Montag 29. Dezember 2025
Am frühen Morgen gebe ich eine Nachhilfestunde – es soll die einzige diese Woche bleiben. Nachdem ich meinen Laptop zugeklappt habe, verlasse ich dann das Hostel und streife durch die Nachbarschaft des „Centro Histórico“, von dem ich schon gestern die ersten Ecken erkundet hatte. Mein nächstes Ziel ist der „Cerro de Monserrate“. Am Rande des Viertels gelegen, gilt der Aussichtspunkt an seiner Spitze als eine der Top-Sehenswürdigkeiten Bogotás. Am Startpunkt des auf den Berg führenden Trails angekommen, spricht mich eine junge Frau an: „Du bist doch auch im Masaya Hostel, oder?“ Kyra kommt aus der Schweiz, war vor wenigen Tagen zu ihrer ersten großen Solo-Reise aufgebrochen und hatte mich bei meiner Nachhilfestunde am Morgen Deutsch sprechen hören. Interessiert fragt sie mich über meine Reise und meine Tutor-Tätigkeit aus, während wir uns Treppenstufe um Treppenstufe dem Aussichtspunkt nähern. Nach anderthalb Stunden erreichen wir schweißüberströmt die den Gipfel markierende Kapelle und werden mit einer großartigen Aussicht über das Häusermeer von Bogotá belohnt, dessen Ausmaße absolut gigantisch sind: Acht Millionen Einwohner leben in der Metropole – das sind in etwa so viele wie in den vier größten Städten Deutschlands (Berlin, Hamburg, München & Köln) zusammen! Neben dem Wanderweg führt auf den „Cerro de Monserrate“ auch eine Seilbahn hinauf – entsprechend touristisch ist es dort oben. Wir streifen noch einige Zeit durch den Souvenirmarkt, bevor wir uns an den Abstieg machen. Auf halber Strecke nach unten gönnen wir uns einen frischen Orangensaft und machen uns dann auf den weiteren Weg zurück ins Hostel. Dort nutze ich die verbleibenden Stunden des Tages, um an meinem Blog zu schreiben.
Dienstag 30. Dezember 2025
Obwohl hier eigentlich gerade Trockenzeit sein soll, regnet es, als ich am Morgen aus meiner Schlafkapsel gekrochen komme – perfektes Wetter, um ein Museum zu besuchen! Grundsätzlich bin ich kein großer Museen-Fan, doch das im nur einige Blöcke von meinem Hostel entfernte „Museo del Oro“ wird in sämtlichen Reiseberichten als Highlight bezeichnet und da der Eintritt umgerechnet nur einen Euro kostet, kann man damit sicherlich nichts falsch machen. Am Museum angekommen, werde ich erstmal abgewiesen – mein Schweizer Taschenmesser darf nicht mit rein! Also noch einmal zum Hostel zurücklaufen, Hosentaschen ausleeren, dann geht’s ins Museum. In modernen Glasvitrinen werden hier aus Gold hergestellte Relikte vergangener, einst in Kolumbien existierender Reiche ausgestellt. Gute zwei Stunden beschäftige ich mich in dem Museum, bevor ich in meine Unterkunft zurückkehre und dort den restlichen Tag rumgammle.
Mittwoch 31. Dezember 2025
Unglaublich! Schon wieder ist ein Jahr vorbei – wie schnell doch die Zeit vergeht! Den letzten Tag des Jahres nutze ich, um das hinter mir liegende Jahr zu reflektieren: Was hatte ich erlebt? Welche Ziele erreicht? Was waren meine Highlights? Was meine Tiefpunkte? 15 verschiedene Länder habe ich im Jahr 2025 bereist, 93 Nächte in meinem Zelt geschlafen und bin in 248 Autos mitgetrampt. Das bedeutendste war jedoch etwas anderes: Ich hatte es über den Atlantik geschafft und war damit meinen Traum von der „Weltumrundung ohne Flugzeug“ ein großes Stück nähergekommen! Je später es wird, desto müder werde ich und so tippe ich den Abend über noch ein wenig an meinem Blog. Gegen 22:00 Uhr mache ich mich dann auf den Weg zum „Plaza de Bolívar“ – dort soll heute Nacht die größte Party der Stadt steigen! Doch zu meiner Enttäuschung ist dort absolut nicht los, nicht eine einzige Menschenseele ist auf dem Platz unterwegs. Immerhin treffe ich auf dem Weg auf eine Gruppe von Leuten aus unserem Hostel, die ebenfalls auf der Suche nach der großen Party sind, und schließe mich ihnen an. Gemeinsam ziehen wir weiter durch die ausgestorbenen Straßen Bogotás – selbst dort, wo die letzten Tage immer Trubel herrschte, war es nun still und leer. In unserer Verwunderung wenden wir uns an den Sicherheitsmann einer Mall, den wir als einzigen draußen antreffen. Hier feiert jeder zuhause mit seiner Familie, erklärt er uns, eine öffentliche Feier gebe es nicht. Nach Mitternacht, wenn die Familienfeiern vorbei wären, würden vielleicht noch einige Leute zum Feiern in die Clubs ziehen. Enttäuscht machen wir uns auf den Rückweg zum Hostel und warten dort noch eine Stunde ab, bevor wir zu einem nahegelegenen Aussichtspunkt laufen, um das Feuerwerk zu sehen. Aber auch das Feuerwerk ist nicht sonderlich spektakulär: Nur vereinzelt sieht man ein paar Raketen und Fontänen in den Nachthimmel steigen. In Kolumbien scheint man mehr Wert darauf zu legen, dass es laut knallt, als dass das Feuerwerk schön aussieht.
Donnerstag 01. Januar 2026
Faul bis mittags im Bett liegen ist nicht! Ich hatte mich um zehn mit Kyra verabredet. Gemeinsam wollten wir zur „Cascada La Chorrera“, dem höchsten Wasserfall Kolumbiens, wandern, der sich eine gute Stunde Fahrt von unserem Hostel entfernt, in den Bergen der „Cordillera Oriental“ verstecken soll. Inspiriert von meinen Geschichten wollte Kyra unbedingt dorthin trampen und so finden wir uns bald an einer kleinen Straßenkreuzung wieder, von der ich geschätzt hatte, dass sie akzeptabel sein sollte, um einen Lift in Richtung des Wasserfalls zu ergattern. Tatsächlich hält bereits das zweite Auto und ein älterer Geschäftsmann nimmt uns in seinem SUV mit aus der Stadt heraus – eine Stunde später setzt er uns an einer kleinen Schotterstraße ab. Die letzten acht Kilometer scheinen nicht allzu viel frequentiert zu sein und so beginnen wir zu laufen. Schon bald kommt jedoch ein Auto von hinten angerollt und hält. Platz ist in dem Renault eigentlich keiner mehr, doch irgendwie quetscht man uns noch mit auf die Rücksitzbank. Da es zum Wasserfall allerdings doch noch weiter ist als gedacht, setzen wir uns nach einiger Zeit stattdessen in den Kofferraum. Vom Trailhead aus ist es eine schöne zwei Kilometer lange Wanderung, die über Kuhwiesen und matschige Dschungelpfade zum Wasserfall führt. Die Kaskade selbst ist wenig beeindruckend – zum einen, weil man, wenn man direkt unter ihr steht, nur ein Bruchteil des 590 Meter hohen Naturwunders sehen kann, zum anderen, weil es zur aktuellen Jahreszeit an Wasser mangelt. Im Anschluss an unsere Wanderung eine Mitfahrgelegenheit zurück nach Bogotá zu finden, könnte einfacher nicht sein: Schon der erste Autofahrer, den wir auf dem Parkplatz ansprechen, nimmt uns mit. Die Sonne taucht die Hochhäuser der Stadt in ein goldenes Licht. Erschöpft, müde und hungrig kehren wir ins Hostel zurück. Nachdem wir feststellen müssen, dass nahezu alle Restaurants geschlossen haben – Stimmt, heute ist Feiertag! – lassen wir uns schließlich zu einem Burger im hauseigenen Restaurant unseres Hostels breitschlagen.
Freitag 02. Januar 2026
Nach fünf Tagen in Bogotá werden die Hummeln in meinem Hintern wieder unruhig – Zeit weiterzuziehen! Da ich das komplexe TransMilenio-Bussystem der Stadt nicht durchblicke, lasse ich mich von einem Uber-Mototaxi vom Hostel zu einem geeigneten Trampspot an der Autobahn nach Medellín bringen. Nach einigem Warten sammelt mich dort ein junger, fließend Englisch sprechender Mann in einem VW T-Roc ein. Er ist Videograf und auf dem Weg zu einem Nationalpark, in dem er mit seiner Drohne ein paar Shots aufnehmen möchte. Nach einer Stunde gemeinsamer Fahrt lässt er mich in einem kleinen Ort namens La Vega raus. Hier verbringe ich den gesamten Vormittag und versuche mich – anfangs noch motiviert, später mit einem immer gequälteren Lächeln auf den Lippen – daran einen Folgelift zu ergattern. Vier Stunden vergehen, in denen der Verkehr, ohne mich eines Blickes zu würdigen an mir vorbeirast. Als endlich jemand anhält, bin ich heilfroh – auch wenn es nur knappe 25 Kilometer ins Nachbardorf geht. Meine nächste Mitfahrgelegenheit kommt wieder schneller: Nach nur wenigen Minuten klettere ich auf ein Motorrad, dessen Fahrer mich bis nach Guaduas, der nächsten größeren Stadt, mitnimmt. Es ist bereits später Nachmittag und ich habe erst etwas mehr als 100 Kilometer zurückgelegt – wie lange man in Kolumbien für eigentlich gar nicht so große Distanzen fährt, ist schockierend. Die Sonne ist bereits am Untergehen, als mich ein schwarzer BMW SUV mit einer jungen Familie darin einsammelt und gute Neuigkeiten für mich hat: Sie fahren ins mehr als 800 Kilometer entfernte Santa Marta. So weit will ich gar nicht – ich bin schon froh meine bisherige Tagesstrecke noch einmal verdoppeln zu können. Nach einer Stunde Fahrt knallt es plötzlich, der Reifensensor fängt an zu piepen – wir haben einen Platten! Rückwärts fahren wir auf dem Standstreifen zur letzten Tankstelle und rufen von dort aus einen Pannenservice an. Zwanzig Minuten später kommt ein Tuk-Tuk angefahren, auf der Ladefläche ein Kompressor und eine neue Felge, weitere zehn Minuten später sind wir wieder fahrtbereit. Lächerliche 20€ kostet ein solcher Pannen-Notdienst hier – inklusive neuer Felge – in Deutschland hätte man dafür locker das Zehnfache hinblättern müssen. Einen Ladestopp für das E-Auto und einige Stunden Fahrt später erreichen wir schließlich die Kreuzung, an der sich unsere Wege trennen und ich schlage mein Zelt hinter einer Tankstelle auf.
Samstag 03. Januar 2026
Nachdem ich gestern gute 2/3 der Strecke nach Medellín hinter mich gebracht hatte, hätte ich es ohne Probleme heute dorthin schaffen können – doch das wollte ich gar nicht! Die Familie auf meinem letzten Lift hatte mir noch einige Tipps für Ziele, die auf dem Weg lagen, gegeben: Nur einen Katzensprung von meinem Schlafplatz entfernt befände sich die Hacienda Nápoles, der heute zum Erlebnispark umfunktionierte, einstige Privat-Zoo des Drogenbarons Pablo Escobar. Nachdem ich die Eintrittspreise des Parks herausfinde, entscheide ich mich aber dagegen – zumal ich sowieso nicht viel von in Gefangenschaft gehaltenen Wildtieren halte. Der zweite Ort, den man mir genannt hatte, weckt schon eher mein Interesse: El Peñol, ein riesiger Granitfelsen, der – ein wenig deplatziert – aus einer sonst flachen Seenlandschaft herausragt. Mit zahlreichen Kurzstreckenlifts gelange ich Stück für Stück weiter in Richtung des Felsens. „Hast du heute schon Nachrichten gelesen?“ fragt mich der junge Beifahrer bei der vierten Mitfahrgelegenheit des Tages. „Nein. Ist denn was Wichtiges passiert?“ antworte ich. „Die USA haben Venezuela angegriffen und Maduro gestürzt“ erwidert mein Gegenüber. Ich bin baff – damit hatte ich nicht gerechnet! Zwei Stunden später erreiche ich den sagenumwobenen „Piedra de Peñol“. Mystisch ragt der riesige Felsen aus der Seenlandschaft. Was ich unterschätzt hatte ist jedoch, wie überlaufen dieser Stein ist; Auf den letzten 20 Kilometern hierher hatten wir durchgehend im Stau gestanden, an der Basis des Felsens herrscht dichtes Gedränge, dutzende Restaurants sind dicht an dicht gebaut. Kurzerhand entscheide ich, dass ich dort nicht hoch muss, und genieße die Aussicht vom Fuß des Felsens. Ich besuche noch einen weiteren Aussichtspunkt, von dem man einen guten Blick auf den Stein hat, sowie den nahegelegenen, ebenfalls gnadenlos von Touristen überlaufenen Ort Guatapé, bevor ich ein paar Kilometer zurück trampe und mein Zelt auf einem kleinen Campingplatz aufschlage. Den Campingplatz teile ich mir mit einem Schweizer Overlander-Pärchen, das mit ihrem Toyota Land Cruiser und einem Dachzelt durch Südamerika tourt. Gemeinsam lassen wir den Abend ausklingen und tauschen unsere Geschichten aus.
Sonntag 04. Januar 2026
Da die meisten Unterkünfte eh erst einen Check-In am späten Nachmittag erlauben, mache ich mir am Morgen einen Stress, bleibe noch eine ganze Weile auf dem Campingplatz und tippe in einer Hängematte liegend an meinem Blog. Die beiden Schweizer fahren am Vormittag zum „Piedra de Peñol“ und kommen ein paar Stunden später ähnlich enttäuscht zurück, wie ich gestern – zumal der Fels nun noch in Wolken gehüllt war. Gegen Mittag trampe ich aus der Seenlandschaft heraus wieder zurück an die nach Medellín führende Autobahn. Da ich der Stadt schon recht nahe bin und diese riesig ist, stellt sich das Trampen ab hier als schwierig heraus und ich steige in einen Bus. Anderthalb Stunden später spuckt mir dieser am zentralen Busterminal von Medellín aus. Wer an Medellín denkt, denkt oft zuallererst an Drogen und Kartelle. Kein Wunder, schließlich war die Stadt bis vor zwanzig Jahren Dreh- und Angelpunkt des größten Drogenkartells weltweit. Angst, Gewaltverbrechen, Schießereien auf offener Straße und extreme Mordraten prägten das Bild der Metropole. Doch Medellín hat in den letzten zwei Jahrzehnten einen beeindruckenden Wandel hingelegt. Die Stadt ist bei Rucksackreisenden aus aller Welt äußerst beliebt und bekannt für ihr turbulentes Nachtleben. Ein Uber bringt mich zu meinem Hostel, wo ich mich erstmal ein wenig ausruhe und den Dreck der letzten zwei Tage von meinem Körper schrubbe. Am Abend ziehe ich ein wenig durch die nur wenige Straßen von meinem Hostel entfernte Partymeile. Zahllose Bars und Clubs reihen sich dort aneinander, alles blinkt und leuchtet bunt, irgendwo dazwischen jongliert jemand an einer roten Ampel auf einem Einrad fahrend mit Messern. Hier herrscht Leben!





















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