Montag 27.01.2025 – Langeweile
Langsam aber sicher haben die Neuronen in meinem Hirn verarbeitet, dass ich nun ein Boot gefunden hatte, auf dem ich über den Atlantik kommen würde. Schon in sieben Tagen würde ich auf den Katamaran ziehen, bevor wir dann zwei Wochen später in See stechen würden. Bis dahin hatte nun allerdings – da ich nun ja nicht mehr nach einem Boot suchen würde – viel Zeit. Heute äußert sich das erstmal in Langeweile und daraus resultierendem Doomscrolling. Doch immerhin der Rest der Woche verspricht spannend zu werden …
Dienstag 28.01.2025 – Muizenberg
Ilya hatte mich gebeten ihm eine SIM-Karte und einen WLAN-Router, den er für das Boot bräuchte, zu organisieren. Bevor ich am Vormittag also mit dem Bus in die Stadt fahre, drehe ich noch eine Runde in ein nahegelegenes Industriegebiet, wo es einen IT-Großhändler gibt, der den spezifischen Router haben soll. In der Stadt angekommen bringe ich die Sachen zu Ilya aufs Boot und gehe noch etwas essen, bevor ich mich auf den Weg zur „Deutschen Schule Kapstadt“ mache, wo ich mich mit Julia treffe. Insgesamt hatte Julia elf Leute – eine bunte Truppe aus deutschen Freudinnen, die zu Besuch waren, und DSK-Praktikanten, die gerade in Kapstadt angekommen waren – zusammengetrommelt, mit der wir in Muizenberg surfen gehen würden. Der Strand von Muizenberg eignet sich optimal zu schwimmen und surfen – nicht nur weil er auf der Ostseite des Kaps liegt und das Wasser somit wesentlich wärmer ist als in Clifton, Camps Bay oder Hout Bay, sondern auch weil das Wasser sehr lange ziemlich flach ist. Mögen tun den Strand auch die Haie, die hier regelmäßig zu besuch kommen. Die schwarze Fahne mit dem Umriss eines Hais drauf weißt daraufhin, dass die Bedingungen für die „Sharkspotter“, die den Strand mit Drohnen beobachten und Alarm schlagen, wenn ein Raubfisch sich dem Strand nähern sollte, heute nicht optimal sind. Trotzdem wagen wir uns mit den Boards in Wasser. Langsam zahlen sich die Surfstunden, die ich auf meiner Reise immer mal wieder genommen hatte, aus – nach einigen Versuchen mit Hilfe, schaffe ich es alleine die Wellen zu nehmen. Nach einer Stunde sind die Kräfte aufgebraucht und auch die Wellenbedingungen sind schlechter geworden. Zeit aufzuhören und sich auf den Heimweg zu machen …
Mittwoch 29.01.2025 – JunE
Den Vormittag nutze ich um ein paar Dinge zu erledigen: Bilder sichern, Wäsche waschen und vor allem Blog schreiben – mit dem war ich nämlich noch immer im fast zwei Wochen im Rückstand und da ich nächste Woche auf das Boot ziehen würde, würde sich das auch nicht so schnell ändern. Den Großteil des Tages sitze ich also auf der Veranda und Tippe vor mich hin. Am späten Nachmittag beginne ich dann ein paar Klamotten einzupacken – morgen früh würde ich zu Simon fahren um gemeinsam mit ihm drei Nächte in den Cederbergen verbringen. Am frühen Abend mache ich mich dann auf den Weg zum „JunE“, dem Jungen-Erwachsenen-Kreis der Stadtmission. Auf ein gemeinsames Abendessen, folgt ein entspannter Worship-Abend in dessen Anschluss wir noch einige Runden Tischkicker und Runde spielen.
Donnerstag 30.01.2025 – 1000 Sterne Hotel
Gleich nach dem Frühstück mache ich mich auf den Weg zu Simon nach Stellenbosch. Dort angekommen, packen wir zügig meine sieben Sachen in seinen alten Land Cruiser, bevor wir dann mit tuckerndem Motor von der Farm rollen. Knappe vier Stunden lang fahren wir auf staubigen Sandpad-Pisten gut gelaunt in Richtung Cederberge – eine Autobahn hätte es auch gegeben, doch die ist ja langweilig. Zwischendurch stoppen wir an einem kleinen Wasserfall mitten im Nirgendwo. In den Nationalpark angekommen, kaufen wir uns ein entsprechendes Permit und besuchen dann die „Stadsaal-Caves“. Die Höhlen dienten einst dem San-Volk – dem im Busch lebenden Urvolk der Region – als Behausung. Heute geben nur noch einige prähistorische Wandmalereien auf den Sandsteinfelsen Aufschluss darüber, dass hier einst eine Gruppe „Buschmänner“ gelebt hat. Es ist bereits später Nachmittag und so steigen wir wieder ins Auto und machen uns auf die Suche nach einem Schlafplatz. Eineinhalb Stunden fahren wir dem 4×4 auf schmalen Feldwegen über Stock und Stein immer tiefer in die Cederberge – hier ist bestimmt schon länger niemand mehr vorbeigekommen. Der Pfad endet irgendwann hinter einem kleinem Windschutz bietenden Felsen, an dem wir unser Camp aufschlagen. Bevor wir allerdings das Lagerfeuer entfachen und mit dem Braai beginnen, folgen wir noch einem kleinen Trampelpfad zu einem Steinpool. Ein Wasserfall plätschert in das großzügige Wasserbecken, dessen Inhalt auf der anderen Seite – wie bei einem Infinity-Edge-Pool – mit Blick auf ein davorliegendes Tal über die Kante schwappt. Wow! Nach dem erfrischenden Bad setzten wir uns dann ans Feuer und machen einen Braai. Über uns flackert ein Sternenhimmel aus tausend kleinen Lichtern, die Milchstraße ist deutlich mit bloßen Auge zu erkennen. Wer braucht schon ein 5-Sterne-Hotel, wenn man so etwas haben kann?! Als das Feuerholz leer ist, unsere Mägen gefüllt sind und es langsam kalt wird, verkriechen wir dann in das Dachzelt.
Freitag 31.01.2025 – Tief in den Cederbergen
Kurz bevor wir den kleinen Ort Wupperthal erreichen, haben wir wieder Netz. Bing, bing, bing! – Ohne Netz war es auch ganz schön und doch bin ich erleichtert, als ich sehe, dass die Schülerin, deren Nachhilfestunde ich gestern verpasst hatte, weil plötzlich der Empfang weg war, mir sowieso vorher abgesagt hatte. In Wupperthal gibt es nicht nur Empfang und einen kleinen Tante-Emma-Laden, der Ort ist vor allem bekannt für Schuhe. Ja, richtig gehört! In dem kleinen Ort inmitten der Cederberge gibt es eine renommierte Schuhmanufaktur, die „Veldkoen“ – traditionelle Lederschuhe – herstellt. Neben der Schuhfabrik, besichtigen wir hier bei unserem Stopp auch noch eine Rooibos-Tee-Fabrik – auch dafür ist die Region bekannt – bevor wir uns wieder ins Auto setzten. Den gesamten Nachmittag lang fahren wir schmale, noch kaum als solche erkennbare Feldwege entlang, mal steht am Ende eine Farm, mal ein Zaun, mal verschwindet der Track in der Unerkennbarkeit. Neben fielen Sackgassen, entdecken wir auf diese Weise auch eine große Höhle, an der wir einen kurzen Stopp einlegen. Je später es wird desto mehr müssen wir zusehen, dass wir aufs Gaspedal drücken – obwohl wir den ganzen Tag im Auto saßen hatten wir kaum Strecke zurückgelegt. Unser Ziel ist die Farm eines alten Freundes von Simon, der fernab jeglicher Zivilisation, zwischen den Cederberge und der Karoo-Wüste lebt. Nachdem wir eine gefühlte Ewigkeit lang, einem kleinen Feldweg durch ein Tal gefolgt waren, wirkt das einzeln stehende Farmhaus mit dem grünen Garten, wie eine kleine Oase. Es gibt einen Pool, Internet über Satellit und eine kleine Bar mit kalten Getränken. Zu viert – gemeinsam mit Rick und dessen Freundin – machen wir einen Braai und sitzen danach um den Bar-Theresen herum. Ich hatte mir für dieses Jahr zum Vorsatz gemacht, keinen Alkohol zu trinken – was das an geht, werde ich heute Abend ordentlich herausgefordert. Aber ich schaffe es, bleibe – bis ich mich um Mitternacht von der heiteren Runde verabschiede und schlafen gehe – standhaft und lehne jedes Mal dankend ab, wenn mich wieder jemand fragt ob, es denn schon „beer o‘clock“ wäre.
Samstag 01.02.2025 – Karoo Wüste
Die anderen schlafen noch, als ich in der einzigartigen Kulisse die kühlen morgendlichen Temperaturen dazu nutze, meinen wöchentlichen fünf Kilometer Lauf hinter mich zu bringen. Als ich zurückkomme kommt mir ein verkaterter Simon entgegen. Bis vier Uhr – das war vor vier Stunden – hatten sie noch den Kühlschrank der Bar geleert. Wollte er mich gestern Abend noch davon überzeugen mitzutrinken, fragte er mich nun warum ich ihn nicht davon abgehalten hatte. Wir verbringen noch den gesamten Vormittag auf der Farm und schrauben an Ricks altem Land Cruiser – Baujahr 1979 – dessen Kühler mit Rost zugesetzt ist herum. Gegen elf klappen wir dann das Dachzelt ein und steigen wieder in unseren Land Cruiser. Schon bald lassen wir die Cederberge hinter uns und fahren durch die weiten, schlicht endlos wirkenden Wüstenlandschaften der Karoo. Die Sonne steht im Zenit, seit mindestens zwei Stunden ist uns kein Auto mehr entgegengekommen, als Simon plötzlich eine Vollbremsung einlegt und mit den Worten „Nimm mein Handy mit!“ aus dem Auto springt. Ich brauch einige Sekunden bis ich weiß, was los ist: Wenige Meter vor unserem Auto sonnt sich eine „Cape Cobra“ – eine der gefährlichsten Schlagen Afrikas – auf der Schotterstraße. Zur Enttäuschung vom schlangenbegeisterten Simon und zu meiner Beruhigung verschwindet die Giftschlange aber unmittelbar nachdem sie uns erblickt im Gestrüpp neben der Straße. Stunde um Stunde vergeht – zwischendurch halten wir noch an einer kleinen Raststätte inmitten der Wüste – bis plötzlich wieder Zivilisation auftaucht und wir zum ersten Mal in den vergangenen drei Tagen wieder auf einer Teerstraße fahren. Am frühen Abend kommen wir wieder in Stellenbosch auf Simons Farm an. In Anbetracht seiner kurzen Nacht hatte er beschlossen unseren Roadtrip schon heute zu beenden – er bräuchte wieder ein richtiges Bett –und auch mir kam das gelegen, denn bevor ich übermorgen auf Boot ziehen würde musste ich noch einiges erledigen.
Sonntag 02.02.2025 – Das große Packen
Der Sonntag beginnt mit einem Gottesdienst in der Stadtmission und auch wenn ich voraussichtlich nächste Woche noch einmal die Chance hätte, zum Gottesdienst zu kommen, fühlt es sich bereits heute nach Abschied an. Die kleine deutsche Gemeinde am Kap, war zu einer zweiten Heimatgemeinde für mich geworden. Wieder zuhause, beginnt dann das große Packen. Der Staub, der sich in den letzten Monaten auf meinem großen Trekking-Rucksack angesammelt hatte, muss weichen und irgendwie all mein Hab und Gut wieder in den Rucksack – der meinem Gefühl nach eigegangen zu sein scheint – hineinpassen. So nervig packen allgemein ist, ist es doch ein schönes Gefühl meinen Rucksack wieder packen zu dürfen, wieder aufzubrechen, wieder unterwegs zu sein. Am späten Nachmittag gehe ich mit Toni und Monika eine Runde durch das Viertel spazieren. Während die Granadillas, die wir vorletzte Woche bei unserem Spaziergang entdeckt hatten, nun schon abgeerntet sind, weht uns ein leckerer Duft in die Nase – irgendjemand in der Nachbarschaft backt Waffeln. Als etwas später dann auch noch meine Schwester ein Foto von einer Waffel postet, ist es besiegelt: Monika holt ihr Waffeleisen raus, ich rühre einen einfachen Waffelteig zusammen und wir backen zum Abendbrot Waffeln!
Lieber Felix,
bin begeistert von deinem 5 Sternehotel und dem Sternenhimmel. Ich wünsche dir eine gute, und sichere Reise auf dem Wasser.
Liebe Grüsse
Karen