Montag 02. Februar 2026
Den Vormittag gehe ich meiner üblichen Tätigkeit nach: Mathe-Nachhilfestunden – ein bunter Mix aus Zinsrechnung, Integralen und Exponentialfunktionen. Am Nachmittag telefoniere ich anschließend mit meinen Eltern, berichte ihnen von meinem Erfolg bei der Bootssuche und bekomme währenddessen direkt das nächste Crew-Angebot reingeflattert: Eine vierköpfige Familie aus Großbritannien, die an der diesjährigen WorldARC-Rally teilnahm, bot mir per Instagram-Direktnachricht an, sie auf ihrem Boot nach Französisch-Polynesien zu begleiten. Klang auch gut, doch erstmal wollte ich mich am Mittwoch nun mit dem portugiesischen Pärchen treffen. Im goldenen Licht der inzwischen tief stehenden Sonne spaziere ich am Abend – tief in Gedanken über die Erfahrungen versunken, die ich in den kommenden Monaten machen würde – die Promenade von Panama City entlang.
Dienstag 03. Februar 2026
Nachdem ich um 13 Uhr meine letzte Nachhilfestunde beendet habe, gehe ich noch kurz in einem Restaurant etwas essen und mache mich anschließend auf den Weg zum Busterminal. Morgen würde ich mich in Shelter Bay mit dem portugiesischen Pärchen treffen – eine Zeit hatten wir noch nicht vereinbart, doch in Anbetracht dessen, dass ich nach Shelter Bay immer einen halben Tag brauchte, erschien es mir sinnvoll, heute schon dort hinzufahren. Feste Abfahrtszeiten für die Busse – zumindest für jene nach Colon – gibt es am Busterminal von Panama City nicht: Der Bus fährt los, wenn alle Plätze besetzt sind. Da ich den letzten Bus um wenige Minuten verpasst hatte, bedeutet das in meinem Fall: Anderthalb Stunden warten. Schließlich in Colon angekommen, laufe ich zur nach Shelter Bay führenden Straße und ergattere dort dank der Hilfe eines Erdbeerverkäufers, der neben mir am Straßenrand steht, innerhalb kürzester Zeit einen Lift. Die Frau, die mich mitnimmt, fährt zwar eigentlich nicht nach Shelter Bay, weiß aber genauso gut wie ich, wie wenig Verkehr dorthin fließt, und bietet mir daher großzügig an, mich dennoch zu der Marina zu bringen. Als uns auf dem Weg ein Krankentransporter des in Shelter Bay stationierten Aeronaval-Kommandos überholt, fällt ihr allerdings noch eine bessere Lösung ein: Sie deutet dem Militärfahrzeug an, anzuhalten und überzeugt die beiden Soldaten mich zur Marina zu bringen. Die Sonne geht gerade über dem Dschungel über, als ich mein Zelt in einer der Häuserruinen, in denen ich bereits die letzten Nächte hier gecampt hatte, aufschlage. Wenig später koche ich mir unter strenger Beobachtung einiger Nasenbären, von denen es hier nur so wimmelt, eine Portion Nudeln und lege mich dann ins Bett. Plötzlich blinkt auf meinem Handy eine Nachricht auf: Paulo, der Kapitän des portugiesischen Bootes, schrieb mir, dass man morgen Vormittag einkaufen sei. Wir könnten uns nach dem Mittag treffen!
Mittwoch 04. Februar 2026
Die ganze Nacht hatte es in Strömen geregnet und auch am Morgen hörte der Regen nicht auf. Ich gammle noch einige Stunden in meinem Zelt herum, bevor ich mich schließlich aufraffe, meine Sachen zusammenpacke und zur Marina laufe. Der portugiesische Katamaran lag nicht in der Marina, sondern in der davorgelegenen Bucht vor Anker – da man mich erst nach dem Mittag mit dem Dinghy abholen kommen würde, vertreibe ich mir den Vormittag über in der Marina die Zeit. Gegen 13 Uhr werde ich dann langsam hippelig – noch immer hatte ich nichts gehört: Klar, „nach dem Mittag“ war ein dehnbarer Begriff, aber so langsam wäre es doch mal an der Zeit. Um viertel nach zwei kommt endlich der erlösende Anruf, dass man sich nun auf den Weg mache. Leider beginnt es genau in dem Moment zu schütten und so kommt fünf Minuten später die Nachricht, man wolle den Regen noch abwarten. Doch der Regen nimmt kein Ende. Inzwischen war ich etwas genervt: Ich saß seit heute Morgen auf heißen Kohlen hier in der Marina, mein Magen, der heute noch nicht mehr als einen Apfel und einen Müsliriegel gesehen hatte, knurrte und dennoch schien man sich alle Zeit der Welt zu lassen. Kein Wunder, dass der Kahn „Lazysail“ hieß! Eine volle Stunde, die anstatt der eigentlichen Euphorie nun von Ärgernis geplagt war, vergeht, bis sich Paulo endlich erneut meldet: Der Regen würde wohl nicht zeitnah aufhören, er käme mich jetzt holen! Als ich zehn Minuten später zu Paulo, einem braungebrannten Mann, Ende 50 mit kurzen grauen Haaren, ins Dinghy steige, ist mein Ärger jedoch bereits wieder vergessen. Auf dem Boot lerne ich Dilma, Paulos Frau, kennen und wir setzen uns gemeinsam an einen Tisch und klären alles, was es für die Passage zu klären gibt. Wie war das Boot ausgestattet? Wieviel Erfahrung hatten die beiden? Hatte man bereits ein viertes Crew-Mitglied gefunden? Könnte ich während der Überfahrt meine Online-Tätigkeit fortsetzen? Mit welchen Kosten war die Reise verbunden? Alles, was ich höre, klingt mehr als gut und so sagen wir einander verbindlich zu. Es ist spät, als mich Paulo wieder in der Marina absetzt – dennoch halte ich an meinem Plan, noch heute nach Panama City zurückzukehren, fest. Per Anhalter gelange ich wieder nach Colon, wo, als ich dort ankomme, die Sonne bereits untergeht. Anders als in Panama City gibt es hier kein Busterminal – man hält die Busse einfach am Straßenrand an. Um diese Stunde jedoch ist der Verkehr ein reines Chaos und jeder der Busse bis auf den letzten Quadratzentimeter gefüllt. Verzweifelt gehe ich dazu über an der Autobahnauffahrt meinen Daumen rauszustrecken und ergattere nur wenig später ein Auto nach Panama City. Als wir anderthalb Stunden später dort ankommen und man mich an einer Tankstelle rauslässt, legt man mir eine Rechnung über 60 Dollar vor. Ungläubig starre ich den Fahrer an. Weder hatte er erwähnt, dass er ein Taxi sei, noch war dies an seinem Auto erkenntlich. Er hingegen hielt das für offensichtlich. Den Mann, der die gesamte Fahrt über auf dem Beifahrersitz gesessen hatte, müsse er nach Colon bringen. Nur weil er mich dort hatte, stehen sehen, sei er überhaupt auf die Autobahnauffahrt gefahren – eigentlich wäre er gar nicht auf dem Weg nach Panama City gewesen. Nachdem sich das Missverständnis aufgeklärt hat, bricht eine lange Diskussion aus – wir einigen uns schließlich darauf, dass ich dem Fahrer die Tankfüllung für seinen Rückweg zahle – das Zehnfache eines Bustickets, aber immerhin die Hälfte von dem, was man eigentlich von mir verlangte!
Donnerstag 05. Februar 2026
Nachdem nun endgültig feststand, dass ich bereits Ende übernächster Woche Panama segelnd verlassen würde, musste ich mich mit erhöhter Dringlichkeit noch um eine Handvoll Dinge kümmern. Am Vormittag gebe ich aber erstmal wieder eine ganze Reihe an Nachhilfestunden. Im Anschluss an das Mittagessen, fahre ich nach Casco Viejo und treffe mich dort mit Lara. Die Kollegin meines Vaters war nach Panama in den Urlaub geflogen und hatte mir bei der Gelegenheit zwei Packungen Allzweck-Antibiotika mitgebracht, mit denen ich meine Reiseapotheke für die lange bevorstehende Zeit abseits der Zivilisation aufstockte – bereits vor einem Jahr waren wir uns auf diesem Wege in Kapstadt begegnet. Von Casco Viejo aus mache ich mich auf den Weg zu einem großen Shoppingcenter: Mein Handtuch war mal wieder abhandengekommen und so kaufte ich mir bei Decathlon zum wer-weiß-wievielten Mal auf dieser Reise ein neues Microfaserhandtuch – gut, dass die Dinger nicht so teuer sind! Neben dem Handtuch besorge ich mir zudem noch ein induktives Ladegerät für mein Handy, denn ich befürchtete, dass dessen Ladebuchse, welche seit Monaten einen Wackelkontakt hatte, früher oder später ihren Geist aufgeben würde – und mitten auf dem Pazifik wäre es schwer an Ersatz zu kommen.
Freitag 06. Februar 2026
Nüchternen Magens mache ich mich am frühen Morgen auf den Weg zu einem Labor, wo ich mir Blut abnehmen lassen und eine Urinprobe machen soll. Bevor ich mich auf den weiten Ozean begebe, hatte ich mich unbedingt noch einmal ärztlich durchchecken lassen wollen. Denn sobald wir einmal in See stachen, waren wir für mehr als einen Monat komplett auf uns allein gestellt. Eine tropische Krankheit, derer man sich vor der Abfahrt noch nicht bewusst gewesen war, oder zum Beispiel eine Blinddarmentzündung waren mit den heutigen Möglichkeiten leicht zu behandeln und keine große Gefahr mehr. Befand man sich jedoch auf hoher See, viele Tausend Kilometer von dem nächsten Krankenhaus entfernt, konnten solche Dinge schnell das eigene Ende bedeuten. Man war völlig auf sich allein gestellt! Mir fällt die Kinnlade runter, als man mich noch bevor ich überhaupt in den Behandlungsraum geführt werde, 380 Dollar für die beiden Untersuchungen bezahlen lässt. Wucher! Naja, am Ende würde das eh meine Krankenversicherung zahlen und immerhin bekommt man für sein Geld auch etwas: Bereits wenige Stunden nach dem Laborbesuch bekomme ich meine Ergebnisse per WhatsApp zugeschickt und habe diese so bereits als ich mich am Nachmittag auf dem Weg zum Arzt mache. Jener untersucht mich eine Stunde lang gründlich und bescheinigt mir anschließend meine vollkommene physische Gesundheit. Eine Überraschung hat er dennoch für mich: Aus meinen Blutwerten könne er herauslesen, dass ich vor etwa fünf Monaten mit dem Coronavirus infiziert gewesen sein soll. Doch egal wie lange ich nachgrüble, wo ich vor fünf Monaten gewesen sein muss – ich kann mich daran erinnern, irgendwo krank gewesen zu sein.
Samstag 07. Februar 2026
Bereits am frühen Morgen startet mein Tag mit zwei Nachhilfestunden. Während ich anschließend am Frühstückstisch sitze, klingelt mein Handy. Es war Stefan – er hatte mitbekommen, dass ich ein Boot gefunden hatte, und wollte hören, wie mir dies gelungen war. Denn, obwohl er zurzeit noch in Brasilien war, wollte er ebenfalls versuchen, diese Saison über den Pazifik zu kommen. Den weiteren Vormittag nutze ich, um mir dutzende eBooks herunterzuladen. Während des Monats auf dem Meer dürfte ich viel Zeit haben und wollte diese nutzen, um ein paar Klassiker zu lesen, zu denen ich Kulturbanause, bisher nie gekommen war: Die Chroniken von Narnia, den Hobbit, die Herr-der-Ringe-Trilogie, einige namhafte Biographien und noch viele weitere Titel. Den Nachmittag über wandere ich durch die Stadt, genieße das traumhaft sonnige Wetter, setze die YouTube-Serie, die vergangene Woche zu gucken begonnen habe, fort und kaufe mir in einem Billig-Supermarkt einen Vorrat an Shampoo und Sonnencreme – beides dürfte in Polynesien deutlich teurer sein als hier.
Sonntag 08. Februar 2026
Nach dem Frühstück packe ich meinen Rucksack und setze mich anschließend noch ein wenig in den Innenhof des Hostels, um mit meinen Eltern zu telefonieren. Unmittelbar danach checke ich aus und mache mich ein letztes Mal auf den Weg nach Shelter Bay. Am frühen Nachmittag komme ich in Colon an und laufe zu der nach Shelter Bay führenden Straße. Schon nach wenigen Minuten hält ein weißer SUV und fährt die Scheibe runter „Shelter Bay?“ „Genau!“. In dem Wagen sitzen ein braungebrannter Amerikaner und seine zierliche thailändische Freundin, sie waren gerade einkaufen zurückgekehrt und kehrten nun zu ihrem in der Marina liegenden Boot zurück – wäre es doch nur immer so einfach gewesen nach Shelter Bay zu kommen! Viel früher als erwartet erreiche ich die Marina und schreibe Paulo, der mich eine halbe Stunde später mit dem Dinghy abholen kommt. Neben mir holt er noch ein brasilianisches Seglerpärchen ab, Freunde von ihnen, die ebenfalls bei der Panamakanaldurchquerung helfen sollten. Auf dem Katamaran angekommen beziehe ich meine am vorderen Ende der Steuerbord-Kufe gelegene Kabine. Da die Kanalüberquerung erst morgen terminiert war, machen wir heute nicht viel – dafür essen wir umso mehr! Dilma stellt sich als hervorragende Köchin heraus. Verhungern würde ich auf meiner Pazifiküberquerung, so wie es aussah, definitiv nicht – vermutlich eher einige Kilos zulegen!





Hinterlasse einen Kommentar
An der Diskussion beteiligen?Hinterlasse uns deinen Kommentar!