Montag 01. Dezember 2025
Wie jeden Montag stehen auch heute eine Handvoll Nachhilfestunden auf dem Plan. Zwischen den Einheiten schreibe ich Rechnungen – der November war schon wieder rum. Am Nachmittag hatte ich eigentlich vor, die „Laguna Parón“ zu besuchen, doch das nur 30 Kilometer von Caraz entfernte türkisblaue Gewässer zu erreichen, stellt sich als schwierig heraus. In der Theorie ist es dabei ganz einfach: Man soll mit dem Auto bis an die Lagune fahren können – nur habe ich kein Auto! Sammeltaxis fahren lediglich am Vormittag und dann auch nur in die auf halber Strecke liegende Ortschaft Paron – von dort müsste man noch die letzten 10 Kilometer wandern. Mit anderen Worten: Wenn man nur einen halben und nicht einen ganzen Tag Zeit hat, wird daraus also leider nichts! Das Problem trifft auch auf die „Laguna 69“, die ich morgen besuchen wollte, zu. Anstatt mich darüber zu ärgern, dass ich die Laguna Paron nicht sehen würde, packe ich also meine Sachen und ergreife präventive Maßnahmen, damit ich zumindest morgen bei der Laguna 69 erfolgreich sein würde. Mit einem Collectivo geht es nach Yungay, jenem Ort, von welchem eine 32 Kilometer lange Schotterstraße quer durch den Huascarán Nationalpark zum Trailhead der Lagunen-Wanderung führt. Um noch näher an diesen heranzukommen, fahre ich schon heute die ersten acht Kilometer der Schotterstraße bis zu einem Aussichtspunkt – dem dem Trailhead am nächsten gelegenen Punkt, an dem es noch Internet gibt! Ich hatte gehört, dass man dort auch zelten dürfe, und tatsächlich heißt mich an dem Mirador ein freundliches junges Paar willkommen. Nicht einmal die sonst für das Campen übliche Gebühr soll ich bezahlen – als Gegenleistung bittet man mich lediglich darum, die Fotos, die ich während meines Aufenthalts mache, im Anschluss zur Verfügung zu stellen. Glücklich baue ich mein Zelt auf einer der Etagen des Aussichtsturmes auf, genieße den Sonnenuntergang, koche mir noch ein paar Nudeln und lege mich dann schlafen.
Dienstag 02. Dezember 2025
Früh wache ich auf und genieße aus meinem Schlafsack heraus den Blick auf die von der Morgensonne angestrahlten Gipfel der Cordillera Blanca. Um zehn gebe ich mit dem überraschend schnellen WLAN des Miradors eine Nachhilfestunde und stelle mich unmittelbar darauf mit ausgestrecktem Daumen an die Schotterstraße. Die Wanderung zur Laguna 69 und zurück soll fünf Stunden dauern – wenn ich bis zum Sonnenuntergang zurück sein wollte, müsste ich also allerspätestens um 13 Uhr loswandern. Damit blieben mir zwei Stunden Zeit, um die letzten 24 Kilometer zum Trailhead zu trampen – klingt realistisch, oder? Relativ bald hält ein alter Kombi und ich werde 10 Kilometer weiter in Richtung meines Ziels gebracht. Für das kurze Stück brauchen wir auf der katastrophalen Straße allerdings eine ganze Dreiviertelstunde – wenn es mit diesem Tempo weiterginge, könnte es zeitlich knapp werden! Leider geht es nicht einmal mit diesem Tempo weiter – es geht gar nicht weiter! Kein einziges Auto fährt weiter in den Nationalpark hinein. Ich habe bereits aufgegeben und mir ein anderes Wanderziel gesucht, als doch noch ein Auto kommt. Die Hoffnung in mir flammt noch einmal auf. Langsam fahren wir immer tiefer in den Nationalpark und kommen schließlich an einer kleinen Lagune zum Stehen. Es ist inzwischen kurz vor eins, der Trailhead ist nur noch 7 weitere Kilometer entfernt, doch das Auto fährt nicht weiter – ich muss wohl oder übel einsehen, dass ich auch die Laguna 69 nicht zu Gesicht bekommen würde. Zugegebenermaßen wäre es vermutlich eh eine schlechte Idee gewesen so spät noch die Wanderung zu beginnen. Stattdessen wandere ich nun ein wenig auf den Spazierwegen um die zweifellos auch absolut beeindruckende Lagune, an der ich gelandet war. Von dort aus führt auch ein menschenleerer, zugewucherter Trail quer durch den Dschungel zurück zum Eingangsgate des Nationalparks. Auf dem Weg lasse ich mir die Chance nicht nehmen und gehe noch eine Runde in dem reißenden Fluss baden, der neben dem Wanderweg entlanglief. Der Weg zurück zum Mirador lässt sich wesentlich besser trampen, als der Weg hierher heute Vormittag – schlussendlich laufe ich einen Großteil der Strecke.
Mittwoch 03. Dezember 2025
Am frühen Morgen baue ich mein Zelt ab und warte an der zurück in die Zivilisation führenden Straße auf Verkehr. Theoretisch hätte ich der Laguna 69 noch einen zweiten Anlauf geben können, doch stattdessen plante ich mich auf den Rückweg an die Küste zu machen – ich war in Peru genug gewandert! Nach kurzer Zeit kommt ein Kasten-LKW und hält an. Eine gefühlte Ewigkeit sitze ich in dem stockdunklen Laderaum, in den man mich verfrachtet hatte, und werde von der unebenen Straße durchgeschüttelt, bis wir Yungay erreichen. Von Yungay aus geht es in einem alten Toyota auf direktem Weg weiter nach Caraz. Dort frühstücke ich erst einmal und schmiere mich mit Sonnencreme, bevor ich vor einer Brücke am Ortsausgang meinen Daumen ausstrecke. Auch hier muss ich nicht lange warten und sitze schon bald auf dem Beifahrersitz eines roten Kleinlastwagens. Die Straße wird mit jedem Meter, den wir fahren schmaler und schlechter, die Aussicht dafür umso beeindruckender. Südlich von Caraz befindet sich der „Cañón del Pato“. Die beeindruckende Schlucht ist an einigen Stellen bis zu 1000 Meter tief – und die Hauptverbindung zwischen Küste und Bergregion führt mitten durch sie hindurch. In engen Kurven windet sich die ungeteerte Straße durch den Canyon, Leitplanken oder ein Geländer gibt es nicht. Immer wieder geht es durch schmale, unbeleuchtete, oftmals einspurige Tunnel – mehr als 30 Stück an der Zahl – die per Hand in den rohen Fels gesprengt wurden. Während mein Fahrer hochkonzentriert den LKW durch die engen Passagen manövriert, drücke ich mir die Nase an der Fensterscheibe platt. Gegen Mittag wird die Schlucht breiter und wir erreichen ein paar kleine Dörfer – hier trennen sich unsere Wege. Bis ans an der Küste gelegene Chimbote sind es noch knappe 130 Kilometer, doch es gibt hier kaum Verkehr und so lässt mein nächster Lift lange auf sich warten. Nach drei Stunden nimmt mich ein Minen-LKW ein kleines Stück mit, an dem grundsätzlichen Mangel an Autos ändert das allerdings nichts. Nachdem ich noch einmal zwei Stunden gewartet habe, steige ich schließlich zu einem Ehepaar in einen baufälligen Kombi und wir machen uns auf den Weg Richtung Küste. Fertig von dem langen Weg buche ich mich dort angekommen in ein Hotelzimmer ein.
Donnerstag 04. Dezember 2025
Den Vormittag über sitze ich in dem fensterlosen, quietschgrün gestrichenen Hotelzimmer und gebe aus meinem Bett heraus Nachhilfestunden: eine Stunde lineare Funktionen, eine Trigonometrie, eine Analysis – dann bin ich durch, checke aus und gehe in einem auf der anderen Straßenseite gelegenen Restaurant essen. Mein nächstes Ziel war Máncora, ein kleiner ganz im Norden Perus gelegener Küstenort, in dem ich ein paar Tage relaxen wollte, bevor ich mich dann kommende Woche auf den Weg nach Ecuador machte, um dort meinen Vater zu empfangen. Bis Máncora allerdings waren es noch 750 Kilometer. Die gute Nachricht: Ich war nun wieder an der Panamericana – Verkehr gab es hier zweifellos genug! Die schlechte Nachricht: Um es an die Panamericana zu schaffen, muss ich erst einmal sechs Kilometer durch die brütende Mittagshitze stampfen. Komplett fertig und mit Schweißperlen auf der Stirn erreiche ich nach anderthalb Stunden den Kreisel, von dem aus ich trampen will. Doch der Weg hatte sich gelohnt: Noch während ich eine neue Lage Sonnencreme auftrage, hält ein Lastwagen und deutet mir an, hinten aufzusteigen. Auf diesem Lastwagen verbringe ich – auf dem freien Stück zwischen Ladung und Bordwand sitzend – den restlichen Tag. Mit gemächlichen 60 km/h rollen wir Kilometer für Kilometer gen Norden. Als wir am Nachmittag kurz hinter einer Mautstelle halten, beschenkt mich einer der dort Snacks und Getränke verkaufenden Händler mit einem Fruchtsaft und ein paar Kuchenstücken. Auch nach dem Dunkelwerden fahren wir noch lange weiter – erst um kurz vor elf kommen wir am Ortseingang von Guadalupe zum Stehen. War der ältere LKW-Fahrer anfangs noch skeptisch mir gegenüber, hatte ich nach der langen gemeinsamen Fahrt sein Vertrauen gewonnen: Ich darf mein Zelt auf der Ladefläche des Trucks aufbauen und morgen mit ihm weiterfahren. Gerade als ich in meinen Schlafsack krabbeln will, bringt er mir sogar noch eine Tupperdose mit der Hälfte seines Abendessens.
Freitag 05. Dezember 2025
Um kurz vor fünf klingelt mein Wecker – gerade rechtzeitig, damit ich mein Zelt wieder abbauen kann, bevor der Motor der 40-Tonners anspringt und wir weiter die Panamericana entlangrollen. Am späten Vormittag erreichen wir Chiclayo, das Ziel des LKW. Für mich geht es unmittelbar in einem uralten – das Gefährt hat Museumswert – Volvo-Truck aus der Stadt heraus und dann mit einem weiteren Auto ins 200 Kilometer entfernte Piura. Dort esse ich zu Mittag und lasse mich dann von einem Collectivo in die Nachbarstadt, Sullana, bringen, wo ich mir erhoffe, meinen finalen Lift nach Máncora ergattern zu können. Tatsächlich hält schon nach wenigen Minuten ein mit bis zum Rand mit Säcken voll Zwiebeln beladener LKW und signalisiert mir auf die Ladung zu klettern. Auf den Zwiebelsäcken in der Sonne dösend, rolle ich so die nächsten anderthalb Stunden die Küste entlang. 70 Kilometer vor Máncora hält der Lastwagen schließlich an einer Tankstelle. Minute für Minute regt sich nichts – war das hier die Endstation? Als es auch nach einer halben Stunde keine Anzeichen gibt, dass wir bald weiterfahren würden, klettere ich von meinem „Zwiebelthron“ und beginne erneut Autos anzuhalten. Keine 10 Minuten später setzt sich der Truck in Bewegung, fährt an mir vorbei und lässt mich eiskalt am Straßenrand stehen – wäre ich doch nur darauf sitzen geblieben! Der Frust ist jedoch schnell vergessen, als ein Pick-Up anhält und ich mich zu einem argentinischen Reisenden hinten auf die Ladefläche quetsche. Pünktlich zu Sonnenuntergang erreiche ich schließlich Máncora und schlage mein Zelt auf einem Campingplatz abseits des touristischen Trubels am Rande des Ortes auf.
Samstag 06. Dezember 2025
Gibt es etwas Schöneres als vom Wellenrauschen geweckt zu werden? Der Campingplatz war ein Traum. Direkt am Strand gelegen, weit entfernt von den Party-Hostels im Zentrum, simpel und doch ausgestattet mit allem, was man brauchte. Es gab sogar hauseigene Maracujas, an denen ich mich bedienen durfte. Den Vormittag über liege ich mit Blick auf die Wellen in einer Hängematte und schreibe fleißig an meinem Blog – dazu war ich diese Woche noch gar nicht gekommen. Nachdem der Blogpost online ist erkunde ich ein wenig den kleinen Ort: Entlang des Strandes reihen sich Surf- & Kitesurfschulen, Bungalowanlagen, Restaurants & Beachbars. Locals gleichwohl wie Touristen laufen zu großem Teil in Badebekleidung durch die Straßen, die einen gesunden Mix aus fancy Cafés und lokalen Läden beherbergen. Auf dem lokalen Marktplatz kaufe ich eine Ananas und mache mich damit wieder auf den Rückweg zum Campingplatz, wo ich mich ein Buch lesend wieder in die Hängematte lege – was will man mehr?
Sonntag 07. Dezember 2025
Der Tag beginnt mit einer Nachhilfestunde – eine Schülerin hatte noch ein paar Fragezeichen im Kopf, die sie vor ihrer morgen anstehenden Matheklausur klären wollte. Im Anschluss an die Stunde löffle ich mir zum Frühstück zwei Maracujas aus, lege mich dann in eine der Hängematten und streame die ICF Christmas Experience. Die Tickets für das Weihnachts-Musical der Hamburger Freikirche waren innerhalb kürzester Zeit ausverkauft – wie gut, dass man für den Livestream kein Ticket braucht! Als das bewegende Musical zu Ende geht, kommt gerade eine neue Manhunt-Folge online – so muss ich die Hängematte gar nicht verlassen, sondern lediglich den Tab wechseln. Eine Sache musste ich unbedingt noch tun, bevor ich Peru nächste Woche verlassen würde – Ceviche probieren! An das Lieblingsgericht von jedem Peruaner hatte ich mich bisher nicht herangewagt. Zum einen, weil die Vorstellung von rohen, in Zitronensäure fermentierten Fisch nicht wirklich das Wasser in meinem Mund zusammenlaufen ließ, zum anderen, weil es hier direkt an der Küste das beste und frischeste Ceviche geben soll. Die Auswahl an Cevicherías in Máncora ist – wie überall in Peru – großzügig und so lasse ich mich in einer nieder und bestelle mir „Ceviche de Pescado“ – die klassische Variante des in vielfältigen Variationen erhältlichen Gerichts. Überzeugen kann es mich nicht wirklich – für meinen Geschmack viel zu scharf!





























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