Montag 23. Februar 2026
Um 02:50 Uhr klingelt mein Wecker, verschlafen ziehe ich mich an, stapfe die Treppen hoch in den Saloon, ziehe mir dort meine Rettungsweste an und übernehme dann das Cockpit von Paulo. Obwohl inzwischen ein wenig Wind aufgekommen war, mussten wir nach wie vor zusätzlich zu den Segeln den Motor laufen lassen, um eine passable Geschwindigkeit zu erreichen. Meine erste Nachtschicht vergeht langsam und bleibt ohne besondere Ereignisse. Um sechs Uhr löst mich Dilma ab und tapse zurück in mein Bett. Dort döse ich immer noch vor mich hin, als zwei Stunden später das Motorengeräusch plötzlich verstimmt – endlich war genug Wind! Mit dem Spinaker, einem riesigen und sehr leichten Vorsegel, erreichen wir stabile 6-7 Knoten (ca. 12 km/h), die Sonne scheint, die See ist ruhig – perfektes Segelwetter! Wenige Minuten nachdem ich von meinen Nachhilfestunden, die ich gegeben hatte, wieder an Deck komme, höre ich das Geräusch des sich abwickelnden Reels unserer Angel – Fisch! Zum Abendessen wird der Mahi-Mahi mundgerecht zerlegt und mit Reis sowie einer bunten Gemüseauswahl serviert. Mmhh! Der Spinaker erweist sich auf Dauer als zu instabil, doch selbst mit der Genoa, dem kleineren Standard-Vorsegel, behalten wir unsere Geschwindigkeit bei – so schaffen wir in den ersten 24 Stunden schließlich ganze 150 nautische Meilen (280 km). Meine Nachmittagsschicht wird von einem schönen Sonnenuntergang über dem Meer beendet. Sonnenuntergänge über dem Meer sind einfach magisch! Drei Wochen später würde ich die Bilder dieses Sonnenunterganges als unspektakulär abtun – wie schnell man sich doch an atemberaubende Sonnenuntergänge gewöhnt!
Dienstag 24. Februar 2026
Der zweite Tag unserer Transpazifik-Reise bringt viel Wind und Wellen mit sich. Wir erreichen konstante Geschwindigkeiten von 7-8 Knoten (14 km/h) und schrubben Meile und Meile. Einzelne Windböen beschleunigen das Boot sogar auf über 12 Knoten (22 km/h) – laut Paulo die höchste Geschwindigkeit, die er mit der Lazysail je erreicht hat! Am Vormittag gebe ich zwei Nachhilfestunden, was sich bei dem Seegang als deutlich anstrengender erweist, als bei ruhigem Wetter. Der restliche Tag vergeht schnell: Ich schenke meinem Körper, der sich noch an den neuen Schlafrhythmus gewöhnen muss, ein wenig Ruhe und lese viel. Nach meiner Nachmittags-Schicht ist es Zeit für eine erfrischende Salzwasser-Eimerdusche, dann läutet auch schon ein weiterer Sonnenuntergang den Abend ein. Wir essen gemeinsam und ich lege mich früh schlafen, um bis zu meiner Nachtschicht irgendwie auf sechs Stunden Schlaf zu kommen.
Mittwoch 25. Februar 2026
Die Nachtschichten auf der Lazysail könnten ruhiger nicht sein, in den allermeisten Nächten muss ich nicht ein einziges Mal eingreifen. Grund dafür ist mitunter, dass Paulo seinen Autopilot im Windfahnen-Modus nutzt. Anstatt dass dieser also stumpf einen eingestellten Kurs hält, ist er darauf programmiert den Kurs so anzupassen, dass der Wind immer aus dem gleichen, fürs Segel optimalen Winkel aufs Boot trifft. Das bedeutet zwar, dass unser Kurs einige Grad von unserem Zielkurs abweichen kann, man dafür aber nicht bei jeder kleinsten Änderung des Windes die Segel anpassen muss – denn die meisten Böen sind sowieso nur von kurzer Dauer. Als ich am Morgen von dem auf meine Nachtschicht gefolgten Power-Nap an Deck komme, steht Dilma hellauf begeistert im Cockpit: Einige hundert Meter von der Backbord-Seite unseres Bootes entfernt jagt eine Schule Delfine durchs Wasser und präsentiert aus den Wellen springend atemberaubende Stunts. Im Laufe des Vormittags lassen Wind und Wellen schließlich etwas nach, was aber keinesfalls heißt, dass wir langsam wären – noch immer kommen wir sehr gut voran! Die ruhigere See nutzt Dilma um aus einem Teil unserer zahlreichen Bananen ein köstliches Bananenbrot zu backen.
Donnerstag 26. Februar 2026
Am Vormittag stehen zwei Mathestunden an, dazwischen nutze ich die Zeit, um das Buch „Travel for Love“ von Josua Wirth, das ich vor wenigen Tagen begonnen hatte, fertig zu lesen. Der deutsche Reise-Content-Creator war vor einigen Jahren von Deutschland aus ohne Flugzeug nach Thailand gereist, um seiner dorthin ausgewanderten Freundin einen Heiratsantrag zu machen. Kann ich der aufgedrehten Art von Josuas Video oft recht wenig abverlangen, so inspiriert mich sein Buch umso mehr. Nicht nur weckt es in mir die Reiselust, es löst in mir auch sämtliche Gedanken um die Route für den Rückweg meiner Weltreise aus – denn, wenn man Josuas Reiseroute umdreht, entspricht diese ziemlich genau dem, was ich plane! Eifrig gucke ich auf die Karte und denke über die verschiedenen Optionen nach. Zu diesem Zeitpunkt ahne ich noch nicht, dass sich einen Tag später die Sicherheitslage im Nahen Osten schlagartig verändern soll und damit jegliche Überlegungen, die ich mache, hinfällig werden. Nach dem Mittag beginnt meine nächste Schicht. Während ich im Cockpit sitze und mich an unserem weiterhin zügigen Fortschritt erfreue, fällt mir überraschend viel Plastikmüll ins Auge. Im Minutentakt treiben Plastiklöffel, Plastiktüten, Becher, Getränkedosen und zahlreiche nicht mehr zu identifizierender Müll an uns vorbei – es scheint, als würde die Strömung den Abfall hier sammeln. Um 19:53 Uhr Ortszeit passieren wir schließlich etwa 100 Meilen östlich der Galapagos-Inseln den Äquator. Paulo, Dilma und Alvaro tragen bunte, indigene Tiermasken, die wir in Casco Viejo gekauft hatten, wir opfern Neptun eine Dose lauwarmes Bier und Alvaro bekommt anschließend einen neuen Haarschnitt – ich habe meine „Äquatortaufe“ zum Glück schon hinter mir!
Freitag 27. Februar 2026
Obwohl wir uns laut Vorhersage mitten in den „Doldrums“, einem einige hundert Meilen breiten, windlosen Streifen entlang des Äquators, befinden müssten, haben wir noch immer stabilen Wind, der uns etwa fünf Knoten Vortrieb bringt. Den Vormittag über tippe ich fleißig an meinem Blog, bevor Dilma zum Mittag dann Burger mit frisch gebackenen Burgerbrötchen serviert. Der Wind hält noch den ganzen Tag über an und bläst uns langsam an den Galapagos-Inseln. Obwohl unsere Route theoretisch mitten durch die hindurchgeführt hätte, stoppen wir auf den für ihre Artenvielfalt berühmten Inseln, auf denen einst Charles Darwin forschte, nicht. Der Papierkram der einen erwartet, wenn man den die Inseln schützenden Nationalpark mit einem Segelboot besuchen möchte, ist schlicht enorm – zumal die Inseln unglaublich teuer sind! Ich hatte mir erhofft das wir ihre Umrisse vielleicht am Horizont sehen könnten oder sich die Nähe des biodiversen Lebensraumes durch einige außergewöhnliche Tiersichtungen zeigt, doch nichts von beidem ist der Fall! Würde unser Kartenplotter die Inseln nicht anzeigen, so würden wir nicht merken, dass wir diese gerade links – genaugenommen rechts – liegenlassen. Am Nachmittag ziehen einige Squalls, kleine lokale Tiefdruckgebiete, die starken Wind und Regen bringen, auf. Gerade als sich auf der Steuerbord-Seite des Katamarans die Sonne mit einem fantastischen Farbspiel den Horizont nähert, beschert uns auf der Backbord-Seite einer dieser Squalls einen riesigen atemberaubenden Regenbogen. Woww! Ich weiß gar nicht, wo ich hingucken soll! Erst nach dem Abendessen passiert dann das, was eigentlich schon für den frühen Morgen angekündigt war: Der Wind verschwindet gänzlich und wir müssen den Motor anschmeißen.
Samstag 28. Februar 2026
Unermüdlich tuckert der Motor auch am nächsten Tag vor sich hin. Doch die Vorhersage sieht gut aus: In den kommenden Tagen ist die Wind-Lücke zwischen dem Nord- und dem Südpassatwind schmaler als sonst – mit etwas Glück würden wir schon morgen wieder segeln können! Bis dahin genießen wir die Doldrums aber erstmal – wenn auch der Motor einen ziemlichen Krach macht, ist das Leben an Bord nämlich ohne das ständige Geschaukel um einiges angenehmer. Am späten Vormittag stoppen wir für eine halbe Stunde und springen in den erfrischend kühlen, tiefblauen Ozean. Als am späten Nachmittag die gnadenlos brutzelnde Sonne etwas an Intensität nachlässt, widmen wir uns noch einem anderen Vorhaben: Das Boot soll eine neue Ankerkette bekommen. Warum macht man das mitten auf dem Pazifik und nicht im Hafen? Ganz einfach: Die alte Ankerkette zu entsorgen war an Land aufwendig und teuer, auf hoher See dagegen recht einfach. Plumps! Schon liegt die rostige Stahlkette in mehreren hundert Metern Tiefe auf dem Meeresgrund. Nachdem die neue Kette fest ist, lassen wir diese – immer in Fünf-Meter-Stücken – ins Wasser und befestigen farbige Markierungen an ihr. Als der letzte Marker schließlich angebracht ist, und die Kette wieder eingeholt werden soll, offenbart sich ein Problem: Die neue Kette war 1,5-mal – 120 anstelle von 80 Metern – so lang wie die alte und wog daher logischerweise auch 1,5-mal so viel – wie sich herausstellt, zu viel! Die kleine elektrische Ankerwinsch surrt nur einmal kurz, dann fliegt die Sicherung raus. Betretenes Schweigen tritt ein. Und nun? Auch wenn der Anker den Grund nicht erreicht haben konnte, könnten wir keinesfalls mit einer 120 Meter langen Stahlkette, die unter unserem Boot senkrecht im Wasser hing, weiterfahren. Ebenfalls versenken? Das wäre zwar eine Option, würde aber heißen, dass wir bei unserer Ankunft auf den Marquesas nicht mehr ankern könnten – zumal das ein ziemlich ein ziemlich teures Vergehen wäre. Paulo hat eine bessere Idee: Mit einigen Leinen und Umlenkrollen verbindet er die zweite elektrische Winsch an Bord, die eigentlich zum Setzen des Großsegels gedacht ist, mit der Ankerkette. Mit vereinten Kräften schaffen die beiden Winschen es dann. Zwar fliegt immer noch im 30-Sekunden-Takt die Sicherung raus, aber ganz langsam – Kettenglied für Kettenglied – bewegt sich die Ankerkette nach oben. Ein langsames und aufwendiges Prozedere! Als der Anker endlich aus dem Wasser kommt, ist bereits stockdunkel.
Sonntag 1. März 2026
Die Vorhersage stimmte! Schon bald nach dem Frühstück ist der Wind stark genug, damit wir den Motor ausschalten und uns wieder von der Kraft der Natur über den Ozean pusten lassen können. Und der Wind wird immer stärker! Den ganzen Tag über erreichen wir konstante Geschwindigkeiten von über 8 Knoten (15 km/h) – das Boot fliegt förmlich über die Wellen. Während Paulo, Alvaro und ich uns angrinsen, gefällt Dilma unser neues Tempo gar nicht: Den ganzen Tag über liegt sie unter Deck in ihrem Bett – selbst das Mittagessen lässt sie ausfallen! Es war Paulo gewesen, der die Idee hatte um die Welt zu segeln. Mit Geschichten von paradiesischen Inseln, ruhiger See und klirrenden Champagner-Gläsern hatte er sie von seinem Plan überzeugt – den Part mit der vier Wochen langen Pazifiküberquerung, Stürmen und Seegang hat er wohl ausgelassen. Ursprünglich hatte Dilma sogar überlegt nach Französisch-Polynesien zu fliegen und Paulo allein die Pazifik-Etappe zu überlassen – segeln tat er das Boot so oder so nahezu allein – doch mit dem Gedanken ihren Ehemann allein mit einer fremden Crew auf das weite Meer zu schicken, hatte sie sich dann doch nicht anfreunden können.





















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