Montag 25. Mai 2026
Als ich um 02:00 Uhr meine Nachtschicht beginne, zeigt der Chartplotter bereits ein großes dunkelrotes Cluster einige Meilen vor unserem Bug an – ein Squall, welchen unser Radar erkannt hatte. Tony hatte den Kurs bereits angepasst, um das Unwetter zu vermeiden, doch der Wind pustet die dunklen Wolken genau in unsere Richtung. Ich versuche einige Male durch erneute Kursänderungen auszuweichen, doch der Squall ist schneller als wir und so führt schließlich kein Weg mehr daran vorbei, mitten durch ihn hindurchzusegeln. Ich mache mich auf das Schlimmste gefasst, reffe unser Großsegel. Wenig später bläst der Wind heulend um unser Boot, strömender Regen reduziert die Sichtweite innerhalb eines Augenblicks auf nahe Null. Ich zwänge mich, so gut es geht, in den kleinen wind- & wettergeschützen Bereich unter der Sprayhood. Aus dem Unwetter wieder herauszukommen ist dabei gar nicht so einfach, denn dieses bewegt sich in die gleiche Richtung wie auch wir. Erst gegen Ende meiner Nachtschicht, hört der Regen schließlich auf, der Wind lässt wieder nach und als Mike zum Ablösen an Deck kommt, können wir schließlich schon das Reff wieder rausnehmen. Der anschließende Tag verläuft ruhig. Am Vormittag ist kaum Wind, am Nachmittag können wir für eine ganze Weile mit Wing-on-Wing-Konstellation segeln und entscheiden uns schließlich sogar diese Segelkonstellation auch für die Nacht zu nutzen.
Dienstag 26. Mai 2026
Es scheint, als hätte die windlose Zeit endlich ihr Ende gefunden. Den ganzen Tag über haben wir stabilen Wind von der Seite und können den Motor nach sechs Tagen, die dieser annähernd durchgehend gelaufen war, ausstellen. Die daraus resultierende Ruhe ist angenehm, Langeweile herrscht an Bord dennoch. Ich bin inzwischen beim dritten Buch auf dieser Überfahrt angelangt, weder hatten wir in der vergangenen Woche irgendwelche Boote gesehen noch viel Leben – abgesehen von den üblichen Delfinen, die hier und da mal in Wellen vor unserem Bug spielten. Auch angeltechnisch bleit der Erfolg aus. Grundsätzlich hatte, seit ich an Bord war – und das waren inzwischen über zwei Monate – kein einziger Fisch angebissen.
Mittwoch 27. Mai 2026
Regen peitscht durch das Cockpit, Tony sitzt zusammengekauert unter der Sprayhood, als ich in den frühen Morgenstunden ein weiteres Mal meine Nachtschicht antrete. Wir befinden uns mitten in einem Squall – und der hält sich! Meine ganze Schicht über harre ich eigentlich nur aus: Das Hauptsegel ist gerefft, das Vorsegel vollständig eingeholt. Der Regen und der Wind machen die Stunden ziemlich kalt und ungemütlich. Erst gegen Mittag klart der dunkle Wolkenhimmel langsam auf und der Squall ist vorüber. Am Nachmittag passieren wir Rose Island, den – wenn man es so nimmt – südlichsten Punkt der USA. Die winzige unbewohnte Insel gehört, obwohl sie gut 120 Seemeilen abseits dessen liegt, zu Amerikanisch-Samoa und ist ein Naturschutzreservat. Unsere Hoffnung, so nah an dem Eiland endlich mal einen Fisch am Haken zu haben, bleibt leider unerfüllt. Nach Beschäftigung suchend schreiben Tony und ich am Nachmittag jeder ein Gedicht über unsere Passage:
Roses are red, the wind is gone,
The sails are flapping, the engine’s on.
We’re stuck in the ocean, floating in place,
Till a nightly squall hits us square in the face.
Donnerstag 28. Mai 2026
Während meiner Nachtschicht sind bereits die ersten Lichter von Amerikanisch-Samoa am dunklen Horizont zu sehen. Ein Forschungsschiff, das Sonarmessungen des Meeresgrundes macht, nimmt über Funk Kontakt mit mir auf und bittet mich unseren Kurs leicht anzupassen, sodass wir dessen Arbeiten nicht stören würden. Bei herrlichstem Wetter laufen wir am späten Vormittag schließlich in die traumhaft aussehende Bucht von Pago Pago, der Hauptstadt des amerikanischen Überseegebiets ein. Wir legen an einem uns zugewiesenen Dock an, wo wenig später vier dicke amerikanische SUVs vorfahren – sie gehören zur Einwanderungs-, Zoll-, Gesundheits- und Biosicherheitsbehörde. Die Beamten sind entspannt und freundlich, fordern jedoch zahlreiche gedruckte Kopien unserer Crewliste – und da wir keinen Drucker an Bord haben, muss ich das Dokument per Hand sieben Mal abschreiben. Nachdem wir unsere Stempel im Pass haben, verlassen wir das Dock wieder, um in der Bucht zu ankern. Dreimal lassen wir den Anker ins Wasser, stellen fest, dass dieser keinen Halt gefunden hat und lichten ihn wieder, bevor wir endlich irgendwo auf guten Untergrund treffen. Etwas anderes als auf gut Glück hoffen, können wir dabei nicht, denn das Wasser ist nichtmehr – wie noch in Französisch-Polynesien – glasklar, sondern schlickig braun. Inzwischen war es später Nachmittag, die Sonne war schon im Begriff unterzugehen. Wir waren früh auf den Beinen gewesen, und so hielt sich die Motivation, Abendessen zu kochen, oder das Dinghy zu Wasser zu lassen, um irgendwo essen zu gehen in Grenzen. Erst um kurz vor acht ergreifen Tony und ich dann doch die Initiative, machen das Dinghy ready und holen uns Pizza. Als wir zurückkommen, schläft Mike bereits.
Freitag 29. Mai 2026
Mein erster Eindruck von Amerikanisch-Samoa erfüllte – auch wenn Amerikanisch-Samoa nicht 1:1 Amerika ist – viele der Klischees, die ich über die USA hatte: Auf den Straßen sieht man fast ausschließlich Pick-Ups – und damit meine ich nicht die üblichen Toyota Hilux, sondern dicke Fords und RAMs mit V8-Motor. Selbst als Taxis werden diese unnötig überdimensionierten Monster eingesetzt. Die Locals sprechen – auch wenn ein ganzer Teil von ihnen noch nie in den USA war – mit amerikanischem Akzent. „Billy‘s Burgers & Beers“ prangt als bunter Schriftzug über dem kleinen Imbiss, in dem wir schließlich zu Mittag essen. Am Nachmittag statten wir der lokalen Bootswerft einen Besuch ab: Eine Schweißnaht an dem Verbindungsstück zwischen Mast und Mastbaum unseres Besansegels war aufgebrochen und musste neu verschweißt werden. Am Abend gehen wir in eine der wenigen Bars, die der kleine Ort zu bieten hat. Während wir dort bei Fish & Chips Billiard spielen, kommt zur Tür die Crew einer Oyster-Yacht herein, die wir zuletzt in Fakarava getroffen hatten. Gemeinsam verbringen wir den Abend, spielen Billiard und tauschen unsere Geschichten aus.
Samstag 30. Mai 2026
Dadurch, dass wir ein großen Teil der Passage von Bora-Bora hierher gemotort waren, waren unsere Dieseltanks nun ziemlich leer und wir somit dringend auf neuen Kraftstoff angewiesen. Zwar gibt es in Pago Pago ein Tankdock, doch die Informationen über die Wassertiefe um dieses herum sind vage und so trauen wir uns nicht mit unserem Boot direkt dort anzulegen. Stattdessen laden Tony und ich alle unsere Dieselkanister ins Dinghy, füllen diese am Dock auf, bringen sie zurück zum Boot, kippen sie dort in die Tanks und wiederholen das dann. Eine Heidenarbeit, aber die sichere Variante! Zwei Runden schaffen wir am Vormittag, bevor die Tankstelle dann schließt, zwei weitere müssten Anfang nächster Woche noch folgen. Anschließend kümmern wir uns um den Lebensmittelproviant: Anstelle von französischen finden sich nun amerikanische Produkte. Während Tony sich freut viele Produkte von zuhause zu sehen, bin ich sprachlos über die knallbunten Regale. Die Hälfte der Getränke in dem Laden leuchtet in so absurden Farbtönen, dass man meinen könnte, diese seien radioaktiv, Granola-Müsli suche ich zwischen zuckerüberladenen Kellogs-Produkten vergeblich – in dieser Hinsicht haben sich alle meine Klischees über Amerika erfüllt. Am Nachmittag trampen Tony und ich die Küstenstraße entlang zum Two-Dollar-Beach, einem szenischen kleinen Strand, den das Meer von zwei Seiten umspült. Abgesehen davon das der Two-Dollar-Beach nur fünf Dollar Eintritt kostet und das Wetter miserabel ist, macht der kleine Ausflug Spaß und wir lernen beim Trampen eine Handvoll coole Locals kennen. Zurück auf dem Boot gucken wir am Abend gemeinsam den fesselnden Blockbuster „Project Hail Mary“.
Sonntag 31. Mai 2026
In der Hoffnung, einen lokalen und zugleich englischsprachigen Gottesdienst zu besuchen, fahren Tony und ich am Morgen mit dem Dinghy an Land. Als wir um zwanzig vor zehn vor der Kirche stehen, läuft der Gottesdienst allerdings bereits – man habe schon um neun gestartet. Wir setzen uns die letzte halbe Stunde noch dazu, doch entgegen unseren Erwartungen läuft der Gottesdienst fast vollständig auf Samoanisch und so verstehen wir nicht viel. Den restlichen Tag über regnet es, ein unangenehmer Wind bläst durch die Bucht und pustet uns dem Gestank der nahegelegenen Thunfisch-Fabrik in die Nase. So verkriechen jeder in sein Bett und wir verbringen dort einen ruhigen Nachmittag. Wir alle hatten inzwischen genug von Amerikanisch-Samoa, die Bucht war nicht die schönste, das Wasser so dreckig, dass man nicht einmal seinen Zeh darein tauchen wolle, an Land gab es nicht wirklich viele Aktivitäten und auch alternative Ankerplätze gibt es kaum. Am liebsten würden wir gleich Morgen weitersegeln – so war ursprünglich auch der Plan – durch ein Sturmtief, das gerade über uns zieht, wird sich uns vermutlich aber erst Mitte nächster Woche die Chance dazu geben.









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