Montag 17.02.2025 – Wassereinbruch
Als ich um sechs aus meiner Kabine gekrochen kommen, geht gerade die Sonne auf. Das letzte bisschen Land, das gestern noch am Horizont zu sehen gewesen war, war inzwischen verschwunden – nun gab es nichts mehr als die Weiten des Atlantiks und unser kleines Boot. Hinter dem Steuerrad begrüßt mich Ilya mit der Nachricht, dass ein weiteres Reef gerissen war. Mist! Allzu dramatisch schien das aber nicht zu sein, denn wir kamen noch immer mit zügigen 10 Knoten vorwärts. Den Vormittag über sitze ich im Cockpit, genieße die auf meiner Haut kitzelnde Sonne, die endlose Weite des Meeres, das Rauschen der Wellen, und den um meine Ohren sausenden Wind – so würden die nächsten Wochen ein Traum werden. Irgendwann taucht auch Pavel auf, blinzelt in die Sonne, fixiert sofort wieder den Horizont und legt sich mit geschlossenen Augen auf die Couch – der Arme! Gegen Mittag schafft Ilya es die „Starlink“-Antenne zum Laufen zu bringen. Ein bisschen nimmt das Internet einem das Gefühl der Abgeschiedenheit und doch ist es schön endlich ein Lebenszeichen absetzen können und Kontakt zur Außenwelt zu haben. Da außer mir noch immer niemand ans Essen denken kann, ernähre ich mich einen weiteren Tag lang – auch gestern hatte ich nicht anderes gegessen – von den Pancakes, von denen noch immer einige übrig waren. Am Abend nehmen wir dann zum ersten Mal auf der Überfahrt eine richtige Mahlzeit zu uns und teilen am Tisch auch gleich die Nachtschichten ein – Ilya könnte schließlich nicht eine weitere Nacht lang allein das Steuer übernehmen. Ich bekomme die Schicht von Mitternacht bis vier Uhr morgens ab – in Anbetracht dessen verschwinde ich nach dem Essen dann auch zügig in meiner Kabine. 23:17 Uhr: Ein Wasserschwall reißt mich ruckartig aus dem Schlaf, hektisch schließe ich die Dachluke, die ich als Quelle des Wassereinbruchs ausgemacht habe. Mein Blick gleitet durch den Raum – meine gesamte Kabine ist triefend nass. Schlaftrunken sauge Ich mit meinem Handtuch das gröbste Wasser auf, schnappe mir trockene Klamotten und ziehe in auf die Couch in den Saloon um – alles weitere müsste bis morgen warten. Eine halbe Stunde später beginnt meine erste Nachtschicht. Mit von der Müdigkeit vernebelten Kopf, sitze ich im Cockpit und versuche mich irgendwie wachzuhalten. Viel Action gibt es in einer Nachtschicht – sofern der Wind beständig bleibt – nicht: Der Autopilot steuert das Boot die meiste Zeit selbstständig durch die Wellen, die Chance ein anderes Schiff zu treffen ist verschwindend gering. Eigentlich wartet man also nur darauf, dass die vier Stunden irgendwie vorüber gehen und man wieder zurück in sein Bett darf – sofern man denn ein trockenes Bett hat.
Dienstag 18.02.2025 – Schadensbegutachtung
Schlecht gelaunt – die Nacht war mies – und mit einem großen Schlafdefizit, erwacht um neun in mir wieder das Leben. Ich mache mich unverzüglich daran meine Kabine trockenzulegen, die es härter getroffen hat als anfangs angenommen: An den Wänden und der Decke sind die Rückstände des Wassers zu sehen, meine Matratze gleicht einem vollgesogenen Schwamm – es würde einige Tage dauern, bis ich hier wieder schlafen könne. Leider fehlt heute von der Sonne jede Spur – so trocknet absolut Garnichts! Um meine Zeit irgendwie sinnvoll zu nutzen – die vielen Eindrücke der letzten Tage müssten festgehalten werden, solange sie noch frisch waren – und den anderen mit meiner Laune nicht auf den Senkel zu gehen, schnappe ich mir meinen Laptop, den hatte ich gestern noch aus meiner Kabine geborgen und so gut es ging trockengelegt. Mit einem Knarzen öffnet sich das Gerät, aus dessen Lüftungsschlitzen etwas schmierig-salziges Wasser heraustropft, das Windows-Logo leuchtet noch einmal kurz auf, dann wird das Display schwarz und mein Laptop segnet das Zeitliche. Scheiße! Spätestens jetzt war meine Laune am absoluten Nullpunkt: Ich war übermüdet, meine Kabine voll Wasser, das Wetter beschissen, mein Laptop für die Tonne und obendrein saß ich noch auf einer gottverdammten Nussschale irgendwo auf dem Atlantik fest. Als ob das nicht schon genug wäre, hatte über Nacht auch noch der Wind gedreht und wir fuhren nicht einmal mehr in die Richtung unseres Ziels. Es ist einer dieser Momente, in denen man alles hinschmeißen will, in denen man sich einfach zurück in sein heiles Kinderzimmer teleportieren möchte und sich wünscht nie auf Weltreise gegangen zu sein. Immerhin zeigen Ilya, Pavel und Boris Verständnis für meine schlechte Laune und lassen mich in Ruhe. Den gesamten Nachmittag über verbringe in Trauer um meinen Laptop. Mit dessen Verlust geht nicht nur ein materieller Schaden von satten 2000 Euro einher, das gute Stück war vor allem auch mein Traum-Laptop gewesen – knapp ein Jahr hatte es damals gedauert bis ich die eierlegende Wollmilchsau der Laptops, den für meine Zwecke „perfekten“ Laptop, gefunden hatte. Zudem hingen an dem Gerät viele Erinnerungen: Auf dem Laptop hatte ich die mein erstes Geld online verdient, die Oberstufe bestritten, mich aufs Abitur vorbereitet, die ersten Zeilen dieses Blogs getippt und meine ersten Nachhilfestunden gegeben. Irgendwann ist die Trauer überwunden – schlussendlich ist es ein Computer, ein materieller Gegenstand, ein Werkzeug – man könne ihn ersetzen und so durchforste ich das Internet nach einem würdigen Nachfolger. Denn eins ist klar – ich bräuchte schnellstmöglich einen neuen Laptop!
Mittwoch 19.02.2025 – Reparaturarbeiten
Gleich nach dem Frühstück schlüpfe ich in meine Badehose. Der Wind und die Wellen hatten nachgelassen – das wäre unsere Chance die Schiffsschraube von der in ihr verwickelten Leine zu befreien. Mit einem zusätzlichen Seil gesichert klettere ich ins Wasser – das hat eine angenehme Temperatur von 24 Grad – und tauche unter das Boot. Es braucht einen weiteren Atemzug, bis es mir gelingt die Leine zu entfernen – die Schraube ist frei, unserer Backbord-Motor wieder einsatzbereit. Im Anschluss an die Tauchaktion beschließen wir zu drehen, um wieder auf Kurs nach St. Helena zu kommen. Das Großsegel und das Vorsegel werden also auf die Steuerbord-Seite hinübergezogen, sodass wir nun in einem rechten Winkel zurück zu unserem eigentlichen Kurs segeln (das ist die Zacke, die man auf dem GPS-Track sieht). Am Nachmittag gelingt es uns die beiden Reef-Leinen wieder am Großsegel zu befestigen. Zudem bestelle ich mir einen neuen Laptop. Diesen würde mir Artisom – das Crewmitglied, welches wir in St. Helena gegen Pavel tauschen würden – mit nach St. Helena bringen, so dass ich ihn schon Ende nächster Woche hätte.
Donnerstag 20.02.2025 – Rechtschreibprüfung
Goldene Sonnenstrahlen wecken mich und machen Hoffnung darauf, dass mein Bettzeug heute endlich trocken werden und ich wieder zurück in meine Kabine ziehen könnte. Über Nacht hatten wir uns zwar St. Helena keinen Meter genähert, dafür aber unserer ursprünglichen Kurslinie. Nachdem wir am Morgen also ein weiteres Mal die Segel auf die andere Seite gebracht haben, fahren wir wieder auf nahezu perfektem Kurs in Richtung der zu Großbritannien gehörenden Insel. Am Vormittag leihe ich mir Ilyas iPad, um meinen Blog weiterzuschreiben – je länger man das hinauszögert, desto schwieriger wird es sonst nämlich – und stelle dabei mit Erstaunen fest, wie viele deutsche Wörter doch Umlaute enthalten – denn die Tasten für Ä, Ö und Ü fehlen auf der amerikanischen Tastatur des Tablets. Darüber hinaus macht die Autokorrektur des iPads aus jedem deutschen Wort, dass ich tippe, ein ähnliche Buchstaben enthaltendes – aber ansonsten mit dem originalen Wort nichts zu tun habendes – englisches Wort. Als dann auch noch jedes Wort, bei dem es mir irgendwie erfolgreich gelungen ist, es einzutippen, rot angestrichen wird, gebe ich auf – Wie soll man denn so arbeiten?! Den nächsten Blog-Beitrag würde es erst geben, wenn ich meinen neuen Laptop hätte. Im Gegensatz zum Blog schreiben, funktioniert das Nachhilfegeben über das Tablett immerhin ganz gut – so gebe ich am Nachmittag in gewohnter Manier zwei Nachhilfestunden.
Freitag 21.02.2025 – Flickarbeiten
Bereits am Mittwoch hatte der starke Wind der ersten Tage nachgelassen – von da an schipperten wir nur noch mit um die sieben Knoten (13km/h) übers Wasser. Heute verschwindet dann auch das restliche bisschen Wind und schafft so optimale Bedingungen, damit wir uns den Löchern in unserem „asymmetrischen Spinnaker“ widmen können. Wir breiten das über 120 Quadratmeter große Segeltuch also im Cockpit des Katamarans aus und machen uns auf die Suche nach den zu flickenden Stellen. Neben einem großen Riss finden wir in dem Segel insgesamt 22 kleine Löcher, die wir mithilfe spezieller Klebe-Patches flicken. Im Anschluss ziehen wir das Segel dann einmal hoch, bevor wir es direkt wieder einholen – denn vom Wind fehlt noch immer jede Spur. Stattdessen springen wir ins Wasser – der Atlantik ist so glatt wie ein Ententeich – und gehen eine Runde schwimmen. Als auch danach kein Wind aufkommt, bleibt uns nichts anderes übrig, als die beiden Motoren einzuschalten. Meine Nachtschicht ist – da wir auch in der Nacht noch immer mit Motor unterwegs sind – ziemlich ruhig. Als plötzlich ein Squall – ein kurzer Regenschauer, der starke Windböen mit sich bringt – aufzieht, kann ich ein einzigartiges Naturphänomen beobachten: Das Mondlicht, das sich in den Regentropfen bricht, erzeugt einen schwarz-weißen Regenbogen am Nachthimmel – so etwas habe Ich auch noch nicht gesehen!
Samstag 22.02.2025 – Fische & Sonnenuntergänge
Auch der heutige Tag bringt keinen neuen Wind und so nutzten wir die Flaute am Vormittag, um noch ein paar weitere Reparaturarbeiten auszuführen. Unter anderem klettert Pavel auf den Mast um dort die „Lazy Jack“ – ein dünnes zur Führung des Großsegels dienendes Seil – zu reparieren. Die Sonne steht im Zenit als langsam ein leichter Wind aufkommt – endlich können wir die Motoren abschalten und wieder die Segel setzen. Am Nachmittag durchbricht ein Freudenschrei die auf dem Boot herrschende Stille. An einer der Angeln, die Ilya seit gestern hinter dem Boot herzog, hatte etwas angebissen. Stolz hält unser Kapitän seinen Fang – eine gemeine Goldmakrele – in die Kamera, bevor er sich ans Ausnehmen des Fisches macht. Es vergehen keine 15 Minuten bis der Fang in Form eines Tellers Sashimi – roher in dünne Scheiben geschnittener Fisch – gemeinsam mit Sojasoße auf unserem Tisch steht – frischer geht’s nicht! Die untergehende Sonne tüncht den Himmel am Abend in ein traumhaftes Farbenspiel – unser Abendessen verschiebt sich dort glatt etwas nach hinten. Sonnenuntergänge auf dem offenen Meer sind einfach einzigartig. Der Sonnenuntergang erinnert Pavel an dem Film „Knockin‘ on Heaven‘s Door“ und so gucken wir den herzerwärmenden Film während dem Abendessen auf dem Fernseher – da der Film auf YouTube nur auf Deutsch zu finden war, sogar auf Deutsch. Gleich zu Beginn des Films unterbricht uns ein weiteres Mal die Angel – wir haben eine weitere Goldmakrele am Haken. Als der Film vorbei ist es bereits halb Elf. Höchste Zeit ins Bett zu gehen – in eineinhalb Stunden beginnt meine Nachtschicht.
Sonntag 23.02.2025 – Wa(h)ltag
Zum Frühstück gibt es – zur Feier des Sonntags – Pancakes. Gibt es etwas Schöneres als inmitten des Atlantiks im Sonnenschein an einem reich gedeckten Frühstückstisch zu sitzen? Eine ganze Woche waren wir inzwischen unterwegs. Der Wind ist den ganzen Tag über gerade so stark genug, damit wir segeln können – und sogar den frisch geflickten Spinnaker können wir einsetzen. Als ich am Nachmittag im Cockpit vor mich hindöse, schreit Ilya plötzlich auf „Whale!“ – knappe hundert Meter von unserem Boot entfernt hatte er einen Wal zwischen den Wellen entdeckt, doch so plötzlich wie das Tier aufgetaucht war, ist es auch wieder verschwunden. Am späten Abend scrolle ich etwas durch die deutschen Medien und schaue mir mit Ernüchterung die Ergebnisse der Bundestagswahl an – ein Armutszeugnis. Und doch bin ich offen und ehrlich gesagt, schon fast ein bisschen froh, bei der Auswahl, die man in der Parteienlandschaft des deutschen Bundestages hat – Pest oder Cholera – eine gute Ausrede zu haben, um keine Stimme abgeben zu müssen. Tatsächlich hatte ich sogar versucht es mir zu ermöglichen, aus dem Ausland zu wählen, und meine Briefwahlunterlagen an ein deutsches Generalkonsulat in Brasilien schicken lassen – die Wahlunterlagen waren dort auch angekommen, nur Ich eben nicht. Am späten Abend telefoniere ich mit meiner Familie. Der zerstückelte Schlafrhythmus in der vergangenen Woche hatte dafür gesorgt, dass ich fast dauerhaft ziemlich müde und fertig war. Und so beenden wir unseren FaceTime-Call schon nach einer knappen Stunde, damit ich zu mindestens noch etwas Schlaf bekäme, bevor um Mitternacht wieder meine Nachtschicht beginnen würde.
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