Montag 24.08.2026
Als ich um zwei zu meiner Nachtschicht antrete, haben wir gerade den St.-Georgs-Kanal, eine die Inseln New Britain und New Ireland trennende Meerenge, durchquert. Zu dem die letzten Tage ohnehin stabilen Wind kommt in dem schmalen Kanal eine überaus starke Strömung. Mike schwärmt: Während seiner Schicht habe er eine ganze Weile konstante 10 Knoten gemacht – das passierte sonst höchstens Welle abwärts. Auch während meiner Schicht sind wir zügig unterwegs – wenn auch nicht so schnell. Den ganzen Tag über bleibt die Strömung bestehen und sorgt wie ein fliegender Teppich dafür, dass wir auch bei abnehmendem Wind Meile um Meile schrubben. Den Vormittag über regnet es, am Nachmittag ist es sonnig.
Dienstag 25.08.2026
Während meiner Nachtschicht lässt der Wind mehr und mehr nach, bis ich schließlich den Motor anmachen muss. Auch die Strömung hatte uns verlassen. Langsam, aber sicher tuckern wir von da an weiter in Richtung Norden. Am späten Nachmittag passieren wir den Albatros-Kanal, einen schmalen Durchlass zwischen zwei Inseln, der uns auf dem Weg nach Kavieng einige Meilen spart. An den Ufern links und rechts des Kanals, stehen kleine aus Schilf und Lehm gebaute Hütten, Töpfe brodeln auf offenen Feuerstellen, Fischer in Einbäumen ziehen ihre Netze durch das Wasser, Kinder winken aufgeregt, als sie unser Boot erblicken. Die Sonne steht tief. Es wirkt, als sei dieser Fleck der Erde von den Entwicklungen der letzten Jahrhunderte unberührt geblieben. Als die Sonne hinterm Horizont verschwindet, beschließen wir für die Nacht zu stoppen und die letzten 15 Seemeilen nach Kavieng morgen bei Tageslicht zurückzulegen. Ein Mann in einem Einbaum beobachtet uns beim Ankern und kommt anschließend ans Boot. In seinem kleinen hölzernen Kanu hat er einen 20L Wasserkanister. Er erzählt uns, dass er von einer anderen Insel käme und lediglich zum Wasserholen hierüber gepaddelt sei. Seit Monaten habe es nicht geregnet, alle Wassertanks in den Dörfern seien leer, die Region erlebe eine der schlimmsten Dürren seit Jahrzehnten.
Mittwoch 26.08.2026
Am Morgen segeln wir die letzten Seemeilen nach Kavieng und ankern schließlich in einer kleinen Lagune vor einem Resort, das auf einer kleinen Insel gegenüber der Stadt liegt. Mit dem Dinghy legen wir an einem langen Betonpier an, an dem einige Locals fischen und laufen dann zu Fuß in Richtung des Ortszentrums. Der trockene Boden ist staubig, überall verkaufen Menschen Betelnuss, die Straßen werden fast ausnahmslos von Land Cruisern dominiert, in einer Halle am Wasser stoßen wir auf einen kleinen Markt. Bei der Einwanderungsbehörde angekommen, stehen wir vor verschlossenen Türen. Heute sei ein lokaler Feiertag, erfahren wir von dem Security-Mann, der das Tor bewacht. Wir streifen noch durch einen – überraschend gut bestückten – Supermarkt, dann nehmen wir ein Taxi zurück zum Dock und fahren zurück aufs Boot. Um die Mittagszeit statten wir dem neben unserem Ankerplatz gelegenen Resort einen Besuch ab und lassen uns dort auf einen Pina Colada nieder. Viele Gäste sind nicht dort. Wir unterhalten uns mit dem Besitzer, der uns einige Empfehlungen für Tauchspots rund um Kavieng gibt. Darüber hinaus erzählt er uns von einem kulturellen Festival, das am Wochenende hier stattfinden soll. Den Nachmittag über schrubben wir unseren – inzwischen schon wieder ziemlich dreckigen – Rumpf, bevor wir am Abend dann für ein Buffet erneut im Resort einkehren.
Donnerstag 27.08.2026
Unser Generator macht am Morgen Faxen. Aus irgendeinem Grund startet er nicht mehr – vermutlich war Luft ins System geraten. Es dauert eine ganze Weile bis das Problem behoben ist und wir uns auf den Weg in die Stadt machen können, um einzuklarieren. Ein freundlicher Beamter empfängt uns im Büro der Einwanderungsbehörde, stellt uns ein paar Fragen, lässt uns ein Formular ausfüllen und stempelt schließlich unsere Pässe – alles in unter zehn Minuten. Wir fragen uns zwischenzeitlich, ob wir nun tatsächlich formal im Land waren, so einfach war der Prozess. Wir kaufen noch ein und machen uns anschließend wieder auf den Weg zum Boot. Dort befreie ich den letzten Abschnitt des Rumpfes, von dem grünen Algenteppich, der auf ihm wächst, bevor Tony und ich erneut in die Stadt fahren, um Diesel zu besorgen. Die Kanister sind schnell aufgefüllt. Weniger erfolgreich ist unsere Suche nach Gas. Die Füllstelle, bei der wir am Vormittag unsere Gasflasche abgegeben hatten, gibt uns diese leer zurück – entgegen dessen, was wir online gelesen hatten, hat man hier keinen Adapter für den amerikanischen Gasanschluss.
Freitag 28.08.2026
Am späten Vormittag fahren wir nach Kopkop, einem kleinen Vorort von Kavieng, in welchem das Festival, von dem uns der Resortbesitzer erzählt hatte, stattfinden soll. So wirklich wissen wir nicht, was uns erwartet. Das liegt vielleicht auch daran, dass das Malang Festival zuletzt vor 30 Jahren stattgefunden hatte und es dementsprechend kaum aktuelle Berichte drüber gab. Schon von weitem lassen sich die Zelte und Pavillons erblicken, die den Veranstaltungsort, eine große Wiese, einrahmen. Massen von Menschen – allesamt ausschließlich Locals – sind auf dem Gelände unterwegs. In der Mitte der Wiese befindet sich ein kleiner abgesteckter Bereich, in dem eine in auffälligen traditionellen Kostümen gekleidete Gruppe tanzt. Immer wieder kommen neue Gruppen in anderen Kostümen an und übernehmen die Show. Wir erfahren, dass die Gruppen aus verschiedensten Teilen New Irelands kommen und das Festival dazu dient, die verschiedenen Kulturen miteinander in Verbindung zu bringen und gemeinsam zu zelebrieren. In einem Land wie Papua-Neuguinea, in dem mehr als 700 verschiedene Ethnien zusammenleben und 840 verschiedene Sprachen gesprochen werden, ist das enorm wichtig! Zurückhaltend frage ich eine Gruppe Männer mit bunter Gesichtsbemalung und Röcken aus Palmblättern, ob wir ein Foto machen können. Nur zu gerne erfüllt man mir diesen Wunsch und wenig später stehen die Leute vor mir Schlange, um Fotos zu machen. Menschen in Baströckchen gab es hier schließlich viele, weiße Touristen nur genau drei. Bis zum Nachmittag bleiben wir auf dem Festival und bestaunen die verschiedenen Gruppen und ihre Tänze. Während Tony und ich am Betonpier darauf warten, dass Mike, der früher zurückgefahren war, uns einsammelt, gehen wir mit einigen Kindern schwimmen. Irgendwie gelingt es mir dabei, mir einen Seeigel in den Fuß zu treten – eine schmerzhafte Angelegenheit. Doch viel machen kann man dabei nicht: Die Stacheln sind extrem filigran und brüchig – sie müssten mit der Zeit rauswachsen! Der weitere Nachmittag verläuft ruhig. Meine Gedanken schweifen um die Erlebnisse des Vormittags. Irgendwie fühlt sich das, was wir erlebt hatten, Fake an! Außerhalb des Festivalgeländes war mir in Papua-Neuguinea keine einzige Person mit Körperbemalung oder in traditioneller Kleidung begegnet. Offensichtlich war das also nicht die gängige Alltagskleidung hier, sondern Kostüme. Aber machte das die Erfahrung deshalb unauthentisch? Ich glaube nicht! Ein Touristenabklatsch war das Festival zweifellos nicht, schließlich waren wir die einzigen Touristen dort. Vielmehr muss man es als ein Event sehen, bei dem die Locals ihre Kultur und ihre Wurzeln offen zelebrieren. So wie man sich bei uns für ein Volksfest vielleicht Lederhose und Dirdl anzieht, so schlüpfen die Menschen beim Malang Festival – und allen anderen Kulturfestivals im Land – in ihre traditionellen Kostüme. Trotzdem tragen die wenigsten Deutschen regelmäßig Lederhosen. Und auch an Papua-Neuguinea ist das 21. Jahrhundert nicht vorbeigegangen: Der größte Teil der 11 Millionen Einwohner des Landes trägt – auch wenn uns die Bilder, die wir im Internet sehen, den Eindruck wilder, von der Zivilisation abgeschnittener Kannibalen-Stämme vermitteln wollen – im Alltag Flip-Flops, Shorts und T-Shirts und keine Baströcke, Holzmasken und Körperbemalung!
Samstag 29.08.2026
Den Vormittag über läuft der Kompressor – entsprechend ist Polieren angesagt. Die beiden Tätigkeiten lassen sich optimal kombinieren: Der Kompressor muss beaufsichtigt und alle 10 Minuten entlüftet werden, und etwas zu polieren gibt es auf einem Segelboot immer – Rost entsteht auf den verchromten Metallteilen an Deck schließlich schneller als man gucken kann. Am Nachmittag gehen Tony und ich an einem Flugzeugwrack aus dem zweiten Weltkrieg tauchen, das an einem Riff unweit unseres Ankerplatzes liegt. Das Wrack des Kampfjets liegt aufrecht in acht Metern Tiefe und ist nahezu perfekt erhalten und auch das Korallenriff rundherum begeistert mich. Es gibt dort hunderte, in den unwirklichsten Farben leuchtende Goldmund-Seescheiden, die in ihrem Aufbau ein wenig an menschliche Herzen erinnern, zudem finde ich eine Tiger-Porzellanschnecke – die kannte ich bisher nur als Dekoobjekt auf verstaubten Regalen.
Sonntag 30.08.2026
Als wir aus dem Fenster gucken, sehen wir plötzlich ein zweites Segelboot neben dem unseren. Die Sloop gehört Doris und Wulf, einem älteren österreichischen Pärchen, das als „Die Seenomaden“ bekannt ist. Die Beiden segeln schon seit ihren Zwanzigern gemeinsam um die Welt, haben zwei gemeinsame Weltumrundungen hinter sich, und drei Bücher geschrieben. Sie waren mit ihrem Boot in Grönland, sind um das Kap Horn gesegelt, wurden im Roten Meer von Piraten geboardet und auf den Kap Verden überfallen. Ihre dritte Weltumsegelung haben sie vor 12 Jahren begonnen – und sind immer noch unterwegs. Die Geschichten der beiden zu hören ist unglaublich inspirierend. Am Nachmittag gehen Tony und ich eine Runde Speerfischen. Wir hatten in Fidschi eine zusätzliche – größere – Harpune gekauft und konnten somit nun zu zwei auf die Jagd gehen. Die erste Stunde verbringen wir ohne Erfolg an einem Riff direkt neben unserem Ankerplatz, dann fahren wir mit dem Dinghy zu einem Bommie etwas weiter draußen. Dort ist deutlich mehr großer Fisch. Es dauert nicht lange und Tony hat einen Wahoo – bestimmt einen Meter lang – geschossen. Damit hatte sich die neue Harpune dann wohl schonmal rentiert! Wir haben schließlich sogar so viel Fisch, dass wir die Hälfte des Fisches an die Österreicher abgeben.

















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