Montag 19. Januar 2026
Vogelgezwitscher und das furchteinflößende Gebrüll einer Gruppe Brüllaffen wecken mich. Cedric und Marcel schlafen noch, als ich unser Camp in der ehemaligen US-Militärbasis verlasse und mich auf den Weg zur Marina mache, um dort mit dem montäglichen Nachhilfeprogramm zu starten. An einem Picknicktisch in der BBQ-Area der Marina, baue ich meinen Laptop auf und starte mit dem Arbeiten. Kurz vor Ende meiner ersten Nachhilfestunde bricht plötzlich mein Internet zusammen. Als Prepaid-Kunde kann man in Panama ausschließlich Pakete mit unlimitiertem Datenvolumen kaufen. Eine recht teure Angelegenheit, aber immerhin muss man sich dann keine Gedanken mehr ums Internet machen – das dachte ich zumindest! Wie sich herausstellt, gelten die unlimitierten Daten allerdings nicht für Tethering, also das Teilen des Internets mittels eines Hotspots – das ist auf einen lächerlichen Gigabyte limitiert. Ich habe also auf meinem Handy unlimitiert viel schnelles Internet, kann dieses auf meinem Laptop, über welchen ich die Nachhilfestunden gebe, aber nicht weiter nutzen, sondern muss von nun an stattdessen auf das lahme und instabile WLAN der Marina zurückgreifen. Arrghh! Als ich meine letzte Einheit beende, kommt Hans, der deutsche Segler, dem ich bei der Kanaldurchfahrt helfen sollte, gerade in der Marina an und bringt schlechte Neuigkeiten mit sich: Man hatte seinen Zeitslot für die Querung kurzerhand von heute Nachmittag auf morgen Nachmittag verschoben. Ich würde also noch eine Nacht in Shelter Bay warten müssen. Zeitgleich mit Hans waren auch Lukas und Jules, zwei weitere Helfer, die Hans für die Kanalquerung angeheuert hatte, angekommen. Gemeinsam verbringen wir den Nachmittag Karten zu spielen und erkunden einen kleinen nahegelegenen Strand. Am Abend hatte Hans uns dort zu einem BBQ eingeladen, doch aufgrund von Regen, der am Abend aufzieht, fällt das flach. Anstelle dessen gehen wir im Restaurant der Marina essen, denn keiner von uns hatte geplant einen zusätzlichen Tag hier zu verbringen und entsprechende Vorräte dabei.
Dienstag 20. Januar 2026
Gemeinsam laufen wir von unserem Camp am späten Morgen in die Marina. Es dauert nicht lange, bis wir dort Aufsehen erregen – dem Security-Guard gefiel es gar nicht, dass die Gruppe junger, in der Marina herumlungernder Männer inzwischen auf fünf Leute angewachsen war. Erstmal gibt es jedoch nur eine Ansage, dass wir uns weniger auffällig verhalten müssten, damit der Manager uns nicht rausschmeiße. Bereits gestern hatte der Security bemängelt, dass ich meinen großen Rucksack mitschleppe – Backpacker seien von der Marina nicht besonders gern gesehen. Naja, ich widme erstmal zwei Nachhilfestunden, die nun anstehen. Gegen Ende der ersten Stunde kommt Cedric mit einem Zettel zu mir, auf dem steht, dass man uns nun der Marina verwiesen habe. Er und Marcel würden sich eine andere Marina suchen, um ein Boot nach Kolumbien zu finden (sie sollen schon wenige Tage später Erfolg haben). Jules, Lukas und ich dürften noch hierbleiben, bis wir heute Mittag von Hans abgeholt würden. Pünktlich um 13 Uhr kommt Hans in einem winzigen Ruderboot an Land gepaddelt und bringt uns – einem nach dem anderen – auf das Segelboot. Gehören tut der rustikale Katamaran gar nicht ihm, sondern Anouska, einer jungen englischsprachigen Frau. Zu fünf sitzen wir noch einige Zeit in der Sonne auf dem hölzernen Deck und machen uns einige Sandwiches zum Mittagessen, dann fahren wir zu einer Markierungstonne, an welcher wir auf das Lotsenboot warten sollen. Deutlich nach der vereinbarten Zeit, taucht jenes am Horizont auf und der Lotse steigt zu uns über. Langsam tuckern wir, den kleinen Motor auf Maximalgeschwindigkeit gedreht, durch die Bucht und schließlich unter der „Puente Atlántico“ hindurch in den Kanal rein. Wenig später taucht das erste Schleusenpaar vor uns auf. Unser Lotse deutet auf einen schmalen Seitenkanal, der am rechten Ufer ins Inland führt „Das sind die Überreste des französischen Kanals!“. 1880 begannen die Franzosen einen Kanal durch Panama zu graben. Der Plan: Pazifik und Atlantik mit einem schleusenlosen Kanal auf Meereshöhe verbinden. Doch bei den Bauarbeiten raffen tropische Krankheiten in kürzester Zeit zehntausende Arbeiter hin – das Projekt wird eingestellt. Zwanzig Jahre später kaufen die USA die gescheiterten Überreste des Projekts. Statt einem Kanal auf Höhe des Meeresspiegels wollen sie den „Rio Chargres“, einen großen Fluss, zu einem Stausee aufstauen und die Schiffe mit Schleusen auf dessen Niveau heben – so würden sie sich einen wesentlichen Teil des eigentlichen Kanals sparen können. Nach genau zehn Jahren Bauzeit wird das monumentale Jahrhundertbauwerk schließlich eingeweiht und erspart seither tausenden Schiffen den gefährlichen und langen Weg um das Kap Horn. Vor der ersten Schleuse vertäuen wir unseren Katamaran mit einem anderen Segelboot, in der Schleusenkammer wird das „Paket“ aus unseren Booten dann mit Leinen in der Mitte gehalten. Es folgen zwei weitere Schleusenkammern mit demselben Prozedere, dann befinden wir uns 36 Meter über dem Meeresspiegel im „Gatún-See“. An einer Ankerboje machen wir dort fest, der Lotse geht von Bord – morgen früh geht es weiter!
Mittwoch 21. Januar 2026
Kurz bevor die Sonne aufgeht, klettere ich aus der engen Kajüte und genieße für einige Minuten die Ruhe des Morgens. Der See liegt still da, die ersten Sonnenstrahlen des Tages blinzeln über den Horizont, in der Ferne hört man ein paar Affen kreischen. Bevor der Lotse kommt und es weitergeht, möchte ich unbedingt noch baden. Ich mein, im Panamakanal baden? Das muss man machen, wenn man die Chance dazu hat! Zwar soll es im „Gatún-See“ recht viele Alligatoren geben, doch die kommen meistens nicht allzu nah zu den Booten – sicherheitshalber lasse ich dennoch Anouska zuerst reinspringen! Um zwanzig nach acht kommt schließlich das Lotsenboot und wir fahren langsam weiter zwischen den Inseln des Stausees hindurch. Segeln ist im Kanal und auf dem See verboten, unseren gesamten Vorschub bekommen wir lediglich von einem kleinen acht PS starken Außenborder. Hin und wieder überholen uns riesige Containerschiffe. Tatsächlich sind die Masse vieler Containerschiffe exakt auf die der Schleusen im Panamakanal zugeschnitten, denn der Kanal ist der einzige Faktor in der internationalen Schiffsfahrt, der die maximale Größe von Containerschiffen limitiert. Die Durchfahrt des Kanals kostet die Reedereien zudem einen Haufen Geld: Große Schiffe der „Neopanamax“-Klasse zahlen pro Fahrt mindestens eine halbe Million Euro – dagegen ist die Fahrt für Anouska’s Boot mit um die 2000 Euro ein regelrechter Schnapper! Den Fahrwind genießend döse ich dem Netz zwischen den beiden Kufen vor mich hin. Den ganzen Tag schon war es unglaublich heiß und die Sonne brutzelte uns mit all ihrer Kraft. Nach dem Mittag erreichen wir die nächste Schleuse. Da das andere Segelboot schneller war als wir, machen wir uns nun allein an der Kaimauer fest und warten anschließend darauf, dass hinter uns noch ein Containerriese in die Kammer fährt. Wir werden um etwas mehr als zehn Meter abgesenkt, dann folgt wieder ein Stück Kanal. Am späten Nachmittag erreichen wir die Miraflores-Schleusen, das letzte Schleusenpaar. Noch zwei Mal das inzwischen gewohnte Schleusen-Prozedere, dann sind wir im Pazifik. Okay, noch nicht ganz! Ein paar Kilometer müssen wir noch tuckern, bis wir schließlich unter der „Puente de las Américas“ hindurchfahren und damit dann offiziell den Kanal hinter uns haben. Ein Lotsenboot holt den Lotsen ab und wir fahren zu einem Ankerplatz am „Puenta Culebra“, einer aus der Küste von Panama City herausragenden Landzunge. Inzwischen war es spät geworden, mit einem Uber mache ich mich auf den Weg in mein Hostel und falle dort müde ins Bett.
Donnerstag 22. Januar 2026
Den Vormittag über gebe ich aus dem Hostel heraus eine Vielzahl von Nachhilfestunden. Nach der letzten Einheit muss ich dann auschecken und in ein anderes Hostel wechseln – dieses war für die kommenden zwei Nächte ausgebucht. Körperlich bin ich nach der Kanaldurchquerung ziemlich am Ende, ich merke, dass die viele Sonne mir deutlich zugesetzt hatte. Hinzu kommt, dass mein Husten und meine Halsschmerzen wieder stärker werden. Waren das Fieber und die Kopfschmerzen nach meiner Zeit im Darién Gap unmittelbar verschwunden, hatte sich der Husten seitdem hartnäckig gehalten. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, mich erstmal vollständig auszukurieren, anstatt direkt bei einer Panamakanal-Durchquerung zu helfen! Ich schone mich ein wenig, verbringe den restlichen Tag damit in meinem Bett im Hostel zu liegen und durch Social Media zu scrollen. Dennoch wird mein Hals nicht besser, meine Stimme wird im Laufe des Tages immer weniger, der Husten lässt nicht nach.
Freitag 23. Januar 2026
Von meiner Stimme ist nur noch ein kratziges Etwas übrig. Dennoch überwinde ich mich am Morgen eine Nachhilfestunde zu geben – der Schüler schrieb am Dienstag eine wichtige Prüfung und sein Vater hatte mit mir extra noch zusätzliche Stunden ausgemacht. Den weiteren Tag verbringe ich, wie schon den gestrigen, größtenteils mit Doomscrolling. Gegen Mittag suche ich eine Apotheke auf und lasse mir dort ein Hustenlöser verkaufen. Als ich zurück im Hostel ChatGPT nach der richtigen Dosierung frage, warnt die KI mich allerdings vor dem Medikament: Der enthaltene Wirkstoff verursache schon bei geringster Fehldosierung starke Herzprobleme; in Deutschland sei er deswegen nicht mehr zugelassen. Ohh! Ich versenke das Medikament also ungeöffnet im Mülleimer und besorge bei einer anderen Apotheke ein Alternativprodukt. Das lässt den Husten zwar im Laufe des Tages ein wenig weniger werden, meine Stimme bringt es aber auch nicht zurück. Dazu verursacht der Hustensaft starke Kopfschmerzen und sorgt so dafür, dass meine Motivation mein Bett zu verlassen vollends schwindet.
Samstag 24. Januar 2026
Meine Stimme ist heute vollends verschwunden – sie reicht nicht einmal mehr für ein „Gracias!“ an der Supermarktkasse. Etwas sagen zu wollen, den Mund auf zumachen nur um dann festzustellen, dass man keinerlei Ton hervorbringen kann, fühlt katastrophal an – man merkt auf einmal, wie wichtig die eigene Stimme ist! Gegen Mittag wechsle ich zurück in mein ursprüngliches Hostel und gammle dort den weiteren Tag vor mich hin. Soziale Interaktion ist ohne Stimme schwierig, theoretisch könnte ich meine Zeit produktiv nutzen und an meinem Blog schreiben, doch die starken Kopfschmerzen, die mich seit Einnahme des Hustensafts konstant begleiten, halten mich auch davon ab.
Sonntag 25. Januar 2026
Auch heute bleibe ich stumm. Am späten Vormittag telefoniere ich mit meinen Eltern. Es reicht für ein paar einzelne Sätze in Darth Vader Stimmlage, die restliche Zeit nicke ich nur oder schüttle mit meinem Kopf. Dass ich inzwischen den vierten Tag infolge meine wertvolle Lebenszeit damit verschwendete mir inhaltslose Kurzvideos anzuschauen, frustriert mich extrem. Ich hatte so viele Pläne für Panama – und vor allem wollte ich nach einem Boot suchen, das mich über den Pazifik mitnahm. Doch zum durch die Marinas laufen und Leute ansprechen, war ich momentan nicht fähig. Am Nachmittag beschließe ich den Hustensaft abzusetzen – ich konnte diese Kopfschmerzen nicht mehr ertragen! Stattdessen greife ich auf Hausmittel zurück und kaufe im Supermarkt Honig und Kamillentee. Als auch am späten Abend noch nicht absehbar ist, dass meine Stimme bald zurückkehrt, sage ich schweren Herzens vier der fünf für den morgigen Tag geplanten Nachhilfestunden ab. Mit dem Vater des Schülers, der Dienstag seine Klausur schrieb, vereinbare ich, dass wir eine „stumme Stunde“ – ausschließlich über mein Whiteboard und den Chat kommunizierend – machen würden.













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