Montag 03.03.2025 – Von Abenteurern und Abenteuern
Nach mehr als zwei Wochen, die wir nun auf dem Meer waren, kam bei mir langsam, aber sicher Langeweile auf. Zwar vielen mir eine Handvoll Dinge ein, die ich tun wolle, doch brauchte ich für meisten dieser Dinge Internet – und das teure Starlink-Internet an Bord wollte ich dafür nicht benutzen. Ich schrieb die Dinge also auf eine To-Do-Liste und vertiefte mich stattdessen in eines der auf meinem Handy gespeicherten eBooks. Bereits vor einigen Tagen hatte ich damit begonnen, die Bücher in meiner „Bibliothek“ ein zweites Mal durchzulesen und dabei mit Erstaunen festgestellt, wieviel „Neues“ man in einem bereits gelesenen Buch doch entdeckte, wenn man es nach einiger Zeit ein weiteres Mal las. Viele der Bücher, die ich las, handelten von Menschen auf Reisen. Menschen, wie mir, die ihrem Traum gefolgt waren und nun tagtäglich unzählige Abenteuer erleben zu schienen – Christopher Schachts Bestseller „Mit 50 Euro um die Welt“, „Die geilste Lücke im Lebenslauf“ oder der tiefsinnige „The Alchemist“ von Paulo Coelho (ein sehr empfehlenswertes Buch). All diese Bücher wecken die Abenteuerlust in mir, welche auszuleben – der Tatsache, dass ich mich inmitten des Atlantiks befinde, geschuldet – nicht ganz einfach ist. Wenn ich jemanden erzähle, dass ich auf einem Segelboot den Atlantik überquere, dann klingt das nach einem großen Abenteuer. Und – nicht falsch verstehen – das ist es auch! Dennoch ist es so, dass die abenteuerlichen Situationen, die Momente, über die man später Geschichten erzählen würde, nur einen Bruchteil der Zeit auf See ausmachten. Die allermeiste Zeit döste man vor sich hin, drehte Däumchen, zählte Schäfchen und verlor sich in seinen eignen Gedanken. Aber vielleicht war auch gerade das, das Abenteuerliche: Zu sehen, wie der eigne Körper und Geist drauf reagierten, über einen Monat lang ständig den gleichen kleinen Raum, den gleichen Menschen, dem gleichen eintönigen Alltag und den immer wieder gleichen Reizen ausgesetzt zu sein.
Dienstag 04.02.2025 – Russisch für Anfänger
„Wieviel Russisch verstehst du eigentlich schon?“ fragt mich Artsiom, der als Einziger merkt, dass schon wieder den ganzen Vormittag vorrangig Russisch gesprochen wurde. Und tatsächlich glaubte ich inzwischen die Bedeutung einiger russischen Worte zu kennen. Neben „Davai!“, was so ziemlich alles zwischen „Los geht’s!” und „Gib her!” heißen kann und hier an Bord bestimmt einige dutzend Mal täglich fiel, hatte ich den Begriff „Trevi!“ aufgeschnappt, dessen Bedeutung ich in etwa als „Mach weiter!“ oder „Mehr!“ einordnete. Amüsiert erklärt mir Artsiom, dass ich mit meiner vermuteten Übersetzung nicht ganz richtig läge. „Trevi!“ sei im russischen Segler-Vokabular der Befehl zum Einholen einer Leine – im normalen russischen Sprachgebrauch bedeute dasselbe Wort jedoch so viel wie „jemanden vergiften“. Das Gegenteil – der seglerische Begriff zum Lockern einer Leine – bedeute im Alltagsrussisch hingegen so etwas wie „jemanden schlagen“. Ziemlich aggressiv das Vokabular der russischen Segler! Am Nachmittag hat Ilya einen großen Yellowfin-Thunfisch am Haken – seinen Erzählungen nach war der Fisch mindestens einen Meter lang ^^. Doch kurz bevor er das als hochwertige Delikatesse geltende Tier nah genug ans Boot gezogen hat, gibt die Angelschnur mit einem spitzen Geräusch nach und Ilya steht mit der leeren Angel in der Hand an Bord – der Fisch war wohl eine Nummer zu groß! Meine Gedanken gelten in dem Moment dem mir entgangenen Gourmet-Gericht, sondern dem Tier, dass von an mit eisernen Haken im Maul leben müsste – so wirklich vom Angeln überzeugt bin ich noch nicht.
Mittwoch 05.03.2025 – Schneckentempo
Seit wir St. Helena verlassen hatten, kamen wir ziemlich zügig voran. Jeden Tag legten wir knappe 200 Seemeilen zurück, die Windgeschwindigkeit lag konstant bei 15 bis 17 Knoten. Interessant ist dabei, wie sehr sich die eigene Geschwindigkeitswahrnehmung im Laufe der Zeit auf dem Boot veränderte. Bereits 10 Knoten (18km/h) fühlten sich – beim Blick auf die Wellen hinter der Yacht – unglaublich schnell an. Lag man auf dem „Trampolin“ – dem Netz, welches im vorderen Bereich des Katamarans zwischen den beiden Kufen gespannt war – so hatte gar das Gefühl, dass der Boot gleich abzuheben drohte, wenn die Wellen unter einem hindurchpeitschten. Setzt man unsere Geschwindigkeit dann in Relation, zu den an Land gängigen Geschwindigkeiten oder rechnet die Knoten gar in Kilometer pro Stunde um, so merkt man, wie unglaublich langsam wir eigentlich sind. Selbst mit einem Fahrrad – so absurd die Vorstellung auf einem Fahrrad den Atlantik zu überqueren ist – wäre ich schneller. Dadurch, dass wir die gesamte Zeit so „schnell“ waren, bot sich uns auf diesem Leg gar keine Möglichkeit schwimmen zu gehen – beim ersten Leg hatten wir noch fast täglich die Möglichkeit dazu gehabt. Das ist besonders ärgerlich, weil die Wassertemperatur Tag für Tag – je weiter südlich wir kamen – etwas anstieg. Von den anfänglichen 22°C in der Tafelbucht vor Kapstadt, hatten wir uns inzwischen zu mehr als 28°C hochgearbeitet – Badewannentemperatur. In meiner Nachtschicht bekomme ich unerwarteten Besuch – ein Vogel hatte sich auf unserem Boot niedergelassen. Fast 2000 Kilometer vom nächsten Festland entfernt – wir waren gerade heute ziemlich genau mittig zwischen Afrika und Südamerika – wirkt der Vogel hier irgendwie deplatziert. Und zugleich beeindruckt es, welche enormen Distanzen ein solch kleines Tier ohne Nahrungs- oder Rastplätze auf diesem langen Weg zurückzulegen fähig ist.
Donnerstag 06.03.2025 – Abzocke?
Ein weiterer eher unspektakulärer Tag auf See beginnt. Doch es sind nicht die Geschehnisse, die meine Wahrnehmung jenes Tages prägen, sondern eine „kleine“ Feststellung, die ich fast nebenbei mache: Seit wir auf dem Meer waren, hatte Ilya das Führen der von mir erstellten Excel-Tabelle, in welcher die geteilten Kosten des Trips auflisteten, übernommen – und dabei einige Kostenpunkte ergänzt, die Vorher nicht so abgesprochen gewesen waren. „Meiner“ Tabelle entnahm ich nun, dass ich – wenn es nach Ilya ging – nicht nur die Hälfte der Marina-Gebühren für die Zeit in der Kapstädter Waterfront zahlen solle, sondern auch die hohen Starlink-Internetkosten einfach durch vier geteilt worden waren. Bei unserem ersten Treffen hatte Ilya mir erzählt, dass wir Kosten für Essen, Sprit und alles weitere fair teilen würden. In Bezug auf das Leben an Bord hatte man mir hingegen gesagt, dass ich dafür – im Gegenzug für die Arbeit, die ich an Bord leistete – nichts zahlen würde. Sonst wäre ich in Kapstadt auch wohl kaum zwei Wochen im Voraus aufs Boot gezogen. Mal ganz absehen davon, dass der Katamaran ja deswegen in der Marina gelegen hatte, weil daran noch sämtliche Arbeiten erledigt wurden. Bezüglich des Starlink-Internets war abgemacht gewesen, dass wir die Kosten nach der verbrauchten Datenmenge abrechnen – extra dafür hatte Ilya im Voraus noch für jeden einen eignen WLAN-Zugang erstellt. Doch obwohl ich – im Gegensatz zu allen anderen an Bord – höchst sparsam mit dem Internet umging und mein WLAN immer nur dann einschaltete, wenn ich es tatsächlich nutzte, bürgte man mir nun einfach plump ein Viertel der Kosten auf – mehr als 400€ nur für Internet?! Ganz sicher nicht! Ich fühlte ich mich hintergangen, war enttäuscht und hatte das unschöne Gefühl, dass ich vor allem aus einem Grund auf diesem Boot zu sein schien – damit man Kosten an mich abdrücken könne. Ich würde definitiv nur die Dinge zahlen, die im Voraus vereinbart gewesen waren! Doch die Diskussion darüber hebe ich mir – zur Wahrung des Bordfriedens – vorerst bis Grenada auf. Während dem Abendessen ertönt auf einmal ein ungewohntes Geräusch. Es klang, als würde jemand unser Großsegel einholen – doch, wir saßen alle am Tisch. Als ich nach dem Essen ins Cockpit klettere, sehe ich das das Großsegel wahrhaftig nicht mehr da war, wo es hingehörte. Die Halyard – die am oberen Ende befestigte Leine, die das Gewicht des Segels trägt – war gerissen. Von nun an waren wir also ohne unser größtes Segel unterwegs …
Freitag 07.03.2025 – Akku alle!
Verschlafen komme ich aus meiner Kabine und gucke auf den Bildschirm im Cockpit. „Wieso läuft der Motor, wenn wir 14 Knoten Wind haben?“ pflaume ich Ilya entgegen – der deutet nur auf die Ladestandanzeige unserer Batterien. Der Motor lief nicht um vorwärtszukommen, sondern um Strom zu generieren – unsere normalerweise von dem Solar-Paneelen geladenen Batterien hatten nach einigen wolkenbedeckten Tagen nämlich nur noch 24%. Zu meiner Freude schien es so, als ob der gestrige Verlust unseres Großsegels sich nicht allzu negativ auf unser Tempo auswirkte – tatsächlich wirkte es sogar fast so, als ob wir seit dem Reißen der Halyard schneller vorankämen. Der einzige Nachteil des fehlenden Großsegels bestand also darin, dass das Kräftegleichgewicht am Mast nun nichtmehr ausgeglichen war. Normalerweise gleichen sich die Kräfte, die auf das Vor- und auf das Großsegel wirken in etwa aus – so wirkt nur eine minimale Kraft auf den Mast. Bei uns wirkte die gesamte Kraft nun nur von einer Seite auf den Mast – doch da der weiterhin stabil wirkte, machte uns das vorerst keine Sorgen. Am Nachmittag schreibe ich den neusten Blog-Beitrag fertig. Nur hochladen kann ich den noch nicht, da mein VPN – ein Service, der meinen Internetverkehr nach Deutschland umleitet, damit ich auf im Ausland gesperrte Websites (so auch das Backend meiner eignen Website) zugreifen kann – sich auf meinem neunen Laptop nicht installieren ließ. Beim Versuch den Dienst zu aktivieren, erhielt ich eine Fehlermeldung, die sagte, dass mein Lizenzcode nicht für meine Region bestimmt sei. Mit anderen Worten: Ich bräuchte ein VPN und mein VPN zu aktivieren – das ist doch bescheuert!
Samstag 08.03.2025 – Mast- und Schotbruch
Ganz oben auf meiner ToDo-Liste steht mein nicht funktionierendes VPN. Wie gut, dass ich mit drei IT affinen Russen an Bord war – die wüssten sicherlich irgendeine Lösung. Kaum habe ich das Problem angesprochen, drückt Ilya mir ein kleines Gerät in die Hand, welches – verbunden mit meinem Computer – den Internetverkehr über jeden beliebigen Ort der Welt leitet. Ich leite meinen Internetverkehr also nach Deutschland um und schon lässt sich mein Lizenzschlüssel aktiveren. Cooles Teil! – Wo kann man das kaufen? Gegen Mittag dreht der Wind etwas, so dass wir von nun an direkten Kurs in Richtung Fernando de Noronha segeln könnten – wenn die Bedingungen so blieben, dann wären wir bereits am Montag dort. Am Nachmittag schreibe ich mit Jan, dem Skipper eines deutschen Katamarans, den ich in Hout Bay kennengelernt hatte. Er war inzwischen auch aufgebrochen, war kurz vor St. Helena und berichtete von unzähligen Problemen, die er mit seinem Boot gehabt hatte. Ende letzter Woche hatte ich zudem über eine Segel-Gruppe ein Pan-Pan-Signal der „SY Skyfall“ gesehen – jenem Boot, dass mir, kurz nachdem ich auf dieses Boot gezogen war, angeboten hatte, dass ich mit Ihnen über den Atlantik segeln könne. Ihr Mast hatte sich auf dem Weg aus der Verankerung gelöst und drohte zu brechen. Ja, auch wir hatten einiges an Problemen gehabt, doch verglichen mit dem, was ich von den anderen Booten hörte, wirkt es so, als hätte ich mir das richtige Boot „ausgesucht“ – wir waren bisher ganz gut davongekommen! – klopf, klopf, klopf
Sonntag 09.03.2025 – Tag ein, Tag aus
Beim morgendlichen Pfannkuchen machen, stoße ich in unserem Gefrierschrank auf eine Packung tiefgefrorene Beeren – das sonntags Frühstück wird wirklich von Woche zu Woche besser. Das wir jeden Sonntag Pancakes zum Frühstück essen, ist unsere einzige Orientierung, um nicht vollkommen aus dem Rhythmus der Wochentage zu geraten. Nach und nach verschwimmen die Tage nämlich immer mehr ineinander. Ist heute Sonntag? Oder Montag? Oder vielleicht doch erst Samstag? Auf hoher See spielt das einfach keine Rolle. Den ganzen Tag lang hält unser Autopilot schnurstracks Kurs auf Fernando de Noronha, der Wind pustet uns mit ordentlichen 17 Knoten vorwärts. Man wünscht sich schon fast, dass irgendetwas kaputt geht, oder der Wind blöd dreht, damit mal wieder etwas passiert. Am Nachmittag wartet ein verplanter Nachhilfeschüler auf mich, am Abend meine Familie – und dann ist auch schon eine weitere Woche auf dem Atlantik ist rum.
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