag über sitze Ich dann mit meinem Laptop auf einer der Liegeflächen und tippe an meinem Blog – inzwischen galt es einen ganzen Monat aufzuholen, den ich mit meinem Reisetagebuch hinterherhing. Während dem Mittag essen springt Boris auf einmal auf und läuft zu der Winsch, die die Schot-Leine unseres Spinnakers kontrolliert. Nach einigen Sekunden folgt ihm Artsiom, dann Ilya und schließlich rutsche auch Ich aus der Sitzecke heraus, um zu gucken was los ist. Oh nein! Nicht schonwieder! Unser Spinnaker hatte sich erneut um das Jib herumgewickelt. Sofort kommen in mir die Erinnerungen an unseren ersten Tag auf See hoch, an den stundenlangen Kraftakt, in dem wir das Segel irgendwie einholten. Immerhin, der Atlantik war heute wesentlich ruhiger als damals und obendrein wüssten wir nun zumindest, was es zu tun galt – so kostet es uns diesmal nur eine Dreiviertelstunde, bis wir den Spinnaker geborgen haben. Auch die danach folgende Prozedur kennen wir schon: Das Segel muss zu einer „Wurst“ geformt werden, die mithilfe von Elektroklebeband fixiert wird. So kann der Spinnaker wieder gesetzt werden, um ihn auf Löcher zu untersuchen, ihn wieder einzuholen, im Cockpit per Hand auszuwickeln, die gesehenen Löcher zu finden, sie zu flicken und dann schließlich wieder mit dem Klebeband eine „Wurst“ zu formen, sodass man das man das Segel erneut setzen kann. All das schaffen wir diesmal an einem Nachmittag – mir wäre es ehrlich gesagt, aber lieb, wenn ich nicht noch mehr Routine in diesem Vorgehen entwickeln muss. Um das sicherzustellen, teilen wir fortan auch für den Tag Schichten ein – so wüsste jeder, wann er zuständig ist, und wann man sich anderen Dingen widmen konnte.