Fidschi: Schlamm statt Südseetraum Fidschi: Schlamm statt Südseetraum

Montag 8. Juni 2026

Der Sonnenaufgang taucht den Horizont in einen prächtigen Rotschimmer, als wir am frühen Morgen in die Bucht von Savusavu einlaufen. Die Landschaft erinnert so gar nicht an das, was wir bisher von den pazifischen Inseln gewohnt waren. Kaum Palmen mehr, stattdessen schattige, grüne Bäume; sanfte, mit hohem Gras bewachsene Hügel ersetzen die steilen Regenwald-Klippen – man hat unverzüglich das Gefühl, nun in Südostasien und nicht mehr in Südamerika zu sein! Tatsächlich hatten wir in der vorherigen Nacht den 180. Breitengrad überquert und waren damit von dem westlichsten Ende der Weltkarte, an den östlichen Rand gesprungen. Nachdem wir das Boot an einer Mooring-Boje festgemacht haben, hissen wir unsere gelbe Quarantäne-Flagge und warten darauf, dass die für unsere Einreise nach Fidschi zuständigen Behörden zu uns an Bord kommen. Gegen zehn ist es dann schließlich so weit und wir erhalten nach unzähligen Formularen die Erlaubnis von Bord zu gehen. Tony und ich entscheiden uns spontan ins Wasser zu springen, und machen einen Tauchgang auf der anderen Seite der Bucht. Zurück auf dem Boot schläft Mike im Cockpit. Bereits um sechs Uhr am Morgen hatten wir mit einem Shot Rum auf unsere Ankunft in Fidschi und das Ende meiner alkoholfreien Zeit angestoßen – und Mike hatte seitdem ein Bier nach dem nächsten geleert. Während unser Captain also seinen Rausch ausschläft, fahren wir mit dem Dinghy an Land, erledigen dort eine Menge organisatorischen kram – die Behörden, die uns am Vormittag besucht hatten, mussten noch bezahlt werden; dafür brauchte es erstmal einen Geldautomaten, etc. – und holen schließlich in einem indischen Restaurant etwas zu Essen. Mehr als ein Drittel der Fidschianer hat indische Wurzeln – ein Erbe der britischen Kolonialzeit –, entsprechend stark prägt die indische Kultur den Inselstaat. Als wir mit den Chow-Mein-Boxen zurückkommen, guckt Mike Tony und mich nur schief an, fragt, warum wir schon um 16:00 Uhr zu Abend essen und verzieht sich dann in sein Bett – er hat an diesen Tag keinerlei Erinnerungen. Tony und ich zucken mit den Schultern, genießen unsere indischen Nudeln und beschließen dann – ratlos was wir mit dem restlichen Tag anstellen sollen – einen „Star Wars“-Film-Marathon zu machen. Wirklich auf geht dieser Plan allerdings nicht – auch wir sind seit früh am Morgen auf den Beinen und so dauert es keine zwanzig Minuten, bis ich einnicke.

Dienstag 9. Juni 2026

Um Savusavu wieder verlassen zu dürfen, brauchen wir ein Cruising-Permit. Da dieses erst Mittwoch fertig wäre, beschließen wir uns für heute ein Auto zu mieten und damit ein wenig die Insel zu erkunden. Nach einigen Anrufen bei verschiedenen Autovermietungen sind wir stolze Besitzer eines quietschgrünen Suzuki Jimny. Die Entscheidung, wohin uns unser Roadtrip führt, fällt leicht, denn es gibt auf der Insel gerade einmal zwei längere geteerte Straßen. Wie schon angesprochen, war Fidschi einst eine britische Kolonie und so herrscht hier Linksverkehr – ich bin froh meinen Führerschein auf dem Boot liegen gelassen zu haben und deshalb nicht fahren zu können. Nach einer knappen Stunde Fahrt über die grüne, hügelige Landschaft, kommen wir schließlich in Labasa an. In der Kleinstadt scheint der indische Einfluss noch stärker zu sein als in Savusavu. Zahlreiche Geschäfte bieten Waren aus Indien an, es gibt einen mit kleinen goldenen Elefanten geschmückten Hindutempel und auch alle Restaurants sind indisch. Auf der Straße fallen wir zwischen den Indern und Fidschianern mit unserer Hautfarbe nun auf. Melanesien, die Region des Pazifiks, die Fidschi, Vanuatu und Papua-Neuguinea umfasst, bedeutet etwa so viel wie „Schwarze Inseln“. Nachdem wir uns in einem Restaurant durch eine Vielfalt von Currys probiert haben, fallen wir über den großen Supermarkt der Stadt her – es ist mit Abstand der größte seit Tahiti. Und da Fidschi deutlich zentraler (sofern man das über eine pazifische Insel sagen kann) liegt, als Französisch-Polynesien ist die Auswahl sogar um einiges größer als die in den Carrefour-Märkten in Papeete. Es gibt langvermisste Leckereien wie Spekulatius-Creme, importiertes Bier aus aller Welt, wieder vernünftiges Müsli – einzig und allein Rindfleisch sucht man im ganzen Supermarkt vergeblich. Wir füllen eine ganze Reihe Einkaufswagen und stapeln die Tüten schließlich bis unter das Dach in unseren kleinen Mietwagen.

Mittwoch 10. Juni 2026

Nachdem wir den Mietwagen zurückgebracht haben, können wir am Morgen endlich unser Cruising-Permit abholen. Anschließend kaufen wir auf dem lokalen Markt ein, stöbern durch ein Angelgeschäft und besorgen uns ein Permit, um an der zum Naturschutzgebiet erklärten Insel, Namena, unserem nächsten Ziel, ankern zu dürfen. Als wir am Nachmittag ein weiteres Mal an Land fahren wollen, macht der Dinghy-Motor Probleme. Wir probieren alles Mögliche, doch er lässt sich nicht starten. Nachdem der Außenborder schließlich ausgeschraubt ist, finden wir den Defekt: Die Kraftstoffpumpe. Glücklicherweise haben wir eine neue im Ersatzteillagen und können den Motor so recht leicht reparieren, jedoch ist diese unsere letzte. Bevor wir Feierabend machen, durchforsten wir die Geschäfte der Stadt also noch einmal nach Kraftstoffpumpen. Am Abend gehen wir in einem Restaurant essen und machen anschließend noch das Boot segelfertig, um morgen möglichst früh loszukommen.

Donnerstag 11. Juni 2026

Früh am Morgen verlassen wir die schützende Bucht von Savusavu und machen uns auf den Weg zur nächsten Insel. Zwar hatten wir von anderen Cruisern gehört, die – übereinstimmend mit dem Wetterbericht – berichteten, dass es dort draußen ziemlich rau sei, doch was war die Alternative? Eine ganze Woche in Savusavu bleiben?! Kaum sind die Worte „Ach, so schlimm ist das doch gar nicht!“ ausgesprochen und unser Vorsegel gesetzt, finden wir uns auch schon bei 35 Knoten (65 km/h) Wind, riesigen Wellen und peitschendem Regen wieder. Vier Stunden segeln wir unter diesen Bedingungen. Obwohl wir nur das Großsegel – und selbst das ist doppelt gerefft – nutzen, machen wir 7-8 Knoten. Immer wieder brechen schäumende Wellen über unserem Boot und setzen das Cockpit unter Wasser. Endlich kommt am Horizont die kleine Insel Namena in Sicht. Wir sind gerade kurz davor, den Windschatten des Eilandes und damit einen ruhigen Zufluchtsort zu erreichen, als plötzlich ein Fisch an der Leine, die wir hinter uns herziehen, hängt. Schnell wird der Wahoo ins Boot gebracht, dann müssen wir erst einmal Ankern, bevor wir den Fisch filetieren können. Nach über drei erfolgslosen Monaten war der heutige Fang unserer erster seit ich an Bord war – ob das damit zusammenhängen könnte, dass Namena ein Naturschutzgebiet ist, um das herum Fischen verboten ist, sei mal dahingestellt. Wir zelebrieren es jedenfalls als Erfolg! Den Nachmittag über erkunden Tony und ich die kleine Insel, bevor der Wahoo dann zum Abendessen auf dem Grill landet.

Freitag 12. Juni 2026

Um uns herum bläst eine Unwetterfront mit knapp 40 Knoten, doch in dem Windschatten der kleinen Insel ist es ruhig und – zu unserer Überraschung – scheint sogar die Sonne – nur hin und wieder überraschen einen plötzliche Schauer. Den Vormittag über schreibe ich fleißig an meinem Blog. Am Nachmittag gehen Tony und ich tauchen. Ich hatte mir von dem für seine Tauchplätze bekannten Naturreservat absolut traumhafte Bedingungen erhofft, doch das Außenriff, an dem sich die meisten Tauchplätze befinden, ist aufgrund des Seegangs außerhalb des Windschattens der Insel unerreichbar, so bleibt uns nur unsere Ankerbucht selbst. Naja, auch dort stoßen wir auf ein ziemlich gesundes Korallenriff mit einer Vielfalt an farben- und formreichen Weichkorallen und entdecken sogar ein kleines Wrack. Am frühen Abend probieren wir Kava, ein aus der gleichnamigen Wurzel hergestelltes Getränk, das bei Zeremonien in den indigenen Dörfern Verwendung findet und eine ähnliche Wirkung auf den Körper haben soll wie Alkohol. Leider schmeckt der Trunk absolut scheußlich und seine angebliche berauschende Wirkung bleibt – abgesehen davon, dass einem die Zunge für kurze Zeit taub wird – auch aus. Am Abend greifen wir unsere Tradition des Filmabends wieder auf. An der Reihe ist „Kon Tiki“, ein – auf wahrer Geschichte basierender – Spielfilm über Thor Heyerdahls Pazifiküberquerung auf einem Balsa-Floß. Doch nachdem wir alle zuvor sein Buch gelesen hatten, enttäuschte uns der Film.

Samstag 13. Juni 2026

Die Unwetterfront zog weiterhin über uns, doch während wir bisher damit davongekommen waren uns hinter der Insel zu verstecken, sollte der Wind heute Nacht nun drehen und seitlich auf das winzige Eiland treffen – dann hätten wir hier keinerlei Schutz mehr. Die sicherste Option bei diesem Wetter scheint es uns, uns wieder auf den Weg nach Vanua Levu, der Insel auf der Savusavu liegt zu machen, und uns vorerst an deren Küste entlang Richtung Westen zu hangeln. Verglichen mit unserer Passage am Donnerstag haben wir nun deutlich weniger Seegang, auch wenn unser Windmesser immer noch hin und wieder Böen mit über 35 Knoten misst – rau ist es immer noch! Nach einer langen Tagesetappe, die wir größtenteils gemotort waren – zur Abwechslung nicht wegen des Mangels an Wind, sondern wegen der Menge dessen – suchen wir am Abend schließlich in einer kleinen Bucht an Flussdelta Schutz. Das Wasser ist schlickig braun, abends wird es so kühl, dass ich mir zu unserem heutigen Filmabend sogar Thermounterwäsche anziehe – Fidschi hatte ich mir irgendwie anders vorgestellt. Wo waren all die Luxusresorts, die weißen Strände und das kristallklare Wasser, das man mit der Inselnation verband?

Sonntag 14. Juni 2026

Die Windvorhersage kündigt für Montag inzwischen Windgeschwindigkeiten von bis zu 50 Knoten (93 km/h) an und so beschließen wir für die nächsten Tage in einer besser geschützten, von hohen Bergen umschlossenen Bucht Zuflucht zu suchen. Da der Wind im Laufe des Tages immer stärker werde, lichten wir schon um 6 Uhr den Anker. Als wir in unserer neuen Bucht ankommen, regnet es. Wetter, Landschaft und Temperatur und Wasserfarbe gleichen hier eher Nordeuropa als einem Tropenparadies. Nachdem der Regen wieder aufgehört hat, lassen wir das Dinghy zu Wasser – das hatten wir an den zwei vorherigen Ankerplätzen gar nicht in Benutzung gehabt – und fahren in das in der Bucht gelegene Dorf. In den abgelegenen Dörfern Fidschis muss man sich durch eine traditionelle Willkommenszeremonie, die Gunst des Dorfes sichern, um in den Gewässern des Dorfes ankern zu dürfen. Im Rahmen der Sevusevu genannten Zeremonie übergibt man dem Dorfvorsteher ein Bündel Kava-Wurzeln – eine Art Gastgeschenk. Als wir mit unserem Dinghy in dem kleinen Dorf ankommen, werden wir freundlich von einigen Bewohnern empfangen und an den Dorfssprecher weitergeleitet. Dieser führt uns schließlich zum Ältesten, erklärt ihm unser Anliegen und übergibt ihm die Kava-Wurzeln. Nachdem wir die Zeremonie durchlaufen haben, lädt man uns noch ein die kleine Schule des Dorfes zu besichtigen. Den weiteren Nachmittag verbringen wir auf dem Boot. Am Abend folgt Tony einer Einladung und geht im Dorf Kava trinken, ich passe – ich hatte mich mit meiner Familie zum Telefonieren verabredet.

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