Montag 05. Januar 2026
Am frühen Morgen gebe ich eine Nachhilfestunde. Als ich anschließend am Frühstückstisch sitze, lerne ich Max kennen. „Du bist auch Deutscher, oder?“ – mal wieder hatten mich meine Mathe-Stunden verraten. Max kommt aus Süddeutschland und ist bereits seit einem Monat in Kolumbien unterwegs. Wir kommen schnell ins Gespräch und verstehen uns blendend. So ärgert es mich fast, dass ich wenig später aus dem Hostel auschecken muss. Da das Hostel mich ansonsten nicht so sehr überzeugt hatte – die Betten wackelten, es war dreckig, die Zimmer klein und vor allem war es durchgehend unglaublich laut – hatte ich nämlich eine neue Unterkunft gebucht. Am späten Vormittag verabschiede ich mich also von Max und laufe zu meinem neuen Hostel, das nur wenige Blocks entfernt ist. Dort schreibe ich den restlichen Tag über an meinem Blog, der mal wieder etwas im Rückstand war. Am Nachmittag widme ich mich zudem der Planung für Panama – und vor allem meines Weges dorthin: Zwischen Süd- und Mittelamerika liegt der sogenannte „Darién Gap“ – ein dichtes, bergiges Dschungelgebiet, welches die Kontinente trennt und durch welches bis heute noch keine einzige Straße erschlossen wurde – nicht mal eine unbefestigte. Um ohne Flugzeug durch dieses Gebiet zu kommen, bleiben mir also drei Möglichkeiten: Mit einem Segelboot außen herum segeln – da die Strecke eine beliebte Charter-Route ist, war das jedoch meist mit hohen Kosten verbunden. Option 2: Mich mit kleinen Speedbooten, sogenannten Lanchas, von Dorf zu Dorf an der Küste entlanghangeln. Und Option 3: Durch den Darién Gap hindurchwandern. Das ist aber nicht nur illegal, sondern auch lebensgefährlich. Durch den Darién Gap führt eine der riskantesten Flüchtlingsrouten der Welt – nur die wenigsten Migranten schaffen es auf die andere Seite, viele werden ausgeraubt, vergewaltigt oder sogar ermordet. Schon vor längerer Zeit hatte ich mich für die Speedboot-Option entschieden – auch wenn ich das letzte Mal, als ich eine nicht passierbare Landgrenze auf einem Speedboot umfahren habe, dabei in Seenot geraten bin. Und so heißt es recherchieren, was das Zeug hält: Glücklicherweise gibt es online zahlreiche Blogbeiträge verschiedenster Reisender, die diese Route gewählt hatten – die Informationslage ist vielversprechend!
Dienstag 06. Januar 2026
Den Vormittag über gebe ich zwei Nachhilfestunden und schreibe anschließend Max an. Er war mit einigen anderen Leuten aus seinem Hostel ins historische Zentrum gefahren und nahm dort an einer Stadtführung teil. Zu Fuß mache ich mich auf den Weg, um zu der Gruppe hinzuzustoßen. Nach langwierigen Findungsschwierigkeiten – Max Live-Standort war stark verzögert – treffen wir schließlich pünktlich zum Ende der Führung aufeinander. In der Sechser-Gruppe, die wir nun sind, gehen wir gemeinsam essen. Anschließend entscheiden wir uns zur „Comuna 13“, einem ehemaligen Problemstadtteil, der heute ein beliebtes Ausgehviertel ist, zu fahren und laufen dafür zur nächsten Metro-Station. Dort bricht Uneinigkeit aus: Für das Metro-Netzwerk braucht man eine wiederaufladbare Karte – die hat keiner von uns. Zeitgleich stellen wir fest, dass ein Uber bei unserer Gruppengröße günstiger wäre, als wenn jeder sich eine solche Karte kauft. Während wir noch diskutieren, lässt ein Passant Jessi, eine deutsche Reisende aus der Gruppe, und mich mit seiner Karte in die Metro. So kommt es, dass wir uns mit der Metro auf den Weg machen und die anderen vier sich einen Uber bestellen. An unserer Zielstation angekommen entdecken Jessi und ich eine Seilbahn. Da die anderen noch weit hinter uns hingen, beschließen wir, auch wenn die Seilbahn nicht in unsere Richtung fährt, eine Rundfahrt mit ihr zu machen. Nach einer knappen Stunde ist dann auch der Rest der Gruppe angekommen und wir erkunden gemeinsam das Viertel. Um die extrem steilen, größtenteils mit Bars gefüllten Gassen miteinander zu verbinden, befinden sich in dem Bezirk sechs Outdoor-Rolltreppen. An einem Obststand probieren wir die Mangostan-Frucht. In ihrer harten Schale befindet sich weißes, von der Form an Knoblauchzehen erinnerndes Fruchtfleisch, das nach einem Mix zahlreicher tropischer Früchte schmeckt – vielen Quellen zufolge eine der leckersten Früchte der Welt. Als es langsam dunkel wird, kehren wir in eine Bar und trinken dort noch etwas, bevor wir uns wenig später bei strömendem Regen auf den Heimweg machen. Gerade als ich in mein Hostel zurückkomme, startet dort ein kostenloser Salsa-Tanzkurs. Interessiert geselle ich mich dazu, klinke mich, nachdem wir einmal mit den Grundlagen durch sind, aber wieder aus – ich bin zu k.o. dafür!
Mittwoch 07. Januar 2026
Am Vormittag wartet eine Doppelstunde Uni-Mathematik auf mich. Da meine eigenen Schüler größtenteils noch im Ferienmodus waren, hatte ich vertretungsweise die Klausurvorbereitung für die Schülerin einer anderen Tutorin übernommen. Im Anschluss an die Nachhilfestunden mache ich mich zu Fuß auf den Weg zum Pueblito Paisa. Auf einem Hügel mitten in der Stadt hatte man dort ein klassisches antioquianisches Dorf nachgebaut. Die charmvollen Kopfsteinpflastergassen und weißen Ziegeldachhäuser bilden einen absurden Kontrast zum sonst lauten und vollen Medellín. Das Flair ein bisschen nehmen, tut die Tatsache, dass das Dorf rein touristischer Natur ist. Hier wohnt niemand, stattdessen findet man hier hochpreisige Restaurants und Souvenirlädchen. Eigentlich hatte ich mich am Abend noch einmal mit der Gruppe aus dem anderen Hostel treffen wollen, um gemeinsam in eine Bar zu gehen. Doch irgendwie scheitert dieser Plan an der Kommunikation und so verbringe ich den Abend im Hostel und schreibe noch ein wenig an meinem Blog.
Donnerstag 08. Januar 2026
Am Vormittag stehen gleich vier Nachhilfestunden an – heute wieder mit meinen eigenen Schülern. Langsam, aber sicher neigten sich die Dinge, die ich in Medellin zu tun vermochte, dem Ende. Während viele Backpacker von der Stadt schwärmen, hatte sie mich nicht so sehr abgeholt. Grundsätzlich hatte ich das Gefühl, dass Kolumbien zu einem gewissen Grad overhyped war: Viele der Sehenswürdigkeiten waren gnadenlos überlaufen, abseits der Masse unterwegs sein war jedoch auch schwierig, da in nicht touristischen Regionen die Sicherheitslage prekär ist. Das Essen Kolumbiens ist nicht speziell – simples typisch südamerikanisches Essen – und auch die Preise nicht soo unglaublich günstig, wie viele begeisterte Kolumbien-Fans es behaupteten. Anfangs hatte ich befürchtet, dass diese Wahrnehmung eine Folge von langsam eintretender Reisemüdigkeit wäre, doch ich bin mit diesem leicht enttäuschten Gefühl gegenüber Kolumbien nicht allein – viele andere Reisende, die ich traf, berichten ähnliches. Nach meiner letzten Nachhilfestunde ist es bereits Mittag – meine Weiterreise trat ich also besser morgen an. Stattdessen wechsle ich für die letzte Nacht zurück in das andere Hostel, verbringe dort den Nachmittag und fahre am Abend zu einem Aussichtspunkt, von welchem man einen tollen Blick über das Lichtermeer der Stadt hat.
Freitag 09. Januar 2026
Direkt nach dem Frühstück lasse ich mich von einem Uber am Hostel abholen und zu einer Autobahnauffahrt am Stadtrand von Medellín bringen. Eine ganze Weile warte ich dort ohne Erfolg, dann nimmt sich ein freundlicher Taxifahrer meiner an, lädt mich zu einem Kaffee ein und bringt mich zur wenige Kilometer entfernten Mautstelle – hier hätte ich bessere Chancen! Er soll recht behalten: Schon nach kurzer Zeit sammelt mich ein Auto ein und nimmt ein Stück mit. Schon nach wenigen Dutzend Kilometern findet der Lift jedoch sein Ende und ich werde am denkbar schlechtesten Spot herausgelassen – mitten auf der Autobahn! Ich versuche ein paar Minuten mein Glück, doch es ist hoffnungslos. Mir bleibt schließlich nichts anderes übrig als unter der sengenden Sonne sechs Kilometer in die nächste Stadt zu laufen. Ich habe bereits die Hälfte der Strecke geschafft, als der Fahrer eines Kleinlastwagens mich erlöst und mich in die Stadt bringt. Von dort ergattere ich bald eine Mitfahrgelegenheit in ein kleines Dorf zwanzig Kilometer weiter. Inzwischen ist es Mittag, ich habe zwar eine Vielzahl von Lifts bekommen, doch so richtig Strecke hatte ich noch nicht gemacht. Mein Ziel, die an der Karibikküste gelegene Hafenstadt Turbo, war noch immer 250 Kilometer entfernt. Über eine Stunde warte ich in dem winzigen Dorf, in dem mich mein letzter Lift abgesetzt hatte. Viel Verkehr herrscht nicht. Irgendwann hält schließlich der SUV einer jungen Familie neben mir, man fährt das Fenster runter und fragt, ob ich fahren könne. „Ja … aber ich bin noch nie in Kolumbien Auto gefahren“ antworte ich zögerlich und steige vorerst auf dem Beifahrersitz ein. Der Fahrer ist krank und bereits ziemlich müde. Nach einer Mittagspause an einem Restaurant probieren wir zu tauschen, doch das hochmoderne Auto überfordert mich – ich bin noch nie ein Auto mit Automatikschaltung gefahren – und so setzte ich mich dann doch wieder auf den Beifahrersitz. Bis vor wenigen Wochen war die Straße noch unpassierbar gewesen – starke Regenfälle hatten sämtliche Erdrutsche verursacht. Und auch jetzt noch waren weite Teile der Straße nur einspurig befahrbar. Nach langer Fahrt erreichen wir im Dunkeln schließlich Turbo. Ich gehe noch kurz etwas essen, dann laufe ich zur Feuerwehrstation und frage, ob ich dort mein Zelt aufstellen dürfte.
Samstag 10. Januar 2026
Die Sonne ist noch nicht ganz aufgegangen, als ich mein Zelt abbaue, mich von den freundlichen Feuerwehrleuten verabschiede und mich auf den Weg zu dem am Ortsrand gelegenen Bootsanleger mache. Der „Muelle Turístico“ entspricht dabei nicht ganz dem, was ich erwartet hatte: Statt vor einem kleinen Steg mit ein paar alten Motorbooten, stehe ich vor einem großen modernen Passagierterminal. Die Ticketpreise und Abfahrtszeiten sind fix, das Gepäck wird nach Kilogramm berechnet. Ich muss eine knappe halbe Stunde warten, dann geht es aufs Boot und wir fahren ab. Von Turbo sind es mit dem hochmotorisierten Boot nur gute drei Stunden Fahrt bis nach Capurganá, einem kleinen, unmittelbar vor der Grenze zu Panama gelegenen Dorf im Darién Gap. Während die wenigsten internationalen Reisenden Capurganá auf dem Schirm haben, ist der für seine Strände bekannte Ort unter Kolumbianern ein ziemlich beliebter Urlaubsort – daher auch der große Andrang. Am späten Vormittag erreicht das Boot nach einer überraschend komfortablen Überfahrt Capurganá – hier wollte ich eine Woche bleiben, bevor ich mich dann auf den Weg über die Grenze nach Panama machte. Den Campingplatz, den ich mir ursprünglich herausgesucht hatte, scheint es nicht mehr zu geben und auch sonst ist die Auswahl an preiswerten Unterkünften in dem Ort recht mau. Schlussendlich lande ich in einem von zwei Hippies betriebenen Hostel, welches aus alten Glasflaschen gebaut wurde – meine teuerste und mit Abstand einfachste Unterkunft in Kolumbien! Den Nachmittag über erkunde ich Capurganá, dass sich als relativ langweilig und zugleich hochpreisig entpuppt. Noch dazu stelle ich fest, dass meine kolumbianische Sim-Karte in diesem Kaff nicht funktioniert und erfahre, dass in den frühen Morgenstunden der Strom abgestellt wird – und es darüber hinaus durchaus regelmäßig zu spontanen Stromausfällen kommt. Was erwartet man auch von einem kleinen Ort mitten im Darien Gap? An diesem Punkt bereue ich es schon fast ein wenig, hergekommen zu sein – wäre ich doch mal noch ein paar Tage länger in Medellín geblieben. Neben mir ist Anabela, eine junge Argentinierin, die einzige weitere Person im Hostel. Wobei, so wirklich Gast ist sie auch nicht – sie arbeitet hier für einen Monat als Volunteer. Gemeinsam gehen wir am späten Nachmittag an den Strand.
Sonntag 11. Januar 2026
Starker Tropenregen prasselt auf das Blechdach des Hostels. Gegen neun lässt dieser schließlich nach und die Sonne kommt hervor. Was auch um neun kommt, ist der Strom – und mit ihm das WLAN. Das nutze ich sogleich, streame in einer Hängematte liegend erst den Gottesdienst aus dem Hamburger ICF und facetime anschließend mit meiner Familie. Bei einem Blick in meinen Kalender stelle ich erleichtert fest, dass in der kommenden Woche keine meiner Nachhilfestunden vor neun Uhr beginnt – dann dürfte das ja passen! Nach dem Mittagessen mache ich mich auf den Weg zur Bahia Aguacate, einer einige Kilometer südlich von Capurganá gelegenen Bucht, die für ihr türkises Wasser bekannt sein soll. Einem unwegsamen schmalen Trampelpfad folgend klettere ich zwischen Kokospalmen und großen Felsen die steile Küste entlang. Nach einer knappen Stunde erreiche ich so die genannte Bucht, die zwei Tourboote voll mit kolumbianischen Party-Touristen gerade für sich beanspruchen – nix mit abgeschiedenen Naturfeeling. Ein wenig enttäuscht folge ich dem Dschungel-Trail wieder zurück nach Capurganá. Als ich wieder im Hostel ankomme, fühle ich mich erschöpft. Ich habe starke Kopfschmerzen und fühle mich fiebrig. Waren das nur die Folgen von viel Sonne und wenig Wasser, oder tatsächlich etwas Ernstzunehmendes? Ich kann es schwer einschätzen. Eine Besserung tritt im Laufe des Nachmittags jedenfalls nicht ein und so bleibe ich den restlichen Tag in meiner Hängematte liegen und verschwinde schon direkt nach Sonnenuntergang im Bett.



















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