Du vermisst die Bilder?
Zwischen den ganzen Tiefen und Höhen sind diese Woche keine Bilder entstanden – nicht mal ein Einziges. Ab nächster Woche gibt’s wieder Bilder. Versprochen!
Ein weiteres Mal klappere ich am Vormittag die drei Segelhäfen rund um Kapstadt ab. In zehn Tagen würde mein Visum für Südafrika auslaufen. Sofern ich bis Sonntagabend keine feste Zusage für eine Atlantiküberquerung hätte müsste ich mich also daran machen einen Flug zu buchen – das wäre das Ende der „Weltreise ohne Geld und ohne Flugzeug“. Etwas Hoffnung macht mir das Ilya, der Skipper, der mich vor zwei Wochen auf Facebook angeschrieben, um sich erkundigen, ob ich Interesse daran hätte mit ihm über den Atlantik zu segeln, heute in Kapstadt landen würde. Ich könne ihn also diese Woche endlich persönlich treffen und würde dann hoffentlich gleich eine feste Zusage bekommen. In den Marinas bleibe ich heute – was anderes habe ich ehrlich gesagt auch nicht erwartet – wieder einmal erfolglos. Wieder zuhause kontaktiere ich Ilya, der inzwischen in Kapstadt gelandet und auf seinem Boot angekommen ist. Erstmal wolle er aber in Ruhe ankommen – verständlich –, bevor wir uns Mitte der Woche dann treffen könnten. Am Abend bete ich und liege Gott mit meinem Anliegen in den Ohren – diesmal mit Dringlichkeitshinweis. Es ist ja nicht so, dass ich noch nicht für meine Transatlantikpassage gebeten hätte. Seit drei Monaten – nein, schon wesentlich länger – betete Ich täglich dafür, dass Gott mir eine Tür öffnet und mir den Weg über den Atlantik zeigt. Und mit jedem weiteren Tag, den sich dann doch wieder nichts bewegt, geht mir das Gebet ein bisschen schwerer über die Lippen.
Meine ganzen Hoffnungen liegen auf Ilya und seiner SeaEsta und so verbringe ich den heutigen Tag zuhause – geduldig darauf wartend das Ilya sich mit einem konkreten Termin bei mir meldet. Solange nutze ich meine Zeit um den neusten Blog-Beitrag weiter zu füllen, sitze auf der Veranda und schreibe vor mich hin. Meine Langeweile am Nachmittag bringt mich dazu an den Excel-Tabellen, in denen ich verschiedenste Daten meiner Weltreise erfasse, herumzuspielen und diese zu optimieren. Aus fünf separaten Tabellen wird eine große Datei die Ausgaben, Einnahmen, Schlafplätze, getrampte Autos, Reisewarnungen, Routenpläne und Ein- und Ausreisedaten erfasst und direkt live in einer Statistik auswertet. Am Abend meldet sich dann endlich Ilya – wir würden uns morgen Abend treffen!
Den ganzen Tag warte ich nervös auf das Treffen mit Ilya am Abend. Es steht viel auf dem Spiel – alles oder nichts. Um mich etwas von der Aufregung abzulenken, spielen Toni und Ich am Vormittag mit seiner kleinen Drone im Garten herum. Um halb fünf ist es dann soweit und ich mache mich aufgeregt mit einem Uber auf den Weg zur Waterfront. Auf den letzten Metern zum Boot fährt auf einmal ein stechender Schmerz durch meinen Fuß. Als ich meine Flipflops ausziehe, sehe ich sofort was der Grund für die Schmerzen ist: Ich war auf ein rostiges dreieckiges Stück Metall getreten, dass sich durch meine Schlappen hindurch in meinen nun blutenden Fuß gebohrt hatte. Shit! Muss das jetzt sein?! Schnell ziehe ich das Blechstück aus meinen Schuh, versuche bestmöglich zu vertuschen das ich humpele und überspiele mein scherzverzehrtes Gesicht mit einem freundlichen Lächeln. Auf der SeaEsta empfängt mich dann Ilya, ein bärtiger in den USA lebender Russe in seinen Mitfünfzigern. Der Katamaran war hier in Kapstadt für ihn gebaut worden und müsse nun nach Hause – auf die andere Seite des Atlantiks – gebracht werden. Neben Ihm würden sein Sohn und ein russischer Freund mitkommen – da der allerdings nur bis Fernando de Noronha (ein brasilianisches Inselarchipel) mitkäme, brauche er für das letzte Stück einen zusätzlichen Mann – so kam ich ins Spiel. 40 Tage würde die Überfahrt von Kapstadt bis nach Grenada (Karibik) dauern – voraussichtliche Abfahrt wäre am 16. Februar. Die Kosten für Lebensmittel und Sprit würden man fair auf alle an Board Anwesenden teilen – über welche Summen wir da sprechen, kann Ilya mir leider nicht sagen. Nach dreißig Minuten haben wir alle Fragen geklärt – doch fest zusagen kann Ilya mir noch nicht. Er müsse erst mit seinen Freuden Rücksprache halten und würde sich dann Ende nächster Woche bei mir melden. Da ich mein Visum aber nicht ohne eine feste Zusage überziehen möchte, bitte ich ihn mir bis Sonntag Bescheid zu geben. „Ich werde es versuchen“ verspricht er mir skeptisch. Wieder zuhause macht sich die Enttäuschung breit – ich hatte keine feste Zusage bekommen. Obwohl wir viele Fragen geklärt hatten, war ich nach dem treffen doch nicht wirklich schlauer. Mir blieb nichts übrig als zu warten – doch in Anbetracht dessen das mir nur noch sieben Tage verblieben, in denen ich mich legal in Südafrika aufhalten dürfte, hielt sich meine Geduld in überschaubaren Grenzen.
Was tue ich jetzt? Vor dieser Frage stehe ich als ich heute aufwache. Laufe ich weiter die Häfen ab, so wie ich es bisher getan hatte? Oder würde ich zuhause sitzen und darauf warten, dass sich Ilya vielleicht doch noch bis Sonntag meldet? Oder sollte ich einfach aufgeben, nicht noch mehr Zeit mit dieser sinnlosen Bootssuche vergeuden und einen Flug buchen? Ich entscheide mich für den Hafen – wohlwissend, dass das Ganze in erster Linie eine Fluchtreaktion ist. Wenn ich in drei Monaten beim Dockwalking keine Mitsegelgelegenheit gefunden hatte, würde ich das heute auch nicht tun. Ich fuhr also einzig und allein in den Stadt, um mir das Gefühl zu vermitteln, dass ich überhaupt etwas tat. Denn die Wahrheit – das ziemlich schlecht um meine Atlantiküberquerung stand und ich daran nichts ändern könnte – gefiel mir gar nicht. Ich war enttäuscht. Nicht nur von mir selbst – hatte ich wirklich alles gegeben? – sondern vor allem auch von meinem himmlischen Vater. Wie oft hatte ich für diese Überquerung gebetet? Wie viele andere Menschen hatten für mich gebetet? Warum hatte Er mich den ganzen Weg bis hier an die südlichste Spitze Afrikas geführt, nur um mich dann vor einem Ozean einknicken zu lassen? War er nicht stärker als das Meer? War er nicht der Gott, der Menschen auf Wasser laufen ließ, Meere teilte, Flüsse aufstaute und Stürme stillte? Ganz tief in mir drin sagte eine kleine Hoffnungsstimme „Noch ist noch nicht Sonntag; noch ist nichts besiegelt!“ Doch ganz ehrlich, wenn man sich die Faktenlage mal ansah, war ziemlich klar, dass mein Traum davon ohne Flugzeug die Erde zu umrunden, nichts anderes mehr war, als der absurde Traum eines größenwahnsinnigen Jugendlichen.
Am Morgen fahre ich mit Toni zum Männerfrühstück der Stadtmission. In meiner zweiten Woche hier in Kapstadt hatte Toni mich schon einmal mit dorthin genommen – damals war ich gerade angekommen, erzählte begeistert von meiner Afrika-Durchquerung und meinen weiteren Plänen. Heute kam ich mit gesenktem Kopf in den Raum und schluckte jedes Mal tief wenn jemand mich mit „Ich dachte du wärst schon in Südamerika!“ begrüßte oder mich fragte wann es denn nun losginge. Laut aussprechen, dass ich wohl doch Fliegen würde anstatt von hier weg zu segeln, wollte ich nicht, auch wenn mir das innerlich absolut klar war. Wieder zuhause, beginne ich dann damit nach Flügen zu suchen. Angebote für die Route Kapstadt – São Paulo gibt es schon ab 500 Euro – das vertrug sich sogar noch mit meiner Reisekasse. Zu meiner Überraschung fand ich mich auf einmal ziemlich schnell damit ab, dass der Traum von der „Weltreise ohne Geld und ohne Flugzeug“ nun geplatzt zu sein schien. Ich war irgendwann sogar soweit, dass ich beschlossen hatte – wenn ich nun sowieso fliegen würde – auch gleich die „ohne-Startkapital“-Politik aufzugeben und mir finanziell etwas mehr Freiheiten zu erlauben. Anstatt günstig nach Brasilien zu fliegen und dort den weltberühmten Karneval in Rio de Janeiro miterleben zu können, liebäugelte ich nun damit etwas mehr Geld in die Hand zu nehmen und meine Südamerika-Etappe in Guyana, Venezuela oder Suriname zu beginnen. Den ganzen Tag bin ich wild am Planen und Recherchieren – die Abenteuerlust in mir war zurückgekehrt. Endlich hatte diese elendige Ungewissheit, das endlose Warten, ein Ende und ich könnte mich wieder dem widmen, weshalb ich eigentlich unterwegs war – Abenteuer erleben, neue Länder erkunden, mich irgendwo durch den Dschungel schlagen!
Ein letztes Mal mache ich mich am frühen Morgen auf den Weg in den Hafen. Nicht mehr in der Hoffnung ein Boot zu finden – vielmehr aus Tradition und Langeweile. Während der Bus in die Stadt fährt, tippe ich in meiner Notiz-App schonmal den Caption-Text, für einen Insta-Post– den Post mit dem Flugzeugflügel über der Wolkendecke sehe ich nämlich schon vor meinem inneren Auge. Als ich in der Stadt ankomme, ist der Bus nach Hout Bay gerade abgefahren. Ich drehe also erst eine Runde durch die menschenleere (und bootsleere) Marina in der Waterfront, bevor ich erneut zu der Busstation laufe. Die Schlange dort ist in der Zwischenzeit so lang geworden, dass ich vermutlich nicht mal in den nächsten Bus mit reinkäme – und eine Stunde warten, nur um dann eine weitere Stunde im Bus zu sitzen, möchte ich auch nicht. „Dann lass ichs halt“ denk ich mir und laufe in Richtung Castle of Good Hope, von wo ich mir ein Uber nach Hause bestellen möchte. Als ich mein Handy aus der Hosentasche ziehe, leuchtet darauf eine Nachricht auf: „Hi Felix, you can move on the boat 3 Feb 2025 […]“ – ich hatte ein Boot! Ein paar Tränen rollen mir über das Gesicht – Freudentränen. Als ich um halb zehn wieder zur Haustür reinkomme gucken mich Monika und Toni verdutzt an „Du bist aber schnell zurück“. Dann überbringe ich ihnen die Freudenbotschaft – wirklich fassen kann ich es immer noch nicht. Ich hatte mich gerade damit abgefunden gehabt – ja sogar Freude an den Gedanken gefunden – in ein Flugzeug steigen zu müssen, und nun kam doch wieder alles ganz anders. Wie heißt es so schön? „Gott handelt spätestens rechtzeitig!“ Halleluja, Amen.
Mit einem Lächeln auf den Lippen erzähle ich heute Morgen im Gottesdienst all den Leuten, denen ich am Freitag beim Männerfrühstück noch mit gesenktem Kopf begegnet war, freudig davon, dass ich nun die Zusage für ein Boot bekommen hätte. Ganz verarbeitet, dass ich tatsächlich gemeinsam mit einem russischen Millionär auf seiner nigelnagelneuen Yacht über den zweitgrößten Ozean unserer Erde segeln würde, habe ich aber auch heute noch nicht – das wird auch noch ein bisschen dauern. Wieder zuhause, beschäftige ich mich mit der Frage, was ich denn nun nächste Woche tun würde – denn bis ich am dritten Februar aus Boot ziehen würde, war es noch eine ganze Woche. Und immer wieder die Marinas ablaufen – damit hatte ich bisher den größten Teil meiner Zeit hier in Kapstadt verbracht – müsste ich nun ja nicht mehr. An Ideen mangelt es nicht – Julia hatte gerade geschrieben, ob jemand Lust hätte am Dienstag mit ihr surfen zu gehen und Simon und Ich hatten schon überlegt, ob wir – in dem Fall das ich Langeweile hätte – noch einen Trip in die Cederberge machen. Am Abend berichte ich dann meinen Eltern – der hatte ich bisher nur kurz und bündig geschrieben, dass ich am 03.02. auf ein Boot ziehe – bei unserem wöchentlichen von den Neuigkeiten. Mit der Entscheidung der Bootssuche, kann meine Familie nun auch endlich ihren Osterurlaub planen – wir treffen uns im April auf Grenada!
Zwischen den ganzen Tiefen und Höhen sind diese Woche keine Bilder entstanden – nicht mal ein Einziges. Ab nächster Woche gibt’s wieder Bilder. Versprochen!
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