Zwischen Tiefenrausch, Tropenregen und Bürokratie-Chaos Zwischen Tiefenrausch, Tropenregen und Bürokratie-Chaos

Montag 03. August 2026

Am Morgen fahren wir, um ein paar Besorgungen zu erledigen, in die Stadt. Espiritu Santo soll einer der touristischsten Orte in Vanuatu sein. Unser Eindruck, als wir mit dem Dinghy in Luganville anlanden, ist ein anderer: Die Infrastruktur ist in einem maroden Zustand, die Straßen sind dreckig, überall liegt Müll und es riecht nach Urin – kein Ort, an dem ich meinen Urlaub verbringen wollen würde! Wahrscheinlich befinden sich die Resorts außerhalb der Stadt. Gegen Mittag sind wir zurück auf dem Boot und schauen kurz bei einer Tauchbasis vorbei, die sich unweit unseres Ankerplatzes befindet. Direkt vor Luganville liegt das Wrack der SS President Coolidge, eines 200 Meter langen zum Truppentransporter umgebauten Kreuzfahrtschiffes aus dem Zweiten Weltkrieg. Das Wrack gilt als Weltklasse-Tauchspot und so wollten wir uns das auf keinen Fall entgehen lassen. Doch obwohl das Wrack direkt am Ufer liegt, stellt sich die Logistik für den Tauchgang als kompliziert heraus und wir entscheiden uns schlussendlich für morgen einen Trip mit der Tauchbasis zu buchen. Der weitere Nachmittag und Abend vergehen ruhig, immer wieder regnet es.

Dienstag 04. August 2026

Pünktlich um viertel vor sieben stehen Tony und ich auf dem Steg der Tauchbasis. Die Ausrüstung ist bereits auf das Tauchboot verladen, neben uns ist nur ein dänisches Pärchen – ebenfalls Cruiser – an Bord. Kaum zehn Minuten dauert die Fahrt zum Tauchplatz – mit unserem Dinghy hätte das Stunden gedauert! Nach einem kurzen Briefing geht es direkt ins Wasser. Einer Mooring-Leine folgend lassen wir uns in die Tiefe sinken, in 10 Metern taucht schließlich Grund unter uns auf – so denk ich zumindest. Tatsächlich handelt es sich nicht um Grund, sondern um den Rumpf des auf seiner Steuerbord-Seite liegenden Wracks, welches schlichtweg so groß ist, dass man es im ersten Moment gar nicht als solches erkennt. Der Reling folgend tauchen wir weiter am Wrack entlang, bis wir in 33 Metern Tiefe umdrehen – das Wrack geht noch bis auf 70 Meter runter. Wir entdecken Munitionsreste, durch offene Luken kann man in das komplexe Innere des Schiffes schauen. Während unseres Dekostopps treffen wir zudem auf ein kleines, aber nicht zu unterschätzendes Lebewesen: Einen Mantis Shrimp. Die kleinen Krebse können mit so einer Wucht zuschlagen, dass dabei das Wasser um sie herum zu kochen beginnt und sie ohne Probleme Glas und Knochen zerstören können. Beim zweiten Tauchgang quetschen wir uns durch den Ankerkasten ins Innere des Wracks und folgen anschließend einem Labyrinth aus Gängen. Das Wasser ist glasklar, die Lichtkegel unserer Lampen zeichnen sich in dem dunklen Wrack ab. In 30 Metern treffen wir schließlich auf einen großen halboffenen Raum. Neben einigen amerikanischen Militärjeeps, stehen hier die Überreste eines Bulldozers und eine ziemlich gut erhaltene Flak. Die Atmosphäre in dem Wrack ist unbeschreiblich überall glitzert Licht durch Spalte und Öffnungen, dazwischen unsere Silhouetten und Lichtkegel. Es ist vermutlich einer der coolsten Tauchgänge, die ich bisher gemacht habe! Langsam bahnen wir uns durch das Gang-Wirrwarr wieder unseren Weg Richtung Ausgang und Oberfläche. Als wir unseren ersten Dekompressions-Stopp beginnen, gucke ich überrascht auf mein Finimeter. Upss! Fast alle! Ich hatte voller Begeisterung die Zeit und meine Luftreserve völlig aus den Augen verloren. Während das durchaus problematisch werden könnte – immerhin warten noch zwei weitere Dekostopps mit einer Gesamtlänge von über 15 Minuten auf uns – bin ich glücklicherweise in guten Händen. Das Team der Tauchbasis hatte das natürlich einkalkuliert und an unserem nächsten Dekostopp zusätzliche Stage-Flaschen für uns deponiert. Hellauf begeistert kommen wir gegen Mittag schließlich zurück aufs Boot. Mike, der nicht mitgekommen war, hat dort schlechte Nachrichten für uns: Er hatte sich den Wetterbericht angeschaut und so wie es aussah könnten wir erst am Freitag weitersegeln – zu viel Wind, zu hohe Gewittergefahr. Unser enger Zeitplan geriet damit weiter unter Druck. Eine weitere Nachricht sorgt am Nachmittag für Aufregung: Wir finden heraus aus Indonesien Crew-Wechsel auf Segelbooten nicht erlaubt; jedes Boot müsse das Land mit derselben Besatzung verlassen, mit der es einklariert war. Der Plan, dass ich in Indonesien von Bord gehe, stand damit auf der Kippe. Verzweifelt denke ich über Wege nach, die Regelung zu umgehen und ende schließlich mit folgendem Plan: Ich könnte im letzten Hafen von Papua-Neuguinea von Bord gehen, dann auf dem Landweg die nahegelegene Grenze überqueren und so im ersten indonesischen Hafen wieder an Bord kommen, ohne offiziell als Crew gelistet zu sein. Das wäre vollkommen legal und – dank der Tatsache, dass die beiden Häfen nur 100 Kilometer auseinanderliegen – recht einfach umzusetzen.

Mittwoch 05. August 2026

Strömender Regen prasselt auf das Deck, als ich aufwache, ich drehe mich um und schlafe wieder ein. Tony und Mike tun es mir gleich – viel anderes kann man auch nicht machen, wenn man bei Regen auf einem kleinen Boot gefangen ist. Am späten Vormittag bewaffnen wir uns schließlich mit Regenjacken und fliehen in ein Resort am Ufer. Cocktails trinkend spielen wir dort Karten und essen zu Mittag. Doch der Regen scheint kein Ende zu nehmen. Um 15 Uhr schließt das Restaurant für Nicht-Resort-Gäste und wir kehren, nun leicht angetrunken, aufs Boot zurück und vertreiben uns dort, ein jeder in seinem Bett, den restlichen Nachmittag und Abend.

Donnerstag 06. August 2026

Den Morgen über werkeln wir auf dem Boot, schrubben das Deck und das Cockpit. Am späten Vormittag fahren wir schließlich nach Luganville rein, erledigen einige Einkäufe und wollen schließlich ausklarieren. Am Büro der Immigrationsbehörde angekommen, weist man uns jedoch ab: Der zuständige Beamte sei gerade außer Haus – wir sollen in drei Stunden wiederkommen! Gesagt, getan: Drei Stunden später erhalten wir tatsächlich unsere Ausreisestempel und suchen damit das Customs-Büro auf. Hier stoßen wir erneut auf Widerstand. Wie sich herausstellt, hatte der Beamte, der uns in Port Resolution einklariert hatte, uns nie ins System eingetragen. Man muss uns also erst einmal richtig einklarieren, bevor man uns wieder ausklarieren kann – und das dauert! Stunden vergehen, in denen wir gelangweilt auf einer Bank im Flur des kargen Bürogebäudes sitzen. Es wird immer später und wir beginnen zu spekulieren, was passieren würde, wenn um 17:00 Uhr der Feierabend beginne. Zu unserer Erleichterung schickt man uns nicht mit leeren Händen nach Hause, sondern stellt uns – obwohl wir immer noch nicht vollständig im System sind – unsere Zollfreigabe aus. Zum Abendessen hat Mike Quiche gemacht, anschließend hieven wir noch das Dinghy an Deck und bereiten alles zum Segeln vor, so dass wir morgen so früh wie möglich loskommen.

Freitag 07. August 2026

Früh am Morgen setzen wir die Segel und lassen Vanuatu hinter uns. Unser nächstes Ziel, die Salomonen, ist etwa 500 Seemeilen entfernt. Nachdem wir den Windschatten von Espiritu Santo entflohen sind, bekommen wir stabilen Wind von achtern und segeln von da an mit guten Geschwindigkeiten vorwärts. Die See ist rau, das Wetter noch immer grau und zugezogen. Wir sitzen gerade mit unserem Abendessen im Cockpit als ein Fisch an unserer Leine hängt – ein kleiner Thunfisch – und noch während Tony den Fisch filetiert, hängt auch schon ein zweiter an der anderen Leine. Die ersten Fische seit fast zwei Monaten!

Samstag 08. August 2026

Happy Birthday!“ begrüße ich Tony, als ich noch etwas verschlafen um zwei zu meiner Nachtschicht ins Cockpit komme. Vier Stunden später, wünsche ich auch Mike alles Gute zum Geburtstag, als er mich von meiner Schicht ablöst. Die beiden haben witzigerweise am selben Tag Geburtstag – und noch dazu an einem solch wunderbarem Datum wie dem 08.08.! Den Vormittag schreibe ich an meinem Blog und tobe mich zwischendurch in der Küche aus. Geburtstagskuchen backen ist bei weniger Wellengang sicherlich einfacher – aber das Ergebnis wird auch so ganz akzeptabel! Den Nachmittag rauben mir zwei Dinge den letzten Nerv: Erstens: Wir könnten in Indonesien doch nicht direkt am ersten Hafen einklarieren, da dieser nur für kommerzielle Schiffe ist. Meine Idee auf dem Landweg nach Indonesien einzureisen, um das Crewwechsel-Verbot zu umgehen, wurde damit deutlich komplizierter. Statt der ursprünglichen 100 Kilometer zwischen dem letzten Hafen in Papua-Neuguinea und dem ersten möglichen Hafen in Indonesien, waren es nun 800 Kilometer, die ich auf dem Landweg überbrücken müsste. Und der neue Ankunftshafen in Indonesien lag dazu auf einer Insel – ich müsste also auch noch eine Kombination von nicht gerade für ihre Zuverlässigkeit bekannten Fähren nutzen, um rechtzeitig wieder auf Mike und Tony zu treffen. Das zweite Problem: Honiara, der Hafen in den Salomonen, in dessen Richtung wir gerade unterwegs waren, stellte Cruiser einigen Berichten zufolge exorbitante Gebühren in Rechnung, die man an keinem anderen Port-of-Entry zahlen müsste – wir sprechen hier über eine Preisdifferenz von über 500 Euro. Doch keiner der anderen Port-of-Entry liegt so richtig auf unserer Route. Nach langem Abwägen und Recherchieren entscheiden wir also schließlich dennoch weiter in Richtung Honiara zu segeln …

Sonntag 09. August 2026

Noch immer ist viel Wellengang, draußen regnet es. Außerhalb meiner Schicht halte ich mich also stets unter Deck – das heißt defacto in meinem Bett – auf. In Gedanken um meine letzte Etappe verträumt, scrolle ich durch Blogs von verschiedenen Radreisenden, die in den letzten Jahren durch Asien geradelt waren. Auf einem Blog stößt mir eine Karteneinbindung, die die Reiseroute scheinbar automatisiert und inklusive aller Fahrtdaten darstellt, ins Auge. Cool! Warte … wie funktioniert das?! Als ich diese Website vor knapp drei Jahren erstellte, hatte ich ebenfalls eine Routenkarte mit Live-Tracking darin einbinden wollen, doch keines der zahlreichen existenten Plugins hatte meinen Anforderungen zugesagt und für eine eigene Lösung reichten meine Programmierfähigkeiten schlichtweg nicht aus. Doch seitdem waren drei Jahre vergangen … Nein, an meinen PHP- und JavaScript-Künsten hat sich wenig getan, an künstlicher Intelligenz dafür einiges – und so beginne ich mit Hilfe von Claude und ChatGPT an einem WordPress-Plugin zu werkeln, um die Routenkarte auf meinen Blog vielleicht doch noch Realität werden zu lassen. Schnell steht ein erster funktionsfähiger Prototyp, der anschließend Version für Version von den Chatbots erweitert wird, bis er immer mehr meinen Wünschen entspricht.

Nach drei Wochen Entwicklung ist die Routeneinbindung endlich online. Auf meiner Startseite kannst du nun live meinen Fortschritt mitverfolgen. Aktuell lädt das Ganze noch recht langsam – Claude und ChatGPT arbeiten schon dran

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