Montag 02. März 2026
Noch immer fliegt unser Boot förmlich über das Wasser. Die See ist rau, unser kleiner Katamaran wird ordentlich durchgeschaukelt. Der Himmel ist davon unbeeindruckt wolkenlos blau. Den Vormittag über soll ich einige Nachhilfestunden geben – unter diesen Bedingungen keine wirkliche Freude: Die durch die Luke meiner Kabine scheinende Äquatorsonne heizt den kleinen Raum in kürzester Zeit auf saunaähnliche Temperaturen auf, die Luft ist – mangels der Möglichkeit, ein Fenster zu öffnen – stickig. Durchgehend neigt sich der Raum in jede beliebige Richtung – teils um bis zu 45 Grad! Ich fühle mich, als würde ich in einer Waschmaschine sitzen – Kochwäsche zweifellos! Mich auf Mathe zu konzentrieren, fällt mir schwer, viel zu beschäftigt bin ich damit, nicht durch den Raum geschleudert zu werden und mir den triefenden Schweiß von der Stirn zu wischen. Als ob das noch nicht genug wäre, macht, von dem starken Seegang beeinflusst, auch noch das Starlink-WLAN schlapp – regelmäßig bricht meine Internetverbindung zusammen! Ich mache drei Kreuze, als ich nach dem Ende der letzten Stunde nach frischer Luft schnappend an Deck komme und auf den Horizont gucken kann. Ich muss mir die ernsthafte Frage stellen, ob ich mir das weiter antun will: Wir waren erst seit zwei Tagen in den Passatwinden, vor uns lagen noch drei Wochen … und die Karte mit der Windvorhersage versprach für unsere weitere Route nicht gerade weniger Wind. Einen Vorteil haben die rauen Bedingungen aber natürlich auch: Wir kommen erstklassig vorwärts! Innerhalb der letzten 24 Stunden hatten wir satte 180 Seemeilen zurückgelegt. Wenn wir weiter so vorankämen, dann wären wir bereits in 15 Tagen in Französisch-Polynesien!
Dienstag 03. März 2026
Die drei Nachhilfestunden, die ich am heutigen Morgen gebe, sind ein kompletter Kontrast zu den gestrigen. Obwohl der Wind uns weiterhin zügig übers Wasser pustet, hat der Wellengang nachgelassen. Infolgedessen kann ich – ohne mich irgendwo festkrallen zu müssen – aufrecht sitzen, das Internet funktioniert zuverlässig und, da es bewölkt ist, bleibt auch die Temperatur in meiner Kabine im angenehmen Bereich. So darf es bleiben! Kurz nachdem ich wieder an Deck bin, hängt zudem ein Fisch am Haken – zum Mittag gibt es dann wohl Mahi-Mahi-Filets! Im Laufe des Tages lässt der Wind nach und trifft nun nicht mehr schräg von der Seite, sondern genau von hinten auf unser Boot. Im ersten Moment würde man denken, Rückenwind ist gut, doch direkter Rückenwind ist tatsächlich nicht optimal – gerade für einen Katamaran! Bei diesem ist der Winkel, in dem sich das Großsegel verstellen lässt, nämlich deutlich kleiner als bei einem klassischen Segelboot. Wir wechseln auf unseren Spinnaker. Das hauchdünne, rot-gelbe Vorsegel erweist sich nicht als sonderlich stabil: Immer wieder gerät es in den Windschatten des Hauptsegels und fällt dann in sich zusammen. Einige Zeit lang geht das gut, doch dann passiert, was passieren muss: Das Segel kollabiert, bleibt an einem der Querträger des Mastes hängen und reißt. Paulo lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen – ich glaube generell kann nichts diesen Mann aus der Ruhe bringen –, wir holen den Spinnaker wieder ein und setzen stattdessen den stabileren Gennaker, der im Kompromiss jedoch einen südlicheren Kurs erfordert – um das Flicken kümmern wir uns wann anders! Während Paulo, Alvaro und ich mit dem Wechseln der Segel beschäftigt sind tobt Dilma sich in der Küche aus: Es gibt köstliches Nutella-gefülltes Brioche und zum Abendessen später Tacos. Gerade als meine Nachmittagsschicht sich dem Ende neigt kündigt das sich abrollende Reel der Angel den nächsten Fisch an – diesmal ein Thunfisch. Jedoch ist der silber-bläulich schimmernde Fisch recht klein – davon wird man nicht satt – und so entlassen wir ihn – vermutlich höchst traumatisiert von den Aliens, die ihn entführt haben – zurück in die Freiheit. Keine fünf Minuten später hängt ersatzweise ein weiterer Mahi-Mahi am Haken.
Mittwoch 04. März 2026
Mein Schlafrhythmus hatte sich inzwischen an die Umstände gewöhnt: Früh – meist gegen 20 Uhr – ins Bett gehen, sieben Stunden schlafen, drei Stunden Nachtschicht und dann – je nachdem, wann die erste Nachhilfestunde anstand – noch einmal ein bis zwei Stunden schlummern. Nach dem Aufstehen verarbeite ich unsere letzten sechs Bananen zu einem Milchshake. Bereits gestern hatten wir aus unseren letzten Orangen Saft gemacht und auch die Zahl der Papayas und Ananas geht stetig zurück – obstlose Zeiten standen bevor! Der Wind hatte über Nacht deutlich nachgelassen: Den Großteil des Tages über kommen wir gerade so über fünf Knoten (9 km/h). Mit Erschrecken stelle ich am Vormittag fest, dass die ePub-Datei des zweiten Teils der Chroniken von Narnia mitten im Buch endet – mit der Buchreihe hatte ich vor einigen Tagen begonnen. Nicht nur ist es blöd nicht zu wissen, wie das Buch endet, vor allem kann ich nun die folgenden fünf Teile nicht lesen. Alternativ überlege ich die Herr-der-Ringe-Triologie zu lesen – an den über zweitausend Seiten dürfte hätte ich einige Zeit was zu knappern haben – doch nach den ersten Seiten gebe ich auf – ich hatte das Buch lediglich auf Englisch runtergeladen und J.R.R. Tolkiens Englisch, übersteigt zweifellos das Level meiner Fähigkeiten. So droht mein Buchvorrat nun doch noch auszugehen! Bevor ich am Abend ins Bett gehe, gönne ich mir meine erste Süßwasser-Dusche seit Abfahrt – Ahh, ist das gut!
Donnerstag 05. März 2026
Während der Nachtschicht drehen sich meine Gedanken um die Zeitverschiebung. Gestern hatten wir bereits zum zweiten Mal seit wir Panama City verlassen hatten, die Uhr eine Stunde zurückgedreht. An unserem Zielort, Nuku-Hiva, soll es bereits 10,5 Stunden früher als in Deutschland sein. Meine Nachhilfestunden verschoben sich immer weiter in den frühen Morgen. Bis Tahiti würde sich das Problem noch mit frühem Aufstehen lösen lassen, doch sobald ich die internationale Datumsgrenze überqueren würde, fielen die deutsche Nachmittagszeit bei mir mitten in die Nacht – und das eine ganze Zeit lang! Könnte ich meinen Job fortsetzen? Wie würde ich sonst Geld verdienen? Naja, bis dahin ist es ja noch ein wenig hin! Als sich der Morgen nähert, bemerke ich auch eine positive Seite der Zeitumstellung: Die nächsten Tage über hatte ich nun das Privileg zum Ende meiner Nachtschicht den Sonnenaufgang zu sehen. Konstanter Wind bringt uns den Tag über mit stetig fünf bis sechs Knoten vorwärts. Da wir die letzten Tage stets in einem recht südlichen Kurs gehalten hatten, um dem Rand der Doldrums zu entkommen und weiter in die Zone des stabilen Passatwinds zu kommen, waren wir inzwischen nahezu auf demselben Breitengrad wie unser Ziel – von nun an geht es schnurstracks nach Westen!
Freitag 06. März 2026
Nach zwei fischlosen Tagen surrt am Vormittag das Reel der Angel wieder – und wie! Da muss ein richtiger Brocken dranhängen. In einem langen Kampf gelingt es Paulo, das, was sich da in den Haken verbissen hat, näher ans Boot zu ziehen. Wenig später zeichnen sich durch die Wasseroberfläche die Konturen eines großen Thunfischs ab. Mit vereinten Kräften von Angel, einem Haken und einem Kescher, der dabei seinen Geist aufgibt, gelingt es uns das schwere Tier an Deck zu bekommen. Auf der einen Seite freue ich mich über unseren Angelerfolg und genieße das Privileg so frischen Fisch essen zu dürfen, auf der anderen Seite betrachtete ich den eleganten silber-glänzenden, nun leblos und blutverschmiert auf einem Schneidebrett liegenden Fischkörper aber auch mit Wehmut – was für ein schönes Wesen! Der Thunfisch hat ordentlich was auf den Rippen … ähh, Gräten und soll für vier leckere Mahlzeiten reichen. Nachdem es zum Mittag Sushi gab, räumen wir den Tisch frei und kümmern uns um unseren Spinnaker, in dem immer noch ein großes Loch klafft. Anders als der Spinnaker damals auf der SeaEsta handelt es sich bei unserem Spinnaker nicht um einen Furling-Spinnaker, bei dem das Segel aufgerollt wird, sondern um ein Spinnaker mit Bergeschlauch, bei dem eine lange, sockenartige Hülle von oben über das Segel gezogen wird, um dieses einzuholen – das macht es unweigerlich leichter an die zu flickende Stelle zu gelangen. Gerade einmal zwanzig Minuten brauchen wir, dann ist das Segel wieder einsatzbereit.
Samstag 07. März 2026
Ich genieße es heute nach meiner Nachtschicht noch einmal lange schlummern zu können – die letzten Tage hatte ich diese zweite Schlafphase wegen der Nachhilfestunden oft auf einen eine Stunde reduzieren müssen. Als ich schließlich an Deck getapst komme und auf die Anzahl verbleibender Meilen gucke, freue ich mich. Etwa 2100 Seemeilen standen uns noch bevor, meinem GPS-Gerät zufolge war unsere bisherige Strecke, inklusive des Schlenkers nach Süden, ein paar Meilen länger – Halbzeit! Stetiger Wind von 12-14 Knoten bläst schräg von hinten in unsere Segel und beschleunigt unser Boot auf stabile sechs Knoten. Zum Highlight – oder eher Downlight – des Tages wird ungewollt das Aufschneiden einer Ananas. Als ich die Frucht mit dem Messer halbiere, streckt mir eine dicke weiße Made ihren Kopf entgegen – in einem hohen Bogen fliegt die Ananas über Bord. Provisorisch schneide ich nun also auch die anderen verbleibenden Ananas auf und muss feststellen, dass es sich um einen Einzelfall handelt. Mit viel Schnittkunst rette ich, was sich noch retten lässt – damit verblieben uns nun nur noch Kürbisse und Wassermelonen!
Sonntag 08. März 2026
Der Sonntag verläuft ruhig. Keine Nachhilfestunden, konstanter Wind, wenig Wellengang, blauer Himmel – traumhafte Bedingungen! Gegen Mittag reißt dann unerwartet eine Naht unseres Gennakers auf. Wir hatten das Segel die ganze Zeit relativ nah am Limit dessen benutzt, was als minimaler Winkel zum Wind möglich war – scheinbar zu sehr am Limit. Die Genoa löst den Gennaker also ab und wir beschäftigen uns mit dem Flicken des Segels. Diesmal reicht es allerdings nicht ein wenig selbstklebendes Reparaturtape aufzubringen – es muss genäht werden! Da Paulo Dilma, die gerade Mittagsschlaf macht, nicht wecken möchte, versucht er sich selbst an der Nähmaschine. Nach einigen Probeläufen mit Teststücken scheint er den Dreh rauszuhaben und es gelingt uns tatsächlich ohne die Hilfe der Fachfrau, das Segel wieder in Ordnung zu bringen. Die Genoa leistet allerdings gute Dienste – noch immer machen wir konstante 6,5 Knoten – und so wird der Gennaker erst einmal weggepackt. Am Abend färbt ein weiterer traumhafter Sonnenuntergang den Horizont in leuchtende Farben.













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