Montag 09. März 2026
Gelangweilt gucke ich während meiner Nachtschicht auf den Kartenplotter, als ich plötzlich eine Unstimmigkeit feststelle: Wir befanden uns inzwischen bei 09°09‘ südlicher Breite, Nuku Hiva liegt auf 08°55‘ südlicher Breite – wir waren also bereits südlicher als unser Ziel und dennoch zeigte der Kartenplotter mit 267° weiterhin einen leicht nach Süden führenden Kurs an. Am Morgen unterhalte ich mich mit Paulo, dem das Phänomen in seiner Nachtschicht auch verwundert hatte, über meine Beobachtung. Nach ein wenig Recherche stellt sich heraus, dass der Kartenplotter – anders als alle Navigationsapps auf dem Handy – die Erdkrümmung mit einberechnet. Bei der enormen Distanz, die wir zurücklegten, machte es tatsächlich einen Unterschied! Während unsere Kurve nach Süden auf einer 2D-Karte nach einem Umweg aussah, sparten wir in der Realität dadurch einige Meilen – denn die Erde wird in Richtung der Pole logischerweise schmaler! Der restliche Tag verläuft ruhig, mit der Genoa schaffen wir konstante 6,5 Knoten (12 km/h). Ich gebe ein paar Nachhilfestunden, schreibe an meinem Blog und lasse meine Gedanken kreisen. Nach dem Abendessen schneiden wir dann die erste Wassermelone auf. Zwölf Stück hatten wir, zwölf Tage sollte unsere Überfahrt noch gehen. Von nun an gäbe es also jeden Abend eine Wassermelone als Nachtisch – zumindest, wenn unsere Kalkulation aufging!
Dienstag 10. März 2026
Ich komme gerade von zwei Nachhilfestunden wieder an Deck, als das Reel der Angel zu surren beginnt. Paulo beginnt zu kurbeln – ein wenig Widerstand, aber keine Bewegung! Es schien, als hätten wir ein Treibgut am Haken. Paulo kurbelt weiter, bis schließlich irgendwann das Ende der Angelschnur in Sicht kommt – da hängt ein Fisch dran, aber der bewegt sich nicht! Erst als der große Thunfisch wenige Meter vor unserem Boot ist, scheint er plötzlich aufzuwachen und beginnt mit all seiner Kraft gegen die Angel anzukämpfen. Doch er hat keine Chance mehr! Mit vereinten Kräften hieven wir ihn an Bord und beginnen wenig später mit dem Ausnehmen – zehn Tage lang sollen wir täglich von dem Fleisch essen können. Am Nachmittag stellen wir zum dritten Mal in den vergangenen Wochen die Uhr eine Stunde vor – inzwischen war es bei uns neun Stunden früher als in Deutschland. Zum Abendessen gibt es leckere Thunfisch-Steaks, bevor sich der nächste Tag dem Ende neigt.
Mittwoch 11. März 2026
Der Wind und vor allem der Wellengang hatten nachgelassen – Zeit, dass unser Spinnaker wieder zum Einsatz kommt. Das riesige rot-gelbe Segel bringt uns einen konstanten, wenn auch etwas langsameren Vortrieb ein. Der restliche Tag verläuft ruhig. Frische Bettwäsche und eine Süßwasserdusche hauchen mir ein komplett neues Lebensgefühl ein – die Schicht aus Salz, Schweiß und Sonnencreme zumindest für ein paar Stunden Vergangenheit. Zum Mittag wie zum Abendessen gibt es Thunfisch-Gerichte – wie vielfältig die Möglichkeiten doch sind ein und denselben Fisch zu kochen!
Donnerstag 12. März 2026
Nach ein paar Nachhilfestunden unter Deck widme ich mich dem Blogschreiben. Zum Mittag macht Dilma thunfischgefüllte Rissóis und belehrt mich gleich eines Besseren, als ich die frittierten Teigtaschen als Empanadas bezeichne – Empanadas bestehen aus Mürbeteig, ihr portugiesisches Pendant aus Brandteig, außerdem werden Empanadas nicht paniert. Den ganzen Tag über habe ich leichte Kopfschmerzen. Schlechter Schlaf, viel Sonne, ständiges Geschaukel, wenig Wasser – so eine lange Zeit auf dem Ozean setzt dem Körper merklich zu. Früh verziehe ich mich in mein Bett.
Freitag 13. März 2026
Um kurz nach zwei wache ich auf und bin der festen Überzeugung – wie auch immer ich darauf kam – dass meine Nachtschicht bereits in einer halben Stunde beginnen würde. Also stehe ich auf und übernehme das Cockpit von Paulo, der sichtlich verwundert ist, warum ich bereits eine Dreiviertelstunde vor Schichtbeginn auftauche. Nach der nun vierstündigen Nachtschicht wieder ins Bett fallen ist aber nicht – es wartet sogleich eine Nachhilfestunde auf mich. Stattdessen fallen mir nach dem Mittagessen im Cockpit die Augen zu. Ich schlafe so tief, dass ich nicht einmal den Wecker zu meinem Nachmittags-Schichtbeginn höre. Paulo sieht allerdings auch keine Notwendigkeit, mich zu wecken, und lässt mich den mangelnden Schlaf aus der Nacht aufholen. Als ich schließlich aufwache und – eine halbe Stunde verspätet – meine Schicht antrete, sind die Kopfschmerzen, die mich die letzten zwei Tage geplagt hatten, Vergangenheit. Ich sollte öfter einen Mittagsschlaf machen!
Samstag 14. März 2026
Der Wind ist konstant, die Sonne scheint, die Wellen sind niedrig. Traumhaftes Segelwetter! Am Vormittag telefoniere ich mit meinen Eltern, ansonsten verläuft der Tag ruhig. Meine Gedanken drehen sich um ein Buch, das ich über meine Reise zu schreiben überlege. Wie stark müsste ich meine Blogposts kürzen, damit sie zwischen zwei Buchdeckel passen? Welche Stories, die ich erlebt hatte, würden es dort hineinschaffen? Wie schreibt man überhaupt ein Buch?! Im Zuge meiner Überlegungen lese ich mir einige meiner alten Blogpost durch und bin ziemlich geschockt: Viele meiner Ansichten auf Erlebtes hatten sich seit dem Schreiben der älteren Beiträge deutlich verändert. Und was für sprachlichen und grammatikalischen Stuss habe ich da bitte in einigen Posts fabriziert?! Vielleicht sollte ich mir öfter noch einmal durchlesen, was ich geschrieben habe, bevor ich es poste. Doch je länger ich darüber nachdenke, desto mehr finde ich mich damit ab: Dass ich heute anderes über Dinge denke und andere Prioritäten setzen würde, als ich es vor ein oder zwei Jahren tat, ist schließlich nichts Schlechtes, sondern ein Zeichen von Entwicklung. Am Abend passieren wir die Marke von 1000 nautischen Meilen (1852 km) – nun war es nur noch ein Katzensprung bis nach Französisch-Polynesien! Naja, defacto entsprach das immer noch mehr als der doppelten Länge Deutschlands, aber verglichen mit dem mehr als 4000 Meilen, die es am Anfang waren, fühlte es sich nun nach einer Kleinigkeit an.
Sonntag 15. März 2026
Mit jedem Tag, der vergeht, nimmt bei mir die Langeweile zu. Gerade an den Wochenenden, wenn keine Nachhilfestunden anstanden, merkte ich das deutlich. Die einzelnen Tage verschwimmen ineinander, das Bordleben ist eintönig und repetitiv. Seit mehr als drei Wochen hatte ich kein Land mehr gesehen, nur ein einziges Mal waren wir auf unserer Überfahrt einem anderen Schiff begegnet, der Ausblick war jeden Tag derselbe: Blau, blau und noch mehr blau! Jeden Gedanken in meinem Kopf hatte ich inzwischen schon zum x-ten Mal durchgedacht, jedes heruntergeladene Buch fertiggelesen. In der Crew entstanden selbst nach so langer Zeit, die wir gemeinsam auf engstem Raum verbracht hatten, keine zwischenmenschlichen Spannungen und selbst das Boot sorgte nicht für Abwechslung: Alles funktionierte, wie es sollte, nichts ging kaputt. Ich freute mich unglaublich auf Land, auf Abwechslung, neue Eindrücke und darauf wieder unabhängig unterwegs zu sein. Ende nächster Woche wäre es so weit!









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