Montag 03.02.2025 – Der Umzug aufs Boot
Heute wäre der große Tag – nach drei Monaten, die ich daraufhin gefiebert hatte, würde ich endlich auf ein Boot ziehen. Doch vor dem Beginn des Bootslebens kommt erstmal ein Abschied auf mich zu. Drei ganze Monate – ein viertel Jahr – hatte ich bei Toni und Monika verbracht. Sie hatten in dieser Zeit nicht nur ihr Haus mit mir geteilt, sondern waren mir auch wirklich ans Herz gewachsen. Der bereits heranrollende Uber sorgt dafür, dass die Verabschiedung schlussendlich kurz und schmerzlos ausfällt – wobei wir uns noch gar nicht „wirklich“ verabschieden, denn ich würde ja vorerst hier in Kapstadt bleiben. Mit meinem vollgepackten Rucksack auf der Rückbank geht es er dann auf den Weg in Richtung Waterfront machen. Auf dem Pier hinter dem „Two Oceans Aquarium“ wartet Ilya bereits auf mich. Der Katamaran ist von innen viel geräumiger, als man es von außen vermuten würde. Der Saloon sieht inzwischen nach einem Wohnzimmer aus – nicht mehr nach einer Baustelle – und auch in die Küchenzeile ist Leben eingezogen. In der rechten Kufe befindet sich der „Master-Bedroom“ mit einem großzügigen Bad. In der linken Kufe es zwei Kabinen – von denen Ich mir eine aussuchen darf – Dusche und WC fallen dafür wesentlich kompakter aus. Ilya zappelt nicht lange bis er mir die ersten Dinge erklärt. Unter allen Böden und hinter jeder Wand befinden sich über Luken erreichbare Hohlräume die voll mit allerlei technischen Gerätschaften sind – Pumpen, Batterien, Filter, Tanks, Steuermechanik und vieles mehr. Neben all den bootsspezifischen Dingen ist hier auf engstem Raum eben auch alles verbaut, was man in einem normalen Haus finden würde. Klimaanlagen, mehrere große Kühl- und Gefrierschränke – es mangelt an nichts. Ilyas Frau, Mina, erklärt mir noch die Waschmaschine – ja, auch die gibt es – und zeigt mir den Arzneimittelschrank, bevor sie sich am Nachmittag auf den Weg zum Flughafen macht – sie würde nicht mit uns mitsegeln. Am Abend warten dann zwei Nachhilfestunden auf mich und auch Ilya verschwindet so bald in den USA der Arbeitstag hinter seinem Laptop.
Dienstag 04.02.2025 – Rauchende Köpfe & Pfannen
Gleich nach dem Frühstück fahre ich in das eine Dreiviertelstunde von der Innenstadt entfernte Industriegebiet und besuche erneut – inzwischen zum dritten Mal – den dort ansässigen IT-Fachhändler. Der „Access-Point“, den Ich dort gestern auf meinem Weg zum Boot gekauft hatte, ließ sich nicht konfigurieren und startete immer wieder aufs Neue dasselbe Update. Wir könnten auf vieles verzichten – aber nicht auf funktionierendes Internet! Als das WLAN endlich läuft, führt Ilya häppchenweise die Erklärung der Bootstechnik fort. Wir gucken uns erst die Motoren an – für die sei ich zuständig – und testen dann unsere Meerwasser-Entsalzungsanlage. „Von der hängt unser Leben ab“ bemerkt Ilya am Rande und so gebe ich mir alle Mühe jeden der Schritte zur Nutzung und Instandhaltung des teuren Geräts sorgfältig in meinem rauchenden Kopf abzuspeichern. Am Nachmittag kündigt sich spontan Besuch an – eine russische Freundin von Ilya sei gerade auf einer Konferenz hier in Kapstadt und hatte sich zum Abendessen eingeladen. Wir improvisieren also schnell einen Salat und legen etwas Fleisch auf den Grill. Bei meinem Versuch Bratkartoffeln zu machen, brennt mir doch glatt die Pfanne an und der Rauchmelder löst aus – den hätten wir dann zumindest auch einmal getestet. Glücklicherweise nimmt Ilya die Situation gelassen. Als die junge Dame dann kommt stellt mich Ilya ihr mit den Worten “Das ist Felix, er wird mit uns nach Grenada segeln” vor. Diese Worte zu hören ist schön, denn als Ilya mir vorletzte Woche geschrieben hatte, dass ich aufs Boot ziehen könne, hatte er noch dazu geschrieben “über die Atlantikpassage entscheiden wir später”
Mittwoch 05.02.2025 – Spielzeug
Ein goldener Sonnenschein glitzert am Morgen durch das schmale Fenster meiner kleinen Kabine. Noch immer fühlt es sich ein bisschen surreal an, wenn ich an genau dem Ort aufwache, an dem ich die letzten Monate verzweifelt die Stege nach einer Mitsegelgelegenheit abgesucht hatte. Rein statistisch gesehen war die Wartezeit beim „Bootstrampen“ dabei gar nicht länger gewesen als bei Trampen sonst. Im Durchschnitt hatte ich auf meiner Reise etwa doppelt so lange auf einen Lift in einem Auto gewartet, wie die dieser dann dauerte. Bei dem Boot war es nun ähnlich – nur dass die Fahrtdauer bei sechs Wochen lag und somit auch die Wartezeit entsprechend lang war. Viel zu tun gibt es an Board heute nicht und auch mit den Erklärungen ist Ilya vorerst durch. Stattdessen probiere ich also die „Insta 360“ aus, die Ilya sich für die Überfahrt gekauft hatte. Neben der 360-Grad Kamera versteckt sich in den Schränken des Boots noch viel weiteres „Spielzeug“ – unter anderem auch eine Kameradrohne und ein Unterwasser-Scooter. Am Nachmittag gelingt es uns die Tracking-Funktion von Ilyas Windvorhersage-App mit meinem GPS-Gerät zu verbinden. Ganz unten auf dieser Seite befindet sich ein Link, über den Du den Live-Standort der „SeaEsta“ sehen und den Fortschritt unserer Atlantiküberquerung mitverfolgen kannst. Am Abend gehe ich mit Ilya in einem Restaurant in der Waterfront essen und wir lassen den Abend bei einem Glas Rotwein ausklingen – meinen Vorsatz dieses Jahr keinen Alkohol zu trinken hatte ich gleich am ersten Abend auf dem Boot – wortwörtlich – über Bord geworfen oder zumindest für die kommenden acht Wochen ausgesetzt.
Donnerstag 06.02.2025 – afrikanische Handwerker
Innerhalb der letzten Tage hatte ich relativ schnell festgestellt, dass das Bootsleben deutlich entspannter war als zuerst angenommen. Anstatt die ganze Zeit zu malochen, saß ich die meiste Zeit auf der Couch im Saloon. Unsere Hauptaufgabe bestand diese Woche darin die unzähligen Handwerker der Bootsfirma zu beaufsichtigen die täglich von acht bis siebzehn Uhr auf dem Katamaran herumwuselten und sämtliche kleine Restarbeiten erledigten. Manchmal habe ich das Gefühl, dass es schneller gehen würde, wenn man die mit typisch afrikanischer Gemütlichkeit arbeitenden Handwerk vom Boot scheucht und die Dinge einfach selber in die Hand nehmen würde. Als Ich gerade wieder an einem Punkt bin, an dem es mir unter den Fingernägeln juckt und ich dem sich in Zeitlupe bewegenden Arbeiter nicht mehr zusehen kann, ohne einen Anfall zu bekommen, entfliehe ich dem Boot und gehe einkaufen. Ilya hatte die das Erstellen der Einkaufliste in meine Verantwortung gegeben und so stehe ich überfordert vor den Supermarkt-Regalen und stelle fest, dass ich noch nie in meinem Leben selber für mehr als zwei Tage eingekauft hatte. Zuhause gab es immer eine Liste von Mama und unterwegs kaufte ich immer nur für maximal zwei Tage ein – mehr Platz bot mein Rucksack eh nicht. Ich packe den Wagen also voll, versuche grob abzuschätzen, was wir in der kommenden Woche essen würden, und hoffe zugleich, dass ich mich so schlecht anstelle, dass Ilya die Einkaufsliste für unsere Atlantikpassage nicht mir überließe.
Freitag 07.02.2025 – Shopping
Es ist nahezu windstill am heutigen Morgen und so nutzen wir die Chance, um unsere Segel einmal testweise hochzuziehen. Hektisch werden hier und da Leinen verlegt – ich fühle mich ziemlich überfordert und versuche einfach nicht in Weg rumzustehen. Das Einzige, was ich wirklich verstehe, ist das Resümee des Testversuchs: Unser asymmetrischer Spinnaker – ein riesiges Vorsegel, das wie ein Drachen vor das Boot gespannt wird – ist zu lang. Auch wenn man es ganz nach oben, bekommt man keine Spannung auf das Segel – das Segel müsste gekürzt werden, was in Anbetracht dessen, dass wir in nur acht Tagen ablegen wollen, durchaus ein Problem darstellt. Nach der Ernüchterung am Morgen, machen Ilya und Ich uns gegen Mittag auf den Weg ins Hafengebiet. Hier gibt es einige Geschäfte die allerlei Dinge für den maritimen Bedarf verkaufen. Den ganzen Nachmittag lang laufen wir durch Nautik-Shops, Seilmanufakturen und Baumärkte, in denen Ilya sich mit unzähligen Dingen einsetzt.
Samstag 08.02.2025 – Yachtclub
Ich habe meinen Marmeladen-Toast noch halb im Mund, schon lösen wir die Leinen. Der Lack des Katamarans muss an einigen Stellen noch nachgebessert werden und da das aufgrund des beim Lackieren entstehenden Sprühnebels nicht in der Waterfront geht, müssen wir mit Boot zum Royal Cape Yacht Club fahren. Durch die beiden Klappbrücken verlassen wir die Marina und legen nur zehn Minuten später am Pier des Yachtclubs an – dort hat man mich schon vermisst. „Felix?! Du warst lange nicht hier!“ – die Kellnerinnen sprechen mich inzwischen mit Namen an und auch, was ich bestellen möchte, weiß man bereits „Einen Bananen-Milkshake? Kommt sofort!“ Es ist ein erhabenes Gefühl nach all den Malen die ich in der Hoffnung ein Boot zu finden hier herkam, nun gemeinsam mit Ilya hier zu sitzen und zu wissen, dass ich mein Boot über den Atlantik gefunden hätte. Am Abend wagen Ilya und Ich uns an den Versuch Ragout zu kochen – allerdings nicht irgendwie, sondern mit Hilfe des „InstantPot“. Den hochmodernen Druckkochtopf, für dessen digitales Bedienpanel man eine gesonderte IT-Schulung abgeschlossen haben muss, hatte Ilyas Frau angeschafft. Schritt für Schritt folgen wir also einem YouTube-Tutorial, welches verspricht mithilfe dieses Hightech-Küchengeräts den perfekten „Beef Stew“ zu machen. Naja, perfekt ist unser Gulasch vielleicht nicht, aber es kann sich definitiv sehen (und schmecken) lassen – vor allem für den ersten Versuch.
Sonntag 09.02.2025 – Abschiedsschmerz
Nach dem Frühstück mache ich mich mit einem Uber auf den Weg zur Stadtmission – da heute der Boden des Boots lackiert werden würde, müssten wir sowieso das Feld räumen – das ich am Morgen zum Gottesdienst möchte passt also perfekt. In der Stadtmission ist es nun tatsächlich an der Zeit mich zu verabschieden, viele der der Menschen hier würde ich vermissen und vor allem das Wissen, dass ich in näherer Zukunft wohl kaum wieder hierherkäme – für die nächsten Jahre hatte ich schließlich erst einmal andere Reisepläne – hinterlässt etwas Wehmut in mir. Wieder zurück treffe ich Ilya im Clubgebäude des Yachtclubs an – den gesamten Nachmittag sitzen wir dort und warten darauf, dass der Lack trocknet und wir das Boot wieder betreten können. So lange vertreibe ich mir die Zeit, indem ich Knoten vor mich hin übe und an meinem Blog schreibe. Als wir am Abend dann endlich wieder unser schwimmendes Zuhause betreten können, bläst der Wind mit voller Kraft vom Tafelberg herab durch die Marina des Yachtclubs. Immer wieder gehen wir raus und binden noch ein zusätzliches Tau nach dem anderen fest, damit der Katamaran in der Nacht irgendwie an Ort und Stelle bleibt.
Hier der Link zum Live-Tracking des Katamarans. Das erste Drittel bis St. Helena liegt inzwischen hinter uns: https://forecast.predictwind.com/tracking/display/SeaEsta/
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