Zeitreisen für Anfänger Zeitreisen für Anfänger

Montag 01. Juni 2026

Es stürmt noch immer, teils mit an die 30 Knoten fegt der Wind durch unsere Ankerbucht – draußen sind es noch deutlich mehr. Voraussichtlich würde es noch bis Mittwoch dauern, bis das Unwetter nachlasse und wir die gerade mal 60 Seemeilen lange Überfahrt nach Samoa wagen könnten. Zwischen starken Regenschauern kümmern Tony und ich uns den Vormittag über weiter um unseren Dieselvorrat. Zwei Kanisterladungen hatten wir bereits letzte Woche von der Tankstelle aufs Boot gebracht, zwei weitere folgten heute. Anschließend wird eingekauft – es gibt hier günstigen amerikanischen Rum! In der Stadt lassen wir uns zudem noch einen Stapel Kopien unserer Crew-Liste machen, damit wir diese beim nächsten Einklarieren nicht wieder von Hand abschreiben müssten. Zurück an Bord wird das Deck und vor allem das Cockpit geschrubbt, bevor wir uns dann unter Deck verziehen und einen neuen Post für Mike’s Blog schneiden und schreiben. Als wir zum Feierabend dann im Cockpit sitzen, geht es um unsere Routenplanung. Mike war auf die spontane Idee gekommen, Samoa auszulassen und direkt nach Fidschi zu segeln – die Segelbedingungen dafür wären die kommenden Tage optimal. Mir widerstrebte das: Wir waren schon jetzt unserem Zeitplan mehr als zwei Wochen voraus. Und direkt nach Fidschi zu segeln, bedeutete, dass wir nicht nur Samoa ausließen, sondern auch Tonga wegfiel. Doch auch Tony spricht sich, in der Hoffnung so eine ganze Weile durch das recht große Fidschi cruisen zu können, für Mikes Einfall aus und so muss ich mich dem fügen. Was mich fast noch mehr ärgert ist, dass ich aus Mikes Worten raus höre, dass er schon jetzt damit liebäugelte auch Papua-Neuguinea aus dem Itinerary zu streichen. Große Teile des Landes seinen gefährlich, und ob sich der Aufwand nur für die wenigen sicheren Ankerplätze extra in das Land ein- und auszuklarieren lohne, sei fraglich …

Dienstag 02. Juni 2026

Um morgen so früh wie möglich loszukommen, würden wir schon heute aus Amerikanisch-Samoa ausklarieren. Leider ist das Check-Out-Prozedere bei Weitem nicht so gut organisiert wie die Einreise in das Überseegebiet. Nachdem wir beim Hafenmeister das erste Dokument abgeholt haben, suchen wir verzweifelt nach dem Immigration-Büro, das sich leider nicht dort befindet, wo es auf der Karte vermerkt ist. Erst mit der Hilfe eines Taxifahrers finden wir die Einwanderungsbehörde schließlich in den Umkleideräumen einer nahegelegenen Turnhalle. Der letzte Stopp soll die Zollbehörde sein. An der angegebenen Adresse finden wir auch ein Büro dieser, jedoch – wie man uns sagt – das falsche. Man schickt uns zu einem anderen Büro, das jedoch auch nicht das richtige ist. Zwei weitere Male geht das so – quer durch die Stadt – weiter, bis wir schließlich am richtigen Ort sind. Dort kümmert man sich endlich um unser Anliegen und macht die „Port Clearence“, ein wichtiges Dokument, ohne welches man nicht ins nächste Land einklarieren kann, fertig. Bevor man uns den Wisch aushändigen kann, müssen wir allerdings noch 100$ bezahlen – das würden wir auch gerne, doch dürfen es nicht, da der Quittungsblock gerade leergegangen ist – und ohne eine Quittung auszustellen, darf die Behörde kein Geld annehmen. Man bittet uns später wiederzukommen. Wir gehen Mittagessen, doch auch danach hat man noch keinen neuen Quittungsblock gefunden – wir sollen am späten Nachmittag zurückkommen. Den Nachmittag verbringen wir im Waschsalon und kaufen neue Kissen – unsere bisherigen waren einige Jahrzehnte alt und unter dem Bezug schimmlig. Mike, der den Nachmittag auf dem Boot verbringt, hatte Tony und mir daher großzügig Geld für einen neuen Satz Kissen mitgegeben. Mit frischer Wäsche und neuen Kissen wagen wir einen letzten Besuch bei der Zollbehörde. Einen neuen Quittungsblock hat man zwar – was anderes hatte ich ehrlich gesagt auch nicht erwartet – immer noch nicht, aber man bietet uns an, dass man uns die Quittung per Mail schicken könne. Am Abend gehen wir noch einmal in die Billard-Bar, in der wir vor einigen Tagen schon gewesen waren, und teilen uns dort ein riesiges 150$-Tomahawk-Steak.

Mittwoch 03. Juni 2026

Kaum erleuchten die ersten Sonnenstrahlen des Tages die kleine Bucht von Pago Pago, setzen wir auch schon die Segel und kehren Amerikanisch-Samoa den Rücken. Nachdem wir hier fünf Tage bei stürmischen Winden und Dauerregen ausgeharrt hatten, ist das Wetter – wie schon bei unserer Ankunft – traumhaft. Man könnte meinen die Insel habe sich gegen uns verschworen! Sobald wir die Bucht verlassen haben, ergreifen uns stabile Winde und beschleunigen unser Boot ganz ohne Hilfe des Motors konstant auf um die acht Knoten (15 km/h) – so macht Segeln Spaß! Während die Insel hinter uns immer kleiner wird, widmen wir uns dem Papierkram für unserer nächstes Ziel: Fidschi verlangte ein 14-seitiges Pre-Arrival-Formular, in dem es wirklich alles anzugeben galt, was man über ein Boot angeben kann. Statt des üblichen Feldes für die Bootsfarbe gibt es gleich acht Felder für diese: Farbe des Bootsrumpfs Unterwasser, Farbe der Wasserlinie, Farbe des Bootsrumpfs Überwasser, Farbe des Decks, Mastfarbe, Farbe des Deckshaus oben, an den Seiten und schließlich die Segelfarbe. Und auch in Bezug auf unsere Vorräte ist man nicht weniger penibel: Wir müssen alle Lebensmittel an Bord, inklusive des Landes, in dem sie produziert, und des Ortes, an dem sie gekauft wurden, auflisten. Noch während wir an den letzten Feldern des Formulars sitzen, passiert etwas Außergewöhnliches: Es ist von einem Moment auf den nächsten plötzlich 24 Stunden später.

Donnerstag 04. Juni 2026

Ein kleines Stück westlich von Amerikanisch-Samoa liegt die internationale Datumsgrenze, jene Linie, an welcher die Zeitzonen GMT-12 und GMT+12 aufeinandertreffen. So kommt es, dass Amerikanisch-Samoa und Samoa, wenn auch die beiden Inseln nur gut 80 Kilometer entfernt liegen, eine Zeitdifferenz von 24 Stunden haben. Reist man, so wie ich, von West nach Ost über die Datumsgrenze, so überspringt man 24 Stunden seines Lebens und reist quasi in die Zukunft. Zeitreisen leicht gemacht! Wirklich verloren geht diese Lebenszeit dabei natürlich nicht: Im Laufe der letzten 2,5 Jahre hatte ich mir mit jeder Zeitzone, die ich durchquerte, – 12 an der Zahl – eine Stunde dazuverdient, nun verlor ich 24 Stunden. Auf dem weiteren Weg zurück nach Deutschland würde ich wieder zwölf Mal eine Stunde dazubekommen, so dass mein Zeitsaldo am Ende ausgeglichen wäre. Der restliche Tag verläuft unspektakulär: Der Wind bleibt weiter stabil, an unserer Leine beißt ein Fisch an, löst sich aber wieder noch bevor wir reagieren können. Bevor ich ins Bett gehe, höre ich mir einen Podcast mit Stefan an. Dieser war vor wenigen Monaten von seiner Weltreise nach Deutschland zurückgekehrt: Nicht, weil er es ohne Flugzeug zurückgeschafft hatte, sondern weil er nach anderthalb Jahren auf Reisen zu dem Schluss gekommen war, dass er alles gefunden und erlebt hatte, was er sich für diese Reise vorgenommen hatte.

Freitag 05. Juni 2026

Müde verkrieche ich mich nach meiner Nachtschicht nochmal für einige Stunden ins Bett. Der Wind war die ganze Nacht über stabil geblieben, wir erreichten konstante hohe Cruising-Geschwindigkeiten. Ich hatte meine ganze Schicht über die Segel nicht ein einziges Mal adjustieren müssen, Tony vor mir ebenfalls nicht und auch Mike davor nicht. Den Vormittag verbringe ich, neben dem Blogschreiben, damit meine Reisekrankenversicherung zu verlängern. Da ich ursprünglich ja damit gerechnet hatte, dass ich nur drei Jahre unterwegs sei, lief diese nämlich in einigen Monaten aus. Wie lange ich tatsächlich noch bräuchte, um es zurück nach Deutschland zu schaffen, lässt sich schwer sagen. Entfernungstechnisch befand ich mich gerade so ziemlich am anderen Ende der Welt. Trotzdem wollte ich mir nicht noch weitere zweieinhalb Jahre Zeit lassen. Die Anzahl der Länder, die mich von Deutschland trennten, war – einmal in Indonesien und damit auf dem Eurasischen Kontinent – recht überschaubar; ich kenne Leute, die diese Strecke in unter zwei Monaten getrampt waren. Das war mir dann allerdings auch wieder zu schnell, ich wollte ja doch schon auch etwas von Asien sehen. Bis Weihnachten 2027 würde ich aber auf jeden fall zurück sein!

Samstag 06. Juni 2026

Bereits seit über 48 Stunden hatten wir die Segel nicht angefasst, der Motor war nicht gelaufen und dennoch jagten wir weiterhin mit 7-8 Knoten (14 km/h) übers Wasser. Den Vormittag über sitze ich unter Deck und tippe fleißig an meinem nächsten Blogpost. Bisher hatte ich die Beiträge immer hektisch bis Freitagabend fertiggestellt. Mit der nun positiven Zeitverschiebung blieb mir bis Samstagabend Zeit, wenn die Posts in Deutschland am Samstagmorgen online gehen sollen. Nachdem der Blog online ist, widme ich mich einem neuen Buch. „Quo Vadis?“ heißt der in der Zeit Neros spielende und die Anfänge des Christentums beleuchtende Roman. Langsam kämpfe ich mich durch das erste Kapitel und will das Buch schließlich zur Seite legen. Doch Tony, der mir das Buch empfohlen hatte, motiviert mich dranzubleiben „Das erste Kapitel ist zäh, danach wird es besser!“. Und er hat Recht – je weiter ich dieses Buch lese, desto mehr liebe ich es! Eine absolute Empfehlung!

Sonntag 07. Juni 2026

Gegen Mittag tauchen die Umrisse einer Insel am Horizont auf. Es handelt sich um eine der Lau-Inseln, einer Inselgruppe im Osten Fidschis, die für ihre einzigartige Landschaft und traumhafte weiße Sandstrände berüchtigt ist. Da die Insel jedoch kein offizieller „Port of Entry“ ist, müssen wir zunächst weiter nach Savusavu segeln, dort einklarieren und könnten dann zurück zu dieser Insel kommen – so war zumindest bis gerade der Plan gewesen. Allerdings kam Mike plötzlich auf die Idee, dass das einer herannahenden Sturmfront wegen nicht ginge und wir stattdessen zu einer anderen Inselgruppe segeln würden. Was mich daran stört ist nicht die Tatsache selbst – auch die andere Inselgruppe klang fantastisch – nur hatten wir erst Anfang der Woche über genau diese Sturmfront diskutiert und dann beschlossen, dass wir diese in Savusavu abwarten und anschließend zu den Lau-Insel segeln würden. Mike überließ die Routenplanung größtenteils Tony und mir. Nicht selten wusste er nicht einmal den Namen der Insel, auf der wir uns gerade befanden. Doch immer, wenn Tony und ich eine Route ausgearbeitet hatten und diese verfolgten, grätschte Mike dann kurzfristig wieder dazwischen und stellte alle Pläne auf den Kopf. Tony war sichtlich genauso genervt davon, wie ich, nur hatte er sich im Laufe der Zeit auf dem Boot schon daran gewöhnt – ich nicht! Die Lau-Inseln reihten sich damit jedenfalls in eine lange Liste von Orten ein, die einst auf unserem Itinerary gestanden hatten und, meist spontan und nicht 100%ig nachvollziehbar, dann doch wieder gestrichen wurden: Die Cook-Inseln, Niue, Samoa, Tonga und möglicherweise Papua-Neuguinea. Die erneute Routenänderung löst in mir Frustration und eine generelle Unzufriedenheit aus: In dem vergangenen Monat hatte ich meine Zeit an Bord immer weniger genossen. Wir hechteten von Ort zu Ort, die Segelbedingungen katastrophal, das Wetter an den Orten ebenso. Den größten Teil unserer Zeit verbrachten wir nicht mehr, wie noch in den Marquesas und Tuamotus, mit spaßigen Aktivitäten, Inselerkundungen und Tauchgängen, sondern mit Reparaturen, eh wieder über den Haufen geworfen werdender Routenplanung und Einkäufen. Nach Feierabend versickerte dann jede Unternehmungslust mit dem ersten geöffneten Bier – das fiel mir, jetzt, wo ich keinen Alkohol trank, noch viel stärker auf! Begründung für Mikes spontane Routenänderungen war meist das Wetter – ein alles andere übertrumpfendes Argument! Doch obwohl wir unsere Route schließlich immer dem Wetter nach anpassten, waren die Bedingungen während unseren Segeletappen bisher ziemlich miserabel gewesen und auch an unseren Zielorten, erwischten wir immer die Woche mit dem schlechtesten Wetter. Wieso gelang es allen anderen Segelbooten irgendwie, bei dem gleichen Wetter an ihrem Itinerary festzuhalten, nur uns nicht?! Während ich mich mit Tony erstklassig verstand, hatten Mike und ich schlichtweg nichts gemeinsam: Wir stammten aus zwei unterschiedlichen Generationen, kamen aus verschiedenen Kulturen und hatten nahezu gegensätzliche Lebensentwürfe. Nicht selten fiel es mir schwer seine Motive und Handlungsweisen nachzuvollziehen. All die Unzufriedenheiten, im Kleinen wie im Großen bestimmen an diesem Abend und in der Nachtschicht meine Gedanken. Das ging so weit, dass ich sogar darüber nachsinnte, ob es nicht besser wäre, mir in Fidschi ein neues Boot zu suchen. Im Nachhinein sind all diese Überlegungen zu kurzgefasst und vollkommen normal, wenn man so lange Zeit mit vor kurzem noch fremden Leuten auf engstem Raum lebt. Tony und sicherlich auch Mike teilen ähnliche Gedanken. Langfristig überwiegen dennoch die positiven Gefühle und Dankbarkeit dafür das hier erleben zu dürfen: Trotz allen Dingen, die vielleicht nicht so gut liefen, war dies noch immer mein Traumboot. Ich cruiste bezahlt durchs Paradies, kam an Orte, an die ich anders nie gekommen wäre! Machte nicht gerade das meine Reise und das Abenteuer aus, sich auf diese Erfahrungen einzulassen?!

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