Montag 16. März 2026
Als ich um drei Uhr meine Nachtschicht antrete, blicke ich in einen atemberaubenden Sternenhimmel. Die Milchstraße zieht sich wie ein breiter Schleier quer über den Himmel. Inzwischen war Neumond und hier, mitten im Pazifischen Ozean, ist die Lichtverschmutzung so gering wie nirgendwo sonst auf der Welt. Meine ganze Schicht über gucke ich fasziniert nach oben. In den Morgenstunden gebe ich wieder einmal zahlreiche Nachhilfestunden. Inzwischen hatte ich meine gesamte Kostenbeteiligung für die Pazifiküberquerung allein durch die Nachhilfestunden, die ich währenddessen gegeben hatte, gegenfinanziert. Mit 15€ pro Tag und 2,50€ für jedes Gigabyte Starlink-Internet, den ich nutzte, kostete die Zeit auf dem Boot mich nämlich gar nicht so viel mehr, als ich auch sonst auf meiner Reise ausgab.
Dienstag 17. März 2026
Mit meinen eigenen Büchern war ich inzwischen komplett durch, so muss ich mir nun welche von Alvaro leihen – „The Voyage of Madmen“ hatte er mir empfohlen. Das Buch handelt vom Golden Globe Race, bei welchem 1968/69 zum ersten Mal ein Mensch nonstop und singlehanded, also allein, um die Erde segelte. Auch nach zwei Ozeanüberquerungen kann ich mir bei bestem Willen nicht vorstellen, wie sich so eine Reise damals ohne GPS, Starlink und hochgenaue Kartensysteme angefühlt haben muss. Navigieren anhand von Sternen, Kompass und Sextant! Auch heute ist über einen Ozean segeln noch mit Risiko und Ungewissheiten verbunden, doch es besteht nicht der geringste Vergleich zu jenen Seglern, die vor langer Zeit aufbrachen, ohne überhaupt zu wissen, was sie auch nur erwarten würde. Das Golden Globe Race gibt es auch heute noch – und die Regeln schreiben vor, dass auch im Jahr 2026 nur das Equipment genutzt werden darf, welches zu Zeiten des ersten Rennens verfügbar war.
Mittwoch 18. März 2026
Während meiner Nachtschicht nimmt der Wind so weit ab, dass uns – wenn wir vorankommen wollen – schließlich nichts anderes mehr übrigbleibt, als den Motor anzumachen. Nachdem die Sonne aufgegangen ist, setzen wir den Spinnaker, so können wir den Motor wieder ausstellen – Geschwindigkeitsrekorde stellen wir aber definitiv keine auf! Die meiste Zeit des Tages dümpeln wir mit unter fünf Knoten vor uns hin, im 24-Stunden-Schnitt schaffen wir gerade einmal 119 Seemeilen – der bisher niedrigste Wert. So langsamer Fortschritt so kurz vor dem Ziel fühlt sich deprimierend an. Hatte der Kartenplotter gestern noch Hoffnung gemacht, dass wir vielleicht schon Samstagabend Land sehen könnten, bangten wir nun darum, ob wir es überhaupt noch diese Woche schaffen würden.
Donnerstag 19. März 2026
Das Highlight des Tages ist ein Fischerboot, welches wir am Horizont entdecken. Klingt penibel, ist für uns alle aber ein klares Zeichen, dass wir uns nun langsam der Zivilisation nähern. Während auf meiner Atlantiküberquerung regelmäßig am Horizont das eine oder andere Containerschiff zu sehen gewesen war, waren wir auf der Pazifiküberquerung bisher nur einem einzigen anderen Schiff begegnet – zu groß war der Ozean, im Verhältnis zu der Anzahl der Schiffe, die auf ihm unterwegs waren.
Freitag 20. März 2026
Nachdem wir die letzten zwei Tage nur schleichend vorangekommen waren, nimmt der Wind nun wieder ein wenig zu – Sonntag dürften wir ankommen! Ich beginne allmählich damit, in meiner Kabine ein wenig Ordnung zu schaffen und wasche am Vormittag noch einmal meine Wäsche – wer weiß, ob ich auf der Insel die Gelegenheit dazu hätte. Während Alvaros Schicht tauchen ums Boot herum plötzlich Delfine auf und versüßen uns ein wenig den sonst ereignislosen Tag. Am Abend gibt es die letzte Wassermelone – unsere Rechnung war nicht aufgegangenen, einen Tag müssten wir noch überbrücken!
Samstag 21. März 2026
Obwohl wir auch heute zügig vorankommen, fühlt sich der Tag unendlich lang an. Wir zählen die Stunden bis Land in Sicht käme und überlegen, auf was wir uns am meisten freuen. Die fehlende Wassermelone nach dem Abendessen fällt kaum auf, denn Dilma hat Maracuja-Eiscreme gemacht. Mhh!
Sonntag 22. März 2026
Mit der Morgendämmerung werden am Horizont die Umrisse einer Insel sichtbar. Laaand in Sicht! Um Nuku Hiva handelt es sich dabei allerdings noch nicht, sondern um die Nachbarinsel Ua Huka. Wie unerschütterliche Giganten ragen die steilen Felsklippen des vulkanischen Eilandes aus dem Ozean. Hatten wir die letzten Wochen nahezu ausnahmslos strahlend blauen Himmel gehabt, hängen über den Bergen der Insel nun dichte graue Wolken. Gegen Mittag erreichen wir schließlich die Bucht von Taiohae, dem mit 1600 Einwohnern größten Ort der Marquesas-Inseln. Nachdem der Anker festen Halt gefunden hat und der Motor ausgeht, fallen wir uns in die Arme – das war’s, wir hatten es geschafft! Zur Feier gibt es ein Glas Champagner. Das Büro der Einwanderungsbehörde hat sonntags geschlossen. Offiziell dürften wir daher noch nicht an Land, aber verkneifen können wir uns einen kurzen Landgang dennoch nicht. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl nach einem ganzen Monat auf See die Füße wieder auf festen Boden setzen zu können. Meine Wahrnehmung ist so intensiv, dass man meinen könnte, ich sei auf Drogen. Das Grün der Bäume leuchtet förmlich, der aromatische Duft von Blumen steigt in meine Nase. Aber selbst, wenn man nicht auf Land-Entzug war, ist Nuku Hiva glaube ich ein unglaublich schöner Ort: Die ruhige Atmosphäre des Dorfes, der palmengesäumte Strand, die zahlreichen blühenden Gewächse an den Wegrändern. Am späten Nachmittag machen wir uns auf den Rückweg aufs Boot. Zwar lag die eigentliche Pazifiküberquerung nun hinter mir, aber geografisch gesehen war ich noch mitten im Pazifik … und ich hatte noch keinen festen Plan, wie ich von hier weiterkäme! Ein Kribbeln füllt meinen Körper – ein Kribbeln, welches ich die letzten Wochen über vermisst hatte.













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