Montag 16. Februar 2026
Die meisten Geschäfte öffnen erst am Mittwoch wieder und so bleiben wir auch heute erstmal auf dem Boot. Den Vormittag über gebe ich einige Nachhilfestunden, anschließend helfe ich Paulo bei Ölwechsel der Motoren. Am späten Nachmittag steigen wir dann ins Dinghy und fahren von der Marina aus mit einem Uber, zu der Karnevals-Partymeile – ein klein wenig des Spektakels wollten wir nun ja doch mitbekommen! Nachdem wir es durch die lange Schlange an der Sicherheitskontrolle geschafft haben, erwartet uns zu unserer Überraschung jedoch kein geschäftiges Treiben, sondern eine recht leere Straße, an deren Rand eine Reihe von Essensständen steht. Neben einem kleinen Jahrmarkt-Bereich mit Fahrgeschäften und zwei Bühnen, auf denen allerdings keine Bands spielen, war das dann auch alles, was der Karneval von Panama City zu bieten hat – viel Lärm um nichts! Wir essen eine Kleinigkeit an einem der Stände, lauschen einige Minuten dem nicht wirklich talentierten DJ, der gerade zu spielen beginnt und beschließen dann enttäuscht heimzukehren. Als wir auf dem Rückweg erneut an den Fahrgeschäften vorbeikommen, kann Alvaro es sich nicht verkneifen ein paar Tickets zu kaufen und drückt mir grinsend einige davon in die Hand. Noch bevor ich meine Bedenken bezüglich der bestimmt nicht TÜV-geprüften 360-Grad-Schiffsschaukel äußern kann, hänge ich kopfüber in fünfzehn Metern Höhe. Von außen deutlich ungefährlicher aussehen, aber unseren Körpern deutlich mehr zusetzen tut eine Zentrifuge, in die wir uns als nächstes wagen. Der runde Raum ist an den Wänden mit Kissen ausgestattet, gegen welche man sich stehend lehnt. Sicherheitsgurte gibt es nicht – die braucht es aber auch nicht, denn sobald sich das Gefährt zu drehen beginnt wird man von der entstehenden Zentrifugalkraft so stark an die Wand gepresst, dass man nicht einmal mehr seine Arme oder seinen Kopf bewegen kann. Beeindruckender kann man grundlegende Physik glaube ich nicht erleben! Bei uns beiden ist dreht sich, auch nachdem wir aus dem Fahrgeschäft kommen, noch alles und Alvaros Kopf schmerzt den restlichen Abend – Zeit nach Hause zu gehen!
Dienstag 17. Februar 2026
Als Paulo nach dem Frühstück die Windvorhersage checkt, sieht alles hervorragend aus: Ein starkes Windband zieht sich fast bis zu den Galapagos-Inseln. Der Haken? Wir waren noch nicht bereit! Noch immer fehlten uns eine ganze Reihe an Einkäufen – vor allem Produkte die frisch sein mussten, wie Eier, Obst und Gemüse, hatten wir bisher noch nicht besorgt, aber auch günstiges Wasser und einige Ersatzteile fürs Boot, die Paulo sicherheitshalber mitnehmen wollte, mussten wir noch finden und kaufen. Die Geschäfte waren aufgrund des „großen“ Karnevals heute noch zu und die Spedition über welche Paulo und Dilma sich einige Amazon-Pakete aus den USA hierher hatten liefern lassen, öffnete sogar erst am Donnerstag – davor könnten wir also nicht los! Das Wochenende über soll jedoch kein Wind sein und so sieht unser finaler Plan vor am Freitag zunächst nach „Las Perlas“, einer vor der Küste Panamas gelegenen Inselgruppe aufzubrechen, uns dort dann noch einige Tage zu erholen, bevor Sonntagnacht der Wind zunehmen würde und wir endlich das Pazifikabenteuer starten könnten.
Mittwoch 18. Februar 2026
Am Morgen gebe ich noch eine Nachhilfe-Einheit, einige Stunden späten stehen wir dann in dem kleinen Terminal des „Albrook Airport“ und holen unseren für 11 Uhr bestellten Mietwagen ab. Unsere Hoffnung war, dass wir mit einem eigenen fahrbaren Untersatz schneller die Geschäfte abklappern könnten – zudem könnten wir so unsere Einkäufe im Auto lassen, während wir den nächsten Laden leerräumten. Nach einigen Problemen mit der Kreditkarte bekommen wir schließlich unser Auto und machen uns unmittelbar auf den Weg zum ersten Ziel auf der sorgfältig von Dilma geplanten Route. Baumärkte, Bootsbedarf-Shops, Stoff-Läden, ein Großhandel, in dem wir besonders lange haltbare Eier bekommen und zum Abschluss ein weiterer Supermarkt. Der Plan mit dem Mietwagen geht auf: Bereits um kurz nach fünf sind wir zurück in der Marina und laden unsere zahlreichen Einkäufe ins Dinghy. Dann heißt es: Einkäufe wegsortieren und früh ins Bett gehen – morgen wollen wir noch, bevor wir um elf den Mietwagen zurückbringen müssten, die gesamten Obst- und Gemüseeinkäufe machen!
Donnerstag 19. Februar 2026
Es ist noch dunkel, als wir mit dem Dinghy über das im Mondlicht schimmernde Wasser gleitend in die Marina fahren. Fast eine Dreiviertelstunde sitzen wir anschließend im Auto, bis wir den etwas außerhalb von Panama City gelegenen „Merca Panama“, einen für den Großhandel gedachten Obst- und Gemüsemarkt erreichen. Der Markt ist so aufgebaut, dass man mit dem Auto zwischen den Ständen hindurchfahren kann. In einer Straße gibt es Wassermelonen, in der nächsten Ananas, in der übernächsten reihen sich Bananenstände aneinander. Im großen Stil kaufen wir hier ein: Eine ganze Bananenstaude, säckeweise Melonen, Kürbisse, Mangos, Ananas, Orangen, Mandarinen, Tomaten, Zwiebeln & Möhren. Uns ist bewusst, dass ein Großteil des Obsts nach spätestens zwei Wochen zu gammeln beginnen würde, doch zumindest in den ersten zwei Wochen könnten wir so reichlich Vitamine zu uns nehmen. Auf dem Rückweg in die Marina halten wir noch bei der Kurierfirma, die Paulo und Dilmas Amazon-Pakete nach Panama importiert hatte. Leider ist unser Auto jedoch bereits bis zum Rand mit Früchten gefüllt, dass wir für die Pakete einen zusätzlichen Uber bestellen müssen. Mit dem Dinghy bringen wir am späten Vormittag alles auf das Boot, dann muss Paulo das Auto abgeben. Den Nachmittag verbringen wir damit, das gesamte Obst in Netzen und an Seilen im Cockpit aufzuhängen – dieses erinnert bald mehr an einen tropischen Garten als an ein Segelboot. Am späten Nachmittag wollen wir uns schon einmal ausstempeln, damit wir morgen früher loskönnten, doch im Büro der Migrationsbehörde erklärt man uns, dass wir zum Ausklarieren ein Dokument von der Hafenbehörde bräuchten – und die hatte vor einer Viertelstunde dichtgemacht. Beim Abendessen teilen wir schließlich die Nachtschichten ein: Jeweils zwei Drei-Stunden-Schichten muss jeder von uns übernehmen, dazwischen hat man dann jeweils neun Stunden frei. Ich wäre jeweils von 3-6 Uhr und am Nachmittag von 15-18 Uhr „on Duty“ – das kommt mir gelegen, denn so habe ich den Vormittag über frei und kann Nachhilfestunden geben.
Freitag 20. Februar 2026
Um Punkt sieben Uhr stehen wir vor dem Büro der Hafenbehörde von Panama City, welche uns ein zum Ausklarieren notwendiges Dokument ausstellen soll. Doch die Frau, die in dem kleinen Büro sitzt und sichtlich genervt ist bei ihrem Frühstück gestört zu werden, weist uns ab: Ihr Chef sei dafür zuständig, der sei aber noch nicht im Büro. Ungeduldig warten wir eine halbe Stunde bis der Mann schließlich auftaucht, nur um uns einen Stapel mit Dokumenten zu geben, die es auszufüllen gilt. Nachdem wir dann endlich das Papier bekommen haben, können wir uns aus Panama austempeln lassen und machen uns auf den Rückweg zum Boot. Zwanzig Minuten später tuckert der Motor los, wir heben unseren Anker und fahren dem blauen Horizont entgegen. Wind war – wie zu erwarten – kaum vorhanden und so bleibt es dem Motor überlassen uns heute nach „Las Perlas“ zu bringen. Langsam verschwinden die Glasfassaden der Wolkenkratzer von Panama City hinter uns in der Ferne. Wenig später ist das Land in alle Richtungen komplett verschwunden – allein fühlt man sich trotzdem nicht, denn vor Panama City herrscht natürlich reger Containerschiff-Verkehr. Nach fünf Stunden Fahrt tauchen am Horizont schließlich die Umrisse einiger Inseln auf, Delfine schwimmen unweit unseres Bootes durch das tiefblaue Wasser. Wir ankern neben einem kleinen weißen Sandstrand. Abgesehen von diesem sieht die felsige Insel, die mit dichtem Dschungel bewuchert ist und über die hunderten großen Vögel kreisen, aus, als wären wir unmittelbar in „Jurassic Park“ gelandet. Den verbleibenden Nachmittag über ruhen wir uns alle ein wenig aus. Ich nutze die Zeit zudem, um noch schnell meinen nächsten Blogpost fertigzuschreiben, damit dieser morgen pünktlich online gehen könnte, als mich plötzlich ein Geräusch aus meinem Flow reißt – Waren das … Wale?! Ich schnappe mir ein Fernglas und suche das Wasser ab – und tatsächlich: In einiger Entfernung sehe ich die Blasfontäne und die Rückenflossen einer Walfamilie. Kurz ist die Freude groß, doch schon bald gewöhnen wir uns an Gepruste im Hintergrund und gehen wieder unseren Tätigkeiten nach.
Samstag 21. Februar 2026
Das Wasser in Panama City war nicht nur recht kalt, sondern vor allem ziemlich dreckig gewesen, und so freuen wir uns alle, als wir nach dem Frühstück in das türkisblaue, erfrischende Nass abtauchen können. Paulo macht sich mit seiner Harpune auf den Weg zu einigen Felsen, an denen er viel Fisch vermutet, Alvaro und ich erkunden derweil ein buntes Korallenriff auf der anderen Seite des kleinen Sandstrandes. Die Insel selbst können wir leider nicht erkunden, denn sie ist – wie die meisten Inseln des Archipels – in Privatbesitz. Als ich zurück ins flache Wasser wate, bleibe ich mit dem Fuß an einer Koralle hängen und spüre unmittelbar, wie sich Schmerzen in diesem ausbreiten. Shit! Nur noch mit einem Bein paddelnd kämpfe ich mich gegen Strömung zurück zum Boot und begutachte dort meine Verletzung: An meinem linken Fuß klafft ein langer blutiger Schnitt. Genau das war es, was ich vor und auf der Überfahrt unbedingt hatte vermeiden wollen. An sich war die Wunde nicht schlimm, der Schnitt nicht sonderlich tief, doch auf einem Boot mitten auf dem Ozean, ständig von Wasser umgeben, heilten Wunden nicht besonders gut. Und, falls sich die Wunde entzünden sollte, könnte das zu ernsthaften Komplikationen führen! Etwas enttäuscht über meine eigene Unvorsicht bleibe ich dem Wasser den restlichen Tag fern, lese ein Buch, und genieße noch ein wenig das Internet, bevor es ab morgen Abend streng rationiert werden würde. Während ich die gerade online gegangene erste Folge der „The Race Wildcard“-Staffel gucke – Schade, dass ich die restlichen Folgen erst in einem Monat sehen könnte – kommt mir ein Gedanke: Warte mal, war nicht die zweite Staffel „7 vs. Wild“ auf einer Insel in Panama gedreht worden? Eine kurze Google-Suche bestätigt meine Vermutung: Drehort der zweiten Staffel Outdoor-Formats war in der Tat das Las Perlas Archipel gewesen – allerdings nicht die Insel, vor der wir gerade ankerten, sondern eine der Nachbarinseln.
Sonntag 22. Februar 2026
Sonntag ist Pfannkuchen-Tag! – diese von meiner Atlantiküberquerung stammende Tradition wollte ich auch auf dem Pazifik fortführen. Auch Alvaro hatte mitbekommen, dass es Pfannkuchen geben sollte und sogleich damit begonnen, Mehl in eine Schüssel zu geben. Bei der Frage, wie viele Eier dazukamen, bekamen wir uns dann in die Haare. Wir hatten zwei unterschiedliche Rezepte im Kopf, zumal er dem Grundsatz Pi-mal-Daumen folgte, ich es hingegen präferierte es, Mengen abzuwiegen. Nicht ohne Grund heißt es: Zwei Köche verderben den Brei! Nach einigem Gezanke beschließen wir, dass ich weiterbacke und er sich kommenden Sonntag um die Pfannkuchen kümmern würde. Retrospektiv ist unser kleiner Streit auf einen sprachlichen Unterschied zurückzuführen: Im Deutschen versteht man unter „Pfannkuchen“ in der Regel das, was man im Englischen als Crêpe bezeichnen würde. Diese Bezeichnung wird im Deutschen wiederum ausschließlich für echte „französische Crêpes“ verwendet. Im Englischen hingegen versteht man unter „Pfannkuchen“, das, was man im Deutschen „(American-)Pancakes“ nennen würde. Kein Wunder, dass wir da an zwei unterschiedliche Dinge denken! Trotzdem zeigt unser Aneinanderstoßen, wie schnell es – wenn man lange Zeit miteinander auf engstem Raum verbringt – gehen kann, dass man sich die kleinsten Dinge übelnimmt und darüber in Streit ausbricht. Da noch immer kein Wind ist putzen wir den Nachmittag über das Boot. Einen ganz schönen Dreck hatten wir aus der Stadt hier raufgeschleppt – ab jetzt wird nur noch barfuß gelaufen! Gegen 18:00 Uhr schmeißt Paulo dann den Motor an. Die Vorhersage kündigte an, dass wir in der Nacht Wind bekämen. Zwischen den Inseln des Archipels hindurch schlängeln wir uns in Richtung des offenen Meeres. Vor uns lag der größte Ozean unseres Planeten, 4000 nautische Meilen (ca. 7500 km) nichts als blaues Wasser trennten uns von den Marquesas-Inseln – und selbst die sind noch sehr weit vom nächsten Festland entfernt! Für viele Segler war das Überqueren des Pazifiks ein Lebenstraum und auch für mich ist es der entscheidende Schritt, der meine Reise zu einer Weltreise machen und mich meinem Ziel des Ohne-Flugzeug-wieder-zu-Hause-Ankommens unglaublich viel näherbringen würde.





















Hinterlasse einen Kommentar
An der Diskussion beteiligen?Hinterlasse uns deinen Kommentar!