Montag 05. Oktober 2026
Wir sind nicht sonderlich schnell unterwegs, aber immerhin unter Segeln. Am Vormittag schreibe ich ein wenig an meinem Blog, meine Nachmittagsschicht verbringe ich größtenteils damit, auf der singapurischen Kleinanzeigenplattform Carousell nach gebrauchten Fahrrädern zu stöbern. Die Anzahl der FADs ist in diesem Teil Indonesiens deutlich geringer – umso überraschter ist man dann, wenn doch plötzlich einer direkt vor dem Boot auftaucht, den man vorher noch nicht gesehen hatte.
Dienstag 06. Oktober 2026
Auch den heutigen Vormittag über tippe ich fleißig an meinem Blog. Mit Leichtigkeit tanzen meine Finger auf der Tastatur hin und her – ich schreibe gerade über die Tage des Überfalls auf unser Boot. Tatsächlich ist der dreiwöchige Verzug in meinem Blog keine künstliche Verzögerung, sondern echt. Die Posts entstehen alle erst unmittelbar, bevor sie online gehen – deswegen sind sie auch so oft unpünktlich. Während der Verzug also nicht unbedingt gewollt ist, finde ich ihn eigentlich doch ganz nützlich. Zwar erinnert man sich nach drei Wochen an so manches schwerer, das hilft einem gleichzeitig aber auch, sich aufs Wesentliche zu konzentrieren und man bekommt ein wenig Zeit, um die Emotionen erst einmal selbst zu verarbeiten, bevor man sie auf Papier bringt – gerade bei so emotionsgeladenen Posts, wie dem über den Überfall oder dem hiesigen (Ups, ich will nicht spoilern!) ist das besonders wichtig. Während meiner Nachmittagsschicht lege ich mein Handy bewusst weg. Zum einen, um mich voll auf die Schicht zu konzentrieren – wir kamen dem Land und damit auch wieder FADs näher – zum anderen, weil mir das ständige exponentielle Wachstum meiner Bildschirmzeit während Segelpassagen enorm auf den Zeiger geht.
Mittwoch 07. Oktober 2026
Im Laufe des Morgens taucht Lombok vor uns auf. Als wir auf die Marina zufahren, sieht man in der Ferne schon die Gilis, drei kleine Inseln, von denen ich eine nächste Woche gemeinsam mit meiner Familie besuchen werde. Die Marina ist nicht das, was man sich unter einer klassischen Marina vorstellt: Es gibt nur wenige Docks, fast alle Boote befinden sich stattdessen an Mooring-Bojen. Tony hatte Mike – in weiser Voraussicht – gestern extra noch gefragt, ob wir auch wirklich einen richtigen Marina-Slip hätten und nicht nur eine Boje, doch irgendwas muss Mike bei der Buchung versemmelt haben, denn wir haben tatsächlich nur eine Boje reserviert. Nachdem das Boot vertäut ist, fahren wir mit dem Dinghy an Land, erledigen den Papierkram, essen zu Mittag und holen dann eine Unmenge von Paketen ab, die Mike hierher bestellt hatte: Farben, Lacke, ein neues Multi-Tool (die verschwinden an Bord von Zauberhand), ein überdimensionierter neuer Grill und Massen an Kleinkram – darunter einige Dinge, von denen niemand mehr wusste, dass sie überhaupt bestellt waren. Die verbleibenden Stunden des Nachmittags beginnt Tony mit der Ausbesserung einiger Lackstellen an Deck. Ich bemühe mich unter Deck, das Paket-Chaos zu bewältigen und tausche einen defekten Türgriff aus, für den wir nun endlich Ersatz hatten. Je eher daran, desto eher davon: Sowohl Tony als auch ich wollten an Bord so zügig wie möglich alles erledigt bekommen. Mich spornte der kommende Woche anstehende Besuch meiner Familie an, Tony der Fakt, dass Hannah (seine Romanze aus Fidschi) auf Lombok war. Am Abend findet im Restaurant der Marina ein von der Oyster-World-Rally organisierter Grillabend statt. Auch wenn wir nicht Teil der Rally sind und eine Art Hassliebe zu dieser pflegen, können wir uns das Event auf keinen Fall entgehen lassen – zumal Lombok der letzte Routenpunkt ist, den wir uns mit der Rally teilen. Die große Party, die wir erwartet hatten, bleibt aus, dennoch treffen wir auf der Veranstaltung eine Reihe von Seglern, denen wir in den letzten Monaten immer wieder begegnet waren.
Donnerstag 08. Oktober 2026
Mit dem gleichen Tatendrang, mit dem wir gestern bereits die ersten Dinge erledigt hatten, starten wir auch heute wieder in den Tag: Die Antirutsch-Beschichtung im Cockpit soll erneuert werden. Den Vormittag über heißt es dafür erstmal schleifen, schleifen, und nochmals schleifen! Mein UV-Shirt ist in der Wäsche, die schon am Morgen brennend heiße Sonne brutzelt auf meiner Haut, der Schweiß läuft mir aus allen Poren und mischt sich mit Sonnencreme und Fiberglas-Staub. Ein bisschen Abwechslung bietet gegen Mittag der Austausch der gerade gelieferten Bootsbatterien: Kabel ab, alte Batterie raus, neue Batterie rein, Kabel wieder dran – das Ganze sechs Mal! Eigentlich ganz leicht, abgesehen davon, dass die Batterien eben alles andere als leicht sind – 36 Kilogramm wiegt jede von ihnen! Anschließend geht es zurück ins Cockpit, das nun noch einmal vollständig mit Ethanol ausgewischt und dann abgeklebt werden muss. Just als ich damit fertig bin, beginnt Mike an einer Stelle, an der das Fiberglas bröckelig ist, dieses abzupulen. Musste das gerade jetzt sein, wo ich fertig war? Nun könnte ich mit Schleifen und Saubemachen wieder von vorn beginnen. Mike hatte den Vormittag über – während Tony und ich uns in der Hitze abgeschuftet hatten – entspannt seinen Kater von gestern Abend ausgeschlafen. Nicht einmal als der Batterie-Lieferant – auf dessen Rückmeldung wir dringend gewartet hatten – auf seinem Handy anrief, hielt er es für nötig aufzustehen. Und nun kam er an Deck und funkte ungeachtet unserer Arbeit am Vormittag dazwischen. Nach einer zweiten Runde Schleifen und Putzen können wir endlich mit dem Streichen beginnen. Zunächst wird eine Schicht Farbe mit der Rolle aufgetragen, anschließend werden kleine Gummipartikel darübergestreut – so entsteht der Antirutsch-Belag. Bald glänzt das gesamte Cockpit in strahlendem Weiß. Nun noch aufräumen, dann ist endlich Feierabend!
Als wir am Abend an Land fahren, bin ich völlig fertig. Meine Haut ist verbrannt und juckt vom Fiberglas-Staub, ich habe viel zu wenig getrunken und mein Kopf ist von den Dämpfen der Lacke und Lösungsmittel ziemlich vernebelt. Während wir unser erstes Bier genießen, beginnt Mike gegen mich zu sticheln: „Und wieviel Sauerei hat die blaue Farbe nun gemacht?“ Ich hatte am Vormittag sein Timing kritisiert, als er, während ich das Cockpit fürs Streichen präparierte, plötzlich anfing, mit einer Heißluftpistole zu testen, wie einfach sich der extrem klebrige blaue Lack der Staubox, der ebenfalls neu gemacht werden sollte, ablösen ließ. Meine Befürchtung, dass anschließend alles blau sein würde, hatte sich zwar nicht bewahrheitet, trotzdem war das Timing seiner spontanen Probieraktion ziemlich unelegant.
Kleine Seitenhiebe und Sticheleien wie diese waren fester Bestandteil des Alltags an Bord. Mike liebte es, andere mit spitzen Kommentaren aufzuziehen. Tony war ausgesprochen gut darin, schlagfertig zurückzuschießen. Ich hingegen ließ die meisten Sprüche einfach an mir abprallen – nicht jeder dumme Kommentar braucht eine Reaktion! Allerdings bedeutete das keineswegs, dass sie spurlos an mir vorbeigingen. So manches Mal brachten sie mich innerlich ziemlich auf 180. Und nicht immer blieb es bei Sprüchen: Vor ein paar Wochen zum Beispiel war Mike auf seinem Weg vom Companionway zu seinem Platz ganz bewusst und mit einer gehörigen Portion Arroganz auf mich getreten. Eine ziemlich respektlose Aktion, die mich derart auf die Palme brachte, dass ich – wären wir nicht gerade in einer abgelegenen Bucht gewesen – am liebsten unmittelbar meine Sachen gepackt und das Boot verlassen hätte. Wenn Mike mir im Weg saß – und das passierte zahlreiche Male jeden Tag – dann wählte ich einfach einen anderen Weg und nahm, nur um ihn nicht stören zu müssen, nicht selten einen Umweg über das halbe Boot in Kauf. Zwei Tage lang spielte ich mit dem Gedanken, bei nächster Gelegenheit einfach ebenfalls mal über ihn zu trampeln. Letztlich war mir diese Form der Rücksichtslosigkeit aber selbst zu blöd.
An diesem Abend jedenfalls beschließe ich, Mikes Seitenhieb nicht einfach auf mir sitzen zu lassen, sondern gehe zum Gegenangriff über. Es folgt ein hitziger Schlagabtausch, bei dem wir einige der Provokationen der vergangenen Wochen und Monate noch einmal hervorholen. Unter anderem auch die eben beschriebene Aktion im Cockpit. Einsicht oder gar Reue zeigt Mike allerdings nicht. Als ich ihm sage, dass seine ständigen Sticheleien tatsächlich etwas mit mir machen, lacht er mich sogar aus. Spätestens als er mir schließlich erklärt, ich hätte eigentlich keine Ahnung vom Segeln, weil ich das Boot schließlich nicht von Hand steuern würde, reicht es mir. Kein Zweifel, ich bin nicht der erfahrenste Segler. Aber ehrlich: Von Hand steuern? Das war das Kriterium?! Die Male, die ich Mike von Hand hatte steuern sehen, konnte ich an einer Hand abzählen. Da kam ich ja selbst auf mehr, wenn ich die Male zählte, die er inmitten seiner Schicht schlief. Die letzte Aussage hatte bei mir das Fass zum Überlaufen gebracht und so geige ich Mike vollends meine Meinung: Im Laufe meiner Zeit an Bord hatte sich Mike immer mehr vom Captain zum Eigner entwickelt. Er tat kaum noch etwas selbst, stattdessen guckte er Tony und mir genüsslich seine Zigaretten rauchend bei der Arbeit zu und klopfte blöde Sprüche. Abends betrank er sich dann, was die Qualität seiner Kommentare nicht unbedingt erhöhte. Sicher, Mike hatte Unmengen an Segelerfahrung – das wollte ich auch gar nicht abstreiten. Doch gemessen an dem, was ich in den vergangenen Monaten an Bord erlebt hatte, verband ihn deutlich mehr mit den ihm so sehr verhassten Oyster-Eignern, die ihre Crew die Yacht für sich segeln ließen, als mit dem abenteuerlustigen Segler, für den er sich selbst hielt.
Das sitzt! Mike ist sichtlich geschockt von meinen Worten, für Tony, der zwischen uns beiden sitzt, kommen sie wenig überraschend. Oft genug hatte ich mit ihm über diese Gefühle gesprochen. Gerade als am Tisch ein unangenehmes Schweigen entsteht, setzen sich Collin und Sarah zu uns. Die beiden sind das Skipperpärchen der Oyster, mit der Hannah von Fidschi nach Lombok gesegelt war. Unsere Auseinandersetzung wird kurzerhand unter den Teppich gekehrt, und wir lassen uns nichts anmerken. Der restliche Abend verläuft dennoch ausgesprochen kurzweilig. Bei einigen Flaschen Bier unterhalten wir uns angeregt mit Collin, Sarah und ihren beiden gerade neu hinzugekommenen Crewmitgliedern. An einer Stelle bestätigt Collin sogar unfreiwillig meine Einschätzung von Mike, als er sich über die Eignerin seiner Oyster auslässt: Sie habe zu nichts Lust, meide jede Interaktion mit den Locals und wolle das Boot am liebsten überhaupt nicht verlassen. Tony und ich tauschen einen vielsagenden Blick: So jemanden kannten wir auch! Und noch etwas Interessantes erwähnt Collin: Von den über 60 Crewmitgliedern, die ursprünglich mit den Booten der Oyster-World-Rally gestartet waren, waren nach einem Dreivierteljahr gerade einmal fünf übrig. Der Rest hatte im Laufe der Zeit das Handtuch geworfen. Dabei sei der häufigste Grund weder mangelnde Kompetenz noch schlechte Bezahlung oder Zeitprobleme – die meisten gingen schlichtweg aufgrund von Problemen mit den jeweiligen Eignern von Bord.
Freitag 09. Oktober 2026
Der nächste Morgen verläuft erst noch ganz normal: Ich stehe auf, esse eine Schüssel Müsli und beginne dann unser Waschbecken zu schrubben, in dem von gestern noch einige weiße Farbspritzer kleben. Als auch Tony aufsteht, fragt Mike ihn, ob er rausfinden könne, was wir tun müssten, um mich hier in Lombok von der Crewliste zu bekommen. „Willst du das ernsthaft?“ fragt Tony: „Ich glaube, du solltest nicht aufgrund einer betrunkenen Diskussion jemanden von Bord schmeißen“. Doch Mike scheint sich seiner Entscheidung sicher zu sein. Sein Ego war verletzt – und damit war nicht zu spaßen! Ich sage nichts. Zum einen wollte Mike anscheinend eh nicht mit mir sprechen, zum anderen war es mir an diesem Punkt zugegebenermaßen ziemlich egal, ob er mich von Bord haben wollte. Ich hatte ursprünglich sowieso in Lombok von Bord gehen wollen. Der einzige Grund für mich, bis nach Singapur mitzusegeln, war das indonesische Crewwechselverbot – doch inzwischen hatten wir gehort ört, dass man es damit sowieso nicht ganz so streng nahm. „Du kannst also ständig gegen Felix austeilen, aber wenn er einmal zurückschießt, schmeißt du ihn von Bord?! Ich verliere grade meinen Respekt vor dir!“ versucht Tony es noch einmal und stellt, nachdem Mike weiter stur bleibt, noch einmal unmissverständlich klar: „Fürs Protokoll: Ich bin dagegen!“ Doch Mike lässt sich nicht umstimmen. Und ganz ehrlich: Selbst, wenn er seine Meinung noch geändert hätte, wäre für mich inzwischen eine Grenze überschritten gewesen. Nach dieser Aktion wollte ich definitiv keine weiteren zwei Wochen mehr auf diesem Boot verbringen. Und so packe ich meine Sachen. Bevor ich gehe, bitte ich Mike, mich noch für die vergangenen zwei Wochen seit meiner letzten Gehaltszahlung zu entlohnen. Immerhin das tut er auch anstandslos und fair. An Land verabschiede ich mich dann von Tony und wir klären noch kurz mit einem der Offiziellen der Marina, dass einem Crewwechsel tatsächlich nichts im Wege steht. Dann schultere ich zum ersten Mal seit acht Monaten wieder meinen Rucksack. Ich bin zurück an Land! Wieder unabhängig, wieder frei! Keine von Langeweile gefüllten Passagen mehr, kein Wecker, der um zwei Uhr nachts klingelt, nie wieder nach etwas zu tun suchen, nur um produktiv auszusehen. Meine ersten Amtshandlungen: Ein Friseurbesuch und der Kauf einer SIM-Karte. Anschließend buche ich mir ein klimatisiertes Hotelzimmer und genieße dort zum ersten Mal seit einem halben Jahr den Luxus, einfach meine Tür hinter mir schließen zu können.
Samstag 10. Oktober 2026
Meine Familie würde Montagabend am Flughafen von Bali ankommen, die Fähre dorthin hatte ich bereits Anfang der Woche für Montagvormittag gebucht – somit verblieb mir das Wochenende noch auf Lombok. Viel Mühe, die Insel zu erkunden, mache ich mir nicht – das wollte ich schließlich nächste Woche gemeinsam mit meiner Familie tun – stattdessen verbringe ich die zwei Tage größtenteils in meinem Hotelzimmer. Als ich am Vormittag meinen neusten Blogpost online stellen will, stoße ich auf ein Problem mit dem Backend meiner Website. Ich kann neue Beiträge weder speichern noch veröffentlichen. Frustriert probiere ich alles Mögliche aus, um den Fehler zu beheben, doch nichts hilft – aus kurz den Post hochladen werden mehrere Stunden nervenraubende Lösungssuche. Den Grund des Fehlers finde ich allerdings nicht, lediglich einen Workaround, mit dem es mir zumindest gelingt, den Beitrag in einer abgespeckten Form zu posten. Am Nachmittag widme ich mich ein wenig der Budgetplanung: Nach sechseinhalb Monaten Arbeit als Crewmitglied zählte ich in meiner Reisekasse satte 7898 Euro und 16 Cent. Damit war meine gesamte letzte Etappe schon jetzt komplett finanziert – vorausgesetzt ich gebe in Asien pro Tag etwa so viel aus, wie in Afrika und Südamerika.
Sonntag 11. Oktober 2026
Der Ort, in dem sich mein Gasthaus befindet, ist klein. Es gibt nur eine Straße, ein Restaurant, zwei kleine Supermärkte und eine Handvoll Street-Food-Stände. Anderen Reisenden war ich bisher nicht begegnet, obwohl es von denen – wie ich kommende Woche erfahren soll – auf Lombok nur so wimmelt. Zum Mittag lädt mich die Besitzerin meines Gasthauses zum Essen ein. Am Abend darf ich online Teil der ersten Mitgliederversammlung des EC (Entschieden für Christus) Rendsburg sein. Als junger Teenager war ich Mitglied des christlichen Jugendverbands geworden, war aber, bis ich zu meiner Weltreise aufbrach, immer das einzige Mitglied in Rendsburg geblieben. Nun hatte sich eine neue Generation von Teens für den EC entschieden. Die Rendsburger Ortsgruppe war aus dem Winterschlaf erwacht und zählte nun stolze neun Mitglieder. Es ist mir eine Freude, zusehen zu dürfen, wie die Teens für Jesus brennen und den EC-Ort neu aufblühen lassen. Was für ein Segen!



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