Montag 30. März 2026
Bereits kurz nach Sonnenaufgang lichten wir den Anker und setzen die Segel. In den kommenden anderthalb Wochen wollten wir uns Eiland zu Eiland durch die Marquesas Inseln hangeln, bevor wir dann zu der nächsten Inselgruppe aufbrachen. Das heutige Tagesziel: Tahuata. Obwohl wir gegen den Wind segeln, machen wir guten Fortschritt. Die Sonne knallt, der Schweiß strömt aus allen Poren. Nachdem ich mir um meinen Weg aufs Eurasische Festland nun keine Gedanken mehr machen musste, drehen sich meine Gedanken während der Passage um meinen Rückweg. Zugegebenermaßen war ich mir seit Ausbruch des Iran-Kriegs nämlich nichtmehr ganz sicher, ob es überhaupt noch eine mögliche Überlandroute zurück nach Hause gab. Der Iran – und damit die Hauptverbindung zwischen Europa und Zentralasien – war dicht. Von Kazachstan aus könnte ich mit einer Fähre übers Kaspische Meer nach Azerbaijan gelangen. Die Fähren schienen – trotz Raketenangriffen einige hundert Kilometer entfernt – weiter zu verkehren, doch ich stoße auf einem Bericht, demzufolge die Land- und Seegrenze Azerbaijans für Touristen geschlossen sei. Und der Bericht bestätigt sich: Touristische Einreisen nach Azerbaijan waren seit der Corona-Pandemie ausschließlich auf dem Luftweg möglich – und auch wenn die Pandemie längst vorbei war, bestand die Regelung unverändert weiter fort. Mein Blick fixiert die Karte – dann blieb nur noch eine Option: Russland! Zu meiner Überraschung stoße ich schnell auf positives Feedback, als ich zu dieser Möglichkeit weiter recherchiere. Im Laufe der letzten Jahre schien die Russland-Route sich unter Overlandern etabliert zu haben – es gibt zahlreiche Reiseberichte und Blogs! Ich atme beruhigt auf: Mein Ziel ohne Flugzeug zurück nach Deutschland zu kommen, war weiterhin möglich! Am frühen Abend erreichen wir schließlich unser Ziel und ankern in einer kleinen Bucht mit einem traumhaften palmengesäumten Sandstrand.
Dienstag 31. März 2026
Den Vormittag über verbringen Tony und ich im Wasser und schrubben den Rumpf. Einen Großteil hatte Tony schon bevor ich an Bord gekommen war, vom während der Pazifiküberquerung angesammelten Algenschleier befreit. Nachdem wir fertig sind, kommen wir dann endlich zu dem Punkt, auf den ich den ganzen Vormittag gewartet hatte: Tauchen gehen! Mit vereinten Kräften hieven wir den Kompressor aus dem Vorpiek-Stauraum an Deck und bringen den etwas störrischen Zweitaktmotor zum Laufen. Mit einer Förderleistung von 100 Litern pro Minute schafft der kleine Atemluftkompressor eine Flasche in etwa 25 Minuten. Wir haben sechs Tauchflaschen an Bord – so vergehen also nochmal knapp zweieinhalb Stunden, die wir in der brütenden Mittagshitze den Kompressor beaufsichtigen, bis es endlich ins kühle Nass geht! Toni hatte bevor er an Bord gekommen war einige Jahre als Tauchlehrer in der Karibik gearbeitet – dass Mike Tauchausrüstung angeschafft hatte, war ihm zu verdanken! Mike selbst ist nicht so ein Tauchfanatiker und hat bis dato nur gut 10 Tauchgänge in seinem Logbuch stehen. Der Küstenlinie folgend tauchen wir ein Korallenriff entlang. Mit 15 Meter ist die Sichtweite ein Traum, wenn man sie mit dem, was ich aus heimischen Gewässern gewohnt bin, vergleicht – im Vergleich zu dem, was uns die nächsten Wochen und Monate noch erwarten sollte, ist dieser Tauchspot hier jedoch nahezu lächerlich. Nach dem erfolgreichen Tauchgang fahren wir mit dem Dinghy an den Strand in paradiesischer Stimmung und trinken dort gemeinsam unser Sundowner-Bier.
Mittwoch 01. April 2026
„Any Mantas?“ frage ich Mike, als ich noch halbverschlafen ins Cockpit komme – die Bucht war berüchtigt dafür, dass sich hier in den Morgenstunden Mantarochen tummelten. „Nope, I haven’t seen any!“ antwortet Mike, mein Blick schweift über die Wasseroberfläche. „And what’s that?“ frage ich auf eine unruhige Stelle im Wasser deutend und klettere, ohne seine Antwort abzuwarten zurück unter Deck, um mir meine Badehose und meine Tauchmaske zu schnappen. Keine Minute später lande ich mit einem lauten „Platsch!“ im Wasser und schwimme einem der gigantischen Rochen, der infolgedessen abdreht und dann majestätisch davongleitet, entgegen. Eine ganze Zeit lang bleibe ich im Wasser. Die Mantas kommen immer wieder in Sicht: Mal links vom Boot, dann am Bug, dann wieder auf der anderen Seite – so wirklich nahekommen, wollen sie aber nicht! Am Vormittag gehen wir tauchen, diesmal gemeinsam mit Mike und auf der anderen Seite der Bucht. Eine Steilwand führt dort auf 25 Meter Tiefe, an ihrem Fuße erstreckt sich ein bunter Korallengarten, in dem sich zahlreiche kleine bunte Fische tummeln. Als wir uns ein wenig erholt haben, schwimmen Tony und ich zurück zu der Felswand – nachdem wir gesehen hatten, dass es hier tief genug ist, lag die Idee nicht fern dort herunterzuspringen. Doch, um irgendwo runterzuspringen, muss man dort erstmal hochkommen und das gestaltet sich schwieriger als gedacht: Unter dem einzigen zum Klettern geeigneten Stück befindet sich leider kein Wasser, sondern Felsboden. Die ersten Vorsprünge, an denen man Halt finden könnte, sind zudem bereits auf Brusthöhe. Mithilfe einer Räuberleiter gelingt es Toni, auf die Klippe zu kommen. Nachdem er gesprungen ist, bin dann ich an der Reihe. Tony macht mir eine Räuberleiter ich ziehe mich hoch. Ich bin etwa zwei Meter über dem Boden, als plötzlich der Stein, um den ich meine rechte Hand klammere, nachgibt und ich rückwärts nach hinten falle. Schmerzhalf lande ich – zum Glück mit meinen Füssen zuerst – auf dem scharfen Vulkangestein. Der Schock sitzt tief, mein linker Fuß ist blutverschmiert, mein rechter schmerzt. Mir wird bewusst, wie viel Glück ich gehabt hatte – das hätte böse enden können! Zurück auf dem Boot verarzten wir meine Wunden und ich ruhe mich den restlichen Tag aus. Am Abend machen wir Burger und gucken anschließend einen Film.
Donnerstag 02. April 2026
Am Nachmittag verlassen wir die Ankerbucht und fahren zu unserem nächsten Ankerplatz – zwei Buchten weiter. Kaum ist der Anker gesetzt fahren Tony und ich mit dem Dinghy auch schon an Land, um die kleine Siedlung zu erkunden. Am Dinghy-Dock treffen wir auf zwei Locals, die uns einladen, eine Runde Fußball mit ihnen zu spielen. In der Nachmittagshitze bringt uns das Match ordentlich ins Schwitzen, aber wir geben unser Bestes und kommen mit einem Unentschieden davon. Das winzige Dorf ist idyllisch, in der kleinen weißen Kirche scheint gerade ein Gottesdienst stattzufinden, die ganze Dorfgemeinschaft kommt in ihren besten Kleidern zusammengeströmt. Wir starten währenddessen Tonys Drone, um ein paar schöne Aufnahmen zu machen. Die Drone war die neuste Errungenschaft auf dem Boot: Das Crewmitglied vor mir hatte sie Tony unters Kopfkissen gelegt, als es von Bord gegangen war. Nun galt es zu lernen das neue Spielzeug zu bedienen. Als ich mit fliegen an der Reihe bin passiert auch schon der erste Crash. Die Drone befindet sich unter einem Baum, als ich auf die Taste für das automatische Landen drücke. Doch anstatt zu ihrem Startpunkt zurückzukehren, fliegt die Drone schnurstracks nach oben in die Baumkrone. Scheiße! Glücklicherweise fängt sie sich wieder und landet ohne erkennbare Schäden auf festem Boden.
Freitag 03. April 2026
Tauchen gehen ist leichter gesagt als getan: Der Anlasser unseres Kompressors macht Probleme und so bauen wir den Reversierstarter des Benzinmotors auseinander. Ihn wieder zusammenzubauen ist jedoch schwieriger als gedacht und so sind wir nach drei Stunden geduldiger Fummelarbeit und zahlreichen YouTube-Tutorials schon froh, dass er zumindest wieder so gut, wie vorher funktioniert. Nachdem die Flaschen, dann endlich voll sind stürzen Tony und ich uns für eine knappe Stunde Unterwasser. Unser Tauchgang führt durch eine beeindruckende Unterwasserlandschaft, die von zahlreichen Klippen und Steilwänden geprägt wird. Zum Ende des Tauchgangs hin schweben wir dann über ein flaches Feld mit großen Findlingen und genießen die durch die Wasseroberfläche funkelnde Nachmittagssonne. Den restlichen Nachmittag haue ich fleißig in die Tasten, um meinen nächsten Blogpost noch rechtzeitig fertig zu bekommen. Im Anschluss schicken wir die Drone in die Luft und nutzen die goldene Lichtstimmung für ein paar schöne Aufnahmen.
Samstag 04. April 2026
Früh am Morgen lichten wir den Anker und fahren aus der Bucht heraus. Nachdem wir den Windschatten der Inseln verlassen haben, setzen wir dann die Segel und halten Kurs auf Fatu Hiva, der südlichsten Marquesas-Insel. Gut neun Stunden dauert die Passage von 40 Seemeilen. Die Temperaturen klettern schon früh am Tag auf über 30 °C, wir brutzeln vor uns hin. Anders als auf einem Katamaran, ist segeln auf einem Monohull-Segelboot deutlich unkomfortabler. Das Segelboot ist fast die gesamte Zeit über deutlich geneigt. Kochen, am Laptop arbeiten und sonstige Tätigkeiten machen dabei nicht wirklich Spaß. Am späten Nachmittag kommt Fatu Hiva schließlich sichtlich näher und die spektakulären Felsklippen der Bucht von Hanavave lassen sich erkennen. Die Bucht wird in sämtlichen renommierten Rankings, als einer der schönsten Ankerplätze der Welt gelistet – nicht ohne Grund! Ich kann gar nicht aufhören zu staunen, als wir in die von großen Felsformationen und saftigem Grün geprägte und in goldenes Sonnenlicht getauchte Bucht segeln. Bei diesem Ausblick vergisst man sogar die Strapazen, die die Suche nach einem Ankerplatz in der gut gefüllten Bucht mit sich bringt. Kaum ist der Motor aus und unser Anker fest, kommen auch schon die ersten anderen Cruiser in ihren Dinghys zu einem Plausch vorbei. Nicht nur die Bucht selbst ist fabelhaft auch die Stimmung zwischen den Segler ist hier offen und herzlich.
Sonntag 05. April 2026
Um halb acht fahren Tony und ich mit dem Dinghy an Land. Zum Anlass des Ostersonntags wollten wir den Gottesdienst in der kleinen Kirche des Dorfes besuchen. Obwohl das Dinghy-Dock von einer Mole geschützt wird, herrscht dort signifikanter Wellengang, wir beide schaffen es nicht ohne nasse Hosenbeine an Land. Dort kommen uns bereits einige andere Cruiser, die denselben Plan hatten, mit schlechten Nachrichten entgegen: Es gäbe hier heute keinen Gottesdienst. Die Gemeinde feierte ihren gemeinsam mit der Nachbargemeinde in einem Ort auf der anderen Seite der Insel. Anstatt enttäuscht umzudrehen, machen wir – wo wir nun schonmal an Land waren – das beste aus der Situation und wandern zu einem Wasserfall, von dem man uns erzählt hatte. Auf dem Rückweg vom Wasserfall schenken uns zahlreiche Locals Mangos und Bananen, als wir an ihren Häusern vorbeikommen. Wie es scheint, hat man auf Fatu Hiva Früchte im Überfluss – selbst im Supermarkt wird Obst verschenkt und nicht verkauft. Den restlichen Tag herrscht Ruhe auf unserem Boot: Chill-Day. Ich nutze die Zeit, um ein wenig an meinem Blog zu schreiben und einen Blick auf die neuste „The Race“-Staffel zu werfen.



















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