Montag 20. Juli 2026
Am frühen Morgen kommt der Yanmar-Servicetechniker vorbei und wirft einen Blick auf das Problem mit unserem Motor. Schnell findet sich die Ursache und es gibt eine schlechte Nachricht: Nicht die Dieselleitung leckt, sondern einer der Sensoren – wir bräuchten also ein Ersatzteil! Nach dem ersten Schock erzählt uns der Techniker dann jedoch, dass er einen nagelneuen Motor des gleichen Modells in seiner Werkstatt stehen hat. Mit ein wenig Überzeugungsarbeit lässt er sich dazu bringen, dass benötigte Teil aus diesem auszubauen, so dass wir nicht noch einmal wochenlang warten müssten. Morgen früh käme er mit dem Sensor vorbei und würde ihn einbauen. Puh! Erleichtert verbringen wir den Nachmittag. Da unser Boot bereits fertig für die Überfahrt ist, können wir uns entspannen. Tony verschwindet mit Hannah, ich lese das Buch „Immer Richtung Süden!“ von Wiebke Lühmann. Die junge Freiburgerin war mit dem Fahrrad von Süddeutschland nach Kapstadt gefahren und ziemlich genau zeitgleich mit mir in diesem Gebiet unterwegs gewesen. Mal war ich ihr ein paar Tage voraus, mal sie mir – begegnet sind wir uns lustigerweise aber nie! Als Tony am späten Nachmittag zurückkommt, erzählt er mir, dass das Skipper-Paar von Hannahs Boot in den Tuamotus einen Tauchunfall hatte – inklusive Evakuierungsflug und Druckkammer. Geschockt beschließen wir, dass es womöglich sinnvoll wäre, wenn wir ein Kit mit medizinischem Sauerstoff an Bord hätten – immerhin tauchten wir recht viel und in abgelegenen Regionen, wo die nächste Druckkammer weit entfernt war. Mike stimmt zu und so kaufen wir spontan noch einen Sauerstoffkoffer.
Dienstag 21. Juli 2026
Pünktlich baut der Servicetechniker am Morgen den neuen Sensor ein, anschließend läuft der Motor wieder ohne Dieselverlust und wir sind bereit, um einen zweiten Versuch zu starten, Fidschi zu verlassen. Als wir zum Ausklarieren im Customs-Büro aufschlagen, fragt man uns dort, ob wir einen Termin hätten. Wie, ihr habt keinen? Dann könnt ihr nicht ausklarieren! Erst als wir erwähnen, dass wir das Boot seien, was wegen Motorproblemen nochmal zurückgekommen sei, nimmt man sich dann doch unserer an. Nach einem Haufen Papierkram und einer Menge Verwirrung bei den Beamten – laut ihrem System waren wir ja theoretisch gar nicht mehr hier – können wir um kurz nach elf schließlich die Leinen lösen. Wir haben es etwa so weit geschafft, wie beim letzten Mal – das Land ist noch am Horizont zu sehen – als plötzlich der Motor stoppt. Oh, nein! Nicht schon wieder! Glücklicherweise ist das Problem nichts Ernsthaftes: Jemand hatte vergessen den Kugelhahn, mit dem man auswählt von welchem der Tanks an Bord der Motor seinen Kraftstoff bekommt, auf einen vollen Tank umzustellen. Nachdem das erfolgt ist, läuft der Motor wieder. Nahezu zeitgleich mit zwei anderen Booten durchqueren wir den letzten Pass und tuckern dann auf den weiten Ozean hinaus. Vanuatu wir kommen!
Mittwoch 22. Juli 2026
Sobald wir den Windschatten der Inseln verlassen haben, bekommen wir stabilen Wind aus dem Südosten und können den Motor (so froh wir nun waren, dass er lief) ausschalten. Der Wind bleibt den ganzen Tag optimal und liefert uns eine gute Geschwindigkeit. Während das Boot sanft durchs Wasser gleitet, schweifen meine Gedanken um eine Idee, die ich seit einiger Zeit in meinem Kopf trug: Ich überlegte, in Singapur ein Fahrrad zu kaufen und auf diesem die letzten knapp 15.000 Kilometer nach Hause zu radeln. Auf meiner Reise hatte ich unzählige Bikepacker getroffen und mir jedes Mal gedacht, dass das eigentlich die perfekte Art, sich fortzubewegen, sei: Ein Fahrrad verleiht einem gegenüber dem Trampen die Flexibilität eines eigenen Fortbewegungsmittels, spart einem gegenüber einem Auto oder Motorrad aber zugleich Papierkram und Unterhaltskosten. Zudem kann man ein Fahrrad in öffentlichen Verkehrsmitteln mitnehmen oder auch damit trampen, wenn einem Mal doch nicht so nach Radeln ist. Zum ersten Mal recherchiere ich an diesem Tag ernsthaft zu der Idee – und alles, was ich finde, bekräftigt mich in dem Vorhaben: Der Zeitrahmen von einem Jahr, den ich zur Verfügung hätte, war genau richtig, ebenso der Startzeitpunkt passte perfekt, um zu den richtigen Jahreszeiten in den richtigen Regionen zu sein. Singapur war darüber hinaus gut als Ausgangspunkt geeignet: Nicht nur war es die erste Stadt auf meiner Route die, von der ich ausschließlich auf dem Landweg zurück nach Hause käme, auch ist es dort ziemlich entwickelt, es gibt Decathlon und eine Online-Kleinanzeigenplattform. Und so wurde aus der Idee langsam, aber sicher ein Plan …
Donnerstag 23. Juli 2026
Im Laufe der Nacht nehmen Wind und Wellengang deutlich zu, wir erreichen teils Top-Geschwindigkeiten von über zehn Knoten, unser Autopilot ist an seinem Limit. Den gesamten Tag über bleibt es ziemlich wellig, aber der Wind ist stabil und wir kommen zügig voran. Ich versuche trotz des Geschaukels ein wenig an meinem Blog zu schreiben, doch gebe bald auf und döse stattdessen in meinem Bett vor mich hin. Ansonsten verläuft der Tag ziemlich unspektakulär.
Freitag 24. Juli 2026
Als ich am Morgen ins Cockpit komme, ist bereits Land in Sicht. Eine dichte Wolkensäule erzeugend thront der beeindruckende Vulkan Mount Yasur über Tanna Island, einer der südlichsten Inseln Vanuatus. Wir laufen in Port Resolution ein, einer kleinen Bucht am Fuße des Vulkans, die Captain Cook nach seinem Schiff, der HMS Resolution, benannte, als er die Insel 1774 „entdeckte“. Meine Augen glänzen, als wir langsam in die Bucht tuckern. Seit ich als kleiner Junge in Christopher Schachts Buch „Mit 50€ um die Welt“ von diesem Ort gelesen hatte, hatte ich hierherkommen wollen – und nun stand ich hier! Doch so gerne ich direkt das Dinghy zu Wasser lassen und die Insel erkunden würde – zuerst wartet Papierkram auf uns. Da Port Resolution kein offizieller „Port of Entry“ ist, müssen die Beamten extra aus einer anderen Stadt hieraus kommen – das hatte ich vorher per E-Mail koordiniert. Verabredet war 11:00 Uhr, doch niemand taucht auf. Stunde um Stunde vergeht, ohne jegliche Updates. Während wir warten, kommen einige Locals in Einbäumen vorbei – Vanuatu war zweifelsfrei deutlich weniger entwickelt als noch Fidschi. Wir munkeln schon, ob überhaupt noch jemand kommen würde als wir um 15:00 Uhr schließlich per VHF aufgefordert werden, mit unseren Dokumenten zum Strand zu kommen. Einige Formulare und üppige 300 US-Dollar später, haben wir dann endlich Einreisestempel in unseren Pässen. Doch inzwischen ist es spät und so verbringen wir den Nachmittag und Abend auf dem Boot – das Erkunden muss bis morgen warten!
Samstag 25. Juli 2026
Neben den Vulkan, den ich unbedingt erklimmen wollte – eine Tour, um dies zu tun, hatten wir für heute Nachmittag gebucht –, gab es noch einen weiteren Grund, warum ich mich die letzten Tage auf Port Resolution gefreut hatte: Rieke, die deutsche Bootshitchhikerin, mit der ich mich auf Tahiti getroffen hatte, war hier. Nachdem ich den Morgen über ein bisschen an meinem Blog getippt habe, schnappe ich mir also das Dinghy, fahre zu dem Boot rüber und sammle dort Rieke und Laura, eine weitere Bootshitchhikerin, ein. Gemeinsam folgen wir auf der Suche nach heißen Quellen einem Trampelpfad durch den Dschungel. Nach langer Suche und einigen Malen, die wir uns die Füße an dem glühend heißen Boden verbrannt haben, stehen wir schließlich vor einem großen Loch, mehrere Meter im Durchmesser, aus dem bestialisch stinkender Schwefeldampf kommt. Auf dem Rückweg stoppen wir an einem kleinen Loch, das sich in einer Felswand am Rande der Bucht befindet. Plötzlich hören wir ein Gurgeln und wenig später strömt kochend heißes Wasser aus der Öffnung. Dann stoppt es wieder. Wir setzten uns auf vor dem Loch im Wasser liegende Steine und lassen unsere Füße in das nun warme Wasser baumeln, sobald wir es gurgeln hören, klettern wir schnell wieder auf die Steine und warten den nächsten kochend heißen Schwall ab. Am Nachmittag kehre ich zurück aufs Boot, wo Tony aus Langeweile einen hölzernen Halter für unsere Harpunen schnitzt. Gegen 15:00 Uhr fahren wir schließlich an den Strand, wo ein Pick-Up uns und die Crew eines Katamarans aufsammelt und zum Vulkan bringt. Wir halten zuerst an einem kleinen Besucherzentrum wo eine Handvoll weitere Touristen – die meisten extra für den Besuch des Vulkans eingeflogen – auf Pick-Ups zu uns stoßen. Nach einer kurzen Sicherheitseinweisung und einem Schild auf dem steht „Die einzige Möglichkeit sicherzugehen, nicht von fliegenden Lavabrocken getroffen zu werden, ist es, den Vulkan nicht zu besuchen!“ fahren wir dann auf einem schmalen 4×4-Track in Richtung Krater. Vom Parkplatz aus sind es nur noch wenige hundert Meter bis an den Kraterrand. Im Minutentakt hört man ein Grollen gefolgt von in die Höhe schießender Lava. Es ist unglaublich! Zwei Stunden verbringen wir am Kraterrand. Bald nach unserer Ankunft geht die Sonne unter und die glühende Lava zeichnet sich gegen den dunklen Nachthimmel ab. Ich könnte dem Spektakel noch die ganze Nacht zugucken, doch irgendwann ruft unser Guide zur Abfahrt auf. Zurück auf dem Boot essen wir zu Abend. Tony und ich verbringen den anschließenden Abend gemeinsam mit Rieke, Laura und einem belgischen Cruiser-Pärchen am Strand und sitzen an einem großen Lagerfeuer, das eine dort gerade stattfindende Kirchen-Freizeit entzündet hatte.
Sonntag 26. Juli 2026
Zu dritt sitzen wir am nächsten Morgen im Cockpit und überlegen, wann wir weitersegeln und wie wir – davon abhängig – den heutigen Tag verbringen. Ich würde gerne in ein Dorf in der Nachbarbucht wandern, dessen Einwohner Anhänger eines Cargo-Kultes seien sollen. Tony schlägt vor heute an Bord einiges zu erledigen. „Was muss denn erledigt werden?“ frage ich – hatten wir nicht gerade zwei Wochen in der Marina verbracht und alles abgearbeitet?! – und treffe damit scheinbar einen falschen Nerv bei Tony. „Was es zu erledigen gibt?! Du hast die falsche Einstellung! Such dir halt irgendwas Nützliches, was du erledigen kannst. Du bist verdammt nochmal ein bezahltes Crewmitglied!“ „Also zum Beispiel sowas Nützliches, wie zwei Tage lang an einem hölzernen Harpunenhalter rumschnitzen?!“ entgegne ich gereizt. Es herrscht Schweigen. Als ich anschließend nochmal aufrichtig frage, was es zu erledigen gäbe, erhalte ich keine Antwort. Innerlich bin ich am Kochen. Tonys plötzliche Arbeitslaune kam nicht von ungefähr. Auch er wollte unbedingt zu diesem Cargo-Kult-Dorf. Doch ein Hintergedanke schien ihn umzustimmen: Wenn wir heute den Tag über arbeiten würden, dann würden wir definitiv bis Morgen bleiben. Morgen käme das Boot mit Hannah drauf in Port Resolution an – und da wir dann ja heute so viel gearbeitet hätten, könnte Tony sich dann ohne schlechtes Gewissen einen Tag von Bord verpieseln und Zeit mit Hannah verbringen. Grundsätzlich hatte ich damit kein Problem, womit ich aber ein Problem hatte, war, dass er mir dann vorwarf faul zu sein – und das auch noch vor Mike – wenn ich seine Pläne zu durchkreuzen drohte. Denn tatsächlich gab es an Bord gerade nicht sonderlich viel zu tun und es machte Sinn, heute Nachmittag weiterzusegeln. Als ich Tony noch immer ziemlich angepisst sage, welchen Hintergedanken ich bei ihm vermutete, zuckt er zusammen. „Du hast recht!“ meint er nach einigen angespannten Minuten und auch ich gestehe, dass ich sicherlich manchmal mehr arbeiten könnte. Nachdem die Luft gereinigt ist, beschließen wir direkt – im Rückblick vielleicht sogar ein wenig zu überstürzt – zu einem Ankerplatz auf der anderen Seite der Insel zu segeln, um Abstand zu gewinnen – und um nicht auf Hannah zu treffen, die hier morgen ankäme, und damit weitere Verstrickungen zu riskieren. Der Wind ist perfekt, zu unserem Ankerplatz sind es gerade mal 20 Meilen, doch die machen unter diesen Bedingungen richtig Spaß. Segeln – das war es, was uns schlussendlich auf diesem Boot vereinte! Am Nachmittag erkunden Tony und ich das neben unserem neuen Ankerplatz gelegene Dorf. Der Streit vom Morgen ist längst vergessen.















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