Du vermisst die Bilder?
Leider habe ich diese Woche so gut wie keine Fotos gemacht. Der nächsten Blog-Beiträge haben wieder mehr Bilder!
Mein Weg führt mich am Morgen direkt nach Hout Bay. Auf einer Online-Crewvermittlungs-Plattform hatte ich gesehen, dass hier ein deutscher Katamaran liegen solle, der bald über den Atlantik fuhr. Als ich den Yachtclub-Mitarbeiter, dem ich und mein Anliegen nicht unbekannt sind, nach den Boot frage, weiß er direkt welches Boot ich meine: „Du willst zu Jan? Das ist der Katamaran dahinten. Sag ihm, ich hab dich geschickt.“ Der besagte Jan ist ein freundlicher norddeutscher Segler. Einige Zeit unterhalten wir uns über unsere Reisen – ob er noch Crew, braucht weiß er allerdings noch nicht. „Ich hab schon ein Crewmitglied … die letzten großen Etappen, bin ich aber eigentlich immer zu dritt gesegelt. Ich melde mich, wenn wir noch jemand dritten brauchen!“. In der Waterfront steige ich aus dem Bus aus und beschließe nach einem kurzen Blick durch das Hafenbecken, direkt weiter zum Royal Cape Yacht Club zu laufen – die Marina ist wie leergefegt. Am Yachtclub empfängt mich der Security-Mitarbeiter, dem ich vergangene Woche mit seinem Laptop geholfen hatte – dafür lässt er mich nun rein, ohne das ich mich registrieren muss. Beim Rundgang über die Docks treffe ich auf ein Boot, dass ich schon losgesegelt-geglaubt hatte. Wochen lang hatte ich – nachdem mir jemand erzählt hatte das Sie einem deutschem Solo-Segler gehört – immer wieder geguckt ob ich auf der „Tin Lizzy“ jemanden antreffe – letzte Woche, war sie dann auf einmal verschwunden. Heute liegt sie aber wieder hier und es bewegt sich auch ein Kopf auf ihr umher. Eine halbe Stunde sitze ich bei Christoph auf dem Boot und tausche mich mit ihm aus. Auch wenn er auf seinem Boot noch Platz hätte – er ist in den letzten drei Jahren „single-handed“ – also alleine – um die Erde gesegelt und möchte nun auch das letzte Stück noch alleine segeln. Schade, aber irgendwie verständlich. Am Abend telefoniere ich mit einem alten Schulfreund von mir – von dem ich schon lange nicht mehr gehört hatte. Sean hatte nach der neunten Klasse die Schule geschmissen, zig Ausbildungen begonnen und wieder abgebrochen und schlussendlich arbeitslos und mit Alkoholsucht in irgendeiner WG in Hamburg gelandet – so war zumindest mein letzten Stand gewesen. Doch der Junge hatte im letzten Jahr eine wahrliche 180°-Wende eingelegt: Nun war er Verlobt, lebte mit seiner Freundin in einer gemeinsamen Wohnung und verkaufte Versicherungen.
Meine einzigen wirklich noch Hoffnung machende Chancen darauf, über den Atlantik zu kommen, bestanden aus dem Kapitän, der mich vergangene Woche auf Facebook angeschrieben hatte, und dem deutschen Katamaran in Hout Bay. Eins hatten Sie beide gemeinsam – sie würden erst Mitte Februar ablegen – und mein Visum endete ja bekanntlich mit dem 30. Januar. Ich verbringe meinen Tag also damit herauszufinden, wie ich mein Visum doch noch verlängern könnte. Ein offizieller Verlängerungsantrag auf weitere 90 Tage kostet nicht nur knapp 200€ sondern hat auch eine durchschnittliche Bearbeitungszeit von 60 Tagen – damit komme ich also nicht weiter. Eine alternative Idee wäre sogenanntes „Border Bouncing“ – Man reist über eine Landgrenze aus Südafrika aus, reißt einige Tage später wieder ein und bekommt ein neuen 90-Tage-Stempel. Doch leider ist Südafrika bekannt dafür, dass sie genau dieses Vorgehen zu unterbinden versuchen und so extrem strikt sind, was die Wiedereinreise nach einem kurzen Zeitraum angeht. Es bleibt also kein legaler Weg übrig um länger im Land zu bleiben. Ich beschäftige mich also schlussendlich mit der Frage: „Was sind die Konsequenzen, wenn man sein Visum überzieht?“ Und die Antwort darauf ist tatsächlich mehr oder weniger zufriedenstellen: Die Geldstrafe, die beim Überziehen des Visums fällig wird, wurde vor einigen Jahren abgeschafft. Die einzige Konsequenz ist somit, dass man zur „undesirable Person“ erklärt wird – heißt defacto: Man wird aus Südafrika ausgewiesen und darf, je nachdem wie lange man das Visum überzogen hat, für ein bis fünf Jahre nicht mehr nach Südafrika einreisen. Für mich also nicht wirklich eine Strafe, denn innerhalb der nächsten Jahre nach Südafrika zurückzukehren, hatte ich sowieso nicht vor.
Als ich am heutigen Morgen durch die Marina der Waterfront spaziere liegt die „SeaEsta“ – das Boot des Kapitäns der mich auf Facebook angeschrieben hatte – bereits im Hafen. In mir kribbelt es freudig als ich den nigelnagelneuen Katamaran – Baujahr 2025 – betrachte und mir vorstelle, dass ich auf diesem luxuriösen Boot möglicherweise über den Atlantik segeln würde. Anderen neuen Booten begegne ich in den Häfen nicht und so steige gegen Mittag wieder in den Bus nach Hause und verbringe den weiteren Tag am Laptop – sehsüchtig darauf wartend, dass es 19:00 Uhr wird und die Staffelfinal-Folge von „Manhunt“ herauskommt.
Nachdem ich am Vormittag meinen Blog gewidmet habe, beginne ich am Nachmittag damit mich schonmal etwas mit dem südamerikanischen Kontinent zu beschäftigen – denn unabhängig davon ob ich dort irgendwann mit einem Boot anlanden würde oder doch 30.01. in ein Flugzeug über den Atlantik steigen müsste, wäre es ganz vorteilhaft einen groben Plan davon zu haben, welche Regionen auf dem Kontinent ich in welcher Reihenfolge bereisen wolle. Mit nur zwölf Ländern ist der südamerikanische Kontinent ziemlich überschaubar – Afrika beherbergt 54 Staaten und selbst das kleine Europa besteht aus 47 Ländern. Mir bliebe also in einem knappen Jahr genug Zeit um die meisten südamerikanischen Staaten zu bereisen. Nicht vergessen darf man bei „nur zwölf Ländern“ allerdings, dass die meisten Staaten in Südamerika extrem weitläufig sind – allein Brasilien hat eine größere Fläche als alle EU-Mitgliedsstaaten zusammen. Weniger Länder bedeuten also nicht gleich weniger Strecke. Was weniger Ländern bedeuten sind aber auf jeden Fall weniger Grenzen – und was Grenzen und Visa angeht ist der Blick auf Südamerika definitiv angenehmer als der auf Afrika. Hatte ich im vergangenen Jahr noch fast 1000€ für Visa ausgegeben, so würde ich in Südamerika nicht auf über 25 Euro kommen – denn Suriname ist das einzige der zwölf Länder für das man mit deutschem Pass überhaupt ein Visum braucht. Routentechnisch hatte ich also alle Freiheiten. Vom Südosten des Kontinents – wo ich die Etappe mit hoher Wahrscheinlichkeit starten werde – würde ich erst der Küste folgend in Richtung Süden, bis nach Patagonien, reisen. Von dort ginge es dann auf der Westseite des Kontinents wieder gen Norden, so dass ich Ende Februar 2026 – rechtzeitig zur Pazifik-Segelsaison – in Panama wäre.
Seitdem die wARC-Boote vergangenen Samstag die Marina der V&A Waterfront verlassen hatten, war es dort ruhig geworden – die noch dort liegenden Boote lassen sich nun an einer Hand abzählen. Bisher war ich einfach immer mit durch die Türen hindurchgehuscht, wenn jemand durch sie hindurch kam, um in die mit Schlüsselkarte zu öffnenden Türen gesicherte Marina hinein – und wieder raus – zu kommen. Doch seitdem so wenig Boote hier lagen, gingen weniger Leute durch die Türen und entsprechend länger war die Wartezeit geworden. Als ich mal wieder nicht aus der Marina herauskommen, nachdem ich es erfolgreich in diese hinein geschafft hatte, bitte ich den Kapitän eines Katamarans um Hilfe „Kannst du mir die Tür aufmachen?“ Ohne zu zögern drückt der Mann mir eine Schlüsselkarte in die Hand – perfekt! Als ich im diese zurückbringen will, entgegnet er mir zu meiner Überraschung dann „Behalt die doch einfach“. Ich gucke einige Sekunden verdutzt. „Ich hab noch eine, alles gut, nimm die mit“ – Und so habe ich fortan meine eigene Zugangskarte für die Marina. In der Marina in Hout Bay, in der ich einige Stunden später stehe, brauch ich gar keine Schlüsselkarte – ich kann einfach klingeln und man macht mir ohne zu fragen auf. Bootstechnisch, hat sich aber auch hier seit meinem letzten Besuch nichts verändert – nur eines der Boote kommt mir unbekannt vor. Crew sucht das auch nicht, erzählt mir die Frau die ich darauf antreffe, aber sie könne mich zu einer WhatsApp-Gruppe hinzufügen, in der viele Leute seien, die diese Saison über den Atlantik fahren.
Viel passiert heute nicht. Nachdem ich am Morgen meine wöchentlichen fünf Kilometer gelaufen bin, sitze ich in meinem Zimmer und schreibe Blog – oder prokrastiniere vor mich hin. Als ich am Nachmittag gemeinsam mit Toni und Monika eine Runde spazieren gehe, hängt über eine der vielen die Grundstücke abgrenzenden Mauern eine Maracuja-Pflanze mit reifen Früchten, von denen wir einige mitnehmen. Eigentlich erwartet mich am Abend keine Nachhilfestunde, doch meine kleine Schwester meldet sich bei mir und bittet um Hilfe in Physik und Mathe und so verbringe ich den Abend an meinem Laptop.
Um Elf Uhr treffe ich mich mit Julia und ihrer Freundin Anna bei der Hillsong-Church in Century City. Julia und Anna machten ein Praktikum an der Deutschen Schule hier in Kapstadt. Julia und ich kannten uns schon lange – wir waren quasi zusammen aufgewachsen. 2010 zog Julia mit ihrer Familie dann aus Rendsburg weg, und nun – fünfzehn Jahre später – kreuzten sich unsere Wege auf einmal hier in Südafrika. Schon irgendwie verrückt! Der Saal der Kirche ist berechnend voll. Die Türen der unteren zwei Etagen sind bereits verschlossen und auch auf der Empore im zweiten Obergeschoss können wir nur noch Stehplätze ergattern. Die Dimensionen dieser Mega-Church beeindrucken jedes Mal aufs Neue. Pro Gottesdienst kommen hier bestimmt 800 bis 1000 Leute zusammen – und das bei drei Gottesdiensten am Tag. Nach dem Gottesdienst mache ich mir einen entspannten Nachmittag zuhause. Als ich am Abend an meinem Laptop sitze, poppt plötzlich eine Benachrichtigung von „Discord“ – einem Videochat-Programm – auf. Einige meiner ehemaligen Klassenkameraden hatten sich auf unserem Discord-Server eingefunden – und da ich gerade eh nichts anderes zu tun hatte, steige auch ich in den in den Anruf mit ein. Mit den meisten Leuten aus der Schule hatte ich seit über einem Jahr kaum noch Kontakt gehabt. Umso cooler ist es sich nun austauschen zu können und – wie zu alten Zeiten – bis spät in die Nacht auf Discord zu hängen.
Leider habe ich diese Woche so gut wie keine Fotos gemacht. Der nächsten Blog-Beiträge haben wieder mehr Bilder!
1 bis 5 Jahre, ds geht ja noch. Ich darf für 11 Jahre und 3 Monate nicht mehr nach Peru.
GAAANZ wichtig, wenn Du über Land dort einreist, besorg Dir im nächsten Ort ein Stempel von „Migraciones“!
Viel Erfolg noch bei der Bootsuche – bin gespannt.
Das heisst Granadilla 🙂
kaum zu glauben, dass SA die Geldstrafe abgeschafft hat. Schön für dich 😉
LG