Montag 08. Dezember 2025
Sonnenstrahlen blitzen durch die Spalte in der Bambuswand des kleinen Raumes, in dem mein Zelt steht. Am Strand entlang laufe ich zum Bäcker und hole ein paar Brötchen zum Frühstück. Noch zwei weitere Tage würde ich hier, am Strand von Máncora, meine Seele baumeln lassen, bevor ich Peru dann endgültig den Rücken kehren würde. Gegen Mittag warten zwei Nachhilfestunden auf mich – eine meiner Schülerinnen schreibt Ende der Woche eine Astrophysik-Klausur. Normalerweise muss ich mich kaum auf Nachhilfestunden vorbereiten – die allermeisten der immer gleichen Mathe-Themen kann ich aus dem Effeff. Doch Physikstunden waren selten, erst recht solche in Astrophysik. Und so eigne ich mir in der Hängematte liegend erst einmal selbst den Stoff an, um ihn zwei Stunden später dann meiner Schülerin erklären zu können – Dank sei ChatGPT!
Dienstag 09. Dezember 2025
Gemeinsam mit zwei Hamburger Jungs, die am Nachmittag mit ihrem Van auf dem Campingplatz angekommen waren, stehe ich am Strand und gucke in den Sonnenuntergang. Nachdem der rote Ball schließlich hinter dem Horizont verschwunden ist, spaziere ich noch eine ganze Weile mit meinen Füßen in der lauwarmen Brandung und meinem Kopf in meinen Gedanken versunken den Strand auf und ab. Zugegeben, ich kann mich nicht wirklich erinnern, was ich den restlichen Tag über gemacht habe! Womöglich liegt es daran, dass ich – abgesehen davon, in einer Hängematte zu liegen, ein Buch zu lesen, dem monotonen Rauschen der Wellen zu lauschen, YouTube zu gucken und hin und wieder eine Maracuja auszulöffeln – gar nicht viel gemacht habe.
Mittwoch 10. Dezember 2025
Auch heute gebe ich den Vormittag über noch einmal eine Handvoll Nachhilfestunden, bevor ich gegen Mittag schließlich meinen Rucksack schultere. Mein Ziel: Die ecuadorianische Grenze. Am Ortsausgang meinen Daumen ausstreckend finde ich recht schnell eine Familie, die mich mit in den nächsten größeren Ort nimmt. Auch dort muss ich nicht lange warten und tuckere schon bald in der Kabine eines LKWs sitzend weiter die Panamericana entlang. Der weiße Truck rollt mit gemächlicher Geschwindigkeit über den Asphalt und so brauchen wir – obwohl es nur etwas mehr als 100 Kilometer sind, brauchen wir einige Stunden bis zur Grenze. Während die Sonne bereits hinter dem Horizont verschwindet, erreichen wir die LKW-Zollstelle – Endstation! Leider befindet sich die Zollstelle nicht am restlichen Grenzkomplex an der Panamericana, sondern inmitten der Grenzstadt. Von einem Mototaxi lasse ich mich zur „Migración“ bringen, allerdings ist auch das Büro noch das Falsche – der richtige Posten ist noch einen weiteren Kilometer die Straße runter! Als ich dort hinlaufen will, stoppen mich einige an der Grenze wartende LKW-Fahrer: Wenn ich zu Fuß weiterliefe, würde ich ausgeraubt werden! Sogar fahrende LKWs würden hier regelmäßig ausgeraubt. Stattdessen organisieren sie mir einen Lift mit einem Kollegen von ihnen. Inzwischen ist es dunkel. Mich aus Peru auszustempeln geht ohne Probleme, vor dem ecuadorianischen Einreise-Schalter steht eine lange Schlange. Während ich warte, spricht mich eine junge Frau auf Englisch an und wir unterhalten uns ein wenig. Dann bin ich auf einmal an der Reihe: Laut Auswärtigem Amt ist für die Einreise nach Ecuador über die Landgrenzen ein aktuelles amtliches Führungszeugnis inklusive spanischer Apostille nötig. Als mir das aufgefallen war, war es dafür allerdings schon zu spät – die aktuelle Bearbeitungszeit für ein solches Dokument und den Versand an eine deutsche Auslandsvertretung liegt nämlich bei mehreren Monaten. Entsprechend angespannt trete ich vor und reiche dem Beamten meinen Pass über den Tresen. Er scannt diesen, fragt mich kurz, wo ich hinwill, und drückt dann den Einreisestempel auf eine noch freie Seite – mal wieder hatten sich die Berichte anderer Reisender als zuverlässiger erwiesen als die „Reisehinweise“ des Auswärtigen Amtes. Während ich meine Sachen sortiere, ist nun auch die junge Frau, Nicole, durch die Kontrolle. „Weißt du schon, wie du jetzt weiterkommst?“ fragt sie mich, besorgt, dass ich hier hängenbleiben würde, und bietet mir im selben Zuge an, dass ich mit ihr und ihrer Familie nach Machala fahren könne – dort sei es sicherer als hier! Ich nehme das Angebot an und fahre mit. Am Busterminal von Machala steigt Nicole aus – sie wohne in Guayaquil und müsse morgen früh wieder arbeiten, aber wenn ich wolle, könne ich mit zu ihren Eltern nach Hause fahren und dort schlafen. Dankbar nehme ich die Option wahr, begleite ihre Eltern nach Hause, werde mit einem leckeren Abendessen verwöhnt und bekomme anschließend sogar ein eigenes Zimmer. Ist das dieses hochgefährliche, von Drogen und Bandenkriminalität beherrschte Ecuador, von dem alle reden?
Donnerstag 11. Dezember 2025
Damit ich von morgen an frei hätte, muss ich heute noch einmal ordentlich arbeiten: Sechs Nachhilfestunden sind im Laufe des Tages geplant. Ich fühle mich ein wenig schlecht: Ich bin bei Leuten zu Gast und sitze die ganze Zeit nur hinter dem Laptop – doch Nicoles Eltern zeigen vollstes Verständnis. Als ich in einer kurzen Pause nach meiner zweiten Nachhilfestunde ins Wohn- und Esszimmer hinunterkomme, steht dort sogar aufgedecktes Frühstück für mich auf dem Tisch! Es fühlt sich ein wenig komisch an dem Großteil meiner Schüler schon jetzt „Fröhliche Weihnachten und einen guten Rutsch!“ zu wünschen, gleichzeitig freue ich mich darauf, dass die nächsten Wochen kaum arbeiten müsse – seit ich in Bolivien so viele neue Schüler aufgenommen hatte, war das echt viel! Nachdem ich meinen Laptop schließlich zugeklappt habe, fahre ich mit Homero, Nicoles Vater, in die Stadt. Gemeinsam gehen wir etwas essen und er zeigt mir anschließend die Stadt. Machala trägt den Titel der „Welt-Bananenhauptstadt“. Jeden Tag legen hier mehrere bis zum Rand mit Bananencontainern beladene Frachtschiffe ab, die das krumme Obst in alle Welt exportieren. Nach unserem Sightseeing-Ausflug bringt Homero mich zurück nach Hause und fährt anschließend wieder in die Innenstadt, wo er und seine Frau ein kleines Reisebüro betreiben. Ich bleibe allein in dem großen Haus und vertreibe mir den restlichen Tag damit, ein Buch zu lesen.
Freitag 12. Dezember 2025
Eine letzte Mathestunde steht am Morgen an, dann fährt Homero mich zum Busterminal. In Anbetracht der Sicherheitslage an der ecuadorianischen Küste, meines Zeithorizonts und der Tatsache, dass Busfahren im sonst teureren Ecuador deutlich preiswerter war, als in Peru, hatte ich mich entschieden, auf das Trampen zu verzichten. An einem der dutzenden Schalter kaufe ich mir ein Ticket und eile dann zu dem nur wenige Minuten später losrollenden Bus. Am Fenster ziehen links und rechts der Straße, soweit das Auge reicht, riesige grüne Bananenplantagen vorbei. Nach dreieinhalb Stunden Fahrt überqueren wir schließlich die über den Río Guayas führende Brücke und erreichen kurze Zeit später das moderne, direkt neben dem Flughafen gelegene Busterminal von Guayaquil. In dessen Foodcourt gehe ich noch etwas essen und mache mich anschließend auf die Suche nach dem Hotel, das mein Vater gebucht hatte. Dort ruhe ich mich noch ein wenig aus, bevor ich um 18 Uhr in der Arrivals-Halle des kleinen Flughafens stehe und darauf warte, meinen Vater in die Arme schließen zu können. Sein Flug landet pünktlich und so verlassen wir wenig später gemeinsam den Flughafen. Am Abend gehen wir noch in einem Steakhaus nahe unserem Hotel essen und fallen danach müde und mit vollem Bauch ins Bett.
Samstag 13. Dezember 2025
Überpünktlich – wir sind gerade mit dem Frühstücken fertig – steht das bestellte Taxi vor dem Hotel. Dreieinhalb Stunden dauert die Fahrt von Guayaquil nach Puerto López, dem kleinen Küstenort, in dem wir die kommenden Tage verbringen wollten. Trockene Landschaften ziehen am Fenster vorbei, bis schließlich der Pazifik auftaucht und dichter Dschungel die Straße umgibt. Unser Fahrer hält auf dem Weg noch an einem kleinen Straßenstand und kauft uns zwei „Humitas“, für die Region typische aus einem Mais-Teig bestehende und mit Käse gefüllte Teigtaschen. Unser Hotel in Puerto López ist ein wahrer Traum: Direkt am Strand gelegenen, besteht die Unterkunft aus kleinen Bungalows, jeweils mit eigener Terrasse und Hängematten, die in einem tropischen Garten verteilt sind – so lässt es sich aushalten! Im fußläufig zu erreichenden Zentrum des Ortes reiht sich eine Strandbar an die nächste. Es sind zwar kaum Touristen dort, doch die Kapazitäten der Restaurants und Hotels lassen darauf schließen, dass es hier in der Hauptsaison richtig voll ist. Am Nachmittag ruhen wir uns im Hotel aus und kümmern uns um das, wofür wir hierhergekommen waren: Tauchen! Nur etwa 1000 Kilometer von den weltberühmten Galapagos-Inseln entfernt (die lassen sich ohne Flugzeug leider nur schwer erreichen), soll es um Puerto López herum einige der bemerkenswertesten Tauchspots in Südamerika geben. Die nur eine kurze Bootsfahrt entfernte „Isla de la Plata“ beheimatet zudem die weltweit größte Ansammlung an Riesen-Mantarochen. Mein Vater hatte bereits vor Monaten mit den Tauchbasen im Ort Kontakt aufgenommen und eigentlich alles Wichtige geklärt, doch als es nun konkret wurde, schrieb die von uns erwählte Basis, die immer wieder betont hatte, dass alles kein Problem sei, sie könne morgen keine Tour anbieten. Nach ein wenig hin und her gelingt es schlussendlich mit einem der anderen Anbieter eine Ausfahrt für morgen zu organisieren.
Sonntag 14. Dezember 2025
Um kurz vor neun stehen wir bei der Tauchbasis auf der Matte, sammeln das Equipment zusammen und laufen zu dem kleinen, am Ende des Ortes gelegenen Hafen. Die Tour ist höchstexklusiv – abgesehen von uns, ist nur ein weiterer Mann dabei, der gerade einen Tauchschein macht. Die Fahrt zum Tauchspot, der „Isla de Salango“, dauert nur eine gute Viertelstunde. Rückwärts lassen wir uns ins Wasser fallen, prüfen noch kurz, ob das Blei auf unseren Bleigurten ausreicht (je nach Ausrüstung und Salzgehalt des Wassers, unterscheidet sich die benötigte Menge), und tauchen dann ab. Schwerelos schweben wir in zehn bis fünfzehn Metern Tiefe über den mit Hartkorallen bedeckten Meeresgrund. Unzählige Kugelfische beäugen kritisch die Eindringlinge. Mit 7-8 Metern ist die Sicht zwar um Welten besser als in meinem Heimat-Tauchrevier, der Ostsee, aber dennoch nicht so fantastisch, wie man es von anderen Tropen-Tauchplätzen kennt. Zwischen dem Korallenriff tun sich immer wieder Sandflächen auf, auf denen sich, perfekt getarnt, einige Rochen verstecken. Unser Guide zeigt auf einen der im Sand liegenden Fische und deutet eine Luftgitarre an – ein Gitarrenhai! Nach einer Dreiviertelstunde neigt sich die Luft in unseren Flaschen dem Ende und wir machen uns auf den Rückweg zum Boot. Nach einer kurzen Mittagspause legen wir noch einen weiteren Tauchgang am selben Riff ein, bevor wir schließlich nach Puerto López zurückkehren. Ein Tuk-Tuk lädt uns am Hotel ab, wo wir uns ausruhen, mit dem zuhause gebliebenen Rest der Familie telefonieren und zeitgleich klären, welche Tauchbasis morgen eine Tour anbieten könne. Eigentlich würden wir gerne zur „Isla de la Plata“ – dorthin, wo die Mantas sind –, doch die Insel ist weiter von der Küste entfernt als die anderen Tauchspots und benötigt daher eine außerhalb der Hauptsaison nur schwer zu erreichende Mindestanzahl an Tauchern. Schlussendlich müssen wir uns also mit einem anderen Tauchplatz zufriedengeben. Am Abend laufen wir noch einmal in den Ort herein, um etwas essen zu gehen, und stellen dabei fest, dass die dritte Tauchbasis im Ort, die bisher immer geschlossen aussah und auf keine unserer Nachrichten reagiert hatte, nun offenstand. Interessiert schauen wir rein und bringen doch tatsächlich in Erfahrung, dass jene Tauchbasis morgen die „Isla de la Plata“ anbieten kann – ohne langes Überlegen sagen wir zu!





















Es war eine tolle Zeit mit Dir