Montag 18. Mai 2026
Für die Nacht ist eine Sturmfront angekündigt, die über Bora-Bora ziehen soll und die wir hier noch aussitzen würden, bevor wir dann auf unsere nächste größere Etappe aufbrächen. Am Vormittag ist allerdings noch nichts von dem angekündigten Unwetter zu sehen. Der Himmel hat denselben Grauton wie schon die letzten Tage, hin und wieder blinzeln sogar einige Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke. Im Laufe des Tages planen wir ein weiteres Mal unser neues, leichter zu halsendes Gennaker-Setup durch und schneiden schließlich die Leinen, die wir in Tahiti dafür gekauft hatten, zurecht. Mit Nadel und Faden müssen alle Leinenenden anschließend getakelt werden, um zu verhindern, dass diese ausfransen. Mike hatte noch ohne Ende CFP-Franc, die französisch-polynesische Währung, übrig, also gehen wir am Abend in dem edlen Restaurant des lokalen Yachtclubs essen, während der Sonnenuntergang den wolkigen Himmel über der Ankerbucht in eine Vielfalt von Rottönen taucht.
Dienstag 19. Mai 2026
Am Morgen schüttet es wie aus Eimern, der Wind peitscht pfeifend um unser Boot. Doch der Vorhersage zufolge soll die Unwetterfront gegen Mittag vorüber sein, und so treffen wir trotz strömenden Regens am Vormittag alle Vorbereitungen, um am frühen Nachmittag aufbrechen zu können. Nach fast zwei Monaten in Französisch-Polynesien lassen wir uns aus dem französischen Überseegebiet ausstempeln, essen etwas, kaufen noch einmal ein, lassen dann die Luft aus unserem Dinghy und verschnüren dieses auf dem Vordeck. Noch immer scheint der Regen nicht aufhören zu wollen, unsere Klamotten sind klatschnass, uns allen ist kalt. Einen heißen Tee trinkend warten wir noch einmal eine halbe Stunde. Als der Regen auch dann nicht aufhört, beschließen wir trotz aller Umstände loszusegeln. Kaum haben wir den Pass verlassen, klart auch schon der dunkle Regenhimmel auf und gibt strahlend blauen Himmel frei. Der Wind kommt schräg von vorne und ist stark genug, sodass wir den Motor bald ausmachen können. Während Bora-Bora hinter uns immer kleiner wird, schneidet Tony mir die Haare – das hatte ich seit Ewigkeiten machen lassen wollen, doch ich war dazu nie gekommen. Mein ganzes Vertrauen in ihn setzend, lasse ich ihm freie Hand. Was sollte schon schief gehen? In ein paar Wochen wäre das eh wieder rausgewachsen! Als ich, nachdem Tony sein Werk vollendet hat, zum Spiegel gehe, gucke ich dann doch nicht schlecht: Er hatte mir einen „El Siete“-Haarschnitt, eine moderne Version eines Mullet, verpasst. Das war mit Abstand der kürzeste und ausgefallenste Haarschnitt, den ich je hatte! Schluck! Am Abend lässt der Wind immer weiter nach, bis er irgendwann dann ganz verschwindet und wir den Motor anmachen müssen.
Mittwoch 20. Mai 2026
Gegen Mitte meiner Nachtschicht kommt plötzlich ein wenig Wind auf. Ich warte noch einige Minuten, um sicherzugehen, dass dieser tatsächlich stabil bleibt, dann setze ich das Vorsegel und schalte den Motor aus – sieben Knoten! Mehr als zufriedenstellend! Der Wind bringt uns einige Stunden angenehmen Vorschub, doch noch während Mikes Schicht schwindet der Wind wieder und der Motor muss wieder an. Den gesamten restlichen Tag zeigt unser Windmesser keinen Wert über fünf Knoten an – Flaute! Der Windvorhersage zufolge sollen wir auf mehr Wind stoßen, je weiter wir nach Norden kommen, so beschließen wir einen deutlichen Schlenker zu machen, in der Hoffnung so etwas früher in passende Winde zu gelangen. Gleichzeigt bedeutet die längere Strecke: Wenn wir weiter nördlich keinen Wind finden würden, würde unser Diesel ziemlich knapp werden!
Donnerstag 21. Mai 2026
Es ist 02:27 Uhr, als ich aufwache und verdutzt auf mein Handy gucke. Hektisch ziehe ich mich an und klettere an Deck, wo Tony sitzt und den atemberaubenden Sternenhimmel bewundert. Ich hatte meinen Wecker verschlafen! Nicht nur das: Tonys Bericht zufolge sei ich aufgewacht, habe meinen Wecker ausgestellt und sei wieder eingeschlafen. Ich hätte ihm nicht geglaubt, hätte ich nicht Screenshots von dem klingenden Wecker in meiner Galerie gefunden, die ich beim schlaftrunkenen Ausstellen dessen versehentlich gemacht haben musste. Glücklicherweise nimmt Tony mir meine Verspätung nicht übel! Wie schon letzte Nacht kommt bald, nachdem ich meine Schicht begonnen habe, genug Wind auf, damit ich den Motor abstellen kann. Doch auch diesmal hält dieser nur bis zum Ende von Mikes Schicht an, dann ist wieder Flaute. Während keinen Wind zu haben das Segeln einfach macht – der Motor garantiert zuverlässigen Vorschub, es gibt keine Segel, die flattern können oder justiert werden müssen – sorgt es für Langeweile. Zudem ist der konstante Motorenlärm auf Dauer extrem unangenehm und ohne ein frisches Lüftchen staut sich eine unerträgliche Hitze über Wasser. Gelangweilt, verdrücke ich in diesen Tagen ein Buch nach dem anderen – aktuell an der Reihe: „The Hitchhiker‘s Guide to Galaxy“
Freitag 22. Mai 2026
In meiner heutigen Nachtschicht warte ich vergebens auf den Wind, der die letzten Tage immer in den frühen Morgenstunden aufgefrischt war. Der Windmesser dreht sich wie wild im Kreis und zeigt die meiste Zeit über Zahlen unter einem Knoten an. Den ganzen Vormittag über bleibt das so. Gelangweilt nutze ich die Zeit zwischen meinen Schichten und tippe an meinen nächsten Blogpost. Am Nachmittag kommt endlich ein wenig Wind auf – gerade so genug damit es sich lohnen könnte den Gennaker zu nutzen. Mit dem neuen Setup dauert das Setzen des Segels eine ganze Weile länger – vier Leinen müssen über zahlreiche Umlenkrollen zu den Winschen ins Cockpit geleitet werden. Nachdem das Segel stabil im Wind steht, ist es dann zeit für die Feuerprobe: Konnten wir nun ganz einfach Halsen? – das war schließlich die Idee hinter dem komplizierten Aufbau. Doch was in der Theorie Sinn ergeben hatte, erwies sich in der Praxis als schwierig: Das Segel verheddert sich bei unserem Manöver so ziemlich überall, wo es sich verheddern kann und auch die zahlreichen Leinen erweisen sich als nicht sonderlich praktikabel. Schließlich holen wir den Gennaker ein und setzen ihn auf die „alte“ Art – wie schön unkompliziert das doch war! Nach dem Sonnenuntergang und dem Abendessen haue ich fleißig in die Tasten, um meinen nächsten Blogpost noch rechtzeitig fertig zu bekommen. Als ich endlich fertig bin – inzwischen ist es 20:15 Uhr, in Deutschland ist es dementsprechend schon 08:15 Uhr – und den Post hochladen will, macht das Backend meiner Website Probleme. Es will einfach nicht laden! Verzweifelt probiere ich es erneut und erneut, doch ich kann das Problem nicht lösen. Dann eben nicht! Bereits im Bett liegend unternehme ich einen letzten Versuch und habe Erfolg. Der Post geht wenige Minuten vor 9:00 Uhr online – gerade noch pünktlich!
Samstag 23. Mai 2026
Bei unserer aktuellen Geschwindigkeit hätten wir keinerlei Chance Samoa bis Freitagvormittag dortiger Ortszeit zu erreichen. Die Behörden waren am Wochenende geschlossen, am darauffolgenden Montag war ein lokaler Feiertag. Wir müssten also drei Tage in dem industriellen Hafen vor Anker liegen, ohne das Boot verlassen zu dürfen, bevor wir in den kleinen Inselstaat einklarieren könnten. Unser Blick widmet sich daher der Nachbarinsel, Amerikanisch-Samoa, die anders als Samoa kein eigener Staat, sondern ein Überseegebiet der Vereinigten Staaten ist. Auch wenn Amerikanisch-Samoa nur minimal näher war, hatte es einen wesentlichen Vorteil: Während Samoa jenseits der internationalen Datumsgrenze lag, lag Amerikanisch-Samoa diesseits – damit war es dort 24 Stunden früher und bis Freitag lokaler Zeit anzukommen schien realistisch. Wir ändern unseren Plan also ein weiteres Mal, passen den Kurs minimal an und ich mache mich an die Beantragung eines Visitor-Permit, das ich als Nicht-Amerikaner zur Einreise vorlegen müsste. Während des gesamten Vormittags und die Nacht über mal wieder der Motor lief, kommt am Nachmittag für einige Stunden genug Wind auf, damit wir ein wenig segeln können.
Sonntag 24. Mai 2026
Viel Neues bringt der heutige Tag nicht. Hin und wieder kommt zwar ein wenig Wind auf, dieser hält sich aber selten mehr als eine halbe Stunde. So werden die Segel kaum sind sie gesetzt oft schon wieder eingeholt. Inzwischen hatten wir unseren nördlich gelegenen Orientierungspunkt erreicht, doch entgegen der Vorhersage stießen wir auch hier nicht auf stabile Winde. Immer wieder überschlagen wir, wie viel Diesel wir noch haben – unsere Tanks haben leider keine Füllstandsanzeige – und rechnen uns basierend darauf aus, mit wie vielen Umdrehungen pro Minute wir unseren Motor maximal laufen lassen dürfen, um nicht zu viel Kraftstoff zu verbrauchen. Am Nachmittag beginnt es zu regnen. Anfangs freuen wir uns noch über die Abwechslung, doch je länger der Regen anhält desto störender wird er.







Hinterlasse einen Kommentar
An der Diskussion beteiligen?Hinterlasse uns deinen Kommentar!