Montag 11. Mai 2026
Die neue Woche beginnt so, wie die letzte endete: Unmittelbar nach dem Aufstehen tragen Mike und ich die fünfte und letzte Schicht Lack auf – ein wenig später beginnt es zu regnen und die Wassertropfen zerstören unsere Arbeit. Doch Mike hat inzwischen genug – er könne mit den Wasserflecken leben. Die Hauptfunktion des Lacks, das Holz vor Feuchtigkeit zu schützen, sei gegeben, die perfekte Hochglanzoptikoptik zweitrangig. Nach dem Mittag beginnen wir dann damit, das Boot wieder zusammenzubauen, entfernen dutzende Meter blaues Malerkrepp, reinigen den ein oder anderen Lackfleck und installieren schließlich alle Umlenkrollen und Leinen wieder dort, wo sie hingehören. So wirklich befriedigt einen der fleckige Lack nach all der Arbeit nicht – aber was soll‘s! Lust einen weiteren Tag mit Schmirgeln und Lackieren zu verbringen hatte ich auch keine.
Dienstag 12. Mai 2026
So langsam hatte ich genug von Tahiti – und damit war ich nicht allein. Das Einzige, was uns, nachdem die Lackierarbeiten nun fertig waren, noch hierhielt, war der weiterhin defekte Watermaker. Das nächste Dock auf unserer Route mit Option zum Wassertanks auffüllen befand sich in Fidschi. Bis dahin würden wir laut unserem Itinerary noch einen knappen Monat brauchen – auch nicht länger als wir von Nuku Hiva bis nach Tahiti gebraucht hatten! Wenn wir sparsam mit dem Wasser umgingen und wieder ohne Ende Wasserflaschen kauften, könnten wir es also theoretisch ohne Watermaker nach Fidschi schaffen, uns die benötigten Ersatzteile dorthin liefern lassen und den Watermaker dort reparieren. Aber wer garantierte uns, dass mit den neuen Ersatzteilen der Watermaker nun diesmal wirklich funktionierte?! Aus diesem Grund hatte Mike sich entschieden – unter der Bedingung, dass man diesen noch diese Woche installieren könne – einen neuen Watermaker zu kaufen. Die Angestellte des Marine-Shops ist bemüht, den Deal zustande zu bringen und telefoniert unmittelbar mit dem zuständigen Techniker. Kein Wunder – welches Unternehmen würde schon nein sagen, wenn man für 10.000 Euro bei ihnen einkaufen will?! So verspricht sie uns, dass der Techniker gleich Morgen kommen würde, und Mike hält seine Kreditkarte an das Lesegerät. Mir verschlägt es immer noch jedes Mal die Sprache, wenn Mike, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, mal eben so tausende Euro ausgibt. Hier ein Mietwagen für 2000€, da ein Airbnb für 1000€, dann nochmal der eine oder andere vierstellige Einkauf in Marine-Shops – ach, und die Marina und der Boatyard wollen natürlich auch noch Geld haben. Ich möchte ehrlich gesagt nicht wissen, was Mike in unseren zwei Wochen in Tahiti in Summe ausgegeben hat. Am Abend kommt schließlich Tony von seiner freien Woche zurück aufs Boot. Wenn mit der Installation morgen alles klappte, dann könnten wir schon am Donnerstag wieder die Segel setzen!
Mittwoch 13. Mai 2026
Pünktlich um sieben stehen zwei Installateure auf der Matte und beginnen damit den neuen Watermaker zu installieren. Während unter Deck die beiden Facharbeiter ein Chaos aus zahlreichen Boxen, Teilen, Schrauben und Schläuchen machen, toben wir uns an Deck aus, schrubben die Sprayhood und das Cockpit. Gegen Mittag fahre ich unsere Gasflaschen abholen und gebe anschließend unseren Mietwagen zurück. Dieser war von unserem Offroad-Ausflug noch immer mit braunem Schlamm übersät und so schäme ich mich richtig, als ich den Jeep auf den Hof der Autovermietung fahre – eine Autowaschstraße gibt es in Papeete leider nicht. Zurück auf dem Boot funktioniert der Watermaker immer noch nicht. Warum, weiß niemand so genau – theoretisch ist alles richtig angeschlossen! Die beiden Installateure hatten frustriert ihre Mittagspause eingelegt. Mike spielt ein wenig an dem Gerät rum und kommt nach einer Weile grinsend an Deck – in der Hand hält er ein kleines Plastikteil mit der Aufschrift „Remove before use!“. „Ich hab das mal abgemacht. Jetzt läuft der Watermaker!“. Erleichterung und Freude machen sich an Bord breit – Zeit für ein Feierabendbier! Am Abend treffe ich mich mit Rieke, einer deutschen Bootshitchhikerin, mit der ich seit Nuku Hiva in Kontakt stand. Vor einem Jahr war sie mit einer Freundin durch Europa gereist. Als diese dann nach einigen Monaten nach Hause zurückkehrte, beschloss Rieke nach einem Boot über den Atlantik zu suchen – sie fand eins und Segeln machte ihr so viel Spaß, dass sie direkt weiter über den Pazifik getrampt war. In zwei Wochen würde sie von hier aus auf einem weiteren Boot nach Australien segeln. Gemeinsam spazieren wir die Promenade entlang. Es ist unglaublich schön, mal wieder mit jemanden Deutsch reden zu können. Als wir uns am späten Abend auf den Rückweg zur Marina machen, stolpern wir über ein kleines Stadion, in dem gerade die Generalprobe für einen lokalen Tanzwettbewerb stattfindet. Eine ganze Weile gucken wir den traditionellen Tänzergruppen noch zu …
Donnerstag 14. Mai 2026
Tony und ich machen am Morgen noch ein paar letzte Einkäufe im nahegelegenen Supermarkt. Am späten Vormittag gehen wir dann ein letztes Mal im Restaurant der Marina essen. Tatsächlich hatten wir in den gesamten zwei Wochen nicht ein einziges Mal selbst gekocht, sondern waren immer essen gegangen – oft auch zweimal am Tag. Ich trinke ein letztes Mal einen Piña Colada – ich hatte mir vorgenommen mindestens bis Fidschi keinen Alkohol mehr zu trinken. Das durchgehende Getrinke an Bord setzte mir langsam zu: Die Produktivität sank, nachdem das erste Bier geöffnet wurde, deutlich ab und am Morgen war man auch nicht unbedingt energiegeladener, wenn man am Abend zuvor zu tief ins Glas geschaut hatte. Dabei meine ich nicht irgendwelche Saufgelage mit Kontrollverlust, sondern schlichtweg eine konstant hohe Menge an Alkohol. Bei drei Dosen Bier und einem Cocktail, mit denen ich hier an Bord wahrscheinlich noch unter dem täglichen Durchschnitt lag, kommt man auf eine Menge von 55 Gramm reinem Alkohol – das ist bereits das Doppelte von dem, was sämtliche Quellen als die Maximalmenge für risikoarmen Konsum empfehlen. Die WHO betont sogar, dass es gar keine unbedenkliche Menge an Alkohol gibt, sondern bereits der erste Tropfen schade. Nach dem Mittagessen geben wir unsere Zugangskarten zu der Marina ab und lösen dann die Leinen – auf in Richtung Bora Bora! Der Wind bläst uns an Moorea, einer Nachbarinsel von Tahiti, vorbei in Richtung des blauen Horizontes. Nur gut 150 Seemeilen sind es bis zu unserem letzten Ziel in Französisch-Polynesien – morgen Mittag sollten wir ankommen. Am Abend lässt der Wind nach. Um unsere Zielgeschwindigkeit von um die sechs Knoten aufrecht zu erhalten, müssen wir jedoch ein wenig mit dem Motor nachhelfen.
Freitag 15. Mai 2026
Im Laufe des Vormittags taucht Bora-Bora am Horizont auf. Die Insel ist wahrscheinlich einer der bekanntesten und touristischsten Orte im ganzen Pazifik. Luxuriöse Resorts, riesige Kreuzfahrtschiffe und romantische Bungalows mit Meerblick findet man hier zuhauf. Außen um die Insel zieht sich ein ringförmiges Riff, das an die Tuamotu-Atolle erinnert, im Inneren der türkisblauen Lagune befindet sich die eigentliche Insel mit einem markanten Berg darauf. Ein Ort wie aus dem Bilderbuch! Wer will hier nicht seine Flitterwochen verbringen?! Wir ankern zwischen einer Handvoll Charterbooten unweit des größten Ortes der Insel, Vaitape. Während Mike sich an Bord ausruht, nutzen Tony und ich die Gelegenheit und erkunden den Nachmittag über mit dem Dinghy ein wenig die Insel. Während unserer Erkundungstour treiben immer wieder noch verschlossene Kokosnüsse an uns vorbei, die wir begeistert aufsammeln – dieser Ort muss wahrhaftig das Paradies sein! Am Abend gehen wir schließlich in dem Restaurant einer edlen Lodge essen.
Samstag 16. Mai 2026
Regentropfen prasseln auf das Deck, als ich am Morgen aufwache – so hatte ich mir Bora-Bora nicht vorgestellt! Die Sichtweite ist auf wenige hundert Meter begrenzt, der Berg, der gestern noch in die Höhe ragte, ist in ein dichtes Wolkenkleid verhüllt. Nachdem der Regen aufgehört hat, beschäftigen wir uns an Deck damit eine neue Konfiguration für unseren Gennaker durchzuplanen: Bei Katamaranen und modernen Yachten lässt sich das Segel oft sehr einfach jiben, also von einer auf die andere Seite des Bootes bringen. Bei unserem Boot hingegen ging das nicht so einfach. Der Gennaker musste jedes Mal vollständig eingeholt und dann auf der anderen Seite wieder gesetzt werden. Dafür brauchte man mindestens zwei Leute, während einer Nachtschicht war das also impraktikabel. Doch mit zahlreichen Umlenkrollen und zusätzlichen Leinen wollten wir nun auch auf unserem Boot das Jiben vereinfachen. In der Theorie klingen unsere Überlegungen so weit gut, alle Leinen sind lang genug – nun müsste sich nur noch in der Praxis zeigen, ob unsere Idee funktionierte. Am Nachmittag schüttet es wieder. Unter dem Bimini zusammengepfercht sitzen wir im Cockpit und gucken uns das Wetter für die kommenden Tage an: Anfang nächster Woche würde ein Sturm über uns ziehen, den Rest der Woche wäre dann keinerlei Wind. Nur deutlich weiter im Norden soll ein laues Lüftchen wehen. Unser Plan, als Nächstes nach Niue zu segeln, fiel damit – sofern wir nicht noch eine ganze Woche hier warten wollten – flach, stattdessen würde das nördlicher gelegene Samoa nun unser Zwischenstopp auf dem Weg nach Fidschi werden. Wirklich glücklich bin ich damit nicht: Nicht nur hätte Niue einige Weltspitzen-Tauchspots bedeutet, auch hätten wir bei dieser Route noch die Option gehabt anschließend in Tonga zu stoppen – beides fiel nun weg und wurde durch eine zumindest auf dem Papier ziemlich langweilig aussehende Insel ersetzt.
Sonntag 17. Mai 2026
Seitdem wir auf Bora-Bora angekommen waren, lächelte der sich hoch über die Insel erhebende Berg Tony und mich an und lud förmlich dazu ein, seinen Gipfel zu erklimmen – und genau das hatten wir heute nun vor! Das Wetter war sonnig, wenn auch die Spitze des Mont Pahia noch immer in eine Wolke gehüllt war. Früh am Morgen fahren wir mit dem Dinghy an Land und finden uns, nachdem wir die auch gerade anlandenden Touristenmassen eines Kreuzfahrtschiffes hinter uns gelassen haben, wenig später auf einem schmalen Trail wieder, der durch das Unterholz des Regenwaldes steil in die Höhe führt. Nach einer guten halben Stunde erreichen wir schließlich den Kamm des Berges, dem wir von nun an folgen würden, und erhalten in diesem Zuge eine fantastische Aussicht auf die Nachbarbucht. Je weiter wir kommen, desto schwerer lässt sich der Trail erkennen. Immer wieder stehen wir vor großen, augenscheinlich noch nicht allzu alten Erdrutschen, die den Wanderweg unter sich begraben haben. Irgendwann haben wir den Trail schließlich ganz verloren. Mein Handy ist durch in Strömen fließenden Schweiß so nass, dass es sich nur noch mit Mühe bedienen lässt – auf dessen Karte können wir also auch nur spärlich zugreifen. Uns bleibt nichts anderes übrig als uns querfeldein durch das Dickicht weiter in die Höhe zu schlagen. Bei jedem Schritt beginnen die losen Steine unter unseren Füssen zu rollen und wir laufen Gefahr den nächsten Erdrutsch auszulösen. Nach einer verzweifelten halben Stunde auf Irrwegen finden wir dann schließlich wieder einen Weg, dem wir folgen können. Schnell nimmt der Pfad an Höhe zu, wir verschwinden im dichten Nebel einer Wolke und es beginnt zu regnen. Immer weiter klettern wir, uns oft an dort installierten Seilen hochziehend, den matschigen Trail entlang. Voller Stolz, klitschnass und komplett mit Schlamm bedeckt erreichen wir schlussendlich den Gipfel – von der traumhaften Aussicht, die wir uns erhofft hatten, ist leider nichts zu sehen. In jede Richtung sehen wir nur weiß. Nachdem wir eine Weile hoffnungsvoll darauf gewartet hatten, dass es aufklart, machen wir uns auf den Rückweg. Diesmal finden wir zwar an dem Erdrutsch, an welchem wir auf dem Hinweg den Trail verloren hatten, den Weg, verpassen dafür allerdings einen Abzweiger wenig später. So müssen wir uns wieder durchs Dickicht schlagen und kommen am Ende im Garten eines verdutzten Einheimischen auf der anderen Seite der Insel raus. Per Anhalter gelangen wir zurück zum Dinghy-Dock und fahren dann zum Boot, wo Mike bereits auf uns wartet. Auch hier hatte es geregnet und das Leck am Mast war deutlich stärker als noch zuvor. So verbringen wir den Nachmittag damit, anstatt uns auszuruhen, zwischen zahlreichen Regenschauern die gesamte Abdichtung, um den Mast zu erneuern.









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